Gandersheimer Domfestspiele

Die Angst vor dem Tod treibt nicht nur „Jedermann“ um. Sie grassiert ständig und überall und so wirkt die Dombühne zunächst wie ein Gräberfeld. Zwischen offenen weißen Särgen formiert sich das Ensemble zum Chor und schreit seine Furcht heraus. Jedermänner- und Frauen sind sie alle, die jetzt in Panik geraten, bevor sie in die weißen Kisten klettern und die Deckel sie einschließen. Unter ihnen befindet sich auch Hugo von Hofmannsthals widerspenstiger Held, der danach mit ihnen von der Bühne flüchtet.

Laura und Ilsa Goldfarb haben ein starkes Bild für ihre Annäherung an das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ gefunden, der gleich bis zur Verzweiflung mit Tod und Teufel feilschen wird, keine schützende Hand an seiner Seite hat und auch nicht so leicht zum erlösenden Glauben findet. Schon dieses Vorspiel macht neugierig auf die Bildsprache mit der sie Hofmannsthals Mysterienspiel begegnen und diesen Klassiker des Freilichttheaters auch einiges zumuten. Aber vielleicht ist es ja an der Zeit für einen frischen Blick auf diesen „Jedermann“, der die Aufführungsgeschichte der Gandersheimer Domfestpiele prägte, und zur Jubiläumssaison auch mit musikalischen und choreografischen Motiven verwebt wurde.

Die Sargelemente bilden jetzt eine Trümmerlandschaft in der das Chaos ausbricht. Man streitet, prügelt und schachert, die Starken gegen die Schwachen und die Sieger gegen die ewigen Verlierer. Die Frage, wo ist Gott ist, bleibt hier unbeantwortet, selbst wenn jetzt Dinipri Collins Etubu göttliche Machtworte spricht und den Teufel (Jan Kämmerer) beauftragt, diesem Jedermann ein höllisches Ende zu bereiten. Der schwimmt gerade so schön auf seiner Erfolgswelle, feilscht um jeden Bonuspunkt und genießt die Rolle des Gewinnmaximierers. Marco Luca Castelli lässt in dieser berechnend mitleidlosen Gestalt auch eine unverhohlene Wut anklingen, die ständig unter der Oberfläche lauert. Als ob dieser Jedermann seine Lust an der kapitalen Gier nie so recht befriedigen kann und am liebsten wütend um sich schlagen würde, selbst wenn es in seinem „guten Gesellen“ (Hermann Bedke) einen smarten Erfüllungsgehilfen hat. Er schert sich wenig um Glaubensfragen und mahnenden Worte der Mutter (Julia Waldmeyer), noch weniger um den armen Nachbarn (Daniel Wagner) und die Nöte des Schuldknechtes(Lukas Janisch) und seiner Frau (Selly Meyer). Die sind gerade mal ein paar Almosen wert während der Koch (Ivo Schneider) zur Verschwendung angetrieben wird. Wenigstens seine geliebte „Buhlschaft“ (Felicitas Heyerick) bringt noch einen Glamourfaktor ins Spiel und vielleicht sogar ein bisschen emotionale Rendite, wenn die Geschäfte langweilen. Wenn jetzt die Todesvisionen einsetzen, und das mitten im Partygelage, ergreift sie allerdings als erste die Flucht, so wie dann auch Freunde, Gefährten und Nutznießer in der Familie. Verhandeln lässt sich weder mit dem Reichtum in Gestalt des „Mammon“(Claudia Artner). Ebenso düster sieht es um die „guten Werke“ aus, wenn Samira Julia Calder auf das Seelenheil deutet und auf die Bürde für diese schwache, hohlwangige Gestalt, die jetzt nur noch der Glaube (Felicitas Heyrick) bestärken kann.

Wieder formiert sich das Ensemble und bekennt sich zu einem Grauen vor dem Tode. Über der Bühne schweben Kazarzyna Gorczyca und Patryk Durski wie zwei Todesengel, die sich von der Domspitze herab seilen und mit ihrer spektakulären Akrobatik die Zuschauer faszinieren. Vor denen ist niemand in dieser Jedermanngesellschaft sicher, auch wenn es jetzt zur Abrechnung für ihren kapitalen Spielmacher kommt. Der wird seine Glaubenszweifel auch am Ende nicht los, wenn die Sarggestelle einen imposanten Säulengang bilden für den Weg in den Dom. Die Frage bleibt im Raum, ob sich Gott seiner erbarme und das zusammen mit anderen Fragen, die sich mit der Inszenierung von Laura und Lisa Goldfarb stellen.

Die choreografischen Elemente, die alle Figuren des Stückes zu einer Jedermann Gesellschaft werden lassen, lockern das Stationendrama immer wieder auf. Das vermögen auch die musikalischen Arrangements für Posaune, Klarinette und Gitarre, mit denen Ferdinand von Seebach, Frank Conrad und Martin Werner die Szenen kommentieren.

Hofmannsthals holzschnittartig modellierte Figuren bei denen es vor allem auf die symbolische Bedeutung ankommt, sind hier im Stil einer graphic novel gezeichnet. Sie arrangieren sich harmonisch mit diesem Jedermann, der ein bisschen Musicalformat bekommen hat und sich dabei in ein anschauliches Fantasy Abenteuer mit Todesengeln verwandelt. Das erleichtet natürlich den Zugang zu der kunstvoll und pathetisch anmutenden Sprache Hofmannsthals, die sich zwar nicht so ohne weiteres auflockern lässt, aber offenbar auch nicht weiter vertieft und enträtselt werden soll. In der Bildsprache der Inszenierung verblasst die substanzielle Kraft des Mysterienspiels zusehends und damit eine Sprache, die an existenzielle Glaubens- und Existenzfragen rührt. Diese Bildsprache begeisterte das Publikum offenbar umso mehr als illustre Performance über das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes. Es feierte die Jedermann Premiere mit standing ovations.

Es sind dann auch vor allem Bilder, die sie mit musikalischen Stimmungen und choreografischen Zeichen verweben, auch wenn die Verse dieses Mysterienspiels dabei gelegentlich unter die Räder kommen.

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