Nörgelbuff

„In mir regte sich auch eine Stimme, die das alles lächerlich fand, ihm lachend das sagen wollte, was die Erwachsenen immer sagen: Zauberei gibt es nicht. Aber diese Stimme verschwand wieder.“ Max Prosa sitzt mit überschlagenen Beinen auf einem Sessel und liest lebendig gestikulierend eine seiner Kurzgeschichten vor. Eine Geschichte von zwei Jungen, die sich für einen Abend voll und ganz ihrer kindlichen Fantasie hingeben und – so ein wichtiges Leitmotiv der Texte Prosas – auch gerne ihre Fantasie zur Realität werden lassen. Und als er sich zum ersten von vielen Malen bei seinem Lieder- und Gedichtabend im Nörgelbuff verbeugt und das Publikum anlächelt, kann man nicht anders als zu glauben, dass Max Prosa viel von dieser kindlichen Sichtweise in sich trägt.

Max Prosa erzählt leidenschaftlich gern Geschichten, das hört und sieht man ihm an. Egal ob mit Gitarre, Mundharmonika, Klavier oder einfach vorgelesen, das Publikum hörte ihm bei allem gerne zu. Kein Wunder, denn der 29-Jährige performt stets auf eine authentische, wenngleich auch ungezwungene Art und Weise – was er fühlt, fühlt sein Publikum auch. Und das ist eine ganze Menge. Wer unter dem Label Singer- und Songwriter bräsigen und subjektbezogenen Weltschmerz erwartet, konnte sich von Max Prosa an diesem Abend davon überzeugen lassen, dass die Themen viel weiter reichen können. Auf mittlerweile vier Alben hat sich ein breites Themenspektrum angesammelt, von Herzschmerz bis zu politischen Appellen ist alles dabei, wobei die Sprache im wortwörtlichen Prosa-Sinn auch immer im Vordergrund steht.

Er stimmt das Lied „Erinnerungen des Sinan A.“ an – Ein Lied über seinen Freund Sinan, der fliehen musste, und von seinen Erinnerungen an seine Heimat, seinen Erlebnissen auf der Flucht und seinem neuen Leben in Deutschland berichtet. Max Prosa leiht dieser berührenden Geschichte seine Stimme, wie gewohnt kratzig und oft am eigentlichen Ton vorbei, aber dafür voller Emotion und Aufrichtigkeit. In diesem wie auch den anderen Liedern, in denen Prosa gesellschaftlich relevante Themen verhandelt, wird seine besondere Stärke offenbart: Auch die kleinen Geschichten, die Einzelschicksale, haben bei Prosa eine weitere Ebene, die zum Nach- und Mitdenken anregt. Sinans Geschichte, das ist eine von vielen, so wie auch Prosas Alltagsbeobachtungen trotz des sprachlichen Detailreichtums alle bewegt, weil sie es kennen oder mal erlebt haben. Und wenn Sinan durch Max Prosa berichtet: „Und sie waren alle einmal da für mich / bis wir uns plötzlich nicht mehr sahen“, offenbart sich eine besondere Tragik. Mit dem gleichen Liedaufbau erzählt Prosa von seinen „Erinnerungen“, mal lustig, mal herzerwärmend oder tragisch, aber den Erinnerungen des Max Prosa in Kindes- und Jugendalter wohnt immer eine gewisse Naivität inne, vergleicht man sie mit denen Sinans. Eine unbeschwerte Kindheit, wünschenswert und trotzdem Privileg, das Prosa durch Kunstgriffe wie leichte Textvariationen aufzeigt und manchen ZuhörerInnen die Tränen in die Augen steigen ließ.

Um mit seinen Worten zu begeistert, braucht Max Prosa nicht zwingend seine Instrumente. Das zeigt sich, als er in Wohnzimmeratmosphäre auf dem Sessel Platz nimmt, um seine Gedichte vorzutragen. Eines nach dem anderen rezitiert er, sein Buch nur als Stütze gebrauchend, erzählt von der Freundin Stille, die einen manchmal einfach nicht allein lassen möchte, von Schuldverdrängung in Bezug auf Kriegsgebiete und Geflüchtete – er zieht viele Register, ein Wechselbad der Gefühle.

Trotz der vielen ernsten Themen, ist die Stimmung vor allem gen Ende hoffnungsvoll. Prosa, der zwei Lieder mitten im Publikum stehend performt, versucht jeden Liederwunsch zu erfüllen, jeden Vorschlag nimmt er mit einem herzlichen Lachen entgegen. Und diese Vorschläge zeigen nach den tragischen ein Verlangen nach den hoffnungsvollen Tönen Prosas, „denn die Fantasie wird siegen.“ Die finalen Lieder offenbaren erneut ein wichtiges Leitmotiv in Prosas Liedern, oftmals den Ideen der Romantik entlehnt: Der Künstler als unbefangenes Kind, das die Welt verzaubert wahrnehmen möchte, aber – aufgrund der bitteren Realität es oft nicht kann, es aber immer wieder versucht. Danke Max Prosa, Zauberer der Worte. 

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