Junges Theater

Unter dem Motto „Wartehalle Leben: sich finden – sich verlieren“ steht „Shortcuts“, ein Stück, das unter der Leitung von Agnes Giese, Moritz Brummer und Chawwah Grünberg entstanden ist und sich mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt: Liebe und Vergänglichkeit, Glück und Tod, Hoffnung und Erinnerung. Und doch erwartete die Zuschauer am Premieren-Abend des 11. Mai weit mehr als nur eine „Wartehalle“: Es ist eine Straße, eine Straße der Begegnungen, mündend in Beziehungen – und letztlich auch in der Beschäftigung mit sich selbst.

Seit 2011 peppt der Club Göttingen nun schon die Theaterlandschaft in Göttingen auf, Akteure zwischen 20 und 80 Jahren, die in knapp einjähriger Probenzeit pro Saison ein Stück erarbeiten, angefangen mit klassischen Repräsentationen von Stücken wie „Hysterikon“ von Lausund oder „Peer Gynt“ von Ibsen. Im letzten Jahr kam dann der Gedanke auf, mal etwas anderes zu machen und der eigentlichen Idee von Bürgerbühnen Folge zu leisten, erzählt Agnes Giese, „denn oftmals, wenn es um die Darstellung bestimmter alltäglicher Lebenssituationen und Berufsfelder geht, sind Laien die größeren Fachleute, wenn sie etwas über ihren Alltag als Mediziner, Juristen oder von Erfahrungen aus ihrem Leben erzählen“.

In diesem Sinne gelingt es den 22 Akteuren, etwas ganz Besonderes ins Leben zu rufen: Inspiriert von Camus‘ „Mythos des Sisyphos“, von Shakespeare und Goethe, Roland Schimmelpfennig und Ronald Dealing, vor allem aber von den Darstellern selbst, setzt sich eine schillernde Collage aus kurzen literarischen Texten, lebensweltlichen Anekdoten und Improvisation zusammen, begleitet von Thomas Paul Schepansky am Piano. Dieses Collagen-Sketschartige, angelehnt an „Bandscheibenvorfall“ von Ingrid Lausund, bildet Herzstück des Werkes, gerahmt von dem Titel „Shortcuts“, der die Art und Weise, wie man Umwelt in Bruchstücken wahrnimmt und sich diese Bruchstücke doch zu einem großen Ganzen zusammenfügen, kaum treffender hätte wiederspiegeln können.

So breit das Kaleidoskop des Alters der Akteure und deren unterschiedlichen Ambitionen, so breit auch die Vielfalt der Szenen, aus dem Leben gerissen und mit Feingefühl und Humor verpackt. Da ist eine Ehefrau, die, getrieben von der Angst vorherrschender Leere und Desinteresses nach langen Ehejahren, mit einer ganzen Palette an Fragen Beweise für die Liebe ihres Mannes sucht. Daneben eine ältere Dame, deren überschwängliches Lachen über Hochzeitsfotos von vor 40 Jahren erst den Ärger, dann die Neugier eines zeitunglesenden Mannes auf sich zieht. Ein Blick in das Album, lautes Gelächter seinerseits. Was denn daran so komisch sei, empört sie sich. Wenn sie lache, sei das rechtens, bei ihm eine Gemeinheit. Versöhnung bei einem Cappuccino. Oder die Ehefrau, die ihrem seit kurzem arbeitslosen Mann in einer detaillierten Kosten-Nutzen-Analyse eröffnet, was sie das als Alleinverdienende nun kosten werde. Fast 50.000 Euro. Da kein Kapital, könne er diese nur abarbeiten, wahlweise in Teil- oder Vollzeit, vertraglich festgelegt. Putzen, einkaufen? Natürlich, Instandhalten von Haushalt und Anlage, in seinem Fall verlasse sie sich doch nicht auf so etwas Instabiles wie den Arbeitsmarkt.

Unterbrochen wird die Szenenkette von Rezitationen von Nenas „99 Luftballons“, Claire Walldorfs „Mein Emil seine unanständige Lust“, von Chorgesang, aber auch Zwischenspielen der szenischen Improvisation. Zettel gehen um, unbekannte Begriffe enthaltend, solche wie Wunsch, Schlüssel, König, Raumschiff oder Milchzahn, zu denen die Akteure spontan erzählen: Vom Ausgesperrtsein, dem „königlichen“ Ehemann daheim oder stinkenden, faulen Milchzähnen, die von der Zahnfee belohnt werden. Bei der zweiten Improvisationsstrecke geht es vom Individuellen zum Gemeinsamen: Das Spiel „Als ich ein Kind war“ bietet mittels seiner Ein-Satz-Anekdoten hervorragende Projektionsfläche für Facetten und Bilder der unterschiedlichen Generationen. „Als ich ein Kind war, hat eine Kugel Eis eine Mark gekostet“ – „Als ich ein Kind war, hat das Eis 20 Pfennig gekostet“, ein älterer Herr darauf.

Mit feinem Gespür für die Komik in den Nuancen, Improvisationskünsten und erfrischender Spielfreude verstrickt der Club Göttingen seine Protagonisten in Geschichten des alltäglichen Lebens, in Liebesleben und Arbeitswelten. Das Produkt sind spannende, erheiternde, bewegende Szenen, bei denen Spontanität und Kreativität Hand in Hand gehen. „Ein Stück irgendwo zwischen Dadaismus und Loriot, eigentlich ein dadaistischer Loriot“, so die Clubleiterin. Und die Straße des Stückes führt unweigerlich in eine Richtung: „Am Anfang sind alle sehr alleine, auch gegeneinander. Und am Ende, bei dem Spiel, da hören sich alle zu. Und dieses Einander zuhören, das ist die eigentliche Botschaft, die in unserer Gesellschaft auch eine Notwendigkeit ist – es ist eine humane Botschaft, die das Stück vermittelt.“ Ein schillerndes Gesellschaftspanorama, Mosaik der Gefühle, in dem wir suchen und finden, fühlen und erleben, das mitreißt und anregt.

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