Händel-Festspiele

Das diesjährige Festspielmotto lautet „Konflikte“. Die konfliktbeladene Oper „Arminio“ von Georg Friedrich Händel hatte nun ihre umjubelte Premiere im Deutschen Theater in Göttingen. In dieser Oper geht es um den kriegerischen Konflikt der Germanen und Römer. Was liegt also näher, als diese berühmte Varusschlacht in das Zentrum der Operninszenierung zu stellen?

Regisseur Erich Sidler widersteht dieser Versuchung. Ihm geht es um die persönlichen Konflikte in der Oper – vor allem um den Generationenkonflikt zwischen Kindern und ihren Eltern. Und um diese Konflikte zu beleuchten, nutzt Sidler nicht die Handlung der Oper, sondern die Arien der Protagonisten. Genau dann wird diese Inszenierung besonders spannend. Arminio, Segeste, Ramise, Sigismondo, Tusnelda, Varo und Tullio fangen vor allem während der Arien an, mit ihren Bühnenpartnern zu agieren, Kontakt aufzunehmen – und einen tiefen Einblick in das eigene Seelenleben zu geben. Dass diese Personenführung überzeugt, liegt allerdings nicht nur an der Regie von Erich Sidler. Es liegt auch an der hohen musikalischen und darstellerischen Qualität der Aufführenden.

Da ist natürlich als erstes Christopher Lowrey zu nennen, der Titelheld Arminio. Der Countertenor Lowrey zeigt die Vielfalt der persönlichen Konflikte: der stolze Cherusker-Führer und Gegenspieler von Varo, der verzweifelte Gatte seiner geliebten Tusnelda, der liebende Vater von Ramise, und das Opfer der Intrigen von Segeste. Lowrey blättert in zum Teil halsbrecherischen Arien sein Seelenleben auf.

Sein Gegenspieler Varo ist ein erfahrener Feldherr der Römer. Sein Problem: er verliebt sich in Tusnelda. Die ist aber schon vergeben – und das ausgerechnet an seinen militärischen Gegner. Die Liebe macht ihn blind, auf Kämpfen hat er deswegen gar keine Lust mehr. Paul Hopwood spielt diesen Bösewicht überzeugend, der Tenor kostet seinen inneren Konflikt in allen Facetten aus.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Segeste alias Cody Quattlebaum: er hat Arminio verraten, er ist der Vater von Tusnelda und Sigismondo, und der streitbare Krieger spielt noch seine eigenen Spielchen mit Varo. Quattlebaum wurde von Händel nicht gerade üppig mit Arien bedacht. Dafür wurden vom Komponisten in seiner großen Arie „Fiaccherò quel fiero orgoglio“ (und nur da) zwei Hörner eingesetzt. Quattlebaum konnte hier seinen tiefgründigen Bass einsetzen – ansonsten ist Quattelbaums schauspielerisches Talent zu würdigen. Der Countertenor Owen Willetts bewies seine Qualitäten schon tags zuvor im Oratorium „Judas Maccabäus“. Hier schlüpft er in die Rolle des Tulio. Mit großartiger Mimik verleiht er diesem Tribun Varos einen ganz eigenen Charakter.

Die eigentlichen Helden der Oper „Arminio“ sind die Frauen. Anna Devin als Tusnelda führt ihren strahlenden Sopran in bemerkenswerte Höhen und durch rasante Koloraturen und bewegende Piano-Passagen. Und zugleich spielt sie die Rolle als Angebetete, Ehefrau und vor allem als Tochter großartig.

Helena Rasker als Ramise beweist ebenfalls große Spielfreude – und einen enormen Stimmumfang. Eine klangvolle Tiefe bereiteten ihr genauso wenig Mühe wie für eine Altistin erstaunliche Höhen.

Der heimliche Star des Abends ist Sophie Junker in der Hosenrolle des Sigismondo. Junker ist nicht nur eine hervorragende Sängerin mit unglaublicher Power in der Stimme, die atemberaubende Höhen erklimmen kann; Sophie Junker ist auch eine hochtalentierte Darstellerin auf der Bühne. Wie nur ganz wenige Sängerinnen und Sänger schafft sie es binnen kürzester Zeit, die Bühne für sich zu erobern – und ebenso die Herzen der Zuhörer. Dieser jungen Frau aus Belgien steht ganz gewiss noch eine große Karriere auf den großen Bühnen der Welt bevor!

Der musikalische Leiter der Festspiele und Dirigent der Oper Laurence Cummings sagte am Abend über sein Orchester, „so etwas findet man auf der Welt nicht noch einmal.“ Damit liegt er mit Sicherheit nicht falsch. Wie die Musikerinnen und Musiker den Spannungsfaden den ganzen Abend in dem engen Orchestergraben hochhalten und jede noch so kleine Nuance in der Partitur auskosten, ist allerhöchste Perfektion und läßt immer wieder den Atem stocken. Hervorzuheben ist die Oboistin Susanne Regel, die für Sigismondos Arie „Quella fiamma ch'il petto m'accende“ keine Begleitung, sondern eine wunderbare Duett-Partnerin ist.

Für die große Spielfreude der Darsteller hat Dirk Becker eine eher karge Bühne geschaffen. Ein großer Kubus bietet durch die Drehbühne immer wieder Einblicke – entweder in das Innenleben der Akteure oder zum Beispiel in den Kerker, in dem Arminio gefangen gehalten wird. Drumherum gibt es weitere Versatzstücke von Würfeln – von barocker Pracht ist nichts zu sehen. Und bis auf das prächtige Gewand von Arminio sind auch die Kostüme (Renée Listerdal) eher dezent gehalten. Durch die Lichtregie von Michael Lebensieg und die Personenführung von Erich Sidler tritt die Bedeutung des Bühnenbildes zurück, die Akteure stehen im Mittelpunkt. Warum diese am Ende mit Pistolen fuchteln müssen, erschließt sich einem nicht und wirkt eher störend bis verstörend. Für die Deutung der Generationenkonflikte dieser Inszenierung sind diese und andere Versatzstücke der heutigen Gesellschaft wie photographierende Touristen oder Demonstranten nicht notwendig.

Von diesen Kleinigkeiten abgesehen ergibt sich aber eine sehr schlüssige Inszenierung dieser Oper: Laurence Cummings und Erich Sidler haben dafür gesorgt, dass die Musik nicht ohne die Inszenierung und die Inszenierung nicht ohne die Musik funktioniert.

Das Premierenpublikum im ausverkauften Deutschen Theater in Göttingen folgte dieser Interpretation und bejubelte die Aufführung mit minutenlangem Applaus.

Weitere Vorstellungen gibt es am 13., 15., 17., 20. und 21. Mai 2018. Eintrittskarten gibt es unter anderem hier im Ticketshop des Kulturbüros.

 

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