Deutsches Theater

Ein bisschen kulturelle Bildung täte Behringer vielleicht ganz gut, wie er da an einem verkaterten Sonntagmorgen an seinem Lebensüberdruss laboriert. Freund Hans rät ihm zu optischem Styling, mehr noch zu guten Büchern, Kinoabenden und Ausstellungen und natürlich auch mal zu einem Theaterbesuch. Die freundschaftliche Kabbelei könnte ewig so weiter gehen, auch weil sich die Beiden weiterhin uneins sind über Karriereoptionen und Erfolg versprechende Verhaltensmuster. Doch dann bebt der Bühnenboden zur Premiere von Eugène Ionescos Schauspiel „Die Nashörner“, das Thomas Dannemann am Deutschen Theater inszenierte.

Die einladende Kulisse mit dem Platz vor dem DT-Bistro, dem gläsernen Anbau und der imposanten Fassade des Hauses erscheint nun doch nicht mehr so einladend. Ein Nashorn hat jede Menge Staub aufgewirbelt und liefert den verwirrten Bistrogästen jetzt mehr oder weniger absurden Gesprächsstoff, während sich die Zahl der Nashörner munter vermehrt.

Schon das Bühnenbild von Alexander Wolff mit dem Schauplatz Deutsches Theater verwickelt die Zuschauer unmittelbar in die Ereignisse, die Ionescos Parabel reflektiert. Haben sie draußen nicht gerade auch ein bisschen Small Talk betrieben oder persönliche Nachrichten ausgetauscht? Vermutlich waren die aktuellen Nachrichten aus dem rechten Lager dabei kein Thema und auch nicht die über die Gefährdung jüdischer Mitbürger, die sich in Berlin und anderswo nicht mehr mit der Kippa auf die Straße trauen. Herrscht auf der Bühne nicht eine ähnliche Atmosphäre wie vor Beginn der Vorstellung, die die politischen Zuspitzungen und den unsäglichen Meinungsterror und seine zerstörerische Wirkung für den demokratischen Diskurs einfach wegblendet. All das kündigt sich bei Ionesco mit lautem Getrampel an: Dass es dabei um die Verführbarkeit des Einzelnen für ideologische Versprechungen geht und um die Frage, was es auf sich hat mit all den opportunen Verhaltensmustern, die sich den gesellschaftlichen Widersprüchen verweigern und lieber an den Herdentrieb halten.

Jetzt geht es erst mal um die tote Katze der wohlhabenden Passantin (Gaby Dey): das erste zerstampfte Opfer bekommt neben angemessener Betroffenheit auch einen schönen Leichenzug, der natürlich gleichgepostet wird und vermutlich viele Likes bekommt.

Das Event selbst beschäftigt die Bistrogäste nachhaltig, auch wenn ungeklärt bleibt, ob es sich um ein indisches oder afrikanisches Nashorn handelt oder ob vielleicht ein Tier mit zwei Hörnern weitere Erschütterungen verursacht hat. Der Logiker (Paul Wenning) und der ältere Herr (Florian Eppinger) sinnieren über Fragen der Vernunft und der Logik und eine mögliche Perspektive auf die Ereignisse, die keinen eindeutigen Standpunkt zulassen Behringer (Marco Matthes) und Hans (Sebastian Grünewald) versteifen sich mehr auf das Thema Selbstoptimierung und traktieren ihre Freundschaft. Doch sie reden genau so wenig miteinander wie beiden Vertreter der akademischen Zukunft, während man sich wie auf der Jagd nach einem weiteren verbalen Input gemeinsam ins Wort fällt. Wo Ansichten, Meinungen und Argumente Thesen so schön wild kursieren, reflektiert Dannemanns Inszenierung mit Ionesco zunächst den Status quo einer Gesellschaft, die gerne ihre Diskursbereitschaft auslebt, aber sonst wenig Handlungsbereitschaft zeigt, Egal welche Nashörner dabei gemeint sind.

Über die wird später durchaus heftig diskutiert, ob es sich vielleicht nur um vorübergehende Phänomene handelt oder so um ein Zeichen dafür, was in dieser Gesellschaft nicht stimmt. Wo Ionescos Stück die Meinungsbilder in einem Verlagshaus und ihr hierarchisches Setting dekuvriert kontert Dannemann mit einer Theaterprobe. Die Schauspieler streiten über das Stück, die Szene und ihre Rollen. Was da alles an alltäglichem Rassismus mitschwingt und ob an diesen Ereignissen überhaupt etwas dran ist, bloß weil jetzt eine tote Katze für mediale Aufregung sorgt. Natürlich sorgen sich die Schauspieler um den Abwesenden Kollegen, der bereits zum Nashorn mutierte. Kein Anlass, jetzt über die Verhältnisse in Panik auszubrechen oder ein demonstratives Zeichen zu setzen. Wieder bebt der Bühnenboden, während die Rückseite der Bühnenkulisse erneut gedreht wird. Ein Nashorn hat seinen majestätisch anmutenden Auftritt, ganz still und ohne jegliches Stampfen zieht es sich in die Dunkelheit zurück.

Weiter geht die Diskussion über Argumente, jetzt zwischen Behringer und seinem Kollegen Stech (Christoph Türkey), der insistiert. Auch mit Nashörnern müsse man sich auseinandersetzen und sich mit ihren Ansichten vertraut machen, ebenso mit Anpassungsbereitschaft der Kollegen und der Figuren des Stückes, die jetzt die Seite wechseln. Vielleicht käme es einfach auf einen Versuch an. Noch vertraut Behringer auf ein letztes mögliches Refugium und die erhoffe Beziehung zu Daisy(Judith Strößenreuther). Die Liebesbekenntnisse erschöpfen sich schnell in dem zersplitterten Glaskasten, wo das Paar sich in der Monotonie eines Ehealltages ohne Halt erschöpfen scheint. Da braucht es auch keine Bekenntnisse Heimatminister mehr und Verordnungen zur christlichen Symbolik, weil völkische Reden von Deutschtum, Blut und Boden und Verwurzelung diese Daisy bereits verzaubert haben. Mit beseeltem Blick bekundet sie den Größenwahn, für den die Gestalt auf dem Sofa kaum noch Worte findet. Behringer wird keine Fragen mehr stellen und innerlich weiter insistierten. An ihm schildert Marco Matthes einen schmerzhaften Prozess der Verwandlung eines teilnehmenden Beobachters, der zunächst noch ein bisschen larmoyant auf die Ereignisse und die Reaktionen reagiert, sich mit Ironie wappnet und trotzdem immer wieder wütende Ausbrüche riskiert. Vielleicht war er ja von Anfang an ein einsamer Störfaktor. Der hat jetzt nicht mal mehr einen Gegenüber, der ihm wenigstens zuhört und die entscheidende quo vadis Frage überhaupt versteht. Umso mehr sind die Zuschauer aufgefordert, mit ihm das politische Klima und seine akuten Verwerfungen erneut zu sondieren, wie es Thomas Dannemann mit seinem Ensemble an Ionescos dramatischer Anamnese mit allen Konsequenzen reflektiert Es geht eben nicht nur um eine weitere kritische Stellungnahme sondern um auf dringend notwendige Handlungsoptionen.

Die Premiere war am 28. April 2018. Die nächsten Vorstellungen sind am 14., 25. und 30. Mai angesetzt. Tickets für die Vorstellungen bekommen Sie hier im Onlineshop des Kulturbüros Göttingen.

 

 

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