Händel-Festspiele

„Where shall I fly“ fragt die Stimme, „Wohin soll ich fliehen?“ Schon mit der ersten hochdramatischen Arie der „Derjanira“ aus Georg Friedrich Händels Oratorium „Herkules“ bewegt Sophie Harmsen ihr Publikum nicht nur musikalisch. Es ist die Stimme der Leidenschaft, die hier den Irrwahn der betörten Liebe und seine tödlichen Folgen heraufbeschwört. Und doch lässt die Mezzosopranistin auch Raum für diese Momente der Reflektion und verwandelt die Verse in eine tragische Erzählung.

Zum Auftaktkonzert der Internationalen Händel Festspiele Göttingen in der Friedländer St. Norbert Kirche kommt es immer wieder zu diesen ganz besonderen Momenten, in denen die Stimme bei den Gedankenechos verweilt, um ihnen eine weitere emotionale Farbe zu geben. Dann befragt Sophie Harmsen die Zeichen schwärmerische Hoffnung und lässt bereits die ersten Zweifel anklingen, in denen auch eine stolze Beharrlichkeit spürbar wird, sich der Niederlage zu stellen und dem Verrat ebenso bewusst zu begegnen, wie der Katastrophe und der abgrundtiefen Verzweiflung.

So mehrdeutig widmet sich die Mezzosopranistin auch den beiden Arien aus der Oper Alcina, wo die Stimme zunächst so tänzerisch beschwingt und die Verse über grüne Wiesen und liebliche Wälder noch ein sanftes Strahlen erfahren, auch wenn ihre Vergänglichkeit längst feststeht und die Melodie sich in den letzten Tönen wie ein Atemhauch ganz leise verflüchtigt. In der Alcina-Arie „Stà nell‘ Trcana“ dürfen natürlich die Koloraturen leidenschaftlich funkeln. Aber auch hier nuanciert die Sängerin die dramatischen Affekte so wunderbar vieldeutig und ohne pathetischen Aufruhr, um erneut die reflektierenden Elemente zu betonen und die Sprache der Töne, wie sie den Text über eine Frau zwischen Flucht und kämpferischem Widerstand weiter und tiefer ausdeuten.

Claudio Monteverdis „Addio Roma“ verwandelt Sophie Harmsen ebenfalls in ein musikalisches Schauspiel. Sie ist ebenso sehr Sängerin wie Erzählerin in dieser dramatischen Nahaufnahme über einen tragischen Abschied. Auch der Kirchenraum erfährt eine Verwandlung, wenn er sich nun mit den Bildern des Verlustes und der Einsamkeit füllt. Laurence Cummings am Cembalo ist ihr emphatischer Gefährte in all den Stationendramen, der das harmonische Geflecht inmitten des emotionalen Aufruhrs wunderbar filigran konturiert.

Zwei Cembalosuiten von Händel und Purcell hat Cummings mit den dramatischen Verwerfungen verwebt, in die ihre Opernheldinnen verstrickt sind. In den tänzerischen Melodien und den Klangminiaturen mit all ihren Verzierungen und Akzenten leben Freude und Heiterkeit auf aber auch die Momente von Andacht und Reflektion.

Es hat den Anschein, als ob die Zeit für Momente still steht in Henry Purcells Arie „The hand, Belinda – When I am laid in Earth“ aus der Oper „Dido und Aeneas“. Wo die verlassene Geliebte nur noch den Tod herbei sehnt entfaltet sich das Bild eines nur noch gedämpft pulsierenden Herzens, an das sich die Stimme mit berührender Sanftmut herantastet und jeden Ton zu einer letzten zärtlichen Umarmung werden lässt, wie in Erwartung des erlösenden Nichts. Jetzt steht die Zeit wirklich still in der St. Norbert Kirche und der Raum ist in einen dieser kostbaren Momente andächtigen Schweigens gehüllt.

Wunderbar kontemplative Stimmungen verwebt die Mezzosopranistin mit der Arie „Scherza infida“ aus Händels Oper „Ariodante“ – so zauberhaft schön und tief berührend, dass man auch darin noch ganz lange verweilen möchte. Dann kommt es mit einer weiteren Arie aus „Ariodante“ zu diesem zauberhaften Finale einer musikalischen Sternstunde, die in ihrer sonnigen Wärme beschwingt.

Umso größer ist nun die Vorfreude auf die Festspiele und das Eröffnungskonzert mit Sophie Harmsen in Händels Oratorium „Judas Maccabeus“ am 10. Mai in der Stadthalle Göttingen. Schon mit dem Auftaktkonzert fühlen sich viele Zuhörer in der Friedländer St. Norbert Kirche reich beschenkt. 

Kommentare powered by CComment

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Lieber Gast,
vielen Dank für Ihr Interesse an den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Die Erstellung von Terminen und Texten kostet Geld - denn es sind Menschen, die diese Termine erfassen oder die Texte schreiben. Deshalb bitten wir Sie, entweder ein Abonnement abzuschließen oder für diesen einzelnen Beitrag einen Betrag zu bezahlen.
Vielen Dank!

Figurentheatertage

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok