boat people projekt

Noch ist die grüne Wiese leer. Später wird sie mit blauen Handtüchern bedeckt, kann sich vorübergehend auch in eine Wasserfläche verwandeln oder in einen Ort der Geborgenheit, wo Eindrücke und Erlebnisse für den Moment zur Ruhe kommen möchten. Doch zunächst werden Probenimpressionen eingeblendet. „Eiswiese – Girl meets Boy“ hat viele kleine Vorgeschichten, die Autorin Luise Rist auch mit ihrer Inszenierung verwebt hat. Da sind die berührenden Momente beim gemeinsamen Kennenlernen, wo viel gelacht und getanzt wurde. Dann die Probenszenen, wo es mal wieder sehr chaotisch zuging, wenn Einsätze nicht klappten und die deutsche Sprache sich erneut als ziemlich störrisch erwies. Doch dabei konnten die Stimmen und die Stimmungsbilder von 15 jungen Theatermachern aufblühen, mit denen sie nun den Raum im ehemaligen IWF zu ihrer Bühne machen.

Natürlich kann es im Freibad Eiswiese ganz toll sein. Aber vielleicht nicht, wenn man aus Afghanistan, Syrien Burundi oder Eritrea kommt und sich jetzt unter Menschen begibt, die dort ganz entspannt in Badehose und Bikini unterwegs sind und keine Scheu vor Gemeinschaftsduschen haben. Dass gerade wieder irgendwelche Nachrichten über aufdringliche Flüchtlinge kursieren, macht den Sprung ins kalte Wasser auch nicht leichter. Also doch lieber den Blick nach unten richten und so auch die eigene Unsicherheit tarnen, wo es doch um so viel mehr geht. Sich mit einer manchmal sehr befremdlichen Umgebung vertraut machen, vielleicht sogar ein paar Leute kennenzulernen und dann einfach mal eine kleine Open-Air-Party zu feiern, auch wenn jetzt gerade der Abschiebebescheid droht.

Von diesen Alltagserfahrungen ist allerdings auf der Bühne nur selten ganz direkt die Rede. Aber sie schwingen immer mit in den Sprachbildern, die Luise ihrem Darstellerteam an die Hand gibt, das sich damit vor allem spielerisch kreativ erlebt. Jeder durfte sich eine Gestalt aus der griechischen Mythologie aussuchen und dafür Gesten erfinden. Allerdings begegnen sich Chronos und Minerva, Artemis und Phönix, Juno, Ikarus und Dionysos erst mal in zwei Gruppen. Die Boys haben sich mit Muskelpaketen und Waschbrettbauch aus Plastik ausgestattet. Jetzt trauen sie sich, die Girls ins Wasser einzuladen, die die Aussicht vom Sprungturm wohl noch ein bisschen mehr zu schätzen wissen, wenn sie jetzt mit den Boys auch ihre individuellen Wasserbilder imaginieren. Sie sehen sich als langsam fließendes warmes Gewässer und als dunkelblaues Geheimnis, als Wassertropfen an der Windschutzscheibe eines Autos oder als Wasser, in dem die Menschen schwimmen können. Auch das Bild vom Wasser des Lebens lässt sich wie eine Chiffre lesen, in der die Darsteller sich geborgen fühlen können. Sie erzählen dabei etwas über sich, das nichts über Alter, Herkunft und Status aussagt, sondern ahnen lässt, was sie an Unsagbarem bewegt, an Gefühlen, Erfahrungen und Fragen an das neue Leben in einem fremden Land.

„Wir hören, was gesagt wird, wenn nicht gesprochen wird,“ bekundet später die Gestalt des Merkur, der als Bademeister schon bald Konkurrenz bekommt. Dieser Satz beschreibt zugleich die besondere Lesart eines Theaterabends, der auf Blicke, Gesten und Bewegungen vertraut, in denen sich ebenso lesen lässt wie in den vieldeutigen Metaphern, die das Stück so wunderbar assoziativ grundieren. Natürlich wird zwischen Boys und Girls auch gechillt und von Eroberungen geschwärmt, die vielleicht gar nicht stattgefunden haben. Kleine Konkurrenzen und Eifersüchteleien werden umspielt, die Kabbelei um den sonnigsten Platz, den besten Ausblick, die Angst vor Untiefen und auch die Grillaktion, zu der man sich gern getraut hätte. Dann werden die Handtücher wie zu einem gemeinsamen Flusslauf gewickelt, auf dem alle unterwegs sind oder zu einem Ruhekissen ausgebreitet, um sich vielleicht auch von manchen Erinnerungen ein bisschen weg zu träumen. Dem Weg zu Fuß über die Grenze, den Sand aus der Sahara, der Angst vor den Untiefen des Mittelmeers und den Sehnsüchten eines Ikarus, der nun seine verbannten Flügel beklagt.
Sätze wie „ich verlaufe mich“ oder „wie komme ich von mir zu dir, von uns zu euch?“ hat die Autorin natürlich dem Darsteller zugedacht, der sich für den Namen des Götterboten Hermes entschieden hatte. So wie der Name Dionysos jetzt nicht mit verschwenderischem Genuss assoziiert wird sondern mit der Klage über den Kater vom Wasser des Lebens. Jagdgöttin Artemis hat die Orientierung verloren und Meeresgott Neptun sinniert auf der Bühneneiswiese über die Bedeutung des Begriffs „Erwartung“. Das Gefühl dabei ist allen Boys und Girls vertraut, die sich nun darauf verständigen, dass man manchmal nicht ins kalte Wasser springen kann aber manchmal einfach gegen den Strom schwimmen muss.

Mit Luise Rist und ihrem musikalischen Teamgefährten Hans Kaul sind sie wunderbar gegen den Strom geschwommen. Für alle Schauspielerinnen und Schauspieler war es die erste Begegnung mit dem Theater – und mit einer Autorin, die ihnen Mut gemacht hat über Ängste, Unsicherheiten und Sehnsüchte zu sprechen und über das, was sie heimlich vielleicht noch alles berührt und manchmal befremdet. Auch darin bezaubern und begeistern sie ihr Publikum, das hier über die Sprache der Bilder, der Gesten und der Gesichter so viel erfährt, was sich nicht einfach so erzählen lässt, auch nicht immer mit Worten und manchmal erst zwischen den Zeilen wahrnehmbar und dann auch vieldeutig lesbar wird.

Da ist natürlich viel Fantasie im Spiel und bestimmt ein bisschen Magie, wenn nun das Finale mit märchenhaftem Optimismus bezaubert. Die kleine Froschkönigin, die jetzt den Sprungturm erobert hat, lässt es schneien. Schließlich bedeutet Eiswiese ja auch gefrorenes Gras. Nur dass jetzt keine Schneeflocken rieseln sondern bunte Papierblumen, die wie Schmetterlinge aussehen, die so schön beflügeln.

Es spielen Ahmed Alhamwashm, Aijdi Husovic, Arifullah Zadran, Atiena Abednia, Azad Ibrahim Abdi, Ehab Alo, Jan-Erik Heilmann, Maria Nsimba, Parsa Rewajudin, Taghrid Alnajjar, Tesfazghi Berhe, Mohammed Shoeib Ghafory, Moussa Ibrahim, Moussa Mohamedamn und Yorda Dawit.

Die Vorstellung „Eiswiese –Girl meets Boy“ am 26. April ist fast ausgebucht. Aber es gibt noch Karten für den 27. April und die Dernière des young boat people Teams.

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