GSO

Viele Komponisten verschwinden in der Versenkung, obwohl sie das Musikleben ihrer Zeit auch mit Erfolg prägten. Und so kommt es in der Konzertreihe des Göttinger Symphonie Orchesters, die sich der „Wiener Klassik“ widmet, immer wieder zu Entdeckungen. Selbst wenn nicht jedes selten aufgeführte Werk Beifallsstürme auslöst, so dient es doch dem musikalischen Verständnis einer Epoche. Im besten Fall macht es neugierig auf weitere Symphonien von Adalbert Gyrowitz und die virtuos angelegten Violinkonzerte von Pierre Rode und zwei Komponisten, deren Werke im klassischen Konzertrepertoire so selten nachgefragt sind.

Der Konzertabend in der Aula am Wilhelmsplatz stand unter dem Motto „Neuheit und Anmut“, bei dem Gastdirigent Jürgen Bruns mit dem Orchester vor allem das Thema Anmut im Blick hatten und die musikalischen Bilder, aus denen die Klangpoesie spricht. So wie im Andante poco adagio der Symphonie von Adalbert Gyrowitz mit dem zauberhaft berührenden Gesang der Geigen. Doch zunächst wurde das Publikum beschwingt und mit viel Enthusiasmus auf die anmutig grazilen und lyrischen moments musicales eingestimmt. Bei Franz Schuberts D-Dur Ouvertüre „im italienischen Stil“ ließ sich die Begeisterung des Komponisten für Giachino Rossinis Opern und die umschwärmte Belcanto Tradition herrlich entspannt genießen. Der Musikwissenschaftler Andreas Waczkat erinnerte in seiner Moderation auch an die Spielfreude, die Schubert mit den Musikern des „Hatwigischen Orchesters verband, die seine „Bella Italia“-Widmung auch zum eigenen Vergnügen aufgeführt habe. Das Motto für den „Wiener Klassik“ Abend fand sich ebenfalls bei Schubert, den in Rossinis Arien „Neuheit und Grazie“ entzückte.

Pierre Rodes B-Dur Konzert für Violine und Orchester mit Solistin Christina Brabetz entwickelte sich wiederum zu einem musikalischen Abenteuer, bei dem die Zuschauer vor allem ins Staunen gerieten. Schon in Waczkats Einführung deutet sich an, dass Rode als gefeierter Violinvirtuose vor allem in eigener Sache komponierte, dem Orchester eine eher begleitende Rolle zugedacht hatte und weniger die des musikalischen Dialogpartners. Der Solopart ist reich an artistischen Läufen und Verzierungen, die unmittelbar in filigran gestaltete Motive übergleiten. Christina Brabetz erinnert hier an eine Seiltänzerin, die auf einem hauchdünnen Draht die abenteuerlichsten Sprünge wagt und jeden Salto technisch souverän und virtuos bewältigt. Aber sie macht dabei auch die effektvolle Wirkung spürbar, auf die es Rode mit seiner musikalischen Widmung für die spanische Königin Maria-Luise von Bourbon-Parma bei einer Konzertreise nach Madrid angelegt hatte und das der musikalische Zauber hier in den zarten Melodielinien liegt und in den allerfeinsten Schwingungen, die immer wieder bestürmt werden.

Da Adalbert Gyrowitz als der eigentlich Großmeister der Wiener Klassik gefeiert wurde und nicht etwa Haydn, Mozart oder Beethoven, wundert es umso mehr, dass viele seiner 40 Symphonien und seiner mehr als 100 Klavierrios in Archiven schlummern. So auch seine Symphonie D-Dur, die Waczkat bei seinen Recherchen in Philadelphia /USA aufgespürt hatte. Über sich hatte der Komponist angemerkt: „Ich war nur ein Talent, das von Glück sagen muss, wenn es die Gegenwart erobert. Nur das Genie lebt über das Grab hinaus.“ Diesem Selbstverständnis lässt sich auch gut 200 Jahre später gern widersprechen. Schon bei diesem fantasiereich nuancierten Adagio und der bewegenden Korrespondenz mit den Allegro-Motiven, wenn sie von den Bläsern des GSO so warm grundiert werden. Erst recht unter dem Eindruck, wie Gyrowitz in seinen feinsinnig verwobenen Klangbildern immer wieder zum Verweilen einlädt, auch bis in die nächste melodische Variante eines Themas hinein, von Jürgen Bruns mit den Musikern wunderbar klarsichtig und transparent zum Klingen gebracht. Da mögen zunächst die moderaten Tempi irritieren, die mitunter etwas verhalten anmuten, sich aber im Vertrauen auf die Dramaturgie dieser Symphonie umso stimmiger entfalten, weil dann dieses Andante poco adagio mit dem Gesang der Streicher seinen intimen poetischen Zauber entfalten kann.

Zum Prestissimo Finale schwärmen die Streicher mit allen GSO Musikern noch einmal aus. Mit rasanten Tempi, die in ihrer spielerischen Grazie so vergnüglich beschwingen, umspielen sie auch das rhythmisch pointierte Feuerwerk mit Charme und Eleganz. Bei diesem kurzweiligen musikalischen Höhenflug verfliegt die Zeit einfach so und ganz leicht. Aber nun sind die Zuhörer eingestimmt auf weitere symphonische Entdeckungen mit Adam Gyrowitz, auf dass sie nicht weiter in Vergessenheit geraten.

Kommentare powered by CComment

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Lieber Gast,
vielen Dank für Ihr Interesse an den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Die Erstellung von Terminen und Texten kostet Geld - denn es sind Menschen, die diese Termine erfassen oder die Texte schreiben. Deshalb bitten wir Sie, entweder ein Abonnement abzuschließen oder für diesen einzelnen Beitrag einen Betrag zu bezahlen.
Vielen Dank!
Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok