Jürgen Hosemann, Thomas von Steinaecker und Stephan Lohr

Ein Abend zu Ehren Roger Willemsens im Alten Rathaus

Dies soll kein Nachruf sein. Ein Vorsatz, der erstaunlich schwer wird, wenn es so klar ist, dass alle im Alten Rathaus Anwesenden Roger Willemsen auch an seinem zweiten Todestag noch schmerzlich vermissen. Die Veranstaltung hieß „Wer wir waren“, in Bezug auf das Buch, an dem er bis zu seinem Tod gearbeitet hat. Ein überraschend pessimistisches Buch angesichts des herzlichen Bildes, welches die Öffentlichkeit von Willemsen behalten hat, so stimmten die vom Literarischen Zentrum eingeladenen Gesprächspartner Autor Thomas von Steinaecker und S.Fischer-Verlag-Lektor Jürgen Hosemann – moderiert von Stephan Lohr – überein. Das Buch, das letztendlich auf einer fertigen Rede Willemsens sowie noch einigen Arbeitsfetzen beruht, blickt aus der Zukunft zurück auf die Gegenwart.

Von Schauspielerin Marion Mainka dramatisch vorgetragen, bildete die Rede das Vor- und Schlusswort des Abends. „Ich war nicht sein Freund“, stellte Jürgen Hosemann, der sich zum ersten Mal öffentlich über seine langjährige Tätigkeit als Willemsens Lektor äußerte, anfänglich klar. Auch Thomas Steinaecker, der „Wer wir waren“ für das Staatstheater Darmstadt dramatisiert hat, kannte Roger Willemsen beruflich, nicht privat. Trotzdem hatten beide viel zu erzählen, vieles beobachtet.

Es ist zynisch, die Dinge aufzuzählen, die von jemandem nach seinem Tod geblieben sind, allerdings wirkt dies bei Roger Willemsen nicht sonderlich reduzierend: Eine Mauer von Büchern stapelte sich auf dem Tisch vor Jürgen Hosemann. Der Mann, der durch das Fernsehen bekannt wurde, hat das Medium immer untergeordnet – so eine Erkenntnis des Abends. So entwickelte sich das Gespräch ganz ungekünstelt über Feststellungen, Vermutungen und den Versuch der Definition eines ereignisreichen Lebens – auch wenn Lohr zu Beginn sagte: „Es wird uns nicht gelingen, alle Facetten von Roger Willemsen aufzudecken.“ Wahrscheinlich ist es aber auch ebenso zynisch, einem Erinnerungsgespräch wie diesem ein solches Ziel zu setzen. Auf irgendwelche reißerischen Enthüllungen verzichtend, gelang den vier Gästen und dem Literarischen Zentrum ein auf angenehme Weise nüchternes Diorama von Anekdoten, welches, durch das Thema vielleicht selbstverständlich, große Inspiration brachte. Und so war genau diese geradezu ziellose Unterhaltung mehr als genug. Die Zeit ist verflogen, ohne dass das konzentrierte Schweigen des Publikums auch nur ein einziges Mal gebrochen wurde. Die Spannung war im ganzen Saal gut spürbar.

Die Suche nach Antworten hat etwas Verlockendes, aber wie Lohr treffend feststellte, war dies ein Abend im Futur II: Wir werden sie nie gefunden haben.

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