Kai Sina und Ina Hartwig im Literarischen Zentrum Göttingen

Mit Ina Hartwig auf den Spuren von Ingeborg Bachmann im Literarischen Zentrum

Ihr Name ist eine Legende, jeder kennt sie, ihren Mythos, ihren Ruhm. Und dennoch wirft der bodenständige und scheinbar schlicht gewählte Titel der Biografie eine ganz grundlegende Frage auf: „Wer war Ingeborg Bachmann?“ Ina Hartwig belässt es nicht bei den verfestigten Bildern. Die Publizistin und Literaturkritikerin liest, sucht, führt Gespräche, hinterfragt; und sie gibt eine ganz neue Richtung an: fern von allem Pathos zeichnet sie die Lebensstationen der mythenumwobenen Dichterin nach.

An ihrer Seite auf den Spuren Bachmanns an diesem Abend im Literarischen Zentrum der Literaturwissenschaftler Kai Sina (Göttingen), dessen FAZ-Rezension zu Male oscuro bereits für Aufsehen sorgte. Male oscuro, Titel des kürzlich erschienenen Auftaktbands der Bachmann-Gesamtausgabe, der das geläufige pathologisierende Bild einer schwachen Frau nachzeichnet und damit mit der abendleitenden provozierenden Frage „Das helle Gute?“ kontrastiert, ein erster Hinweis auf das Porträt der hochkomplexen und vielschichtigen Persönlichkeit, das Hartwig erblühen lässt.

Gleich das erste Kapitel, „Krieg am Sterbebett“, das den zahlreich erschienenen Zuhörern zuteilwurde, setzt sich mit dem vielleicht größten Mythos auseinander: ihrem rätselhaften und stark diskutierten Tod. Mag Bachmanns Medikamenten- und Drogenabhängigkeit vielen Lesern bekannt sein, hier vertieft die Biografin, dass nicht etwa die Verletzungen durch den Brand, der beim Einschlafen mit einer brennenden Zigarette ausgelöst worden war, zu ihrem Tode geführt hatten, sondern die Entzugserscheinungen, an denen sie infolge der starken Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln litt. Vor diesem Hintergrund präsentiert Hartwig die Szenerie im Krankenhaus als ein Krieg, das Sterben wie ein eigenes, tragisches Theaterstück.

Es ist auch das Ende eines Theaterstücks, das sich Leben nennt. Geht man nur 15 Jahre zurück, in die 50er Jahre, und lauscht der Lesung ihres Gedichts „An die Sonne“, so begegnet man nicht der von Drogen und Medikamenten gezeichneten, rauen Stimme und dem Kontrollverlust der späten Jahre, sondern einer jungen, unzerstörbaren, kontrollierten Stimme, im Geiste der Zeit elegisch-monoton, ganz bewusst geformt als Teil ihres eigenen Werkbegriffs. „Nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“ – wohl der Inbegriff einer strategisch-bodenständigen Dichterin voll strahlender Intellektualität und enormer Kraft.

Ein ähnliches Panorama zeichnet die Bildermaschinerie des zweiten Kapitels: vielseitig und wandelbar wie die Künstlerin selbst präsentieren sich auch die Bilder von ihr. Ob als Antithese zur Unterordnung und Typus neuer intellektueller Weiblichkeit wie auf dem legendären Spiegelcover 1954, oder Ausdruck unbeschwerter Heiterkeit und Leichtigkeit auf dem Campo de Fiori – Hartwig weiß die Bildästhetik des Fotografien Herbert List als Spagat zwischen völkischem Denken und Modernisierungstendenz im Leben der Künstlerin zu erklären.

Es ist weniger das Wissenschaftliche, sondern vielmehr das Anekdotische, das die Biografie kennzeichnet. Nicht weniger spannend als das Treffen mit dem homosexuellen Weltmann und Ästhet List in Rom sind die Aufschlüsselungen, die sich aus den im Marbacher Archiv enthaltenen Briefen und den von Hartwig geführten Gesprächen mit Zeitzeugen, Freunden und Bekannte Bachmanns ergeben, darunter Hans Magnus Enzensberger, Klaus Wagenbach oder Henry Kissinger. Dass den ehemaligen amerikanischen Außenminister und konservativen Republikaner mit der linksliberalen Dichterin ein sehr enges Verhältnis verband, ist allemal interessant. Ebenso interessant ist der Begriff des „Vielfachlebens“, den Enzensberger prägt – ein Vielfachleben Bachmanns im Sinne der unterschiedlichen Rollen, die sie spielt, der facettenreichen Lyrik bis hin zu Malina, einem „hochkontrollierten Werk über unkontrolliertes Leben“ und damit dem „riskanten Schreiben“ einer „neuen, in der Prosa denkenden Frau in der Gesellschaft.

Doch gibt es eine Antwort auf die Frage, wer Ingeborg Bachmann sei? Im radikalen Sinne nein. Zwar werden viele Bachmann-Mythen entzaubert und neue Perspektiven auf die Schriftstellerin eröffnet, doch bleibe es, so betont die Publizistin mit Nachdruck auf die Nachfragen Sinas, eine „Biografie in Bruchstücken“.

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