Das Pavel-Haas-Quartet

Pavel Haas Quartet und Pianist Boris Giltburg zu Gast bei den Göttinger Aulakonzerten

Zur Halbzeit der Saison hat die Göttinger Kammermusikgesellschaft in ihrem dritten Aulakonzert am Sonntag ein ganz besonderes Highlight präsentiert: das in Prag ansässige Pavel Haas Quartet, das im internationalen Ranking der Streichquartette in ziemlich hoher Position angesiedelt ist. Die vier aus Tschechien und der Slowakei stammenden Musiker – Primaria Veronika Jarůšková, ihr Violinkollege Marek Zwiebel, Bratschist Radim Sedmidubský und Cellist Peter Jarůšek – boten einen Abend der Extraklasse. Im Schlussstück des Konzerts, dem f-Moll-Klavierquintett von Johannes Brahms, wurde das Ensemble durch den hochdekorierten israelischen Pianisten Boris Giltburg, 2013 beim Reine-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel auf dem ersten Platz, komplettiert.

Bereits mit Schuberts „Rosamunde“-Quartett ließ das Pavel Haas Quartet aufhorchen. Die dynamische Bandbreite war gegenüber den gängigen Interpretationen stark erweitert. Das Pianissimo nahmen die Musiker extrem zurück, die kraftvollen Ausbrüche, in denen Schubert die Bereiche des wohltuend Schwelgerischen jäh verlässt und Ausblicke in ungeahnte Abgründe eröffnet, gestalteten sie mit beinahe schmerzlicher Intensität. Das passt nicht immer ins gewohnte Schubert-Bild, stieß beim Publikum auch teilweise auf ein gewisses Befremden. Doch legitim ist ein solcher Ansatz gewiss. Ein weichgespülter Schubert mag zwar viel Freude bereiten, aber das bei weitem ist nicht alles, was der Komponist zu bieten hat.

Damit waren die Zuhörer auch schon ein Stück auf die wilden, wütenden, peinigenden Strecken im 7. Streichquartett fis-Moll von Dmitri Schostakowitsch vorbereitet. Dies ist ein extremes Werk, extrem in der Tiefe der Trauer gleichermaßen wie in der Schärfe der Dissonanzen, im beißenden Sarkasmus wie in scheinbar harmlosen Motiven, die immer wieder in Passagen von intensiver Ausdruckskraft münden. Gerade in diesem Quartett bewiesen die vier Musiker ihre hohe Kunst des Zusammenspiels aufs Schönste. Nicht selten war sogar zu sehen, wie genau sie aufeinander reagierten, wenn etwa Zwiebel und Jarůšek oder Jarůšková und Zwiebel – dann auswendig spielend – einander anblickten, um auch die kleinste Nuance punktgenau synchron zu präsentieren. Die dynamische Bandbreite war gegenüber Schubert noch deutlich gewachsen, was dem Cellobogen etliche Haare kostete. Die Tiefe der Emotionen machte das Zuhören ungeheuer spannend.

Als Pianist einem derart perfekt aufeinander eingespielten Ensemble gegenüberzutreten, ist eine Herausforderung. Die bestand Boris Giltburg im f-Moll-Quintett von Brahms glänzend: mit einem vielfältig abgestuften Spiel, in dem er seine hier im Hintergrund begleitende, dort thematisch führende Position samt allen Zwischenstationen klanglich verdeutlichte. Seine Technik ist phänomenal, die Treffsicherheit in Oktavkaskaden ebenso erstaunlich wie die brillante Geläufigkeit. Seine musikalische Klugheit erwies sich im stets ausgewogenen Wechsel von dramatischer Zuspitzung und Entspannung. Am Ende brandete begeisterter Beifall in der nahezu ausverkauften Aula auf, der mehr und mehr von lautstarkem Trampeln untermischt war. Dieses Brahms-Quintett war der Gipfelpunkt eines Abends, von dem die Besucher sicher noch lange schwärmen werden. Oder in jugendsprachlicher Kürze (wie nach dem Konzert von einer hellauf begeisterten Zuhörerin zu hören war): „Voll krass, Alter!“

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