Stephan Lohr im Gespräch mit Heinrich Detering und Ralf Schnell

Gespräch zum 100. Geburtstag Heinrich Bölls

Einhundert Jahre ist es her, dass Heinrich Böll geboren wurde – dieser Literaturherbst steht daher besonders im Zeichen des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers. Es ist Dienstagabend und in die Aula am Wilhelmsplatz strömen Menschen, die einem Gespräch über Böll und seine Zeitgenossen lauschen möchten. Zu Gast sind Heinrich Detering und Ralf Schnell – beide Literaturwissenschaftler mit Schwerpunkt im 20. Jahrhundert. Es moderiert Stephan Lohr.

„Ist Heinrich Böll noch aktuell?“ steht als Frage im Raum und wird gleichzeitig dadurch beantwortet, dass der Saal sehr gut gefüllt ist. Auf dem Tisch stehen mehrere Bücher, darunter ein rotfarbiges aus der 27-bändigen Kölner Werkausgabe von Heinrich Böll, deren Sprecher Ralf Schnell ist. Innerhalb von neun Jahren wurde diese „Arche“ erarbeitet und das mit einiger Detailarbeit: die Handschrift Bölls lässt auf den ersten Blick großen Raum für Deutungen und Interpretationen. Von einem Einblick in jene geht es weiter über Heinrich Bölls politisches Engagement, seiner Haltung zu Deutschland, hin zu seinem Skandal-auslösenden Spiegel-Artikel über Ulrike Meinhof. Dabei werden auch die Zeitgenossen und Bekannten Bölls‘ Günther Grass und Siegfried Lenz immer wieder mit einbezogen. Was aber bleibt aus dieser Zeit und wie können wir sie uns heute vergegenwärtigen? Hier stimmen Ralf Schnells und Heinrich Deterings Ansichten überein: beide sehen in Böll eine bedeutende Person der Nachkriegszeit – weniger aufgrund besonders herausragender sprachlicher Qualität seiner teils „schwarz-weiß-malerischen“ Texte, als vielmehr seiner politischen zeitgeschichtlichen Wirkung. Ihre Empfehlung lautet daher, Bölls Werke historisierend zu lesen – sie in ihrem zeitlichen Kontext zu verstehen.

Es ist ein sehr angenehmes, locker geführtes Gespräch zwischen Ralf Schnell und Heinrich Detering, deren Begeisterung und Fachwissen durch viele Querverweise und Zitate zum Ausdruck kommt. Nur hin und wieder ist es schwierig, so schnell zwischen Lebensereignissen, Romaninhalten und Zeitgenossen Bölls zu springen, wenn man mit Gesamtwerk und Person noch nicht ganz vertraut ist. Umso besser, dass abschließend Leseempfehlungen zur „Annäherung“ ausgesprochen werden: bei „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ fährt ein zustimmendes Raunen durchs Publikum und über die Wirkung von „Ansichten eines Clowns“ auf Lesende sind sich Schnell und Detering zwar uneinig, um einen historisch brisanten Roman handelt, es sich jedoch allenfalls. Und: wer nun Lust darauf bekommen hat, mehr über Heinrich Böll zu erfahren, kann am Samstag eine weitere Literaturherbstveranstaltung besuchen. Im Lumiére wird die neuerschienene Biografie von Jochen Schubert vorgestellt sowie im Anschluss die Verfilmung zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gezeigt.

 

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