Am 17. Juli präsentierten 43 angehende Opernsänger aus aller Welt die Ergebnisse des Trainingsprogramms „Lyric Opera Studio Weimar“ auf dem Rittergut Besenhausen bei Göttingen

Gänse laufen über die Wiese, die Kieswege knirschen unter den Schuhen, Kinder in hellen Kleidern verteilen Sekt und Häppchen. Nur wenn man genau hinsieht, kann man es sehen. Es liegt unter den Schichten, unter dem Lippenstift, den aufwändigen Frisuren, den glitzernden Abendroben. Es dringt nach außen als kleine Geste, als zuckendes Augenlid oder nervöses Glattstreichen des perfekt gebügelten Hemdes. Ein verlegenes Lächeln Richtung Bühnenboden. Schnell wird es verschluckt, in ein selbstbewusstes Strahlen zum Publikum verwandelt, die Schultern gestrafft, Brust raus. Fast sind sie schon Opernstars, fast noch Gesangsstudenten, in jedem Falle aber Lernende in einem Zwischenraum, in dem sie sich noch beweisen müssen.

Die Gala gehört zu einer Reihe von Abschlusskonzerten, in der sich die Teilnehmer des diesjährigen Lyric Opera Studios Weimar (LOSW) in verschiedenen deutschen Städten vorstellen. Zuvor bekamen die jungen Sänger, die zwischen Studium und Berufseinstieg stehen, in einem dreiwöchigen Intensivtraining neben Gesangs-, Schauspiel- und Deutschunterricht auch die Möglichkeit, den größten Opernbetrieb weltweit kennen zu lernen, nämlich den in Deutschland. Das Studio wirbt mit dem Erfolg früherer Teilnehmer, die in der deutschen Opernlandschaft Fuß fassen, einige sogar eine Festanstellung an großen Häusern ergattern konnten. Das LOSW gibt es seit 10 Jahren, in der Regel mit einem Sommer- und einem Winterprogramm. In dieser Saison steht Mozarts Zauberflöte im Zentrum. Sie bestimmte auch den Abend in Besenhausen maßgeblich. Daneben wurden verschiedenen Arien aus deutschen, französischen, italienischen und amerikanischen Opern, Operetten und Musicals aufgeführt.

Als ein mit Klebeband am Singen gehinderter Papageno eröffnete Andreas Zenios aus Zypern den Abend, unterstützt von Kollegen aus Finnland, Kanada, der Schweiz und den USA. Die Brasilianerin Annanda Samarine trat als intonationssichere Königin der Nacht auf. Einen musikalischen Höhepunkt bot die US-Amerikanerin Shaina Sanders. Ihre Darstellung der Wally aus der gleichnamigen Oper von Alfredo Catalani ließ die Bühne für einen Moment zu einem magischen Ort werden. Die zweite Hälfte des Abends war für Operette, Kitsch, Klamauk und Musical reserviert. Ein Männerchor, der über die Eigenheiten der Weiber sang, kokettierende Grisetten, schnulzige Duette und peppige Musical-Nummern, z.B. aus „Die lustige Witwe“ und „West Side Story“. Krönender Abschluss war die Champagner-Szene aus „La Traviata“ mit allen Teilnehmenden.

Im Zentrum der Show standen allerdings nicht die Sänger, sondern der aus Griechenland stammende US-Amerikaner Damon Nestor Ploumis, künstlerischer Leiter, Regisseur, Bassbariton, Selbstdarsteller und Witzbold, der monarchenhaft thronend auf einem kunstvoll geschnitzten Stuhl auf der Bühne oder auf seinem Elektro-Einrad durchs Publikum düsend durch den Abend führte. Liebevoll nahm er mal seine Schützlinge, mal das Publikum, mal das Sängerdasein im Allgemeinen auf die Schippe, denn „zum Glück ist Ironie ein griechisches Wort“. Dazwischen gab er die ein oder andere Anekdote aus seinem Leben oder über die präsentierten Arien zum Besten. Dirigent Olaf Storbeck aus Deutschland hingegen machte unauffällig seinen Job, wie auch die Klavierbegleiterinnen Nobuko Amemiya aus Japan und USA, Ka Man Tsang aus Hong Kong und Großbritannien sowie Bojie Yin aus China, die humorvoll das Versagen des E-Pianos managten und in der Pause Ersatz organisieren konnten.

Der Innenhof des Ritterguts bot Sängern und Publikum trotz den akustischen Herausforderungen des Open-Air-Musizierens eine außergewöhnliche Kulisse. Besonders für die Teilnehmer aus den USA war es teilweise der erste Kontakt überhaupt mit einem so alten Bauwerk. Zu dem Gebäudekomplex aus dem 17. Jahrhundert mit Satteldach und Uhrturm gehören ein Wohn- und ein Torhaus, ein Wirtschaftshof sowie Arbeiterhäuser, Stallungen und eine Kornmühle. Rosen und Spalierobst ranken an den Fachwerkbauten nach oben, der Park mit den alten Bäumen, dem Nutzgarten und dem Hofteich reicht bis zur Leine und liegt zum Teil auf einer Insel im Fluss. Insekten tanzen über dem Wasser. Im Abendlicht des warmen Sommertages wirkt der Ort märchenhaft und wie aus einer anderen Zeit.

Aber neben aller Pracht und der Hoffnung auf Ruhm und Selbstverwirklichung ist Singen auch ein hartes Geschäft. Gelder für Kultur werden auch im vermeintlichen Sängerparadies Deutschland stetig gekürzt, viel zu viele Kandidaten bewerben sich für die wenigen Stellen an Opernhäusern und Opernsänger werden neben ihren technischen und musikalischen Fähigkeiten auch nach oberflächlichen Gesichtspunkten ausgewählt. Zwar gibt es für besonders begabte und gleichzeitig bedürftige Bewerber des Lyric Opera Studios Teilstipendien, doch ist davon auszugehen, dass sich eine überwältigende Mehrheit von Sängern zu Beginn ihrer Karriere die Teilnahmegebühr von fast 4000 Euro sowie die teuren Anreisekosten aus Japan, den USA oder anderen weit entfernten Heimatländern kaum leisten kann.

Der Abend endet mit gelöstem Herumalbern und mit Selfies im Rosengarten, danach mit Schlabberlook und flachen Schuhen für die Füße, die den ganzen Abend in engen Lackschuhen, Stilettos und hohen Pumps aushalten mussten.

 

 

 

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