Julian Steckel mit dem Göttinger Symphonie Orchester in der Stadthalle

Das Göttinger Symphonie Orchester mit Julian Steckel und Christoph-Mathias Mueller zum Saisonabschluss in der Göttinger Stadthalle

„Schlimmer kann es nicht mehr werden“, sagte eine Konzertbesucherin zu ihrem Mann nach der Pause. Eine immer noch häufige Reaktion auf Musik der Moderne – häufig zu Unrecht, zumal an diesem Abend, dem Christoph-Mathias Mueller die Überschrift „Mythos und Tragödie“ gegeben hatte. „Besser kann es jetzt nicht mehr werden“ – das war in der Pause ebenfalls zu hören. Und natürlich war das ein großes Lob an den Cellisten Julian Steckel, Christoph-Mathias Mueller und das Göttinger Symphonie Orchester.

Aber der Reihe nach: Mit dem „Mythos“ war die 1957 entstandene „Meditation on Orpheus“ des amerikanischen Komponisten Alan Hovhaness gemeint. „Orpheus“ war ja schon verschiedentlich zu Gast in der Saison, die mit diesem Konzert abgeschlossen wurde. Hovhaness lässt das Orchester sphärische Klänge mit einem meditativen Charakter erzeugen. Er baut einen breit gewebten Klangteppich auf, auf dem sich diverse Streichergruppen und Holzbläser im Orchester mit ihren Orpheus-Gesängen entfalten können. Die Musikerinnen und Musiker des Göttinger Symphonie Orchesters mussten ausnahmsweise einmal nicht akkurat zusammenspielen, sondern in den Passagen der „senza mensura“, also der freien Tempoeinteilung ohne Taktvorgaben, sich individuell für ein Tempo entscheiden. Die Tonsprache von Hovhaness ist aber durchaus als traditionell zu bezeichnen und war überhaupt keine Zumutung für die Ohren.
Musste es jetzt schlimmer werden? Natürlich nicht, diese 12minütige Meditation war ein guter Auftakt für das Hauptstück des Abends, das Konzert für Violoncello und Orchester von Witold Lutosławski. Für den Solopart konnte Julian Steckel gewonnen werden, einer der gefragtesten Cellisten überhaupt. Steckel begann das Konzert solo, ohne Orchesterbegleitung. Beinahe ausdruckslos und monoton kostete Steckel die D-Saite seines Instrumentes aus. So machte sich auch beim Zuhören geradezu Entspannung breit: nein, so schlimm ist moderne Musik doch gar nicht. Doch der friedliche Eindruck trog, plötzlich setzten martialisch Trompetenklänge ein und zerstörten den Frieden. Die Orchestermusiker sprangen den Trompeten zur Seite und störten immer aggressiver Steckels Cellospiel.

Das ist natürlich das Konzept des polnischen Komponisten Lutosławski (1913–1994): er wollte den traditionellen Aufbau eines Instrumentalkonzertes aufbrechen und ließ in seinem 1970 uraufgeführten Cellokonzert das Soloinstrument und das Orchester eher gegeneinander spielen. So entstand ein intensiver Dialog zwischen Cello und Orchester, der an Spannung kaum zu überbieten war. Am Ende schien das Orchester zu „gewinnen“ – doch im Epilog tauchte das D wieder auf, fast ein bisschen trotzig spielte Steckel diese Phrase.

Es war absolut faszinierend, auf der einen Seite Julian Steckel zu hören – und auch zu beobachten: da der anspruchsvolle Part ihm keinerlei Mühe bereitete, konnte Steckel sich auf eine fast szenische Umsetzung des Dialogs mit dem Orchester konzentrieren. Ein Ansatz, der überzeugend wirkte. Auf der anderen Seite wurden immer wieder die Orchestermusiker herausgefordert. Und das nicht nur von Steckel, sondern auch vom Christoph-Mathias Mueller, der seine Musikerinnen und Musiker immer wieder neu anstachelte und so den aggressiven Grundgedanken der Partitur einforderte.

Das Publikum in der trotz Ferienzeit gut besuchten Göttinger Stadthalle war begeistert vom Werk und vom Spiel der Musiker. Steckel bedankte sich für den Applaus mit dem „Kindermarsch“ für Cello solo von Sergej Prokofjew.

Und nach der Pause? Da wurde der zweite Teil des Mottos eingelöst. Auf dem Programm stand die 4. Symphonie c-Moll von Franz Schubert, die „Tragische“. Immer wieder wird gerade für diese Symphonie der Vergleich mit Beethoven gezogen, vor allem mit seiner 5. Symphonie, die ebenfalls in der Tonart c-Moll verfasst ist. Aber der Vergleich wird Schubert nur wenig gerecht, obwohl manche Passagen in der Symphonie durchaus an Beethoven erinnern. Dennoch ist es ein eigenständiges Werk. Das war vor allem im zweiten Satz zu spüren, wo die Orchestermitglieder die Klangfarben entfalten konnten. Mueller ging die Musik mit großem Schwung an – und das war auch notwendig. Denn insgesamt hatte es Schubert schwer, nach dem fulminanten Cellokonzert eigene Akzente zu setzen.

Kommentare powered by CComment

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Lieber Gast,
vielen Dank für Ihr Interesse an den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Die Erstellung von Terminen und Texten kostet Geld - denn es sind Menschen, die diese Termine erfassen oder die Texte schreiben. Deshalb bitten wir Sie, entweder ein Abonnement abzuschließen oder für diesen einzelnen Beitrag einen Betrag zu bezahlen.
Vielen Dank!
Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok