Jochen Malmsheimer olim ut Mangiacasa

DT: Jochen Malmsheimer zu Gast beim Göttinger Kultursommer

Barock. Gestalt, Wortgewalt, Raumnahme – alles an diesem Kabarettisten ist Herrlichkeit in barock ausladender Form und Größe. Bis auf das Karohemd, vielleicht. Jochen Malmsheimers Auftritt beim Göttinger Kultursommer, welcher just am Tage zuvor begann, beschert dem Deutschen Theater ein volles Haus. Der Altersdurchschnitt ein wenig unter dem des üblichen Kabarettpublikums amüsiert sich dieses auf das Beste; nimmt man Applaus, Lacher und meine Sitznachbarin zur rechten als Maßstab.

Herrn Malmsheimers Wortkunst beschreiben? Diese funkelnde Verquickung althergebrachter Substantive mit obsolet gewordenen Verben, verwoben mit nicht enden wollenden Katarakten irisierender Epitheta in dürres Satzgewand kleiden? Unmöglich.

Nach Einleitungsworten zum „Kultursommer“ seitens der Stadt betritt der Künstler die Bühne: Tisch/Stuhl mit Mikrophon sowie ein Standmikrophon sind alle nötigen äußeren Zutaten für die nächsten zwei Stunden. Die Tontechnik hat das Ihre ausgezeichnet erledigt, um die Stimme des Wortakrobaten, welche vom Wispern bis in Stentors Reiche sich aller Schattierungen bedient, in den Saal zu bringen. Doch könnte der Mann sicherlich ohne alle Hilfsmittel den Raum füllen. Photographieren, mit oder ohne Blitz, sei verboten, so des Künstlers Hinweis – doch Zeichnung, Aquarell, Ölgemälde, Kaltnadelradierung wäre möglich, „sogar abtöpfern können Sie mich“. Dann geht es los.

„Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlagen (nach Erasco von Rotterdam)“ heißt das aktuelle Programm. Banales, Alltägliches durch sprachliche Er- und Überhöhung ins Groteske zu ziehen; knallharte Kalauer dabei nicht zu verschmähen; ab und an verbunden mit Kommentaren zum derzeitigen Stand der Dinge – all dies zeichnete bisher die Programme J. Malmsheimers aus. - Dieses ist, täuscht der Eindruck nicht, vom Anspruch her anders.

In die „literarisch unnützeste aller Formern“, das Reisetagebuch, hat Herr Malmsheimer sein emphatisches Bekenntnis zu Toleranz durch Bildung gepackt. - Die Gattin hat den Gemahl zu einer Städtereise nach Venedig „überredet“, via Bus. Knieprobleme bei Busreisen und die Standardfarbe aller Busreisenden (Beige, alle Schattierungen inkl. „Marinebeige“) sind lockerer Auftakt; Antritt und Verlauf dieser Reise, unterbrochen von Traum- und Rückblicksequenzen, der Rahmen, in dem sich das folgende Wortgewitter vollzieht. Der Doge der Suppe spielt dabei am Ende eine überraschende Hauptrolle. Das Reiseziel selbst dagegen weniger.

In den Traumsequenzen treten die Helden der Malmsheimerschen Lektüre auf – von Winne-one über Kapitän Ahab, Long John Silver, den listenreichen Odysseus bis hin zu Winne-two – und werben für: Durch Lektüre die Fähigkeit erwerben, eine andere Position einzunehmen und daraus folgend Einsicht, Toleranz, Kritikfähigkeit (auch für sich selbst) zu erlangen. Da die Figuren aus den Büchern dies nicht selbst in die Welt tragen können, ist es Aufgabe der Leserinnen/des Lesers dies zu tun – und somit für eine bessere Welt zu sorgen.

Am Ende - vor der launig, un-sinnigen Zugabe - wechselt das Licht: Nun spricht, ganz unverkennbar, nicht das Bühnen-Ich, sondern J. Malmsheimer jenen Appell in unverzierten Worten noch einmal aus. Dieser explizit auf Gedanken, Personen des Heute (AfD, Pegida, Hr. Höcke et cetera) bezogene Appell findet den starken Applaus des Hauses.

Wer, wie Herr Malmsheimer, vom Florettchen bis zum überschweren Mörser über alle Waffen aus dem Arsenal der Worte verfügt – darf er zur Verunglimpfung Andersdenkender beitragen, die er jenen wiederum zu recht vorhält?
Gesetzt den Fall alle Menschen hätten den gleichen Kanon erbaulich-skeptischer Bücher von Epikur, Kant, Melville bis N.N. gelesen, kämen sie tatsächlich, wie es dieses Kabarettprogramm insinuiert, notwendig und zwangsläufig zu den gleichen Schlüssen?

Que sais-je?

 

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