Airi Suzuki in der Göttinger Stadthalle

„Stars von Morgen“ mit dem Göttinger Symphonie Orchester in der Stadthalle

Unterschiedlicher hätten die „Stars von morgen“, die Christoph-Mathias Mueller nach Göttingen eingeladen hatte, sich nicht präsentieren können: die eine (Airi Suzuki, aus der Klasse von Krzysztof Wegrzyn) trat mit dem berühmten Violinkonzert Nr. 1 g-Moll von Max Bruch an, die andere (Annika Treutler, aus der Klasse Bernd Goetzke) mit dem 2. Klavierkonzert B-Dur von Johannes Brahms. Hier das hoch-romantische und sehr emotionale Violinkonzert, dort das anspruchsvolle und etwas sperrig wirkende Klavierkonzert.

Die Besucher des letzten Saisonkonzertes im Philharmonischen Zyklus I in der Göttinger Stadthalle genossen beides. Zunächst ließ Chefdirigent Mueller aber Beethovens Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ erklingen. Diese erste komponierte Schauspiel-Ouvertüre Beethovens ist ungefähr zur Zeit seiner ersten Sinfonie entstanden. Und doch greift sie weiter: Beethoven experimentiert mit den Effekten, die später als typisch für ihn gelten: so wechseln die Tempi zum Teil abrupt oder es werden unterschiedliche Stimmungen vertont – und das alles in nur fünf Minuten. Christoph-Mathias Mueller zeigte eindrucksvoll, zu welchem Niveau er sein Göttinger Symphonie Orchester geführt hat: hellwach reagierten die Musiker auf kleinste Veränderungen im Ausdruck, die ihr Chefdirigent von ihnen abverlangte.

Das setzte sich bei Bruchs Violinkonzert nahtlos fort: die 28jährige Violinistin Airi Suzuki packte die Musik bei ihren Wurzeln. Sie ließ ihr Instrument singen, ihr Ton wirkte nie anstrengend. Er war aber auch niemals fordernd, bisweilen eher zurückhaltend. Für das Orchester bedeutete dies, für den Klang der Solovioline Suzukis akustisch Platz zu machen. Bisweilen hätte man sich bei ihr – zum Beispiel im letzten Satz – eine etwas forschere Herangehensweise und etwas stärkere Akzente gewünscht. Allerdings ist es sehr beachtlich für die junge Künstlerin, nicht die eigene Virtuosität in den Vordergrund zu stellen, sondern den Emotionen den Vortritt zu lassen. Entsprechend ließ sich das Publikum emotional berühren – langanhaltender Applaus für Airi Suzuki war die Konsequenz daraus.

Annika Treutler ist genauso jung wie Suzuki. Ob sie ihre Emotionen bei ihrem Klavierspiel unterdrücken musste, war nicht auszumachen. Das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms ist ein formal strenges Werk und stellt zugleich höchste Anforderungen an die Pianistin. Und dennoch gibt es immer wieder intime Momente: etwa bei dem romantischen Hornsolo zu Beginn (John Feider), dem Liedthema in der Klarinette (Manfred Hadaschik) oder dem ausgedehnten Solopart des Cellos (Seo Young Lee). Brahms bindet das Orchester viel stärker in den Ablauf des Solokonzertes ein als die meisten anderen Komponisten. Der Klavierpart erweist sich als äußerst diffizil, und das nicht nur bei den Zuhörern. Annika Treutler ging ihren anspruchsvollen Part beherzt und gekonnt an. Mit großer Reife hielt sie stand und gab den brahmschen Akkordmassen ein Gesicht. Von Aggressionen war in dieser „Symphonie mit obligatem Klavier“ nichts zu hören. Und wie viel Emotionen in Annika Treutler stecken, bewies sie in ihrer Zugabe: im Brahms-Intermezzo op. 116 Nummer 4 konnte sie diese endlich ausspielen.

Eines einte die beiden Solistinnen: sie stellten sich beide absolut in den Dienst der Musik. Beide neigten zu keinem Zeitpunkt zum virtuosen Schaulaufen. Das sind die besten Voraussetzungen, um das Motto des Abends auch in die Tat umzusetzen: Stars von morgen.

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