Gefeierte Premiere der Comedian Harmonists Teil 2 auf der Dombühne

Der kleine grüne Kaktus darf nicht mehr unterhaltsam stacheln. Vorbei ist es mit der Frühlingsbotschaft „Veronika, der Lenz ist da“. Erst recht verabschieden müssen sich die „Comedian Harmonists“ von der musikalischen Botschaft, dass ein guter Freund das Beste sei, was es gibt. Wenn es überhaupt eine Freundschaft war, die Deutschlands erste und erfolgreichste a cappella Formation zusammenhielt und nicht nur noch der Ehrgeiz und lukrative Plattenverträge. 1935 ist Schluss mit den gefeierten fünf Stimmen und ihrem Pianisten. Im nationalsozialistischen Deutschland verbietet sich eine Besetzung mit drei Juden und drei Arien. Mit dem endgültigen Bruch beginnt auch die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte, an die „Comedian Harmonists Teil 2“ unmittelbar anknüpft. Zur Eröffnung der Domfestspiele inszenierte Sandra Wissmann ein berührendes musikalisches Schauspiel mit einem großartigen Solisten, das bereits mit den ersten Bildern nachdenklich stimmt und auch ein bisschen sentimental.

Viele Premierenbesucher erinnern sich noch an die Inszenierung von Intendant Achim Lenz, die Stationen einer Erfolgsgeschichte und ihren Motor Harry Frommermann, der allen Hungerrationen und vielen frostigen Probenächten zum Trotz der Idee einer stimmstarken Formation verschrieben hatte. Die „Comedian Harmonists“ sollten dann auch dem Schlagerbiedersinn mit Witz und Charme die perfekt arrangierte musikalische Unterhaltung entgegensetzen, die Plattenfirmen auf den Plan rufen und eine riesige Fangemeinde mit Wochenend‘ und Sonnenschein bei Laune halten.

Jetzt verzweifelt dieser Harry Frommermann umgeben von Tonbändern, Schallplatten, Mischpult und unzähligen Mementos von früher an seinem letzten großen Plan, alle Instrumente eines Orchesters mit seiner Stimme zum Klingen zu bringen. Stephan Ullrich hat sich mit Kopfhörern in einem kleinen Refugium im Bühnenboden verschanzt, ohne sich von diesen Erinnerungen lösen zu können, die er immer wieder am Mikrofon ankündigt. Die durchlebt jetzt rückblickend Pilipp Nowiki als jüngerer Harry Frommermann auf der Dombühne mit den früheren und späteren Gefährten. Mit DavidSchuler als Ari Leschnikoff, Lucas Beyer als Erich Colli, Fehmi Göklü in der Rolle des Roman Cycowski und Dominik Müller als Robert Biberti, begleitet von Christian Nolte am Flügel, der als musikalischen Leiter des Abends den Part von Erwin Bootz übernommen hat.

Schon die Bühnenausstattung nimmt unmittelbar für das Stationendrama ein, das sich nun vollzieht Es gibt drei Bühnenräume, die sich um die Spielfläche arrangieren, von weißen Passepartouts gerahmt werden und mit ihren gezackten Rändern an alte Fotografien erinnern. Hier werden die jüdischen Kollegen vertraglich abgespeist, die nach Österreich flüchten und sich dort als „Comedy Harmonists“ schon bald den früheren Erfolgen annähern, mehr mit englischen Texten arbeiten und mit Arrangements, die auch mal jazzig swingen dürfen. Hier beginnt auch der Abstieg für das „Meistersextett“ um Robert Roberti mit Frohsinntexten und volksnaher Unterhaltung. Die Geschäfte gehen nicht gut, bei den Tourneen lässt vorwiegend die Provinz grüßen und das Meistersextett muss sich schließlich mehr mit Werbejingles behaupten, bis es als völkisches Kulturgut für überflüssig erklärt wird. Auch für Frommermann und seine Überlebenskünstler läuft nicht lange alles zum Besten. Wieder müssen sie bei Null anfangen als Österreich dem NS-Regime seine Gefolgschaft erklärt und dann erneut, als die Vereinigten Staaten für den 2. Weltkrieg mobilisieren.

Nicht mal spöttisch ironisch lässt sich verschmerzen das die besseren Entertainer mit der stilvolleren Choreographie jetzt ihre Fräcke an den Haken hängen können, als Kantor in ein anderes musikalisches Lager wechseln oder wie Frommermann die Army mit Entertainment versorgen. Trotzdem werden die Koffer und die Hüte nie von der Bühne verschwinden, denn nichts wendet sich wirklich zum besseren. Harry möchte so gern noch ein bisschen träumen, während sein alter Ego bei den Nürnberger Prozessen als Übersetzer arbeitet und danach als Nachrichtenoffizier. Stephan Ullrich vernimmt in seinem Refugium noch die vertraute Stimme seiner Erika und seinen letzten emotionalen Rettungsanker am Telefon. „Stormy Weather“ hatte Frommermann für seine „Comedy Comedians“ arrangiert. Das Leben wird sich für ihn nicht mehr aufhellen, nicht in diversen Jobs und einer Odyssee zwischen den Kontinenten.

Regisseurin Sandra Wissmann hat eine wunderbare Balance für ihre Inszenierung gefunden. Natürlich geht es dabei immer auch um Songs und um die stimmstarken Solisten und ihr feines a-cappella timing. Aber der Abend wird nicht zur musikalischen Zeitchronik mit Revuecharakter. Auf der Dombühne entfaltet sich eine musikalische Erzählung voller tragischer und Zwischentöne und einem berührenden Finale. Mit diesem Abschiedsständchen „ Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein!“ für einen müden Harry Frommermann, dessen kleines bisschen Glück nicht lange angehalten hat und nun in seinen Träumen ruht. Bei der ersten Zugabe kommt dann unter großem Beifall noch einmal „Wochenend’ und Sonnenschein“ Stimmung auf. Die zweite färbt dann wieder dieses nachdenkliche Schlussbild ein. „Guter Mond, du gehst so stille“ wirkt nach als bewegender Abgesang

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