Anastasija Moskvina

Perspektive Zentralasien - Kulturelle Begegnungen mit dem Göttinger Symphonie Orchester

Die Musikgeschichte ist voller Schätze. Dafür wird Christoph-Mathias Mueller immer wieder gern zum Schatzgräber. Selbst nach kleinen Preziosen hält der Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters Ausschau, wie sie nun auch im Zyklus „Kulturelle Begegnungen“ funkeln dürfen. Die Ouvertüre über russische und kirgisische Volksthemen von Dmitri Schostakowitsch ebenso wie Alexander Borodins Steppenskizze aus Mittelasien oder Aram Chatschaturjans Konzertarien für hohe Stimme und Orchester, in denen er armenische Poesie vertonte.

Unter dem Motto „Perspektive Zentralasien“ widmen sich die Musiker einer musikalischen terra incognita, die aus der Ferne unmittelbar nach Mitteleuropa und strahlt und die Zuhörer mit Motiven aus Tadschikistan und Kirgisien symphonisch umschwärmt und bestürmt. Wahrlich stürmisch entfaltet sich bereits der Auftakt an diesem Abend der musikalischen Reisebilder, in denen die russischen Komponisten ihre Werke mit den Schätzen der Volksmusik ihrer asiatischen Nachbarn verwebten. Zwischen die Holzbläser und die Streicher mit den Motiven aus der Tradition Kirgisien bettete Schostakowitsch das russische Volkliedmotiv mit einem Hornsolo ein und formt daraus eine Begegnung, in der die Stimmen aufblühen und gelegentlich auftrumpfen dürfen. Ganz im Sinne eines offenen Miteinanders der kontrastierenden Melodien.

„In der einförmigen sandigen Steppe Mittelasiens erklingen die bisher fremden Töne eines friedlichen russischen Liedes“ schrieb Alexander Borodin über seine „Steppenskizze“, in der sich eine Karawane annähert und mit ihr der „eigentümliche Klang einer morgenländischen Weise“. Es ist ein sanfter musikalischer Zauber, den die Musiker hier mit dem Scheinbar Fremden und Eigentümlichen zum Klingen bringen, als ob die Melodielinien über der Landschaft schweben. Die poetische Atmosphäre vertieft Mueller mit der Entdeckung eines weiteren Schatzes von Aram Chatschaturjan. Aus den Konzertarien für hohe Stimme und Orchester spricht die Leidenschaft und die Emphase armenischer Volksdichtung. Mit der russischen Sopranistin Anastasija Moskvina hatte Mueller auch die ideale Interpretin für diesen Kosmos der Emotionen an seiner Seite. Musikalische Poesie pur erlebten die Zuhörer im Deutschen Theater in all ihren dramatischen und empfindsamen Dimensionen.

Natur- und Landschaftsimpression sind ein zentrales Motiv in den Kompositionen, die sich um das Konzertmotto „Perspektive Zentralasien“ ranken. Ihnen widmet sich das GSO auch mit der „Tadschikischen Suite“, in der Lew Knipper diese wunderbar atmosphärischen Bilder von wilden Flussläufen und dem Panorama des Pamir-Gebirges in musikalische Farben taucht.

Eine weitere Klangfarbe, die nicht nur russische und zentralasiatische Motive in einem musikalischen Dialog vereint, lässt Alexander Weprik in seine Suite über kirgistische Themen einfließen. Mit den traditionellen jüdischen Motiven, in denen die Geigen die Stimmen der Sehnsucht anklingen lassen und von den Bläsern in hoffnungsvolle Signale übertragen werden. Es ist auch eine besondere Aufbruchstimmung, wie sie die Musiker in Wepriks Suite zum Ausdruck bringen.

Seine erfrischend klare und expressiv reflektierende Tonsprache boykottierten später nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch das Sowjetsystem, das Weprik zu acht Jahren Lagerhaft im Gulag verurteilte. Den jüdisch-russischen Komponisten dem Vergessen zu entreißen ist ein Herzensanliegen Muellers über diesen Abend der kulturellen Begegnungen hinaus. Seiner symphonischen Musik widmet das GSO das Konzert zur Eröffnung der nächsten Saison und eine CD-Aufnahme, in der auch die Suite über kirgisische Themen erneut ihren harmonischen Reichtum in seiner melodischen Fülle entfaltet.

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