„Kabale und Liebe“ in Bad Gandersheim

Schillers „Kabale und Liebe“ auf der Dombühne in Bad Gandersheim

Die Geschichte der Kinder beginnt bei den Eltern. Bei einer Mutter, die voller Sehnsucht auf die Liebe ihrer Tochter Blickt blickt, und mit einem Vater, der sich an sein einziges Kind klammert. Friedrich Schiller schrieb mit „Kabale und Liebe“ ein Stück über große Gefühle, die zwischen Standesgrenzen und Herrschaftsinteressen aufgerieben werden. Aber er vergräbt sich dabei eben auch in den Untiefen eines machtbesessenen Vaters, der den jungen Karrierekandidaten Ferdinand für seine Zwecke missbraucht. Schon unter diesen Voraussetzungen hat das verliebte Paar kaum eine Chance. Erst recht nicht, wenn sie auch noch von eifersüchtigen und liebeshungrigen Zeitgenossen vereinnahmt werden. Verdächtig oft fällt der Satz „ Du bist mein“ auf der Dombühne in immer neuen Variationen. So als ob sich Gefühle einfach so in Besitz nehmen lassen wie die Ergebnisse eines lukrativen Geschäftes. Da da gehen Schillers Figuren auch schon mal über Leichen.

Das Schauspiel hat es immer ein bisschen schwerer bei den Domfestspielen, sich gegen die Konkurrenz der Musicalproduktionen durchzusetzen .Das könnte sich in diesem Sommer anders darstellen. Intendant Achim Lenz inszenierte mit „Kabale und Liebe“ einen grandiosen Theaterabend, der nicht nur hellhörig macht für die Sprache Schillers und wie seine Figuren dahinter oft auch ihre wahren Absichten tarnen. Er hat mit Ausstatterin Sandra Becker auch den Raum dafür geschaffen, um diese unsäglichen Tarnmanöver als das zu entschlüsseln, was sie sind. Ausdruck von Macht und Gier, wie sie das Gefühlsleben mehr und mehr zu beherrschen scheinen.

Das riesige Panorama der Dombühne hat sich in eine Kampfzone für ein Kammerspiel verwandelt, um so auch die Zuschauer ganz unmittelbar für Schillers dramatisches Kräftemessen einer Gesellschaft von Egomanen berührbar zu machen, die mit der Vision eines gemeinsamen Miteinanders schon lange nichts mehr im Sinn hat. Eine quadratische dunkle Wand mit einer Tür verdeckt das Portal. Auf diese Größe ist auch die Spielfläche geschrumpft, auf der sich die gleichen wilden Muster spiegeln, die an vulkanische Glut denken lassen und wie sie sich allmählich ausbreitet und alles verbrennt. Es gibt nur noch zwei Bänke, die in den Szenen immer wieder neu verstellt werden, weil jeder seinen Platz in diesem Stellungsspiel für sich justiert.

Glücklich und verspielt, enthusiastisch, leidenschaftlich verträumt. Das sind Luise, die Tochter des Hofmusikers Miller und Ferdinand, der Sohn des Präsidenten von Walter, die wenigstens für einen Augenblick in diesem Glücksmoment verweilen dürfen. Es ist die Unbedingtheit dieser Liebe, die Kristin Scheinhütte und Michael Sikorski zunächst noch aller Bedenkenträger zum Trotz leben, egal wie naiv und unrealistisch sie anmuten mag. Wenn Vater Miller glaubt, dass seine Tochter nur als adeliges Spielzeug missbraucht wird, entlarvt Jan Kämmerer in ihm nicht nur einen ängstlich panischen Zeitgenossen entlarvt sondern auch den angepassten Kleinbürger, der es sich mit der Obrigkeit nicht verscherzen will. Umso spannender fällt die Reaktion seiner Frau aus, die Susanna Panzer als kettenrauchende Beobachterin der Ereignisse so scheinbar stoisch reagieren lässt. Als ob in dieser Millerin die Träume und Hoffnungen nochmal aufkeimen, die im Alltag unter die Räder kamen und jetzt von der Tochter so leidenschaftlich erfrischend gelebt werden.

Dieser Sekretär Wurm, den Marco Luca Castelli als schleimigen Opportunisten um die Gunst Luises lavieren lässt, wäre als Heiratskandidat unerträglich. Doch es pokern auch andere in seinem Sinne, Luise und Ferdinand endlich auseinanderzutreiben. Stephan Ullrich als Präsident von Walter ist auch als Vater vor allem Zyniker, Intrigant und Spekulant, um das erfolgreiche Familiengeschäftsmodell abzusichern und seinem Sohn mit Lady Milford die passende Partie diktieren will. Selbst wenn Felicitas Heyering als fürstliche Ex-Mätresse dieses Planspiel schließlich unter den wachsamen Blicken ihrer Diener Sophie (Denise Kiesow) hintertreibt und selbst verzweifelt um Emotionen schachert, die nichteinfach so zu haben sind, findet sich in Dominik Müllers eitel dümmlichen Spekulanten Hofmarschall von Kalb noch eine intrigante Schachfigur.

Achim Lenz verfolgt in Schillers dramatischer Attacke auf die Ständegesellschaft von 1784 natürlich auch den ewigen Generationenkonflikt, wo sich die Rebellion vor in großen Gefühlen entlädt. Aus den damals herrschenden hierarchischen Verhältnisse lässt sich ein Kräftemessen von Parteilichkeiten ableiten, wie es aktueller nicht sein könnte, wenn Kinder auch emotional auf eine erfolgversprechende Zukunft getrimmt werden und darin ständig ein „was tust Du mir an“ lauert, damit sie ihre Ausbruchsversuche aufgeben. Auch bei Schillers Liebespaar trügt schon bald der glückliche Schein, denn dieser Ferdinand ist auch der fordernde Sohn eines erfolgsbesessenen Vaters, der seiner Luise schon dann misstraut, wenn sie die Verhältnisse durchschaut, in denen wahrhaftige Gefühle ohne Renditeoption fehl am Platz sind. Selbst Miller hält schließlich die Hand auf, während er sich über die Niederträchtigkeiten gegen seine Tochter empört. Aber auch damit hat es ein Ende, wenn sich die Nutznießer des Komplotts nach dem Tod des Paares zum Klagegesang versammeln, um mit einigen Blessuren vermutlich wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Die Kampfzone werden sie nicht verlassen, anders als Ferdinand und Luise, denen Achim Lenz das Schlussbild in diesem dramatischen Kräftemessen widmet. Die beiden jugendlichen Stürmer und Dränger, die sich nicht an den Verhältnissen messen lassen wollen sind nicht tot zu kriegen. Und so kehren Vätern, Müttern und anderen Glücksspekulanten einfach den Rücken und wagen einen neuen Versuch während alle anderen weiter im Scheinwerferlicht dieser schaurigen Verhältnisse verharren.

Die nächsten Vorstellungen sind am 25.6., 29.6., 2.7. und 8.7. Weitere Termine unter http://domfestspiele-gandersheim.de 

Kommentare powered by CComment

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Lieber Gast,
vielen Dank für Ihr Interesse an den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Die Erstellung von Terminen und Texten kostet Geld - denn es sind Menschen, die diese Termine erfassen oder die Texte schreiben. Deshalb bitten wir Sie, entweder ein Abonnement abzuschließen oder für diesen einzelnen Beitrag einen Betrag zu bezahlen.
Vielen Dank!
Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok