Das Artwork Ensemble in der Alten Fechthalle in Göttingen

Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik in der Alten Fechthalle

Manche Töne ecken einfach an, um dann von rhythmischen Stolperfallen angelockt zu werden. Oder es treibt sie in den offenen Klangraum, wo sie sich dann verflüchtigen. Andere bäumen sich immer wieder stürmisch auf und entladen sich in den assoziationsreichen Spannungsverhältnissen, die dieses Konzert in der Reihe Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik in der Alten Fechthalle prägen.

Es sind abenteuerliche musikalische Dialoge, in die sich hier die Musiker des „Artwork Ensemble“ mit zwei Flügeln und zwei Schlagzeugen begeben. Ohne die vertrauten melodischen Strukturen, die dem Zuhörer Halt geben könnten, ähnlich wie das Gerüst einer formalen Zuschreibung. Aber auch auf Bela Bartoks Bezeichnung „Sonate für 2 Klaviere und Schlagzeug“ ist in diesem Fall kein Verlass, selbst wenn sie mit klassischen Tempobezeichnungen wie Assai Lento oder Allegro Molto versehen ist. Auch hier werden die harmonischen Muster immer wieder aufgebrochen und rhythmisch moduliert, die vermeintliche Sonatenordnung einfach gesprengt.

Auch der zweite Göttinger Abend Zeitgenössischer Musik versteht sich als Gesprächskonzert, um den Zuhörern Anhaltspunkte zum Verständnis der musikalischen Freiräume und möglicher Lesarten zu geben Und so erkundet der Göttinger Komponist Bernd Schumann als Initiator dieser Konzertreihe zunächst im Gespräch mit dem Detmolder Komponisten Martin Christoph Redel die Motive seiner Komposition „Resonanz“. Das Klavier korrespondiert dabei als perkussiver Resonanzkörper mit dem Schlagzeug korrespondiert, es entstehen mit Saiten, Tasten und Hämmern wunderbare Trommelwirbel, und rhythmische Schwingungen bereichern die Tonfarben. Redel verweist auch auf Bartoks Sonate und Motive von George Crumb, die er dabei zitiert hat, bevor das „Artwork Ensemble“ in seinen Resonanzen die musikalischen Fantasien eines Klangbildmalers erkundet.

An den Flügeln entfachen Nenad Lecic und Hajdi Elzeser einen Klangkosmos, in dem es blitzt und funkelt, in dunklen Tönen rumort und von Yoana Varbanova und Andrey Doynikov an den Schlagzeugen weiter aufgeladen und nuanciert wird. Faszinierend sind auch die Momente von Andacht, die sich zwischen den pulsierenden Klangströmen ebenfalls entfalten, als ob sich darin der Klang der Stille spiegelt.

Auf ein weiteres Feld der Neuen Musik lockt Bernd Schumanns Komposition „Ungestörte Kreise“, die an diesem Abend uraufgeführt wurde. Mit elektronisch angereicherten und digitalisierten Klangbildern, die wellenförmig zirkulieren, bestärkt von den percussiven Schwingungen der Gongs und der Becken und immer wieder dramatisch geflügelt von Akkorden und Clustern an den beiden Flügeln.

Wunderbar spielerische Energien entladen sich rhythmisch und harmonisch in Bartoks Sonate. Die melodischen Motive werden angetrieben werden, dürfen ausufern und ausflocken, um immer wieder taktlos ausgebremst eine harmonische Wendung zu erfahren, die den dissonanten Aufruhr nicht scheut. Mitunter grooved und swingt es bei Bartok, der dann auch ein paar vergnügliche Walzertakte einstreut und den beiden Pianisten schon bald ein weiteres rasantes Intermezzo gönnt, eingefärbt und akzentuiert von Trommel und Becken, Gong und Xylophon. In viele Passagen erinnert die Sonate an romantischen Wildwuchs, der sich stürmisch ausbreitet ohne zu bedrängen, um auch in faszinierende Andachtsräume vorzudringen. Dann gleiten die Töne dahin wie Sand, der nahezu lautlos rieselt und darin umso inniger berührt.

Spuren von Bartok nahm auch George Crumb in seine „Musik For A Summer Evening“ auf, um daraus ein Wunderwerk an Tönen, Klängen, Stimmen und Stimmfarben zu zaubern. Es tönt aus Tasten, Saiten und Resonanzböden, die mit dem Schimmer von Klangschalen und Röhrenglocken verwebt werden, mit Flötentönen und auch mit dem Stimmen der Musiker. Vielleicht ist da auch ein bisschen Magie im Spiel! Und natürlich viel mehr als nur die absolute Präzision, mit der das „Artwork Ensemble“ Crumbs Klangbildschöpfungen gestaltet und dabei diese verführerischen Spuren legt. Darin lässt sich auch leichten Sinnes irrlichtern – und das ohne Netz und doppelten Boden. Es bleibt eben nicht beim schlichten Flanieren zwischen den lyrischen und mythischen Motiven oder den vielen kleinen Unruheherden, die dann auch eine platonisch anmutende Wendung nehmen können, um aufs Neue aufmunternd auszuschwärmen. Deren Wirkung ist so erfrischend und belebend, dass sie ganz unmittelbar neugierig macht, was wohl als nächstes passiert. Neugierig macht dieses musikalische Abenteuer mit zwei Flügeln und zwei Schlagzeugen auch auf weitere Klangexpeditionen in die Zeitgenössische Musik.

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