Konzert zum Sonnenaufgang

Die Sonne meinte es gut. Vor allem mit Joseph Haydn beim Konzert zum Sonnenaufgang am Seeburger See. Da hatte Avinoam Shalev die Zuhörer im Restaurant Graf Isang allerdings längst mit den feinsilbrigen Klangfarben seines Clavichords verzaubert. Sie mussten schon sehr genau zuhören, um all die zarten Facetten auf sich wirken zu lassen, wie sie in Antonio de Calbezòns musikalischer Miniatur „Versos del sexto tono“ und auch in John Bulls Komposition „Walsingham“ luftig davon zu schweben schienen. Bis mit Haydns Sonata g-Moll und seinem Divertimento A-Dur auch dramatische und rhythmische Kontraste ins Spiel kamen – und dazu der versprochene „Sunrise!“. Zu diesem glitten die Rotmilane über den Horizont, ein paar zwitschernde Zeitgenossen kommentierten die wärmende gelbe Kugel und die pastellfarbenen Wolkengebilde.

Die Idylle pur komplettierten die frühen Ruderer, die scheinbar lautlos über das Wasser glitten, während der israelische Pianist seinem Instrument auch eine percussive Farbigkeit entlockt. Immer wieder lässt das dunkle Metrum an den vibrierenden Ton einer afrikanischen Trommel denken lässt und nicht an ein Tasteninstrument, manchmal sogar an ein Cello, dessen Saiten kraftvoll gezupft werden.

Spätestens bei den tänzerischen Fantasien in Haydns „Menuet Trio“ hatte sich der letzte Rest von Müdigkeit angesichts des frühen Konzertbeginns um 5 Uhr morgens verflüchtigt. Avinoam Shalev ließ mit Bach Präludien und Fugen und einen „canto del Cacallero“ von Antonio de Cabezón wieder filigrane moments musicaux folgen. Er verknüpfte sein Konzertprogramm so auch mit einer kleinen Zeitreise zur Geschichte des Clavichords, das sich neben dem Cembalo sehr lange behauptete. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte das Instrument einen Tastenumfang von vier Oktaven, im 18. Jahrhundert wurden es fünf und mehr. Es klingt noch zarter als das bekanntere Tasteninstrument, das so viele kammermusikalischen Begegnungen in der Ära von Bach, Händel und ihren Zeitgenossen prägt. Und es macht noch hellhöriger für die besondere Qualität einer Komposition.

Viele Konzertabstecher in die Region führten auch in diesem Jahr bei den Internationalen Händel-Festspielen an reizvolle historische Konzertbühnen. Es ist natürlich etwas Besonderes, Musik in einer Einhornhöhle zu hören oder im Kapitel eines Klosters. Aber zu früher Stunde wie unter dem Motto „Sunrise!“ kommt noch die meditative Stimmung hinzu, die sich bei der Anreise vermittelt. Die die Landschaft mutet noch ein bisschen dunstig eingebettet an. Und dann ist noch die Aussicht auf einen Panoramablick über die Seeburger See. Wenn diese wie an diesem Morgen mit den Klangfarben des Clavichords harmoniert, entsteht Idylle pur und der pure Genuss.

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