„Luther in Worms“ von Ludwig Meinardus in der Göttinger Johanniskirche

Ludwig Meinardus hat sein Oratorium „Luther in Worms“ im Jahr 1872 komponiert. Die Sicht auf den Reichstag zu Worms und das damalige „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ war natürlich stark beeinflusst durch das noch junge Deutsche Reich, das nach dem deutsch-französischen Krieg entstanden war. Es herrschte eine große nationale Euphorie, die heute kaum noch nachvollziehbar ist. Die Schwierigkeit, die Texte aus dem Oratorium einfach so in der Kirche zu singen, haben die Choristen der Göttinger Stadtkantorei Werner Lamke und Wilfried Bergau-Braune vor dem Konzertbeginn aufgegriffen und erläutert.

Auf diese Weise informiert konnten sowohl das Publikum das Werk historisch gut einordnen als auch die Sängerinnen und Sänger der Kantorei befreit aufsingen. Und das tat die Göttinger Stadtkantorei auch. Ludwig Meinardus setzte den Chor ganz in antiker Manier als Kommentator ein, aber auch als Volksmenge, als Pilger, Nonnen, als Anhänger Roms oder Luthers. Die Choristen wurden ihren Rollen mehr als gerecht: andächtig sangen die Nonnen das „Misere nobis“ oder der Männerchor den Pilgergesang. Aufgebracht und emotionsgeladen schaukelten sich die beiden Chöre als „Anhänger Roms“ und die „Anhänger Luthers“ gegenseitig auf. (Nebenbei konnte man amüsiert feststellen, dass die zweite Vorsitzende des katholischen Dekanatspastoralrats bei den „Römern“ sang, während die Ehefrau des lutherischen Superintendenten bei den Anhängern Luthers zu finden war.)

Die Göttinger Stadtkantorei bewältigte ihren anspruchsvollen und ausgesprochen vielseitigen, vor allem aber auch umfangreichen Part bravourös. Besetzt mit vielen jungen Stimmen im Chor ergab sich ein frischer und präsenter Chorklang. Es dürften nicht viele mitgesungen haben, die bei der letzten Aufführung im Jahr 1983 unter der Leitung von Hermann Amlung bereits dabei waren.

Die Leitung an diesem Abend hatte sein Nachfolger Bernd Eberhardt. Welche Arbeit er zu leisten hatte, konnte man ahnen, als vor Beginn der Aufführung die überaus umfangreiche Partitur auf seinem Pult lag. Eberhardt hatte im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun, Chor, Orchester und Solisten zu leiten. Ein wenig litten darunter die dynamischen Differenzierungen, die Meinardus möglicherweise vorgesehen hat, nur Anfangs zeigten sich die Piano-Qualitäten von Chor und Orchester. Im Laufe des Werkes erklang ein nahezu dauerhaftes Forte, das zwar nicht angestrengt klang, aber bisweilen für die eigenen Ohren anstrengend war.

Für die Musikerinnen und Musiker des Göttinger Symphonie Orchesters waren die knapp drei Stunden der Aufführung durchaus auch ein Kraftakt: Meinardus beschäftigte fast durchgehend das gesamte Orchester im Tutti und forderte durch ständige Takt- und Tempowechsel ständige Konzentration ein. Bernd Eberhardt ließ nicht locker – und so entstand ein sehr beweglicher, großer Klang.

Dass die Konzentration auch im Publikum fortwährend hoch war, ist auch den Solisten zu verdanken. Meinardus hat bereits in der Partitur für eine lebendige Dramaturgie gesorgt. Diese Vorlage nutzten Stephanie Henke (Sopran), Anna Haase (Alt), Clemens Löschmann (Tenor), Andreas Scheibner (Bariton) und Jürgen Orelly (Bass). Sie mussten zum Teil jeweils unterschiedliche Rollen übernehmen und darstellen. Das gelang Orelly und Löschmann sowohl optisch durch den Einsatz von diversen Schals als auch stimmlich: gerade Orelly bewies eine große gestalterische Vielfalt mit seiner Stimme. Clemens Löschmann als Justus Jonas und als Kaiser Karl der V. gestaltete seine Partien zusätzlich noch mit Mimik und Zwischentönen – es war eine Wonne, ihn singen zu hören.

Andreas Scheibner verkörperte Martin Luther. Auch ohne Rollenwechsel gestaltete er seinen Part äußerst vielseitig: sein Gebet war andächtig und seine anfängliche Unsicherheit vor dem Kaiser war großartig.

Stephanie Henke als Nonne Katarina von Bora gestaltete ihre Partie mit großem Einfühlungsvermögen. Ihre helle Stimme hatte einen warmen Glanz, der wunderbar zu Luthers späterer Frau passte.

Anna Haase als Marta hatte nur eine kleine Partie zu singen, konnte aber darin ihren großen Stimmumfang beweisen. Tritt sie als Sängerin vorzugsweise als Mezzosopranistin an, zeigte sie große Qualitäten auch in besonders tiefen Lagen.

Ulrich von Hutten alias Jürgen Orelly sang „Gedenk an Huss!“: das kann auch als Einladung zum Reformationstag am 31. Oktober verstanden werden: dann führt die Jacobikantorei in ihrem Festkonzert zu 500 Jahre Reformation das szenische Oratorium „Jan Hus“ von Carl Loewe (1796-1869) auf. Hier wird eine ähnliche Geschichte erzählt, und auch dieses fast vergessene Werk wird eine Entdeckung sein.

„Luther in Worms“ war auf jeden Fall eine gelungene Entdeckung. Im Detail gibt es dort viele musikalische Zitate zu entdecken, man konnte den Einfluss Beethovens oder Mendelssohn nicht überhören. Die Entscheidung, den Bogen im Jahr des Reformationsjubiläums derart zu spannen, ist gelungen: im Mai in der Johanniskirche dieses Oratorium aus dem 19. Jahrhundert und am Ende des Kirchenjahres die Uraufführung der Auftragskomposition für die Göttinger Stadtkantorei von Carl Rütti. Am 26. November erklingt erstmals das Oratorium „Emmaus“ des Schweizer Komponisten.

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