Galakonzert mit Dominique Labelle in der Stadthalle

Was für eine wunderbare Tafelgesellschaft. Auf der Stadthallenbühne zelebriert das FestivalOrchester Göttingen ein musikalisches Menü mit Georg Philip Telemanns Ouvertüre D-Dur für zwei Trompeten, Streicher und Basso Continuo. Es geht bei diesem Galakonzert auch um die Kunst des Genießens, die sich hier in der Feinabstimmung der Klangfarben und der stilistischen Nuancierungen widerspiegelt. Man könnte meinen, Telemann hätte bei seinen eleganten, feinsinnig temperierten und manchmal auch poetisch anmutenden Tableaus eine dieser höfischen Gesellschaften im Blickgehabt, die es nach festlichen Klängen für das abendliche Büffet verlangt. Doch hier hat Laurence Cummings den Part des Zeremonienmeisters, der die subtilen Anmerkungen des Komponisten durchschaut hat und die Geschmacksvorlieben seines Hamburger Publikums zu dosieren wusste. Es darf in den kurzweiligen Sätzen auch mal ein Hauch von Pathos mitschwingen, bevor wieder ein tänzerisches Intermezzo fällig ist oder ein bisschen melodische Verspieltheit. Und so beschwingt diese festliche Ouvertüre zum Auftakt des Galakonzertes, das einer sehr klugen Dramaturgie folgt.

Im Mittepunkt des Abends steht natürlich die kanadische Sopranistin Dominique Labelle, sich mit Telemanns „Ino“ einer der großartigsten und zugleich anspruchsvollsten Solokantaten des 18. Jahrhunderts widmet. Einem Himalaya für die Stimme, die in den hoch virtuosen Passagen ebenso gefordert ist wie in der Fülle emotional bewegender Bilder, die Telemanns für seine dramatische musikalische Erzählung ersann. Zunächst begeistert die Sopranistin mit atemberaubenden Koloraturen in Händels Arie „Come nembo che fugge col vento“, in der sie jede artistisch anmutende Verzierung mit meisterhafter Präzision so wunderbar klar und so frei von dramatischen Effekten gestaltet. In Händels Schlaflied aus dem Oratorium Semele „O sleep, why dost you leave me?“ strahlt ihr Sopran in diesem wärmenden Glanz. Beide Arien deuten bereits auf die Herausforderung „Ino“ Kantate mit ihren abenteuerlichen Tonintervallen und den dramatischen Stimmungswechseln und der wärmende Glanz im versöhnliche Finale in der mythologischen Erzählung anrührt und bewegt.

Doch noch beschwingt das FOG mit Telemanns „Conclusion“ e-Moll, die nun wirklich auch als Tafelmusik gedacht war. Unterhaltend und belebend für abendliche Geselligkeiten und einem zauberhaften Flötenduett, mit dem Kate Clark und Bryan Berrymann ihr Publikum verzaubern. Für die Kunst des Genießens werben die Musiker auch mit Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonie in e-Moll und der musikalischen Zeitenwende in die frühe Klassik, die sich wie ein Klanggemälde aus Erdfarben entfaltet. Kraftvoll grundiert mit vielfarbigen Zwischentönen stimmt auch sie auf den Höhepunkt dieses Gala Konzertes ein. Mit dem Monodrama um diese Ino, die sich auf der Flucht vor einem mörderischen Gatten mit ihrem Sohn ins Meer stürzt und von Neptun und seinen Nymphen gerettet wird. Schon die Erzählung ist an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten mit all den Stimmen des Wahnsinns und der Verzweiflung, die Telemann zu einem grandiosen musikalischen Abenteuer verwebte. Stürmisch leidenschaftlich und mit ungeheurer Emphase entfalten sich die Bilder einer zertrümmerten Seelenlandschaft. Cummings lässt das Orchester zum anteilnehmenden Gefährten werden, wenn Dominique Labelle jetzt die wildesten Koloraturen zentriert, die auch keiner expressiven Ausdeutung bedürfen. Bei all dem Aufruhr, den das Libretto bekundet, mit der wilden Verfolgungsjagd, den Panikattacken, dem Sprung von den Klippen und dem erlösenden blauen Abgrund vertieft sich die die Stimme mit jedem Ton noch tiefer in das Innenleben der antiken Sagengestalt und was sie bewegt, bis sie endlich ihren Frieden findet in den Momenten von Erleichterung, Freude und Dankbarkeit über ihre die göttliche Verwandlung.

Dominique Labelle hat noch ein Geschenk für das begeisterte Publikum, das eine Gipfelstürmerin feiert, die Telemanns spätes Meisterwerk mit so Hingabe und Feingefühl bravourös erstrahlen lässt und nun noch einmal wunderbar anrührend bewegt wird: Händels Arie lascia la spina“ als Zugabe.

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