Das Göttinger Symphonie-Orchester unter der Leitung von Keven Griffiths mit der Pianistin Gülsin Onay

„Aus dem Innersten“ lautete die Überschrift über dem 5. Konzert im Philharmonischen Zyklus I des Göttinger Symphonie Orchesters: welch eine treffende Beschreibung!

Vor der Pause gab es Unbekanntes und Bekannte zu begrüßen: auf dem Programm stand die Einleitung zum 1. Akt der Oper „Fervaal“ von Vincent d’Indy (1851–1931). Werk und Komponist sind in den Konzertsälen und Opernhäusern kaum bekannt. Dabei lohnte die Entdeckung: die stark an die Musik Richard Wagners erinnernden Klänge wanderten durch die Instrumentengruppen des Orchesters, Höhepunkt des kurzen Stückes war das Violinsolo der Konzertmeisterin des Abends Seayoung Kim. Die Musik dieser Komposition greift zahlreiche Leitmotive auf, die d’Indy in seiner Oper verarbeitet hat. Trotz des Sujets der Oper (es geht um die Sarazeneneinfälle in Frankreich) wirkt die Musik in sich gekehrt und innig.

Als Gastdirigent übernahm Kevin Griffiths die Leitung des Abends. Er konnte schon mehrfach für Konzerte des Göttinger Orchesters gewonnen werden. Offensichtlich ist auch er ein Kandidat für die Chefrolle – für die er sich durchaus empfohlen hat. Und zwar auch als Conférencier: vor dem Klavierkonzert des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun (1907–1991) übte er mit dem Publikum den Rhythmus der anatolischen Volksweisen, die Saygun verarbeitet hatte.

Solistin war Gülsin Onay, die bei Saygun studiert hat. Onay war in früheren Jahren häufiger Gast in Göttingen, Volker Schmidt-Gertenbach hatte sie mehrfach verpflichtet. Nun gab es ein Wiedersehen und -hören mit dem effektvollen Klavierkonzert eines der bekanntesten türkischen Komponisten des 20. Jahrhundert. Griffiths ließ das Orchester kraftvoll aufspielen, ohne jedoch Onay akustisch zu überdecken. In den lyrischen Passagen konnten Matthias Weiß (Oboe), Matthias Mauerer (Klarinette), Ömür Kazil (Horn), Bettina Bormuth (Flöte) sowie die Hörner um John Feider besonders glänzen.

Die Musik von Ahmed Saygun ist zugänglich und zupackend. Und vor allem ist sie kurzweilig. Ständig gibt es neue Motive, neue Klänge und neue Rhythmen. Vor allem der zweite Satz verdeutlichte das Motto des Abends, hier wirkt Sayguns durchaus melancholisch. Nur schade, dass der Konzertgenuss zwischendurch arg getrübt worden ist:

„Aus dem Innersten“ der Stadthalle erklangen befremdliche Störgeräusche. Manch einer dachte, die Stadthalle würde bereits abgerissen werden. Einige Zuhörer verließen den Saal, um im Foyer irgendjemanden zur Ordnung zu rufen. Dort war aber alles friedlich. Chefdirigent Christoph Mathias Mueller entschuldigte sich nach der Pause öffentlich für die Störungen, deren Ursachen leider nicht gefunden seien. Inzwischen ist das Rätsel gelöst: ein Schwarm Krähen ließ sich auf dem Dach der Stadthalle nieder und machte sich an den Lüftungsrohren zu schaffen. Welche Symbolik – hatte doch wenigen Minuten zuvor der Rat der Stadt Göttingen den Teilabriss und die Grundsanierung des Gebäudes beschlossen.

Die Musikerinnen und Musiker waren durchaus irritiert, ließen aber in ihrem Ausdruck ebensowenig nach wie Gülsin Onay am Flügel. Begeisterter Applaus waren der Lohn, eine Zugabe mit einem Nocturne von Chopin der Dank der Pianistin.

Nach der Pause versprach das Programm „Bewährtes“: die 6. Symphonie von Pjotr Tschaikowski, die „Pathétique“. Kevin Griffiths unterstich seine Qualitäten aber auch hier und ließ eine geradezu aufregende Interpretation erklingen. Er forderte das Orchester in jedem Takt heraus und arbeitete die leidenschaftlichen Empfindungen dieser Musik heraus. Die klagende Einleitung im ersten Satz war subtil gestaltet, die machtvollen Schläge des Orchesters wenig später energiegeladen. Und so ging es in den Folgesätzen weiter. Klagen, Leiden, Verzweiflung und Tod – im Zuschauerraum der Stadthalle spürte man die Emotionen ganz direkt. Für die Instrumentalisten ist das Werk ohnehin besonders anstrengend, weil sie ständig auf das Höchstmaß gefordert sind. Kevin Griffiths die Qualitäten im Orchester voll genutzt und dementsprechend ein Höchstmaß an Qualität als Ergebnis bekommen.

Ergriffen waren offenbar auch die Krähen auf dem Dach. Schweigend hörten sie diese Interpretation, zumindest war von ihnen gottlob nichts mehr zu hören – sie müssen genauso ergriffen gewesen sein wie die Konzertbesucher, die das Orchester erst nach langem Applaus in das Wochenende entließen.

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