Konzert mit dem Bariton David Wakeham unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller

Tragische Liebesgeschichten wie die von Romeo und Julia faszinieren auch in ihrer musikalischen Ausdeutung. Das gilt ebenfalls für das berühmteste Liebespaar der Antike, Orpheus und Eurydike, dem das Göttinger Symphonie Orchester mit Joseph Haydns musikalischem Drama anlässlich der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen einen Opernabend widmet. Als Einstimmung auf die dramatischen Klangbilder hatte Christoph-Mathias Müller Werke von Berlioz, Mahler, Fomin und Strauss für das 5. Konzert im Philharmonischen Zyklus II zusammengestellt. Mit expressiven und poetischen Klangbildern über die Welt der großen Gefühle, wie sie das mythische Liebespaar und Shakespeares jugendliche Träumer bewegten.

Das Leitmotiv „Verklärung“, mit dem das Konzert in der Göttinger Stadthalle überschrieben war, knüpft unmittelbar an das Spielzeitmotto „Sehnsucht und Verklärung“ an, die ja auch das Thema Hoffnung anspricht oder die Frage der Glücksvisionen, auf die die beiden Paare vergeblich vertrauen. Umso mehr bezaubern diese Visionen zunächst in Hector Berlioz Symphonie dramatique „Romeo et Juliette“. Nach der Ouvertüre, in der Hörner und Posaunen das Duell der verfeindeten Familien Capulet und Montague dramatisch forcieren, wird die Liebesszene zum poetischen Sehnsuchtstableau. Aus der Tiefe des Raumes flüstern die Geigen das zarte Aufblühen der Gefühle herbei und werden darin von den Klarinetten und den Celli beflügelt. Es ist ein filigranes Klangbild, das Mueller hier mit den Musikern webt, mit all den Stimmen, von Herzklopfen, Scheu und Zuversicht, die immer wieder in Momenten von Andacht verweilen, wo die Stimmen einander zu bestaunen scheinen.

Die romantische Schwärmerei erfährt ihre tragische Erdung in Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“, der sein Liebesleid und sein zertrümmertes Seelenleben beklagt und auf seiner Wanderung ein trostreiches Echo herbei sehnt. Die inneren Zerreißproben seines Wanderers und sein existenzielles Ringen zwischen Leben und Tod verwandelt Bariton David Wakemann in einen Sturmlauf mit großem Pathos, als sei Mahlers verzweifelter Geselle in eine Wagner Oper geraten und müsse jeden Gedanken an eine lyrische Emphase wegblenden.

Dramatisch bewegend entfaltet sich auch Jewstignej Formins Suite aus seiner symphonischen Dichtung über Orpheus und Eurydike. Sie besänftigt zugleich den pathetischen Aufruhr, den Mahlers Lieder hinterlassen haben, wenn die Musiker mit der temperamentvoll anmutenden Ouvertüre eine Welt der stürmischen Leidenschaften beschreiben. In der darf die die Idee von der Leichtigkeit des Seins zwischen all den Gefühlstürmen und Bewegtheiten auch gern ein bisschen mitschwingen. Mit der Aussicht auf ein Adagio der zarten musikalischen Wellenbewegungen, wo die Klarinetten dem Ruf der Hörner an einen idyllischen Sehnsuchtsort beschwören, an den sich mit dem „Tanz der Furien“ ein musikalisches Gewitter anschließt. Götter, Geister und Dämonen und wie sich das antike Liebespaar heimsuchen, erscheinen in wunderbar expressiven Klangbildern.

Zu gewaltigen Eruptionen kommt es auch in der Tondichtung von Richard Strauss, der in „Tod und Verklärung“ auch an die Alptraumvisionen Goyas denken lässt und wie der Maler in seinen Zeichnungen Todesängste und Todeskämpfe zu reflektieren und zu bannen suchte. Doch Mueller lässt die Projektionsfalle nicht zuschnappen, die in den dramatischen symphonischen Verwerfungen lauert. Natürlich bewegt dieses expressive Klanggemälde auch emotional, wenn man dabei Motive von Krankheit, Fieberwahn, Todeskampf und Erlösung assoziiert, wie sie auch im Programm genannt werden. Aber nicht zuletzt verführt der Titel „Tod und Verklärung“ zu einer Deutung des Werkes, indem es an existenzielle Dimensionen rührt. Verklärung des Todes könnte es ebenso heißen und bewegt an diesem Abend gleichwohl als musikalischer Bildersturm der dramatischen Kontraste. Wie sich die Instrumente wechselseitig bestürmen und wie um jeden Ton leidenschaftlich gerungen wird. Auch für die Visionen eines gemeinsamen harmonischen Sehnsuchsortes fernab der Dissonanzen des Daseins.

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