DT Nachtbar mit den 95 Thesen

Am letzten Freitag im Monat hat sich für einige Göttinger schon ein kleines Ritual entwickelt: Sie pilgern zur Nachtbar im DT und lassen sich von den kleinen, oft launigen Kabinettstückchen des Ensembles verzaubern. Ende April wurde wohl so manche Erwartungshaltung enttäuscht: Der Ort war nicht der gewohnte - das Publikum wurde hinter das Theater in einen der Werkstattsäle gelotst und wurde dort mit Kerzenlicht und Geigenspiel empfangen. Und launig war es kaum, denn es gab Luther pur und im Original: Nikolaus Kühn und Gerd Zinck lasen abwechselnd alle 95 Thesen Luthers, deren Veröffentlichung vor 500 Jahren der Beginn der Reformation war.

Als Kanzel diente ein weit oben gelegener Treppenabsatz und so entwickelte sich während der Lesung eine besondere Dynamik und Stimmung: Fegefeuer, Buße, und Ablass - diese Wörter fielen von oben immer wieder auf die Hörenden herab, hatten etwas fast mantrahaftes und entwickelten eine beklemmende Atmosphäre. Was sich beim Hören viel mehr als beim Lesen erschloss, war die Zusammenstellung von Thesengruppen, die von ähnlichen Formulierungen gebildet wurden und durch diese Redundanz den Eindruck verstärkten.

Ein gelungenes Experiment und ein substantieller Beitrag zum Reformationsjubiläum: Denn es wird wohl trotz der vielen Veranstaltungen in Göttingen und bundesweit wenige Gelegenheiten geben, die Thesen Luthers in Gänze zu hören und auf sich wirken zu lassen - von „1. Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei“ bis „95. Und so dürfen sie (die Christen) darauf vertrauen, eher durch viele Trübsale hindurch in den Himmel einzugehen als durch die Sicherheit eines Friedens.“

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