Premiere der Koproduktion von JT und DT „Invasion!“

Wer bin ich, wer sind die anderen Menschen? Die Fragen schwirren durch den Raum, bleiben hängen, tragen sich weiter. Es ist wortwörtlich eine Invasion von Bildern, Worten, Eindrücken, die auf die Zuschauer einprasselt. Anfängliche Verwirrung steht im Raum, als der Beginn des Stückes scheinbar aus dem Publikum massiv gestört und von Jugendlichen die Bühne gestürmt wird. Schnell versteht das Publikum jedoch den integrativen Moment. Das 2006 in Stockholm uraufgeführte zeitgenössische Stück Invasion! des schwedischen Schriftstellers Jonas Hassan Khemiri, dass gestern im Jungen Theater seine Premiere feierte, ist eine gemeinsame Produktion zwischen dem Jungen Theater Göttingen und dem Deutschen Theater Göttingen.

Am Anfang steht der Name Abulkasem im Raum, inmitten eines klassischen Dramas des Schweden Almqvist, als Zeichen der Bedrohung des Fremden. und zieht sich wie ein Band durch den Abend. Der Name wandert zwischen verschiedenen Milieus, von der Eckkneipe zum Apfelpflücker, vom vermeintlichen Frauenheld zum von Wissenschaftlern Gejagten und Gefürchteten. Diese immer wiederkehrenden Wandlungen zeigen sich auch an den schnell wechselnden Darstellerrollen: Der Problematik von 17 Rollen aufgeteilt auf vier Darsteller in sieben Szenen begegnet man mit guten Übergängen. Man nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn durch das Stück. Die Überleitungen sind gelungen und helfen dem Zuschauer die schnellen Szenenwechsel zu verstehen. Auch die Adaption an Göttinger Verhältnisse unterstützt dies: Ob Grone Süd, das Déja vu, die Südstadt; eingebettet in wohlbekannte Milieus, wird der Zuschauer einbezogen.

Die unterschiedlichen Szenen werden zusammengehalten von Abulkasem: Ein Name, ein Mann, den keiner richtig kennt, aber überall herumschwirrt, den alle zu kennen glauben oder vorgeben. Grenzen werden so aufgebrochen, neu zusammengefügt und die Vielschichtigkeit der sprachlichen und kulturellen Identität verdeutlicht. Khemiri spielt in seinem Drama mit dem Bild des Fremden in Kontrast zum Eigenen und der Zuschreibung von Identitäten und Bevormundung. Die unterschiedlichen Sprachebenen tragen zur Auflockerung des Themas bei, verdeutlichen aber auch immer wieder eine gescheiterte Kommunikation. „Wörter entwickeln sich ständig.“ Nicht nur die Sprache ist wandelbar, auch die Bedeutungen variieren, die Wahrnehmung verändert sich. Ob Islamphobie, Multikulti, die Suche nach Identität: Es ist ein Konglomerat aus Anspielungen gesellschaftlicher Kategorisierungen.

Das Ensemble ist energiegeladen, es schafft den Spagat zwischen Ernst und Komik. Marcel Irmey, zurzeit als Gast am Jungen Theater und Schauspielstudent an der Schauspielschule Kassel, gibt insbesondere zusammen mit Bardo Böhlefeld vom Deutschen Theater ein gutes Duo ab. Dieser überzeugt durch seinen Facettenreichtum: Ob Erzähler, Wissenschaftler, Jugendlicher mit Migrationshintergrund; er hat das Publikum im Griff. Jan Reinartz vom Jungen Theater fällt insbesondere durch seine stetige Verwandlung auf: Von seinen fünf Rollen ist insbesondere der Apfelpflücker hervorzuheben. Linda Elsner, ebenfalls vom Jungen Theater, setzt den komplexen Charakter der Lara gut in Szene. Die verschiedenen Bühnensituationen und Stilformen gehen dabei teils fließend, teils in großem Kontrast ineinander über. Die Inszenierung von Milena Paulovics ist wirklich gelungen. Die intime Bühnengestaltung holt den Zuschauer dabei näher an das Geschehen, lässt ihn teilhaben und verringert die Distanz.

Die wiederkehrende Frage „Warum gerade Abulkasem?“ verstärkt sich in Kombination mit der Frage nach Identität und der Konstruktion von Sprache. Jonas Hassan Khemiris Drama Invasion! regt zum Nachdenken an. Man sollte sich definitiv eine der wenigen Vorstellungen nicht entgehen lassen.

Invasion! von Jonas Hassen Khemiri - Deutsch von Jana Hallberg
weitere Vorstellungen am 25. April, 9. Mai und 18. Mai

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