Wer kann schon alles lesen? Wonach wählt man aus? Mit was stillt man seinen Lesehunger? Bei den zehntausenden Neuerscheinungen pro Jahr wird eine Auswahl schwierig. Beim Leipziger Allerlei, dem literarischen Quartett im literarischen Zentrum, wurden gestern Neuerscheinungen frisch von der Leipziger Buchmesse präsentiert.

Tilman Winterling (Rechtsanwalt und Blogger) Eckart Kohl (Göttinger Buchhändler), Margarete von Schwarzkopf (Journalistin) und Friederike von Criegern (Göttinger Romanistin) bilden ein unterschiedliches, aber lebhaftes und streitlustiges Quartett. Die Auswahl, die am Abend präsentiert wird, ist sehr gemischt. Jeder der vier hat ein Buch mitgebracht, welches von allen diskutiert wird. Es ist wohl eine Art Kostprobe, kleine Appetithäppchen, die gegeben werden.

Den Anfang macht, von Tilman Winterling ausgewählt, Jochen Schmidts Zuckersand. Die detaillierten Beschreibungen des Vaters über den zweijährigen Sohn an die arbeitende Mutter stellen für Winterling eine „Schatzkiste an Miniaturen“ dar, während es sich bei dem Werk für Schwarzkopf nicht um einen Roman, sondern eher ein Tagebuch handelt. Kohl nennt diese Betrachtungen „zwangsoriginell“. Und auch für Schwarzkopf ist dies ein „sehr egomanes Buch, ein Hubschrauberbuch“- es dreht sich um sich selber. Criegern schließt daran an: „Handlung würde dem Roman enorm guttun.“

Wesentlich besser kommt bei den Vieren Friederike von Criegerns Vorschlag an: Teilansichten einer Nacht von Luiz Ruffato. Als dritter Band einer Pentalogie wird in elf Erzählungen (Teilansichten) das Brasilien der 70er Jahre geschildert. Sprachlich anspruchsvoll, sei das Buch dafür gemacht, so von Criegern, sich „darauf einzulassen, wie Literatur geschrieben ist.“ Schwarzkopf verweist auf das globale Thema, welches nicht nur in Brasilien präsent sei und somit das Buch nicht so fremd und fern erscheinen ließe. Kohl spricht von einem großartigen, fast existenziellen Buch. Auch Winterling stimmt hier mit ein. Das Buch sei „ein hervorragendes Beispiel, was Literatur kann“. Die Lektüre sei anstrengend, tue weh, aber sie sei ehrlich.

Gemischte Reaktionen rief Das Floss der Medusa von Franzobel, ein Vorschlag Eckart Kohls, hervor. Geschildert werden die Ereignisse auf dem durch den Untergang der Anfang des 19. Jahrhunderts vor Mauretanien gesunkenen Fregatte Medusa entstandenen Floss. Kohl fasziniert die brutale und groteske Art der Beschreibung und auch Schwarzkopf empfindet den Aufbau des Buches als meisterhaft. Zudem zieht sie Parallelen zu der heutigen Gesellschaft, auch wenn dies im Vergleich zum Buch eine umgekehrte Immigration sei. Ganz anderer Meinung ist hier Friederike von Criegern. Sie spricht von einer „Freakshow“.

Auch der Debütroman Das geträumte Land von Imbolo Mbue stößt nicht nur auf Gegenliebe. Ausgewählt von Margareta von Schwarzkopf, wird die Geschichte einer kamerunischen Familie in den USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts erzählt, samt dessen sich langsam veränderten Verhältnissen zu Ungunsten von Migranten. Das Buch wirft Fragen nach Authentizität, Beurteilungsvermögen und Heimat auf. Laut Kohl „hätte das Thema sprachlich mehr verdient“. Schwarzkopf hat das Buch, „ein großer Unterhaltungsroman”, beeindruckt, jedoch sei auch vieles unausgereift, was bei einem Debütroman jedoch auch vollkommen in Ordnung sei. Kohl geht hier härter in Gericht: „Zu viel Sozialromantik und Ethnokitsch“. Auch Winterling sind hier zu viele Stereotype. Ob dies genau das Thema sei, dass eben dieser Traum, wie im Titel beschrieben, nicht existiert, ist dem Leser überlassen.

Geschmäcker sind verschieden – sowohl beim Essen als auch in der Literatur. Aber die kleinen Appetithäppchen, die hier vom Leipziger Allerlei gegeben wurden, sind durchaus eine Geschmacksprobe wert. Eine Fortsetzung dieses Quartetts wäre wünschenswert!

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