Premiere von „What the Butler Saw“ im Theater im OP

„Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, aber hier ist die Zentrale!“ pflegten meine Eltern gelegentlich zu sagen, wenn meine Geschwister und ich mal wieder alles daran gesetzt hatten den langweiligen Feierabend unserer Eltern mit kreativen Ideen aufzupeppen (wie viele Luftschlangen muss man durch ein Zimmer spannen, damit es zu einem für die Eltern undurchdringlichen Dickicht wird?). Sie kannten offensichtlich Joe Ortons „What the Butler Saw“ nicht, ein Stück, dessen Setting so herrlich schräg und faszinierend verrückt ist, dass ihm der Titel „Irrenhauszentrale“ ebenfalls gebühren würde. Im Übrigen glaube ich aber, dass meine Eltern mit unseren Verrücktheiten ganz zufrieden waren, denn vermutlich dachten auch sie manchmal: „You can´t be a rationalist in an irrational world. It isn´t rational.“
Diese Worte legt der britische Autor Orton seinem Charakter Dr. Rance in den Mund. Mit der seinerzeit skandalösen Komödie (Uraufführung 1969), wunderbar turbulent vom English Drama Workshop auf die Bühne des Theaters im OP gebracht, seziert er säuberlich den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn:

Dr. Prentice (mit echt erarbeitetem Schweißfilm: Nikolai Smith), Leiter einer angesehenen psychiatrischen Einrichtung, hat an diesem Morgen wirklich nichts Anderes im Sinn als seine Sekretärin flachzulegen – leider kommen ihm im ungünstigsten Moment seine Frau (Venus im Pelz: Karin Reilly) und der Inspekteur Dr. Rance (erschreckend unbeirrbar: René Anders) in die Quere. Das nackte Fräulein Barclay (in knuffiger Unschuld: Daniella Wood) wird kurzerhand zur halluzinierenden Patientin erklärt. Als dann der Hotelpage Nicholas Beckett (knabenhafter Schulmädchenverführer: Justin Silvan) mit delikaten Fotos von Mrs. Prentice auftaucht und zu guter Letzt Sergeant Match (misstrauisch, dennoch bereit für jede Form der Untersuchung: Richard Varela) auf der Suche nach fehlenden Teilen einer explodierten Winston-Churchill-Statue vorstellig wird, sind dem quirligen, absurden Verwechslungsspiel keine Grenzen mehr gesetzt. Dr. Rance handelt nach dem Grundsatz „Wer heute noch keine Wahnvorstellung hatte, wurde nur noch nicht gründlich genug untersucht“, so dass die Nerven der Charaktere schon nach der ersten von zwei amüsanten Stunden Spielzeit blank liegen. Doch es kommt natürlich noch besser...

Die Inszenierung von Regisseur Andrew Knight ist ein Muss für alle Fans von Screwball-Comedys, wortwitzigem Schlagabtausch und temporeichem Tür-auf-Tür-zu-Theater. Ohne ihre teilweise grotesk angelegten Charaktere zu überspielen, punktet das Ensemble mit perfektem Timing, vollem Körpereinsatz, sehr guter englischer Aussprache und viel nackter Haut – das Publikum der Premiere am Mittwochabend feiert diese äußerst unterhaltsame Performance mit lautem Beifall.

Weitere Aufführungen des Stücks sind am 6., 7., 8., 10., 11., 13., 15., 18., 19. und 20. April zu sehen.

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