Serge Zimmermann, Alexander Merzyn und das Göttinger Symphonie Orchester

Mit der Ouvertüre sowie dem „Reigen seliger Geister“ aus der Oper „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck wollte der Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller einen kleinen Vorgeschmack auf die gleichnamige Oper von Joseph Haydn geben, die am 27. und 28. Mai in der Göttinger Stadthalle unter anderem mit Simone Kermes aufgeführt wird.

Das konnte Mueller bei dem Konzert im Philharmonischen Zyklus I mit dem Göttinger Symphonie Orchester nicht selbst tun, kurzfristig ist der junge Dirigent Alexander Merzyn (Jahrgang 1983) eingesprungen. Diese eigentlich undankbare Herausforderung nahm Merzyn unbekümmert und sichtlich gut vorbereitet an. Das wurde im späteren Verlauf des Konzertes mehr als deutlich.

Bei der Musik von Gluck zeigte sich bereits, dass das Orchester bestens aufgelegt war. Hier sei besonders Bettina Bormuth hervorgehoben, deren Flötensolo im „Reigen seliger Geister“ anrührend schön war.
Ungleich größer war die Herausforderung im Violinkonzert von Alban Berg. Das gilt natürlich nicht nur für den Dirigenten, sondern in erster Linie für den Solisten. Serge Zimmermann (Jahrgang 1991) zeigte nicht nur große technische Fertigkeiten (zum Beispiel absolute Sauberkeit in den allerhöchsten Lagen oder auch komplizierte Doppelgriffe mit weiten Intervallsprüngen) sondern auch großes Einfühlungsvermögen in die Musik. Schon der Pianissimo-Einstieg in das Werk machte hellhörig. Die Qualität des Vortrags wurde vor allem im Verlauf dieses Violinkonzertes deutlich: während der erste Teil eine gewisse Jugendlichkeit widerspiegelt, zeigte Zimmermann im zweiten Teil eine erstaunliche Reife: der Todeskampf von Manon Gropius (der Tochter von Alma Mahler-Werfel), den Berg hier vertonte, war förmlich zu spüren. Als dann von den Holzbläsern der Bach-Choral „Es ist genug“ erklingt, wurde die Widmung des Komponisten im gesamten Saal spürbar, ja förmlich greifbar: „Dem Andenken eines Engels“, der auch der gesamte Abend seine Überschrift „Engelsgesang“ verdankte“.

Und was machte Alexander Merzyn? Er führte umsichtig das groß besetzte Orchester durch die Partitur und lud die Musiker ein, diese Musik zu gestalten. So wie der Komponist Alban Berg den Zuhörer an die Hand nimmt und ihm die Zwölftonmusik nahebringt, nahm Merzyn das Orchester an die Hand und gab ihm und dem Solisten die Freiheiten, um die Musik auszugestalten.

Mehr eigene Freiheiten erlaubte sich Merzyn in der abschließenden „Großen C-Dur-Symphonie“ von Franz Schubert. Als Beispiel sei der Moment genannt, in dem gerade keine Musik erklang: die Generalpause im zweiten Satz, unmittelbar nach dem Forte-Fortissimo-Höhepunkt im Orchester, kostete Merzyn derart lange aus, dass die Anspannung im Publikum nahezu unerträglich wurde. Ein faszinierend beklemmender Effekt. Aber auch sonst setzte Merzyn die dramatische Vielfalt dieser Symphonie in allen Belangen um. Nur der Beginn gehörte nicht ihm: das Thema der Einleitung der Symphonie wird von den beiden Hörnern unisono vorgetragen. Diese musikalisch exponierte Stellung der Instrumente wurde auch noch visualiert: nach dem groß besetzten Violinkonzert wirkten die beiden Hörner an ihren Plätzen wie vergessen. John Feider und (als Gast) Sven Rambow gestalteten ihren Part bravourös und bildeten damit den Grundbaustein für diese Symphonie, in der das Göttinger Symphonie Orchester einmal mehr seine große Qualität unter Beweis stellte.

Kommentare powered by CComment

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Lieber Gast,
vielen Dank für Ihr Interesse an den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Die Erstellung von Terminen und Texten kostet Geld - denn es sind Menschen, die diese Termine erfassen oder die Texte schreiben. Deshalb bitten wir Sie, entweder ein Abonnement abzuschließen oder für diesen einzelnen Beitrag einen Betrag zu bezahlen.
Vielen Dank!

Figurentheatertage

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok