3. Sinfonie in d-Moll von Gustav Mahler mit dem Göttinger Symphonie Orchester und Christoph-Mathias Mueller

Erinnern Sie sich an Ihren Tuschkasten in der Grundschule? Er hatte 12 Farben. Und der Pultnachbar hatte natürlich die Luxusversion: dort konnte man die obere Etage abheben, darunter erschienen weitere 12 Farben.

Einen solchen Tuschkasten verwendete Christoph-Mathias Mueller in der Göttinger Stadthalle zur Aufführung der monumentalen dritten Symphonie von Gustav Mahler. Nur das sein Tuschkasten viel, viel mehr Etagen hatte. Immer mehr Farben wurden von Mueller freigelegt, immer mehr Klangfarben zauberte er hervor.

Das Spannende an dem Abend war: man konnte immer nur einen Teil der Farben sehen, die noch zum Einsatz kommen werden. Und man konnte ahnen, dass da noch mehr Farben folgen. Aber was sind das für Farben in der nächsten Ebene, was ist darunter, was folgt noch? Dirigent und Orchester zauberten eine unglaubliche Anzahl von Farben hervor. Mueller gelang es, in den über 100 Minuten diese Spannung enorm hochzuhalten. Man war fast versucht, „Ah“ und „Oh“ beim Öffnen der nächsten Farb-Etage zu rufen.
Das Publikum hielt sich aber zurück und sparte sich diese Rufe bis zum Schluss auf. Mit zahlreichen Bravi, Standing Ovations und nicht enden wollendem Applaus entlud sich die Begeisterung in der ausverkauften Stadthalle.

„In der gut gefüllten Stadthalle“ ist eine übliche Floskel bei Konzerten. Hier reicht diese Beschreibung nicht, denn allein die Anzahl der Mitwirkenden hat die Stadthalle schon gut gefüllt. Das ist auch der Grund, warum diese Musik selten im Konzertsaal erklingt: über 100 Mitwirkende im Orchester und noch einmal 120 Sängerinnen aus den Kantoreien von St. Jacobi und St. Johannis sowie die Knaben vom Göttinger Knabenchor bildeten die großartige Kulisse. Oder – um in dem Bild oben zu bleiben: sie stellten die Farben für den Dirigenten zur Verfügung. Und dieser nutzte alle Möglichkeiten, um ein gewaltiges Gemälde entstehen zu lassen. Das bestand aber keineswegs nur aus mit dickem Strich aufgetragenen Farben. Da waren auch viele kleine, zum Teil filigrane Details, zarteste Piano-Pianissimostellen, aber auch große Melodiebögen und kräftige Tutti-Sätze – diese Worte beschreiben die Vielfalt nur unzureichend.

Mueller lies die Streicher tanzen, die Hörner (achtfach besetzt!) singen, die Kontrabässe schwelgen und selbst der großen Trommel zarte Töne entlocken. Die Musikerinnen und Musiker des aufgestockten Göttinger Symphonie Orchesters folgten der Musik und ihrem Chefdirigenten mit hoher Konzentration und starken Emotionen. Besonders hervorgehoben seien die Soli der Konzertmeisterin Anna Kaczmarek-Kalandarishvili (Violine), Bettina Bormuth (Flöte), Matthias Weiss (Oboe), Manfred Hadaschik (Klarinette), John Feider (Horn), Roman Usenko (Posaune) und Helmut Pöhner (Posthorn).

Es war aber vor allem die Ensembleleistung, die diesen Abend so besonders machte. Dazu zählen auch die Choristen, die nur im fünften Satz zum Einsatz kamen. Während die Frauenstimmen fröhlich „Es sungen drei Engel“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ sangen, ließen die Knaben die Glocken erklingen.

Dazu sang Cécile van de Sant das Altsolo. Vor allem die Interpretation von Nietzsches Gedicht „O Mensch! Gib acht!“ im vierten Satz war herzergreifend. Mit ihrem warm timbrierten Mezzosopran berührte van de Sant die Herzen. Die Sängerin war erst am selben Tag für die erkrankte Ingeborg Danz eingesprungen. Dass also so gut wie keine Probenzeit zur Verfügung stand, war dem Zusammenspiel mit dem Orchester und dem Dirigenten nicht zu spüren.

Im letzten Satz schloss sich der Kreis: das Hauptthema des ersten Satzes erklang erneut. Alle bisher verwendeten Farben kamen noch einmal zum Einsatz, und vollendeten das Bild in großer, lichter Harmonie.

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