Benefizkonzert zugunsten der St. Jacobi-Stiftung mit Julia Bartha (Klavier) und Holger Michalski (Kontrabass)

„Wer hohe Türme bauen will, muß lange beim Fundament verweilen.“ Bruckners Anton hat’s gesagt. Warum also nicht bei einem Benefizabend mit dem Fundament des Orchesters dem weiteren Wachstum der St. Jacobi-Stiftung helfen? Ende 2001 wurde sie ins Leben gerufen und soll seither soziale Verpflichtung ebenso wie Pflege von Kultus, Kultur, Gebäude unterstützen.

Einige kurze Worte zur Begrüßung sowie Genese des heutigen Abends durch den Stiftungsvorsitzenden Dirk Tiedemann und hinein in die Musik: 7 Werke, 4 zu 3 um die Pause gruppiert. Dort wird später, zugunsten des guten Zwecks natürlich, dem Getränkeangebot bei vielen Gesprächen angemessen zugesprochen werden.

Ein Solowerk steht am Beginn jeder Hälfte – ausnahmsweise jedoch der Herr vor der Dame. Holger Michalski hat mit seinem Bass bei Teppo Hauta-ahos wundervoller „Kadenza“ (1978) den Kirchenraum ganz für sich. Dem Zauber des Kontrabassklangs erliegt im Laufe des Abends, traut man den aufgeschnappten Gesprächsfetzen, so ziemlich jeder. Wenn man nicht eh als bereits überzeugter Jünger zu den Konzertgästen hört. Dass ein wenig Artistische, wenn man Mensch und zwei Meter Holz im Streite sieht, erhöht ohnehin den Reiz.

Hauta-aho, Frank Proto, Giovanni Bottesini? Kennen Sie nicht? Süskind hatte leider recht: Alles Bassisten, die vor lauter Verzweiflung angefangen haben zu komponieren. Nicht aus Verzweiflung übers Instrument, sondern aufgrund des Mangels an Sololiteratur (Nach 1945 ist allerdings viel Gutes über die Basswelt gekommen!). Hauta-ahos „Kadenza“, Astor Piazzollas „Kicho“ aus der ersten Hälfte, später Protos viersätzige „Sonate 1963“ sind teils deutlich von Jazzeinflüssen geprägt. Dass die Protagonisten seit 2005 mit eigenem Jazzquartett unterwegs sind, ist hier aufs Feinste zu vernehmen.

Mit liebevoll-detaillierten Hinweisen zu Werken/Verfassern leitet Michalski von Hauta-aho über Eccles und Hindemith zu Piazzolla. Leider fordert hierbei die Kirchenakustik, trotz Mikrophon, ihren Tribut.
Henry Eccles Cellosonate in g-Moll, die er wahrscheinlich in seinem Leben zwischen 1675(?) und 1735(?) schrieb, bezaubert besonders im ersten der vier sonst eher konventionell geschriebenen Sätze. Gerade wegen der schwierigen Akustik des Kirchenschiffs ist die Balance zwischen Klavier und Bass hier (und bei allen anderen Werken) dem Duo Bartha/Michalski ungemein gut gelungen! Ein Kontrabass sieht zwar laut aus, doch sorgt das Obertonspektrum nur für den vollen, wuchtigen Klang; brillant klingt das Instrument nun einmal nicht. Und so muss eine Pianistin stets größte Rücksicht nehmen. Gegen die Akustik „hilft“, wie von den beiden demonstriert, des Weiteren ausgesprochene Genauigkeit in allen rhythmischen Belangen.

1949 schrieb Paul Hindemith seine Sonate für Kontrabass und Klavier. Drei Sätze, wobei der Schlusssatz in drei Abschnitte unterteilt ist. Das prägende Motiv des Beginns ist unschwer, trotz seiner vielfältigen Wandlungen und Masken, immer wieder zu entdecken. Der hinsinkende Schluss des ersten Satzes ist ein erster Höhepunkt der Darbietung. Ein weiterer das sehr innige, doch nicht verkitschte Molto Adagio, welches den Großteil des dritten Satzes einnimmt. Die verbissene Steigerung, welche in zwei Wellen ins anschließende Rezitativ übergeht, mündet zuletzt in einem verbissen-fröhlichen kurzen „Lied“.

Julia Barthas Darbietung einer kleinen Auswahl aus dem ersten Buch der Prélude von Claude Debussy läutet Hälfte Zwei ein. Die Nr. 8, 4 und 5 lassen nur den Wunsch übrig, sie hätte das ganze erste Buch spielen mögen. (Saß man nicht allzu weit hinten, passt die Kirchenakustik erstaunlich gut zu Debussys Musik.) Allein zwei Werke für die Duobesetzung sollen noch folgen: F. Protos „Sonate 1963“ nimmt zwar die viersätzige Form der Kirchensonate auf, füllt sie jedoch freigiebig mit klassischen und Jazz-Elementen. Der zweite Satz erfordert im Swing-Teil eine bei klassisch ausgebildeten Bassisten nicht allzu häufig anzutreffende exzellente Zupftechnik. Das ist an diesem Abend kein Hindernis für den Mann am Bass. Proto wie auch Hauta-aho sind sowohl spielend als komponierend in beiden Welten, klassisch und Jazz, unterwegs.

Giovanni Bottesini (1821-1889) war der Kontrabasskomponist des 19. Jahrhunderts – und verteufelt schwer sind seine Werke, heute noch. Außerdem ist es a bissl wie bei Mozart: Jeder, wirklich jeder hört, wenn einmal ein Ton verrutscht. Dazu massiver Einsatz des Flagoletts (d.i. man legt die Finger, ohne zu drücken, nur auf die Saite, um die Obertöne raus zu kitzeln); gebrochene Akkorde über alle Saiten und das gesamte Griffbrett (das sind gut 1,05m) in rasendem Tempo usw. usf. … aber das eigentlich Schwierige ist: Es muss dabei bel canto reinsten Wassers sein. Unangestrengt, locker, leicht.

Das gelingt. Bei der Fantasie „La Sonnambula“ nach Bellini, ebenso wie bei der Zugabe „Rêverie“. Sie ist einem der anwesenden Kollegen aus dem GSO gewidmet, der heute seinen Geburtstag feiert. Ohne Zugabe wären die Interpreten allerdings auch schwerlich aus der Kirche entlassen worden – das verriet der Schlussapplaus der gut 150 Zuhörer deutlich.

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