„Die lächerliche Finsternis“ auf der DT-2 Bühne

Von wegen Gebirge. Die beiden Bundeswehrsoldaten, die in geheimer Mission im Hindukusch unterwegs sind, meinen einen Flusslauf. Wer wollte ihnen da widersprechen, wenn sie öffentlich davon berichten. Schließlich wissen alle Bescheid über Krisenherde, Kampfzonen und globale Verteilungskämpfe. Auch angesichts der Fülle von Nachrichten, Kommentare und Expertenrunden, die die Wahrnehmung bis über die Sättigungsgrenze hinaus informell abfüttern. Was davon das Verhältnis zur Realität prägt, justiert oder auch verblendet steht auf einem anderen Blatt. Egal ob der Hindukusch nun unter Wasser steht oder nicht, ob nun in Afghanistan oder in irgendeinem Niemandsland. Auf diesem sperrigen Feld ist „Die schöne Finsternis“ angesiedelt. Marcus Lobbes inszenierte die dramatische Vermessung von Fakten, Behauptungen und möglichen Optionen nach einem Hörspieltext von Wolfram Lotz auf der DT-2 Bühne.

Bereits in seinem Manuskript notierte der der Autor an, dass es bei einer etwaigen Umsetzung auf einer Bühne „einer umfassenden Transformation bedarf.“ Auf die angeratenen Fremdtexte hat Lobbes verzichtet, nicht aber auf Veränderungen in der Dramaturgie. Für die Odyssee der beiden Bundeswehrsoldaten, die ebenso auf Francis Ford Coppolas „Apocalypse now“ anspielt wie auf Joseph Conrads Roman „Das Herz der Finsternis“, hat er den Autor zum Moderator der Aufführung erklärt und Marie Seiser zum Talkmaster Wolfram Lotz, um den mitteleuropäische Blick auf die Kollateralschäden in der so genannten dritten Welt nach medialer Manier zu hinterfragen. Die Studiogäste auf der Bühne geben auch meistens gerne Auskunft darüber, wie man sich das vorstellen muss, da in der Wildnis des Hindukusch mit den bösen Taliban und den armen Einheimischen und auch dem Camp der italienischen Blauhelmsoldaten.

Schon der Text ist auf Störsignale und Irritationen angelegt. Er beginnt mit dem Prolog eines somalischen Piraten (Frederik Schmid), der den Verlauf seiner Karriere mit poetischen Bildern schmückt um dann mit den Reisetappen von Hauptfeldwebel Oliver Pellner (Benedikt Kauff ) und Unteroffizier Stefan Dorsch (Gabriel von Berlepsch) zu kollidieren und mit den thematischen Tretminen, die Lotz bereits in seinem Hörspiel versenkt hat. Dass der profitable Coltanabbau natürlich der militärischen Verteidigung bedarf und dass es gerade in den ärmeren Weltregionen mit der Billiglohnproduktion von Konsum und Luxusgütern noch viel Rendite abzuschöpfen gibt. Als italienischer Blauhelmkommandant Lodetti hat Patrick Gees noch ein bisschen rassistisches No go auf Lager, wie das von den Wilden, die nicht im Stehen Pinkeln können und die Camphygiene die längste Zeit versaut haben. Gees wird später noch mit dem Trauma des Balkanveteranen Boja Stojkoviv punkten, über die Treffsicherheit von Präzisionsbomben, die keine geplanten Kollateralschäden produzieren. Auch das eigentliche Ziel der Hindukusch Mission ist irgendwann an der Reihe, mit dem verschollenen Oberstleutnant Karl Deutlinger (Gabriel von Belepsch), der eine Kriegsrechnung gegen die eigenen Leute aufgemacht hat.

Die Studiobühne hat Marcus Lobbes in telegenem Grau ausgestattet, mit Rednerpult, Stehtischen, Lounge Zone, Mikrofonen, Kamera und Blumendekor. Für das Talkshowformat wurden die erzählenden Passagen aufgesplittert. Denen zu folgen ist nicht ganz einfach und sie sollen zunächst auch verwirren Schließlich sind nur kurze Statements gewünscht und möglichst auch sehr persönliche. Nur nicht diese ausufernden Erklärungen, Expertisen und hintergründigen Details; nichts, was am Ende eine kontrovers aufrührende Geschichte ergeben könnte Als smarte Moderatorin signalisiert Marie Leiser natürlich gerne Betroffenheit, bevor sie erneut die Smiley Maske aufsetzt und wieder unterbricht. Sie switcht auch viel lieber zwischen den Statements mit der erneuten Aufforderung „Erzählen Sie doch mal“.

Am exponierten Rednerpult herrscht schon bald unruhiges Gedränge, denn in der Podiumsdiskussion lauert unmissverständlich der Wettbewerb. Welche Geschichte am glaubhaftesten rüberkommt ist entscheidend für diesen theatralen Showdown um reale Ereignisse und ihre informelle Verblendung, ebenso wie die Frage, welche Performance die besten Chancen beim Publikum hat. Ist es vielleicht die smarte Pose im Stil eines Barack Obama, um selbstbewusst für ein Piratenschicksal Stimmung zu machen oder dann doch eher der tragische Blick, der alle Mitgefühlsbedürfnisse auf sich vereint. Auch das Schauspielteam selbst sabotiert immer wieder seine Figuren und das Format der durchgestylten Show mit den verabredeten Statements. Es pokert im Bündnis mit Regisseur Marcus Lobbes um das, was in diesem Text lauert. Die Warnung, erst mal nichts und niemand zu trauen, weder dem Faktendesign noch den Erfahrungsberichten, mit denen eine authentische Erdung vorgenommen könnten.

Dann ist es auch egal, ob der Hindukusch ein Gebirgszug ist oder ein Flusslauf. Mag sich jeder mit oder ohne Google seinen Reim drauf machen, mit dem Output an informellen Widersprüchen absaufen oder sich mit diesem Theaterabend seinen nachdenklichen Reim auf eine „lächerliche Finsternis“ machen. Aus dem Hörspieltext von Wolfram Lotz ist ein starker Theaterabend geworden, schön böse und schön hinterlistig.

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