APEX: „Kopfsalat“ – Kabarett mit Matthias Brodowy

Hinreichend Publikum findet sich an diesem Abend im APEX ein, um die Kleinkunstbühne im ersten Stock zu füllen. Warum hinreichend? Nun, Matthias Brodowy war mit eben diesem Programm bereits im November 2013 hier zu Gast.

Verglichen mit früheren Programmen des Künstlers ist der Musikanteil klein (vier Lieder im regulären Teil); da verhieß der Reklametext anderes. Dies ist jedoch nicht der Grund für den schalen Eindruck, den die zwei Stunden auf der Bühne beim Rezensenten hinterließen.

Die Assoziationsmühle, das Chaos im Kopf – jener titelgebende „Kopfsalat“-, welcher ihn seit frühester Jugend begleite, sei der Ausgangspunkt für sein Programm. Man glaubt und folgt ihm: Beginnend beim unruhigen Schüler Brodowy („Kippeln für den Weltfrieden“), den man heute mutmaßlich ritalinisiert hätte, bis zur Verklärung des Anblicks eines Sternenhimmels am Bühnenprogrammende. Lose reihen sich Bilder, Erlebnisse, Gedanken aneinander, deren Höhepunkt sich nach gut einem Drittel des Abends bei der Replik auf den Satz „Früher war alles besser!“ findet. Ein Blick zurück – seien es 100, 200, 500 oder 2000 Jahre - und Herr Brodowy stellt fest: Nein. Stimmt nicht.

Nicht nur die medizinische, hygienische, soziale Position der Mehrheit hat sich gebessert; auch und gerade die Freiheit der Rede, die Freiheit des Wortes gab es früher nicht. Mag es den Anwesenden allzu sehr als Apologie des Heute erschienen sein? Eine Hand zum Applaus rührte sich an dieser Stelle jedenfalls nicht.

Mit Anmerkungen zum Verbrauchscharakter des Wirtschaftssystems – von den Gelände“panzern“ unserer Straßen bis zum Aluverbrauch der Kaffeekapseln zu Mondpreisen verglichen mit Fair Trade - beginnt der intellektuelle Abstieg der zweiten Hälfte. Die Appelle zu einem anderen Umgang mit Menschen und Ressourcen sind es dabei nicht, sondern die fehlende Verbindung vom Lobe der politischen Freiheit zuvor mit einer Freiheit im Wirtschaftlichen stört. Bedingen sich diese Freiheiten nicht? (In Details wie, z.B., der Abschaffung der Monopolrente aus Boden auch in einem liberalen Marktsystem wollen wir gar nicht erst einsteigen.)

Über Erlebnisse bei der Verwendung von Schlüsselkarten in Hotels, einschließlich der damit verbundenen Schwierigkeiten, landet man bei der Frage, ob die „Herrschaft der Zahlen“ – soll heißen: die Herrschaft der Rationalität - für unser Leben Gutes getan hat. Herrn Brodowys „Nein“ unterläuft dabei grandios den Erkenntnisgewinn des ersten Teils (s.o.).

Zum Schluss wird noch in voraufklärerischem Geraune die Schönheit des Sternenhimmels außerhalb der Städte gegen die – vermeintliche - Kälte der Formeln, die Härte naturwissenschaftlicher Erkenntnis gesetzt. (Das arme E=mc² muss hier als Platzhalter dienen.)

Der Beifall an dieser Stelle ist reichlich. Leider! – Mir war bis dato unbekannt, dass es eine erlaubte Hierarchie der Ästhetik gibt.  Vielleicht jedoch ist dies nur Ausdruck der Geringschätzung mathematischer und/oder naturwissenschaftlicher Bildung? Lehrer waren im Publikum ja in großer Zahl anwesend, und so ließe sich denn hoffen, dass z.B. mehr mathematisches Denken, nicht Rechnen, im Unterricht gelehrt würde…

Die grandiosen Kalauer zur „Hoteljazzpianistendauerschleife“ hätten, statt in der Zugabe, lieber im Hauptteil ihren Platz gefunden. Der Beifall zum Ende war ihnen sicher.
  

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