Klavierkabarettistin Anna Piechotta singt im Apex über dumme Kinder und tote Frettchen

Man kann nur spekulieren, warum die hübsche junge Frau, die mit ihren großen Augen, den wippenden, gelockten Haaren und der tadellosen Figur fraglos dem heutigen Schönheitsideal entspricht, das Bedürfnis hat, ihrem Publikum erst einmal ein Lied über Facelifting und Fettabsaugung zu singen. „Ich tu das alles nur für Sie!“ erklärt sie die medizinischen Eingriffe und ihre hohen, unbequemen Schuhe. Wenn sie mit unbewegter Mimik („Die Betäubung hat noch nicht nachgelassen!“) und unsicheren Schrittes auf die Bühne kommt, ist das ein ungewohnter, erfrischend überraschender Auftritt. Und man fragt sich einen kurzen Moment lang, ob diese Frau einen an der Waffel hat.

So ganz ernst nehmen kann man sie auch nicht, wenn sie behauptet, bald einen runden Geburtstag zu feiern: „Ich werde sechzig!“. Sechzig wird sie sicher irgendwann, aber davor hat sie noch 27 Jahre Zeit, um ihre Zuhörer mit allerhand seltsamen Begebenheiten zu amüsieren, zu denen sie die rhythmisch und melodisch passenden Lieder komponiert. Die Probleme der Partnerfindung beschäftigen sie, vornehmlich mit attraktiven Nachbarn oder Internetbekanntschaften. Sie singt mit Inbrunst von ihrem Leben auf dem Lande („Schön, so schön, ist das Leben am Arsch der Welt!“) und berichtet mit beklatschenswerten sopranistischen Einlagen von der Langatmigkeit des Besuchs einer modernen Operninszenierung.

Süß und dabei gleichzeitig makaber, spielt sie mit ihrer Weiblichkeit und Naivität. In der Ankündigung des Programms ist die Rede von ihrem „Schneewittchen-Gesicht“, hinter dieser Fassade schlummert jedoch der Einfallsreichtum einer bösen Schwiegermutter. „Ich mag Kinder“ erklärt sie zum Beispiel fröhlich, „aber nicht weil die so süß sind und man sie immerzu kuscheln könnte, sondern weil die so dumm sind!“ Darauf singt sie in ihrem Lied „Kinderfragen“ von Eltern, die angesichts des Wissensdurstes ihrer Kinder in Verlegenheit geraten („Mama, was ist ein Freudenhaus? Was ist ein Mutterkuchen? Was ist ein Hurensohn?“).

In unendlich verzweifelter Klage über den Tod des geliebten Frettchens verzerrt sie anschließend ihre Gesichtszüge, wenn sie auf Pseudo-Russisch ein Lied von Putin vorträgt, dass sie in stetem Wechsel ins von den Emotionen unberührte Deutsche simultan übersetzt. Wieso musste Putins Frettchen auch bloß in die Brokkolisuppe fallen? Vor Trauer und Wut schwört dieser, sich niemals wieder von einem Schicksalsschlag einen Strich durch die Rechnung machen zu lassen – und schon haben wir das Motiv für Autokratie, Krimkrieg und Pussy-Riot-Verbannung.

In verschiedene Themengebiete gleitend, bleibt Piechottas Programm seinem Titel „Komisch im Sinne von seltsam“ doch immer treu und wirkt, auch wenn einige der Chansons ohne Überleitung aneinander anschließen, nie wie eine schlichte Aneinanderreihung musikalischer Einfälle.

Zum Glück ist das dreiste Schneewittchen auch komisch im Sinne von lustig, so dass die zweistündige Unterhaltung wie im Flug vergeht und der Applaus auf der gut gefüllten Galerie mit zwei Zugaben belohnt wird.

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