Dramatische Spurensuche bei Friedrich Schiller und seinem Drama „Die Räuber“ - "Brenne" von Christopher Weiß

Karls Zukunft scheint gesichert. Gäbe es nicht diesen intriganten Bruder Franz, der nach der Erbfolge giert und dieses drängende Gefühl, die Verhältnisse auf die Probe stellen zu müssen. Auf der Bühne des Boat People Projekt im ehemaligen IWF Gebäude am Nonnenstieg wirft eine kleine Schlosskulisse ihre Schatten. Es sind schlichte Holzbalken und Späne mit einem matt Gold glänzenden Anstrich, über die sich Matthias Damber beugt und hellhörig macht. Zunächst mit Fragmenten aus Schillers Drama „Die Räuber“, aber immer wieder auch mit aktuellen Lesarten für diesen Unruhegeist Karl, die Christopher Weiß in seinem Stück „Brenne“ verarbeitet hat. Hier will jemand wie bei Schiller auch die Welt besser machen, verweigert die familiären Besitzstände, verlässt seine Freundin Amalia und bricht erst einmal aus. Die akademische Welt bietet dem jungen Aufrührer wenig Halt und noch weniger Erkenntnisse, mit denen sich politisch irgendetwas bewegen lässt. Und so wird die Lebenskrise auch zur Glaubenskrise, auf nichts mehr vertrauen zu können.

Wie lockt man einen Stürmer und Dränger, wie ihn Schiller portraitierte, in das Lager von Gewalt, Terror und selbstmörderische Kommandos, wie es die IS Kämpfer propagieren? Die klassischen Verse werden mehr und mehr überlagert von Kommentaren zur zeitgenössischen Ökonomie und den globalen Verteilungskämpfen, die nun den Studenten Karl zunehmend frustrieren und erschöpfen und berührbar machen für die Heilsbotschaften der IS Apologeten.

Die Inszenierung von Reimar de la Chevallerie vertraut hier umso mehr auf die Bildsprache und lässt Matthias Damber mit einem Scherenschnitt den Weg die in die radiale Revolte und das erlösende Glaubenscredo imaginieren. Dann folgt eine Schule der Gewalt in Filmaufnahmen mit Christopher Weiß und Gerd Zinck sowie Andreas Jessing vom Ensembles des Deutschen Theaters, die dem neuen Waffenbruder ihr ebenso blutiges wie zynisches und menschenverachtendes Regelwerk diktieren. Dokumentaraufnahmen von Kriegs- und Terrorschauplätzen werden eingeblendet und wie auch sie diesen jugendlichen Geist, der so sehr auf Taten brannte erneut in die Flucht treiben und wieder in die Sprache Schillers. Dessen Räuber beklagt nun die Folgen seines mörderischen Wahns und Handelns und dessen Ausweglosigkeit.

Das frühere familiäre Refugium ist längst versiegelt, wenn er Schauspieler nun erneut die Bühne betritt. Am Bildschirm beklagt ein Vater vor allem das Spießrutenlaufen, dass er wegen seines Sohnes nun erdulden muss. Eingeblendet wird Melina Delpho, wie sie eine befremdete Amalia schildert, die vielleicht noch eine Spur von Mitglied für diesen Karl übrig hat aber sonst nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte. Aus dem Zuschauerraum wird der Schauspieler mit einer weiteren Anklage konfrontiert. Safoan Zaher vertritt die Stimmen der muslimischen Flüchtlinge, deren Angehörige zu Opfern des IS Terrors wurden, weil sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort lebten

In der Verbindung von Schillers Drama und zeitgenössischen Kommentaren entwickelt dieser Abend seine besondere Wirkung als Vexierspiel, der Stimmen und der Argumente um Fragen der Freiheit und ihrer Grenzen, wenn sie von Glaubensattentätern dominiert und pervertiert wird. Autor Christopher Weiß betreibt dabei auch Spurensuche auf dem Feld des geopolitischen Kräftemessens, wo die Argumente ebenso rotieren wie die Feindbilder. Am Mischpult choreografiert Regisseur Reimar de la Chevallerie die Szenen und die Filmbilder wie ein störrisches Geflecht von Sehnsüchten und Argumenten, die sich radikal zuspitzen und immer wieder aufstören. Texte, Videosequenzen, Szenen und Schattenspiele verdichten sich zu einem bewegenden dramatischen Lagebericht. Mattias Damberg, der die Verwandlung eines engagierten Zeitgenossen zum lebenden Toten nachzeichnet, erinnert darin auch an Georg Büchners Abgesang auf einen revolutionären Idealismus. „Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen“ schrieb Büchner in der Nachfolge Schillers. Auch seine Worte finden ihr Echo in diesem Szenario über einen brennenden Glaubenskrieger.

Die Premiere war am 8. Dezember 2016. Weitere Aufführungen sind für Weitere Aufführungen sind für den 20. Januar, 21. Januar, 1. Februar und 2. Februar in den Räumen des ehemaligen IWV geplant. Eintrittskarten gibt es hier online im Kulturbüro.

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