Premiere für ein Theaterprojekt über Homosexualität im Fußball

Der Kunstrasen gehört eigentlich nicht in die Umkleidekabine im Jahnstadion. Auch nicht die Videoleinwand und vielleicht nicht mal dieses Paar pinkfarbener Fußballstiefel, das so auffällig leuchtet. Über schwule Fußballer wurde hier vermutlich auch noch nie gesprochen. Aber der Anstoß dazu, den das „Boat People Projekt“ mit seinem Theaterstück „ Steh deinen Mann“ stiftete, war längst überfällig. Die Hoffnungen, dass das Coming–Out des ehemaligen Fußballnationalspielers Thomas Hitzlsperger endlich zu einer offeneren Diskussion führen würde, hatten sich nicht erfüllt. Nun zeigt sich in der Kabine, so ganz nah beieinander, wie und warum das Thema Homosexualität auf dem Spielfeld und in den Fankurven weiterhin abgeblockt und verdrängt wird.

Das waren noch paradiesische Zeiten, die zum dramatischen Anpfiff per Video anklingen. Am Anfang war der Ball und der Ball war rund. Dem Fußballgott, den Schauspieler Matthias Damberg später in einen hitzigen Wortwechsel verwickelt, hätte das gefallen. Der mag nämlich nichts von Statistiken hören, dass es in seinem Reich 500.000 schwule Fußballer geben soll und in jeder Mannschaft mindestens einen. So wie der frühere Mannschaftskapitän beim BSV Sülbeck, dessen Rolle Damberg übernommen hat.

Autor Christopher Weiss lässt ihn in der Inszenierung von Reimar de la Chevallerie nachdenklich werden und auch provokant. Mit der Frage, wie ein schwuler Fußballer denn aussieht und woran man ihn eigentlich erkennt, wird der Fußballfrieden gestört. Sie passt einfach nicht zum dramatischen Traineraufruf „Männer, ich will euch kämpfen sehen“. Auch in die Erinnerung an eine Szene mit nassen Handtüchern und unsanften Körperkollisionen schleicht sich dieses Unbehagen ein, ob all die Umarmungen ebenso wie die Rempler, die anzüglichen Witze oder auch die eitlen Posen vielleicht doch noch eine andere, eben eine sexuelle Bedeutung haben.

In wechselnden Rollen und Situationen sondiert der Schauspieler die Stimmungslagen zwischen Angst, Abwehr und Befangenheit beim Thema Homosexualität, die nun schon bei der Freundschaftlichen Umarmung losgeht. Es fehlt ja auch nicht an Klischees und Etikettierungen, wenn der Mannschaftskollege sich für pinkfarbene Stiefel entscheidet und für ein Haargel, das nach Himbeeren duftet. Spekuliert wird über Strategien, dass sich der schwule Fußballer hinter seinem kämpferischen Einsatz vielleicht nur tarnt und dass dazu pro forma auch eine Ehefrau gehört. Es gibt aber auch die Fernsehbilder von stürmischen Duellen und enthusiastischen Umarmungen. Die Männerkörpern, die fast zu verschmelzen scheinen, berühren das Tabu ebenso unsanft, als ob die sexuelle Orientierung eines Spielers dabei jemals eine Rolle gespielt hätte.

Mit der Frage nach dem schwulen Fußballer war der Schauspieler auch in den Stadien unterwegs. Die handeln die Fans von Borussia Dortmund mitunter noch gelassen ab, weil es darauf auch keine Antwort geben muss. Ganz anders sieht das der Youngster im Jahn Stadion, der in die Kamera grinst und sagt: „Vergasen muss man die.“

Nicht weniger erschreckend redet sich später König Fußball in Rage, auch wenn ihn der Schauspieler Gerd Zinck für die Kamera satirisch abstürzen lässt. „Schwule können überhaupt kein Fußball spielen“ empört sich der Herrscher über den grünen Rasen in das Herz der Stammtischgemüter. Dann sitzt die Krone endlich auch so schief, wie an den Spitzen zahlreicher Fußballclubs, die dem Theaterteam die rote Karte zeigten. Das sei für sie kein Thema signalisierten die Vereine in der Region, für die ursprünglich eine Serie von weiteren Vorstellungen vorgesehen war. Ganz anders sieht das Jimmy Hartwig, nach seinem Besuch in der Umkleidekabine des Jahnstadions. Der erste schwarze Nationalspieler, der bis 1984 auch für den HSV spielte, ist mittlerweile als Integrationsbeauftragter für den Deutschen Fußballbund im Einsatz. An dessen Adresse geht auch seine Empfehlung, „Steh deinen Mann“ unbedingt in der zweiten und der dritten Liga aufführen zu lassen. „Wir müssen dahin kommen, dass schwule Fußballer die natürlichste Sache der Welt sind“, erklärt Hartwig nach dem berührenden Schlussbild. Auf dem Kabinenboden liegt ein Zettel mit dem Namen eines schwulen Fußballers. Der Schauspieler mit dem Trikot des BSV Sülbeck hat ihn dort deponiert und er bleibt auch geschlossen, bis das Outing alltäglich geworden ist oder überflüssig.

Weitere Vorstellungen jeweils 15.30 und 19.30 Uhr:

28., 29. April, 19., 20. Mai 2014

Karten für 5,- / 10,- Euro an der Abendkasse, Reservierungen per Mail unter n.delachevallerie(at)boatpp.de

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