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Agnes Giese

  • „Zwei Frauen, eine leere Bühne, ein paar alte Requisiten und eine leichte, nebensächliche und unwahrscheinliche Handlung“, so beschreibt José Sanchis Sinisterra sein Theaterstück „Vor dem Abriss“, das jetzt am Jungen Theater in Göttingen seine Premiere feierte. Die Auswahl dieses Stückes ist natürlich nicht zufällig, denn es geht um ein Theater, dessen Bau in die Jahre gekommen ist. Versatzstücke besserer Zeiten sind zu sehen und es bröckelt Putz von den Wänden. Im Gegensatz zum spanischen „Gespenster-Theater“ wird das JT allerdings nicht abgerissen, sondern saniert.

  • Es raschelt und rumpelt, zwitschert und klappert auf der Bühne des Jungen Theaters. Überall lagern Requisiten, mit denen das Schauspielteam Geräusche kreiert. Da quietschen rostige Gartentüren und bei hohem Seegang blubbert es dramatisch aus einer Wasserflasche während der Wind rauscht. Regisseur Eike Hannemann hat auch ein schönes Bild für seine Ausstattung des Bühnenraumes gefunden, um mit dem Ensemble die dramatisierte Fassung des Romans von Joachim Meyerhoff zu erzählen. Lautsprecher rahmen die Ereignislandschaft in der Sammlung von Episoden einer Familiengeschichte, in die der Autor hinein gelauscht hat: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Dazu gehören neben den erinnerten Bildern und Gesprächen eben auch die Geräusche, die eine Stimmung vertiefen oder verfremden oder einfach nur damit spielen.

  • „Und übrigens: ich will die Scheidung!“ – drei historisch gekleidete Frauen sitzen an zwei Tischen. Es wird getratscht – es wird zickig. Dabei sind sich die drei Frauen so ähnlich: es handelt sich um drei der Göttinger Universitätsmamsellen, die sich gegenseitig ihre Lebenswege und Lebensentscheidungen vorwerfen. Welches Kind ist von welchem Vater? Wer ist mit wem fremdgegangen? Es sind die Wirrungen, die bis heute in Klatschzeitungen besprochen werden. Zum Glück handelt es sich bei diesen Frauen um intelligente und vielseitige Charaktere, die der Reflexion mächtig sind. So stehen sie auf und stellen fest, dass es nicht sie selbst sind, die sich wahrhaftig über diese banalen Themen echauffieren. Es ist die moralisierende Gesellschaft und die Zeit, in der sie leben – und die Zeit, in der wir heute leben. Es ist das Publikum als Teil der Gesellschaft. Es ist jeder für sich und alle gegeneinander. „Aloha!“, lautet die Absage an den Sexismus, an die Rolle der Frau, an die erwartbare Absage der Gesellschaft an die Emanzipation.

  • Dieser Junge will einfach nicht unter die Räder kommen. Dabei tut seine Umgebung ihr Bestes, ihn klein zu kriegen. Sie arbeitet mit allen Tricks, leeren Versprechungen und Verleumdungen. So verlangt es nun mal der tägliche Überlebenskampf, deren Brutalität Karl Rossmann in Franz Kafkas unvollendetem Roman „Amerika“ schmerzhaft erschöpfend zu spüren bekommt. Nun irrt er auf der Bühne des Jungen Theaters in der dramatisierten Romanfassung von Regisseur Christian von Treskow wie durch ein Labyrinth, das ihn ständig mit neuen Hindernissen und Zumutungen konfrontiert. Im Blick von Katharina Brehl spiegeln sich immer wieder Angst und Verzweiflung aber auch Trotz. Selbst wenn sie ihren Körper duckt und krümmt oder wieder einer Order hinterher hastet, gibt sie dieser Gestalt etwas Unbeugsames, das von innen zu strahlen vermag. Dort wo sich Anstand, Mitgefühl und Verständnis für die Not der anderen ebenfalls wieder zusammenrotten.

  • Pricila und Natalia haben noch viel vor: Zum Beispiel das Publikum noch mal so richtig dramatisch und vor allem politisch aufmischen. Natürlich boykottieren sie alle Pläne um den Abriss ihres Theaters. Das ist inzwischen ziemlich ramponiert, genauso wie auch ihre gemeinsame Geschichte, die sie schon so lange beschäftigt.

    Dem Jungen Theater steht zwar kein Abriss bevor sondern eine Sanierung und der vorübergehende Umzug in die ehemalige Voigtschule. Und so versteht sich „Vor dem Abriss“, das Stück des spanischen Dramatikers José Sanchis Sinisterra, auch als Parabel auf bewegende Zeiten für das JT-Team.

    Victoria Valerie Montera inszeniert das bewegende Duell der beiden leidenschaftlichen Theaterfrauen mit Agnes Giese und Christina Rohde, das wir Ihnen im Gespräch mit der Regisseurin vorstellen.

    Hören Sie eine Kostprobe aus dem Stück:

    „Vor dem Abriss“ hat am 22. Februar 2019 im Jungen Theater Göttingen Premiere. Weitere Vostellungen sind am 26.2., 7.3., 27.3. und 24.3., jeweils um 20 Uhr.

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