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Arne zur Nieden

Was passiert, wenn ein hervorragender Musiker auf einem Instrument, dass er sich extra dafür ausgesucht hat, ein Konzert mit dem intellektuell-kompositorischen Höhepunkt der Musikgeschichte gibt? Diese vielversprechende Kombination bot sich am Samstag, den 10. Februar 2017 ab 17 Uhr in der gut besuchten Göttinger Christuskirche auf dem Egelsberg. Der Berliner Organist Martin Hruschka spielte auf der 2016 renovierten und vervollständigten Ott-Orgel die "Kunst der Fuge" von Johann Sebastian Bach.

Mittwoch, 13 September 2017 08:33

Ungeahnte Orgelklänge in schwarz-weiß

Filmkonzert bei den Nikolausberger Musiktagen mit Otto Maria Krämer

Montag, 06 März 2017 10:15

Ein musikalisch-ökumenischer Bogen

Geistliche Abendmusik des Ensembles ProCant am 5.3.2017

"Ich bin katholischer Kirchenmusiker" - mit dieser Positionierung begann Stephan Diedrich die Geistliche Abendmusik des Ensembles ProCant am 5. März in der Martinskirche in Geismar. Und das, obwohl doch auf dem Plakaten und Programmzetteln als Überschrift groß "Bachkantaten zu Lutherliedern" steht. Ein Widerspruch? Eine inhaltliche Spannung, die das Konzert durchziehen wird? Ein katholischer Dirigent, der sich an Luther in der lutherischen Martinskirche "abarbeiten", mit ihm und der Kantate ringen wird? Keineswegs! Was die zahlreichen Zuhörer erwartete, war ein ökumenisches Ereignis, das nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich zu einem runden Ganzen wurde.

Doch der Reihe nach. Als Ausgangspunkt des Bogens, der geschlagen wurde, stand Psalm 130, "De profundis", des katholischen Dresdener Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka. Manch einer nennt die Musik "gefällig", die meisten begeistert jedoch Zelenkas Gespür für Stimmung, seine verrückten musikalischen Ideen und Umsetzungen und die schlichte Schönheit seiner Musik. So auch hier: "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir", so lautet der Text in der deutschen Übersetzung. Und Zelenka setzt dies unmittelbar um, indem er zu Beginn nur die Männerstimmen singen lässt, begleitet vom mit drei Posaunen und Trompete angereicherten Orchester. Dessen Part wird übernommen vom Göttinger Collegium, das souverän und klangschön begleitet und auch bei solistischen Aufgaben (Melanie Büttner, Violine und Wolfgang Glatzel, Oboe) überzeugt. Auch die Gesangssolisten, Sabine Birkenfeld, Alt, Leopold Schmarsel, Tenor und vor allem Stefan Sauer mit seiner aussdrucksstaren, warmen Bassstimme, tragen zum Gelingen der Musik bei. Durch die räumliche Enge 
in der Martinskirche - die knapp 70 Mitwirkenden nehmen etwa die Hälfte des kreuzförmigen Raumes ein - ergibt sich eine ungewohnt intime Atmosphäre, die weniger dem ausgewogenen Klang, dafür aber umso mehr dem "Erlebnis" zugute kommt.

Nach Zelenka zog sich das Orchester erstmal zurück und überließ dem Chor den Mittelteil des Programms. Zuerst noch einmal der 130. Psalm, diesmal auf deutsch vom Spätromantiker Heinrich Kaminski, dann "Warum toben die Heiden" Josef Rheinbergers. Fließend vollzog sich nun der Wechseln von katholischer zu protestantischer Kirchenmusik. In Mendelssohns 43. Psalm "Richte mich, Gott" zeigte der Chor besonders seine klanglichen Qualitäten und seine Fähigkeit, zu gestalten - eingefordert vom stets präsenten und klaren Dirigat Stephan Diedrichs. Das anschließende Stück "Immortal Bach" von Knut Nystedt, in dem der Choral "Komm süßer Tod, komm sel'ge Ruh'" J.S. Bachs in jeder Zeile gemeinsam begonnen und beendet, dazwischen aber in individuellen Tempi gesungen wird, bewegte dann sicherlich endgültig jeden Zuhörer in der Kirche. Das lag nicht zuletzt daran, dass das Ensemble ProCant diese ungemein anspruchsvolle Aufgabe nicht nur gekonnt, sondern auch einfühlsam meisterte. 

Zum Abschluss des Bogens folgte die Bachkantate "Ach Gott, vom Himmel sieh darein". Besonders hervorgehoben sei der Eingangschor über den Lutherchoral, gehalten im klassischen Stil des Ricercar, mit Choralstimme im Alt, der sich, wie auch der Rest des Chores, gut über das Orchester mit seinen Blechbläsern hinwegsetzen konnte und so zum ausgewogenen Klang beitrug.

"Ich bin katholischer Kirchenmusiker" - was bedeutet dieses Statement am Ende dieser Abendmusik? Ich denke, dass es ein großes Zeichen ist, wenn nach dieser Aussage solch ein wunderbarer musikalisch-ökumenischer Bogen gespannt wird, wie am heutigen Abend in der Geismarer Martinskirche.

Vielen Dank dafür!

Die große Ott-Orgel in der Jacobikirche wurde vor 50 Jahren erbaut. Aus diesem Anlass ist zu den Internationelen Orgeltagen an St. Jacobi ein umfangreiches Programmheft erschienen. Dieser Text von Arne zur Nieden wurde freundlicherweise von der Jacobikantorei und vom Autor zur Verfügung gestellt.

Orgelkonzert mit Sietze de Vries (Groningen) in Hardegsen am 28. Mai 2016

Dienstag, 13 Oktober 2015 06:46

Von echten und falschen Instrumenten

Ensemble "Ars animata" in der Martinskirche in Geismar

Im Jahr 2009 ging ein Lebensmittelskandal durch die Presse. Damals kam heraus, dass in vielen Fertiglebensmitteln kein echter Käse, sondern der sogenannte "Analogkäse" verwendet wurde. Am Abend des 11. Oktober 2015 gab es keinen "Analogkäse", sondern "Digitalkäse".

Das Ensemble "Ars animata" von Rolf-D. Bartels hatte zum Konzert in die Martinskirche in Geismar eingeladen. Auf dem Programm standen Werke von Bach, Corelli und Stamitz. Bartels, der stets mit einer Prise Humor moderierte, bemerkte, dass das heute gespielte Oevre von Corelli sehr klein sei. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass es sich im großen und ganzen auf das Concerto grosso op. 6 Nr 8, das sogenannte "Weihnachtskonzert" beschränkt. So schön dies Konzert auch ist, so gerne würde man doch auch mal andere Werke hören, vor allem im Oktober! Ars animata spielte hier solide, auch wenn die oft fließenden Satzübergänge nicht immer klappten und sich zwischen den Sätzen die Nachteile kopierter Noten zeigten.

Der Höhepunkt des Abends war das Violinkonzert a-moll von J.S. Bach, BWV 1041. Die Solisting Melanie Deppe war gut vorbereitet und wurde zuverlässig vom Ensemble begleitet.

Als "Rausschmeißer" kündigte Bartels das Orchester-Quartett C-Dur von Karl Stamitz an. Ein schönes Stück, für einen beschwingten Heimweg hätte man sich noch ein wenig mehr Schwung und Engagement im Spiel gewünscht.

Kommen wir aber zurück zum Analogkäse. Das Konzert begann mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 5 von J.S. Bach (BWV 1050), das bekanntermaßen eine ausladende Solopartie für das Cembalo enthält. Als Hobbycembalist und Freund historischer Tasteninstrumente hätte dies für mich zum Höhepunkt des Abends werden können, doch wusste ich, dass es eine Enttäuschung würde, als ich nach vergeblicher Suche nach dem Cembalo schließlich ein Digitalpiano entdeckte. Trotz dessen es wohl ein neueres Modell mit guten Samples war, blieb der Klang flach und leblos. Im Continuo ist ein E-Piano mit Cembaloklang schon eine große Anfechtung, als Soloinstrument aber unerträglich. Digitalpianos sind Instrumentenimitate fürs Wohnzimmer und nicht für ein klassisches Konzert, der Beweis wurde von Ars animata wieder einmal geliefert. Schade.

Dabei war die Aufführung an sich ordentlich, Klaus Wolkenstein am Plastikcembalo schlug sich wacker und meisterte den anspruchsvollen Part gut. Das Ensemble reagiert gut auf Anweisungen von Bartels und kann dynamisch differenzieren. Dass in vorzeichenreichen Tonarten die Intonation schwierig ist, kennen alle Laienensembles. Optimierungsbedarf gibt es noch bei den mehrfach autonomen Tempovorstellungen einzelner Stimmgruppen, die im ersten Satz des Brandenburgischen Konzerts sogar zum Abbruch führten. Am Dirigat kann es kaum gelegen haben, denn Bartels leitete stets präzise und eindeutig. Eventuell könnte man beim Spiel mehr Kontakt zum Dirigenten aufbauen.

Trotz aller Kritik muss ich dem Ensemble ein ausdrückliches Lobaussprechen. Das ambitionierte Programm wurde gut gemeistert und es ist immer schön, wenn Hobbymusiker aus Freude am Musizieren ein solches Konzert auf die Beine stellen. Da sieht man über manche Kleinigkeiten gern hinweg - nur nicht über falsche Instrumente. In einer Stadt wie Göttingen ist es definitiv möglich ein Cembalo aufzutreiben. Der Rezensent ist bei der Suche auch gern behilflich.

Freitag, 02 Oktober 2015 11:34

Pause im Alltag

Konzert für Gambe und Laute in der Nikolaikirche

Donnerstag, der 1.10.2015, 17:30 Uhr: Mein Mittagsschlaf ist mal wieder viel zu lang geworden, immerhin habe ich danach noch für den Festgottesdienst am Sonntag Orgel geübt. Jetzt noch schnell einen Kaffee getrunken und schon muss ich los. Um 18 Uhr Konzert in der Nikolaikirche, Gambe und Laute wird gespielt. Danach zur Kantoreiprobe.

17:50 Uhr: Ich betrete die Kirche und suche mir einen Platz. Das Programm sieht lang aus, aber die Stücke beschränken sich auf Tänze und ähnliches aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

18:00 Uhr: CD-Händler Stefan Lipski (Tonkost), der das Konzert zusammen mit der Geigenbauerin Dagmar Loepthien (Göttinger Geigenladen) organisiert hat, tritt nach vorne und begrüßt uns mit "Liebe Freunde". Denn die Konzertreihe sei im letzen Jahr gestartet mit der Idee Gambenmusik von Freunden für Freunde spielen zu lassen. Und mit seiner Einführung zu den Musikern, Alison Crum (Gamben) und Roy Marks (Laute), wird klar, dass hier zwei hochkarätige Künstler sitzen. Sie beginnen mit drei Tänzen aus dem 15. Jahrhundert. Leise klingen Laute und Gambe, und doch füllen sie vom ersten Moment an die Kirche. Die Melodielinien sind fremd, doch im Rhythmus springt der Funke sofort über. Zur Entstehungszeit der Musik war die Nikolaikirche keine 100 Jahre alt, markante Gebäude wie das Rathaus wurden gebaut, die Stadt blühte und wuchs mit dem Handel. Wie mich die Musik doch mitnimmt in diese lange zurückliegende Zeit.

Die Komponisten des Abends sind, von Henry VIII von England und John Dunstable abgesehen, weitgehend unbekannt. Auch zwei Eigenkompositionen von Roy Marks erklingen. Sie übertragen den Charakter der Renaissancestücke in eine gemäßigt moderne Tonsprache. Alle Dances, Grounds, Madrigale, Chansons und Capriccios sind kurze Miniaturen, die aber gerade in ihrer Übersichtlichkeit erfassbar und zu kleinen Kunstwerken werden. Dazu trägt maßgeblich das makellose Spiel von Alison Crum (auf drei verschiedenen Gamben) und Roy Marks bei. Ihre Spielart verzichtet völlig auf die in der Alten Musik weit verbreiteten ausladenden Gesten und Bewegungen, die dem Zuhörer den Ausdruck in der Musik auch optisch vermitteln. Hier genügt die Musik selbst und am Ende eines jeden Stücks ein lächelnder Blickwechsel zwischen den Musikern.

Schön, wenn der Funke durch Musik überspringt, und nicht durch Show.

19:35 Uhr: Glücklich gehe ich nach dem Konzert aus der Kirche, schon mit Blick auf die Uhr, denn in zehn Minuten beginnt die Kantoreiprobe. Und vorher muss ich noch irgendwo was zu essen finden. Döner ist schlecht vor dem Chor, vielleicht eine Portion Pommes?

Danke für diese wunderbare Pause im Alltag!

Montag, 24 November 2014 14:17

Feierlich. Nachdenklich. Großartig!

Beethovens Missa solemnis mit der Göttinger Stadtkantorei

Die Stadtkantorei singt in der Jacobikirche. Die Renovierung des Altarraums in der Johanniskirche bringt diese ungewohnte Konstellation zustande. Am Mittwoch beim Aufbau des Chorpodestes fällt anlässlich einer nicht in vorgesehene Loch wollende Schraube noch der flapsige Spruch "Es ist ja nur für die Stadtkantorei!" Und so mache ich mich auf den Weg in die Aufführung von Beethovens Missa solemnis und überlege mir, wie hart und kritisch ich die künstlerische Leistung des Konkurrenzchores beurteilen werde. Als ich die Kirche betrete, die mir von vielen Konzerten als Jacobisänger wohl bekannt ist, fühle ich mich zuhause - auf dem Programmheft lese ich "Göttinger Stadtkantorei zu Gast in der St. Jacobikirche". Der Raum ist voll, die Plätze ausverkauft, die Kantorei betritt bereits das Podest. Eine gespannte, feierliche Atmosphäre ist spürbar - und sie passt nicht zu meinen distanzierten Kritikerblick, ich werde mit hineingenommen in das Erlebnis dieses Konzerts. Geht es heute Abend wirklich um falsche Töne, schlechte Intonation und unsaubere t-Absprachen?

Das Kyrie reißt mich aus den Gedanken und beantwortet sogleich meine Frage: Imposant und pathetisch beginnt Beethoven diese Messvertonung und markiert schon mit den ersten Tönen den Anspruch des Werks. Hier klingt keine Gebrauchsmusik der Wiener Klassik, sondern eine der größten Kirchenmusiken überhaupt. Bis in absurde Höhen jagt Beethoven die Chorsänger, denen das aber fast leicht zu fallen scheint. Aufmerksam folgen sie dem lebendigen Dirigat Bernd Eberhardts, der den Chor am Ende des Gloria in den übersteigerten Schluss mitreißt. Unterbrochen und ergänzt wird die Kantorei durch das erstklassige Solistenquartett, bestehend aus Stephanie Henke (Sopran), Klaudia Zeiner (Mezzosopran), Clemens C. Löschmann (Tenor) und Andreas Scheibner (Bass). Das Göttinger Symphonieorchester erweist sich als zuverlässiger Begleiter, einzelne rhythmische und intonatorische Unsauberkeiten in den Holzbläsern trüben das Bild nicht.

"Credo in unum deum" - nach einer Stimmpause beginnt das große Glaubensbekenntnis, das Beethoven sehr expressiv und mit direkter Textausdeutung vertont. Ich denke an unser Konzert des Kammerchores St. Jacobi vor einer Woche mit Bachs h-Moll-Messe. Wir sangen den gleichen Text, das gleiche Bekenntnis. Warum gibt es eine Konkurrenz zwischen Chören, die die gleiche Kirchenmusik machen? Sollte nicht gerade die Kirchenmusik gemeinsam einem übergeordneten Ziel dienen?

Sanctus und Benedictus bringen ein wenig Ruhe in die bis hierhin oft sehr überhöhte Musik. Wojtek Bolimowski spielt das große Violinsolo gekonnt mit ein wenig Kitsch, der nach all dem Pathos aber wohl tut. Am Ende steht mit dem Agnus Dei der beeindruckendste Satz, der sich von einem tief traurigen Anfang zum positiven, aber doch sehr offenen Ende entwickelt. Dona nobis pacem - die am ausführlichsten behandelte Textzeile bringt mich wieder ins Grübeln. "Bitte um inneren und äußeren Frieden" schrieb Beethoven über diesen Abschnitt. Die Aktualität dieser Bitte ist beim Blick in die Tagesnachrichten nicht abzustreiten. Während Chor und Solisten in eindringlichen Ausrufen den Satz immer wieder bringen, frage ich mich, wieso es in Göttingen zwischen den Kantoreien eigentlich nur "wir" und "ihr" gibt, und kein "wir alle"?

Nach langem verdienten Applaus fahre ich beglückt, aber auch nachdenklich nach Hause. Ob es wohl möglich ist die alten tradierten Konkurrenzen zu überwinden und endlich gemeinsam Göttingen zu einer Stadt der Kirchenmusik zu machen? Ist nicht beispielsweise die Tatsache, dass man hier an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden die beiden vielleicht größten Werke der lateinischen Kirchenmusik hören kann, ein Ereignis, dass viel eindrücklicher wird, wenn man sich dabei nicht voneinander abgrenzt, sondern es gemeinsam erlebt? Die "Konkurrenz zur Ehre Gottes" scheint mir jedenfalls reichlich unsinnig und nicht würdig weiter kultiviert zu werden. Deswegen sage ich als Jacobisänger der Stadtkantorei heute Abend mit voller Überzeugung: Großartig!

Dona nobis pacem!

Sonntag, 21 September 2014 16:20

Die Musik entsteht und ist richtig

Im Eröffnungskonzert der diesjährigen Internationalen Orgeltage an St. Jacobi gab es keine falschen Töne. Es gab auch keine gute oder schlechte Interpretation von Orgelwerken. Eigentlich gab es nichts, wo eine klassische Konzertkritik ansetzen könnte. Denn der Künstler des Abends, Pierre Pincemaille, ist nicht nur Hauptorganist an der Pariser Kathedrale St. Denis, sondern auch einer der weltbesten Orgelimprovisatoren. Und so standen auf dem Konzertprogramm ausschließlich Improvisationen über vom Publikum gegebene Themen.

Orgelimprovisation, was ist das eigentlich? Die klassische Musikszene der heutigen Zeit fokussiert ihren Blick fast ausschließlich auf die Reproduktion von niedergeschriebenen Kompositionen. Lediglich im Bereich der Orgelmusik wird noch aus dem Stehgreif gespielt, also Musik über ein Thema im Moment der Aufführung im Kopf des Spielers entwickelt und sofort umgesetzt. Allerdings beschränkt sich auch hier der Einsatz dieser Technik vornehmlich auf das Orgelspiel im Gottesdienst, wo es dann oft auch abfällig mit dem Begriff "Organistenzwirn" abgetan wird.

Überhaupt haftet Improvisationen, wenn sie im Stil einer bestimmten Epoche oder eines Komponisten gehalten sind, ein wenig der Vorwurf des "Abklatsches" an. Ein Organist sei eben noch lange kein Bach, wenn seine Improvisation wie Bach klingt. Interessanterweise war dies z.B. im 18. Jahrhundert genau umgekehrt: Bewarb sich ein Organist auf eine Stelle, musste er im Probespiel vor allem seine Improvisationskunst u.a. mit mehrthematischen Fugen unter Beweis stellen. Über Kandidaten, die Kompositionen auswendig lernten und beim Vorspiel als Improvisationen deklarierten, wird sich in zeitgenössischen Schriften genüsslich echauffiert.

Wenn ein erstklassiger Künstler wie Pierre Pincemaille improvisiert, dann gibt es natürlich weder Abklatsch noch Organistenzwirn. Was am Freitagabend in der Jacobikirche zu hören war, war Orgelimprovisation, ja sogar allgemein Orgelmusik der Extraklasse. Es begann mit einer Choralpartita im Stil von J.S. Bach, bestehend aus Ricercare, figuriertem Choral, Trio, coloriertem Choral und einer abschließenden Fuge. Als Thema wählte Pincemaille den Choral "Jesu meine Freude". Solche Partiten bieten eine wunderbare Möglichkeit das Thema bzw. den Choral auf verschiedenste Art und Weise zu verarbeiten. Dies gelang Pincemaille hervorragend, auch wenn nicht alles wie Bach klang - was aber sicher auch nicht der Anspruch war, denn es erklang ja ein "Pincemaille".

Als zweites stand eine viersätzige Symphonie auf dem Programm. Hierfür wählte Pincemaille drei verschiedene Themen aus den vom Publikum notierten Wünschen aus. Und nun zeigte sich nicht nur, in welcher Musiksprache er wirklich zuhause ist, sondern auch eine Besonderheit der Improvisation: Dadurch, dass die Musik ad hoc im Kopf des Organisten entsteht und dadurch auch nicht nochmal revidiert werden kann, ist sie für den Zuhörer viel zugänglicher und erfassbarer als eine komplexe Komposition, die man eigentlich erst nach mehrmaligem Hören oder beim Mitlesen versteht. Man folgte der Musik aufmerksam und war immer auf der Suche nach Themen oder Themenfragmenten. Und nebenbei freute man sich noch am Erfindungsreichtum Pincemailles, der stellenweise auch eines gewissen Humors nicht entbehrte.

Die abschließende Introduktion, Thema und Variation ging über das Abendlied "Der Mond ist aufgegangen". Auch wenn Pincemaille nicht unbedingt das romantische Bild des Claudius-Textes nachzeichnete, sondern eher eine moderne Nacht mit Trubel bis zur vorgerückten Stunde, skurrilen Gestalten auf der Straße und lauter Party skizzierte und somit etwas mit den Erwartungen brach, so tat dies aber dem Hörgenuss keinen Abbruch.

In allem zeigte sich Pincemaille natürlich als inspirierter Musiker, der die Musik im Moment des Erklingens erdenkt und dadurch auch viel unmittelbarer miterlebt, aber auch als hervorragender Techniker und Interpret, der die Klangfarben einer Orgel gekonnt auslotet und abwechslungsreich einsetzt. Lediglich die Vorliebe für wetterbedingt verstimmte Horizontaltrompeten teilt der Rezensent nicht.

Bei so großartiger Musik konnte man schnell die Brisanz des Tages in der Jacobikirche vergessen: In der Nacht hatte ein Blitz in den Turm eingeschlagen und verschiedene elektronische Einbauten, vor allem aber auch einige Koppeln der Orgel lahm gelegt. So kam es, dass ein Orgelbauer erst um 18:02 die Orgel soweit spielbar bekam, dass man als Zuhörer nichts mehr von dem Dilemma hörte. Auch in diesem Punkt erlebte man also ein Improvisationskonzert erster Klasse!

Was ist nun das besondere an der Orgelimprovisation? Man ist als Zuhörer bei der Entstehung der Musik dabei, und indem man sie hört, ist sie auch unwiderruflich vorbei - Ein Zauber, der in unserer durch konservierte Musik bestimmten Zeit etwas Besonderes und sehr zu schätzen ist. Zudem setzt man sich in ein Improvisationskonzert mit einem anderen Anspruch und viel offener für das zu erwartende: Es gibt keine falschen Töne, kein falsches Tempo, überhaupt nichts falsches in dem Sinne. Die Musik entsteht und ist richtig - und dann ist sie auch schon Geschichte und nur noch in der Erinnerung vorhanden.

Freitag, 30 Mai 2014 08:37

Ganz großes Kino!

Händels Oratorium "Joshua" mit dem NDR-Chor

Was verbindet den Kino-Blockbuster "Titanic" mit dem Oratorium "Joshua" von Georg Friedrich Händel? Beide verarbeiten auf ihre Weise ein historisches Ereignis zu einer abendfüllenden Unterhaltung. Der historische bzw. biblische Stoff ist jedoch allein ausgesprochen wenig
attraktiv - der tragische Untergang eines Passagierschiffes genauso wie der brutale Eroberungsfeldzug des Volkes Israel. Um ein solches Sujet attraktiv und interessant zu machen, bedient man sich seit jeher eines Tricks: Man baut eine Liebesgeschichte ein. Da jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit der Liebe konfrontiert wird, kann man auch (beinahe) jeden Menschen über dieses Thema ansprechen. So ist es die herzzerreißende, durch die Titanic-Katastrophe jäh beendete Liebe zwischen Jack und Rose, die die Menschen millionenfach in die Kinos lockte. Ob die glückliche Liebesgeschichte zwischen Othniel und Achsah in Händles "Joshua" für den Erfolg des Oratoriums bei seiner Uraufführung 1748 ausschlaggebend war, darf dagegen angezweifelt werden.

An der Begeisterung des Publikums beim Eröffnungskonzert der diesjährigen Händelfestspiele in der Stadthalle hatte sie vermutlich keinen großen Anteil. Also kein großes Kino am Himmelfahrtsabend?

Wohl nicht, denn eine solche Aufführung braucht keine teure Filmeffekte, kein dramaturgisch ausgeklügeltes Drehbuch und auch keine herzzerreißende Liebesgeschichte, um die Menschen zu begeistern. Da schafft alleine die Musik Händels - und die Weise, wie sie uns dargebracht wird.

Mit den oft langatmigen Opern aus Händels früherer Schaffensperiode, die sich über Stunden von Dacapo-Arie zu Dacapo-Arie hangeln und damit selbst eine noch so gute Inszenierung an ihre Grenzen bringen, hat "Joshua" nicht viel gemein. Natürlich, ein Händel ist ein Händel, nach spätestens zehn Takten zweifelsfrei als solcher zu identifizieren, angereichert mit vielen sequenzierten Läufen, Unisono-Einsätzen, Quintfallsequenzen, hemiolischen Schlüssen und was der musikalische Baukasten Händels noch so hergab. Doch in "Joshua" gelingt etwas Bemerkenswertes: Die Musik ersetzt die szenische Aufführung indem sie, obwohl ganz dem händelschen Personalstil verpflichtet, eine dramatische Vielfalt bietet, die die Handlung vom ersten bis zum letzten Ton plastischer darstellt als manche Operninszenierung. Dies geschieht in einem Spektrum, das von der bezaubernden Naturimitation in der Arie der Achsah "Hark, 'tis the linnet and the thrush!" über die zitternden Völker und den donnernden Himmel im Chor "Ehre sei Gott" am Anfang des zweiten Aktes, bis zum ergreifenden Effekt eines über fast den ganze Schlusschor des zweiten Aktes gehaltenen Trompetentones geht, der das Anhalten der Sonne und des Mondes durch Josua deutlich vor Ohren führt.

Nicht minder beeindruckend war aber auch die praktische Aufführung des Abends. Das FestspielOrchester Göttingen präsentierte sich und die Musik in Bestform, die Musiker strahlten von Anfang bis Ende eine große Freude an der Musik und am Musizieren aus, was den Funken zum Publikum schnell überspringen ließ. Das technische Niveau, auf dem hier musiziert wird, tut dann noch das Übrige zur gelungenen Aufführung.

Die Solisten des Abends waren dazu passend hochkarätig besetzt. Vor allem der ausgesprochen schöne und präzise Sopran von Anna Dennis (Achsah) wusste zu begeistern, ebenso Kenneth Tarver (Joshua) mit seiner ausgeglichenen präsenten Tenorstimme. Ebenfalls sehr präzise und, auch in tiefen Lagen, von unaufdringlicher Präsenz zeigten sich der Bariton Tobias Berndt (Caleb) und die Mezzosopranistin Renata Pokupić  (Othniel), bei der allerdings etwas weniger Vibrato nicht hätte schaden können. Als Engel rundete im ersten Akt Joachim Duske als Mitglied des NDR-Chores das Solistenensemble souverän ab.

Der von Robert Blank einstudierte NDR-Chor übernahm den nicht geringen Choranteil des Abends. Auch hier hatte man bei dieser Aufführung das Gefühl, dass zusammen kommt, was zusammen gehört. Der Chor, der sich erfreulicherweise weit von dem mit starkem Vibrato verwischten Klang von Aufnahmen aus vergangenen Jahrzehnten entfernt hat, sang präzise, deutlich und ausdrucksstark und half damit den Spannungsbogen, den die Komposition bereithält, dem Publikum zu vermitteln.

Der Verantwortliche für dieses entstandene musikalische Gesamtkunstwerk mit Aussagekraft war Laurence Cummings, der künstlerische Leiter der Händelfestspiele. Sein Dirigat war stets inspiriert und belebend, aber nie aufgesetzt oder effekthascherisch. Er stellte sich und seine Interpretation ganz in den Dienst der Musik und erreichte damit vermutlich jeden Zuschauer in der ausverkauften Stadthalle. Der nicht enden wollende Applaus mit Bravo-Rufen legt dies zumindest nahe.

Also, großes Kino am Himmelfahrtsabend in der Stadthalle? Nein, wer so eine Aufführung miterleben darf, braucht kein großes Kino. Hier gibt es große Musik!

Sonntag, 16 Februar 2014 21:13

Junge Stimmen prägen den Chorklang

Das Ensemble ProCant in der Nikolai- und der Martinskirche

Kirchenkompositionen sind im 18. Jahrhundert in der Regel Gebrauchsmusik. Das gilt sowohl für die protestantische Kantate, als auch für die katholische Messvertonung; beide haben, so wie sie komponiert wurden, ihren Platz im liturgischen Ablauf des Gottesdienstes. Leider ist es heutzutage kaum möglich, der Musik diesen ursprünglichen Platz zuzugestehen. Die Singe- und Musiziergewohnheiten haben sich grundlegend gewandelt, hin zum die Musik in das Zentrum stellenden Konzert, dass dann auch der liturgischen Gebrauchsmusik einen isolierten Platz zur Entfaltung bietet. Das hat natürlich Konsequenzen für die Wahrnehmung durch den Zuhörer.

Denn wenn der liturgische Aspekt fehlt, dann konzentriert sich nur das Ohr auf die Musik, der bei der Komposition entscheidende Faktor der theologisch-inhaltlichen Wirkung des Werkes fällt weg. Von der um ein vielfaches gesteigerten Gesamtwirkung von Kirchenmusik an ihrem vorgesehenen Ort konnte man sich in der Weihnachtszeit 2012/2013 bei der Aufführung der sechs Kantaten des Bachischen Weihnachtsoratoriums an sechs Feiertagen in sechs Göttinger Kirchen überzeugen.

Auch Mozart hat viel Kirchenmusik komponiert, selbstverständlich für die Aufführung in der Heiligen Messe, nicht im Konzert. Wie erwähnt, ein Kantor hat heutzutage selten die personellen Möglichkeiten, eine Mozart-Messe am Sonntag morgen zu Gehör zu bringen. Deswegen ist man gezwungen, dies konzertant zu tun. So geschehen am Abend des 16. Februar 2014 in der Martinskirche in Göttingen-Geismar durch Stephan Diedrich, sein Ensemble ProCant und das Orchester Concertino Göttingen.

Als erstes wurde die „Vesprae solennes de Confessore“, KV 339 geboten. Hier ist es kein Messordinarium, dass vertont wird, sondern die Psalmen und das Magnificat, die zum liturgischen Bestandteil des Vespergottesdienstes gehören. Der Erste Psalm „Dixit Dominus“ kam als gewöhnlicher Mozart daher und offenbarte das große Dilemma der Gebrauchsmusik im Konzert: Unspektakuläre Musik bekommt zu viel Aufmerksamkeit, sodass auffällt, dass in der Katholischen liturgischen Musik sehr viel Text in kurzer Zeit vertont werden muss. Da bleiben viele musikalische Ideen und Bögen im Ansatz stecken. Doch die Vesperpsalmen in Mozarts Vertonung bleiben nicht auf diesem Niveau, sondern steigern sich Stück für Stück und beweisen, dass Mozart eben nicht nur Komponist für Gebrauchsmusik ist. Besonders hervorzuheben ist hierbei das „Laudate pueri“, das sich in einer kontrapunktisch hochkomplexen Fuge in – nach drei Dur-Stücken – erfrischendem d-Moll präsentiert. Und auch das anschließende „Laudate Dominum“, das auffallenderweise nur fünf Textzeilen sowie die abschließende Doxologie hat, ist als eindringliches anrührendes Sopransolo mit Chorabschnitten gesetzt.

Als zweites Werk stand die Missa in C, KV 317 („Krönungsmesse“) auf dem Programm des Konzertes. Auch hier findet man gelegentlich Abschnitte, die nach Gebrauchsmusik klingen, jedoch weiß Mozart immer wieder aus dem „gewöhnlichen“ auszubrechen und er lässt vor allem in der Behandlung des Orchesters den Sinfoniker erkennen.

So war es dann auch die Messe, bei der das Orchester des Abends aus sich heraus kam und den Schwung und die Begeisterung zeigte, die in der Vesper noch etwas im Zaum gehalten wurde. Besonders schön spielten die oft eigenständig geführten Bläserstimmen, und zwar sowohl die Holzbläser (Oboen und Fagott) als auch das Blech (Trompeten, Hörner und Posaunen). Der Chor, das Enseble ProCant, hat sich seit 2005 sehr erfolgreich in der Göttinger Chorszene etabliert, und auch der Mozart-Abend war ein erneuter Beweis für die Existenzberechtigung dieses Ensembles (das ganz ohne die üblich verdächtigen „Chor-Hopper“ auskommt, die sonst in vielen Chören mitmischen – der Autor zählt sich selbst dazu.) Es ist schön zu sehen, dass es in Göttingen tatsächlich einen großen Bedarf an klassischen Chören gibt, gerade auch unter jüngeren Menschen. So sind es dann auch die vielen jungen Stimmen, die den Chorklang prägen, der selbst im Piano keine Intonationsschwächen bei Spitzentönen zeigte.

Darum kann man auch gelegentlich ungenau abgesprochene Schlusskonsonanten gut verzeihen. Unter den Solisten stach besonders die Sopranistin Janna Ruck hervor, nicht nur, weil sie sich mit zwei großen Solopassagen als einzige richtig entfalten konnte, sondern auch, weil ihre klare, präzise und intensive Stimme der Musik besonderen Ausdruck zu verleihen wusste. Mit Sabine Birkenfeld (Alt), Marvin Munke (Tenor) und Stefan Sauer (Bass) stand ihr ein wunderbar harmonierendes Solistenensemble zur Seite. Stephan Diedrich leitete präzise und hatte stets die Aufmerksamkeit der Musiker, was besonders beim Chor positiv auffiel, weil die Gesichter nicht hinter einer Wand von Noten verschwanden.

Die Geismarer Martinskirche war, wie auch schon Tags zuvor die Nikolaikirche, fast weihnachtlich gefüllt, der Applaus berechtigterweise nicht enden wollend. Die Tatsache, dass die Musiker an zwei aufeinander folgenden Abenden zwei Göttinger Kirchen füllen ist bemerkenswert. Und vielleicht bekommt damit die liturgische Gebrauchsmusik doch eine Existenzberechtigung im abendlichen Konzert.

Sonntag, 08 Dezember 2013 09:15

Händel am Nikolausabend

Orgelmusik in St. Jacobi mit Antonius Adamske und Orchester

Alljährlich in der Advents- und Weihnachtszeit wird eine Epoche der Musikgeschichte aktuell und auf breiter Front gesellschaftsfähig: Die Barockmusik. Das Weihnachtsoratorium ist als Konzertereignis ein Pflichttermin, im CD-Regal häufen sich neue Einspielungen von Weihnachtskantaten unbekannter mitteldeutscher Komponisten, das ZDF bietet adventliche Musik in D-Dur aus der Dresdener Frauenkirche mit Pauken und Trompeten und im Radio läuft bald Corellis Weihnachtskonzert in gefühlter Endlosschleife. Nein, ich bin der Barockmusik sicher nicht überdrüssig, auch wenn es gerade so klingen mag. Vielmehr freue ich mich über das, wenn auch nur kurzzeitige, Protegieren dieser Musik, die zwar in den Chören vor allem mit den großen Werken Bachs einen festen Platz hat, aber ansonsten von Laienmusikern erstaunlich selten zu Gehör gebracht wird. Ob man in Göttingen Angst vor der Konkurrenz der Händel-Profis im Mai hat?

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