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Mittwoch, 07 Februar 2018 17:58

Halbzeit im Jungen Theater

Erfolgreiche erste Halbzeit - viele Sonderprojekte in der zweiten Halbzeit

Mittwoch, 21 Juni 2017 15:00

Gefeiert wird das ganze Jahr

„Vom Eise befreit...“ - die Jubiläumssaison 2017/2018 im Jungen Theater

Freitag, 10 Juni 2016 14:14

Wir sind mit uns im Reinen

Rückblick und Ausblick im Jungen Theater - Premieren und Projekte

Sonntag, 06 September 2015 20:38

Navigator Luna Nord

Linda Elsners Ermittlungsprozess am Jungen Theater

Die Familienstrukturen sind ziemlich kompliziert. Wann und warum welche Söhne und Töchter den Status Prinz oder Prinzessin erhalten oder wer dann die Rolle des Oberhauptes übernimmt. Linda Elsner hat offenbar kein Problem mit dem traditionellen Regelwerk ihrer fremden Angehörigen. Von da oben auf der Empore des Jungen Theaters klingt ihre Beschreibung auch noch so, als ob sie es mit den Komplikationen ihres Reiseabenteuers locker aufnimmt. Doch schon bald wird sie auf der Bühne von Zweifeln geplagt.

Es geht um das Leben eines unbekannten Großvaters und seinen Aufenthalt in Leipzig, dessen Spuren sie in ihrer Inszenierung am Jungen Theater verfolgt. Es geht dann auch um die Frage, warum er einfach von der Bildfläche verschwand, seine schwangere Freundin sitzen lies und sich in Togo dem herrschenden Regime anschloss, gegen das er ursprünglich opponiert hatte. „Ermittlungsprozess“ hat die Schauspielerin ihre dramatische Spurensuche genannt, denn es sind nur spärliche Dokumente, mit denen sie sich in ihrem Stück „Navigator Luna Nord“ auseinandersetzt. Um so mehr werden nun Vermutungen und Spekulationen zu möglichen Anhaltspunkten, was damals wohl passiert sein könnte und warum vieles davon jetzt noch nachwirkt. Zur Seite steht ihr dabei der Musiker Benjamin Pogoratos, der am Mischpult mit Sounds, Geräuschen und Klangbildern die Stimmungen, Ängste und Vorbehalte zum Ausdruck bringt, die dabei nicht so ohne weiteres zur Sprache kommen.

Immer wieder dreht sich hinter einem dunklen Schleier eine riesige Filmrolle, weil die Suchbilder einfach nicht klarer werden wollen sondern erst mal nur verwirren. Die Gestalt auf der Bühne kämpft mit den Nachwirkungen eines Malariamittels, das ihr diffuse Träume beschert. Sie ist genervt von ihren Mitfahrern auf der Fahrt zum Brüsseler Flughafen. Ihre Verwandtschaft in Togo terrorisiert sie mit Anrufen und Forderungen nach Geld und IT Zubehör. Doch schon in diesem Aufbruchchaos kommt es wieder zu flash backs.
Es sind fiktive Interviewsituationen, die die Schauspielerin mit diesem Jean imaginiert, wie das Gespräch mit einem Toten, für den sie auch die Antworten formulieren muss. Dass er ohne weiteres an ein DDR Visum gekommen ist, um in Leipzig Polizeiwissenschaften zu studieren, dass er die Familientradition verweigert hat und nicht Priester geworden ist und dass er seiner Ehefrau seine Affäre und seine uneheliche Tochter verschweigen musste.

Mit jedem Requisit, nach dem Linda Elsner in einem Sandbett gräbt, folgt sie einer weiteren Erzähl- und Erinnerungsspur. Sie greift nach einem Zeitungsartikel über die Machtverhältnisse in Togo mit den korrupten Seilschaften und dem kurzen demokratische Intermezzo. Oder sie wird sie zum Filmstatisten Jean der sich in der Science Fiction Produktion „Navigator Luna Nord“ auf geheime Mission begibt.

Es gibt keine Chronologie in diesem dramatischen Ermittlungsprozess, wenn die Schauspielerin von Hitze, Armut und Drogenkartellen erzählt, von einer hierarchischen Gesellschaft und von den Zuwendungen und Zugriffen ihrer afrikanischen Verwandtschaft. Wieder greift sie nach einem Paar Orangefarbener Kopfhörer, weil sich in einem Zeitungsarchiv auch das Foto eines diplomatischen Gastes aus Togo befand. Wohl gelitten schien in einem Kreis von DDR Sportschützen, anders als seine uneheliche Tochter, die sich als „Fitschi“ verspotten lassen musste. Auch in dem gesellschaftlichen Klima der früheren DDR Gesellschaft hat die Schauspielerin für ihr Stück ermittelt und zeigt es als groteske Stammtischparodie, wo die „Fitschis“ mit Sonne, Strand  und Südseezauber besungen wurden. Das reimte sich auch so schön auf all die Vorurteile gegen Kinder aus Mischehen und Beziehungen mit den Teilzeitbürgern aus den afrikanischen Bruderländern mit sozialistischen Ambitionen.

So wie die Filmrolle im Bühnenhintergrund immer angehalten, verdunkelt und dann erneut beleuchtet und bewegt wird, entwickelt sich auch Linda Elsners Spurensuche. Die Bilder und die Eindrücke rotieren, bis eine Einsicht sie Ausbremst, die nächste Frage sie dann erneut beschleunigt und sich ein weiterer dunkler Fleck in einer Familiengeschichte abzeichnet. Dieser bewegende Theaterabend macht viele dieser dunklen Flecken sichtbar, aber eben auch die Erkenntnis,  dass Deutungs- und Erklärungsversuche dabei manchmal versagen und die Suche nach Einsichten dennoch weitergeht.

Montag, 04 Mai 2015 12:48

Es geht – und wie!

Nathan der Weise im Jungen Theater

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Die Auflistung der Rollen im Stück übersteigt die Anzahl der Ensemblemitglieder deutlich: Zehn Personen werden aufgeführt, „nebst verschiednen Mamelucken des Saladin“. Dazu kommen noch etliche Bühnenbilder für die fünf Aufzüge und zahlreichen verschiedenen Szenen in den gut drei Stunden erforderlich sind, die der Originaltext vorschreibt.

Als Intendant Nico Dietrich und Regisseur dieses Stückes Tobias Sosinka vor einiger Zeit ankündigten, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, lautete auch wegen der Größe des Stückes die Frage: wie viel Lessing dürfen wir denn erwarten? Die Antwort blieb damals offen.

Dass das Team des Jungen Theaters sich entschieden hat, das Stück weitgehend unangetastet zu lassen, darf, ja muss ihm sehr hoch angerechnet werden. Der Originaltext des großen Dichters der Aufklärung konnte so die Aufführung tragen. Sosinka ließ der Sprache großen Raum, kurze Toneinspielungen waren angenehm zurückhaltend.

Ein paar Rollen wurden gestrichen, das Werk dadurch auf etwas gekürzt. So fehlen der Derwisch und der Emir. Und für die Rolle des Patriarchen hat sich Sosinka zu einem Kunstgriff entschieden: die Rolle wird gleich von mehreren Personen dargestellt.

Doch der Reihe nach:

Auf das Bühnenbild wird weitgehend verzichtet. Das Publikum sieht schon vor Vorstellungsbeginn eine leere Bühne. An den Seiten stehen verschiedene Kisten, die nach und nach zum Vorschein kommen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dadurch und durch die faszinierenden Lichteffekte wirkt die Bühne abwechslungsreich. Und da das gesamte Theaterpersonal in dieser Inszenierung stark eingebunden ist, dürfen die Akteure die Dekoration selber aufbauen – und auch wieder aufräumen.

Nathan kommt von einer Reise zurück – da sind gleich einige Kisten als Gepäckstücke dabei. Man lernt die Hauptperson des Abends sogleich als Sympathieträger kennen: offen, optimistisch, erfolgreich, umtriebig – eine positive Eigenschaft reiht sich im Laufe des Abend an die andere. Das wirkt vor allem durch die Verkörperung durch Jan Reinartz glaubwürdig. Reinartz IST Nathan. Dazu gehört nicht nur die Deklamation des Textes. Beinahe die stärkste Szene mit ihm ist die ohne Worte: kurz vor der Pause wird ihm von Saladin die entscheidende Frage gestellt, welche Religion denn die wirklich wahre sei. Nach der Pause soll die berühmte Ringparabel folgen. Aber Nathan bereitet dies noch vor: sieben Steine verkörpern (wie wir später erfahren) seine sieben ermordeten Söhne. Diese Steine werden von ihm drapiert. Immer wieder umgesetzt. Wie in einem Hütchenspiel (wo ist denn nun die wahre Religion drunter?). Und endlich liegen sie richtig – nur so kann das berühmte Märchen vom Vater, seinen Söhnen und den drei gleichen Ringen erzählt werden. Regie, Ausstattung, Dramaturgie und Licht haben in dieser Szene, die es bei Lessing ja gar nicht gibt, gemeinsam Großartiges geleistet.
Eva Schröer ist als Recha die junge, leicht beeinflussbare Tochter des Juden Nathan. Beeinflusst wird sie unter anderem durch ihre Ziehmutter Daja – einer Christin. Von Agnes Giese sind im Laufe ihrer vielen Jahre am Jungen Theater schon unglaublich viele Charaktere zu sehen gewesen. Und auch hier überzeugt Giese als intrigante Christin. Damit auch niemand versehentlich diese Figur lieben kann, wurde sie vielleicht eine Spur zu lächerlich kostümiert.

Ali Berber ist der Anlass der zahlreichen Verwicklungen: der Tempelherr rettet Recha aus den Flammen, verrät Nathan beim Patriarchen und ist am Ende der Schlüssel für die Schlussaussage Lessings: alle Religionen sind verwandt und bilden eine Familie. Berber überzeugt als ungeduldiger, junger Mann. Seine Artikulation dürfte jedoch gerne noch etwas verbessert werden. Es würde schlicht der Verständlichkeit der Worte dienen.

Götz Lautenbach war schon häufiger Gast im Jungen Theater, auch in der Regie. Als Klosterbruder ist er beim „Nathan“ dabei. Wunderbar, wie er diesen aufrechten, ehrlichen Bruder spielt und seinen Beitrag zur Aufklärung der Verwicklungen leistet.

Karsten Zinser als muslimischer Herrscher in Jerusalem ist großmütig, mild und gerecht. Vielleicht ist Zinser ein wenig zu jung für diese Rolle. Ganz bestimmt ist er das als Onkel Rechas und des Tempelherren. Er macht diesen kleinen Malus wett durch die Sympathiewerte, die er im Laufe des Abends erringt. Begünstigt wird das durch die kluge und gewitzte Schwester Sittah, ganz wunderbar und sehr sportlich dargestellt von Linda Elsner.

Diese durfte zwischendurch mit Kolleginnen und Kollegen den Patriarchen mimen. Gemeinsam zogen sie singend („Dies ira, dies illa, solvet saeclum in favilla“ – der mittelalterliche Hymnus vom Jüngsten Gericht) auf die Bühne. Unbarmherzig und dogmatisch verurteilen sie alle Andersgläubigen. Und vor allem den Juden Nathan, der eine Christin als Jüdin aufzieht.

Auch diese Szene ist ganz hervorragend gelungen. Es ist nur in der heutigen Zeit kaum verständlich, warum die Muslimen mit Waffen (in Bild und Ton) auftreten müssen. Das lenkt die hochaktuelle Frage, wie denn diese drei Religionen miteinander umgehen und wie sie miteinander umgehen sollten, in eine etwas einseitige Richtung. Dass die Wahrheit nicht so eindeutig ist, hat Lessing in seinem Werk deutlich gemacht.

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Es geht – und wie! Das fand auch das Premierenpublikum, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler kaum von der Bühne lassen wollte.

 

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