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Montag, 16 November 2015 18:12

Großartiges Klangfest

Das Fine Arts Quartet zu Gast bei den Aulakonzerten

Zwischen Konzerten in Milwaukee und London gastierte das renommierte Fine Arts Quartet mit vier Konzerten in Deutschland. Das Gastspiel bei den Göttinger Aulakonzerten bildete dabei den Abschluss der kurzen Deutschland-Tournee.
Im Gepäck hatte das 1946 in Chicago gegründete Streichquartett Werke von Arriaga, Ravel und Schumann. Gleich zu Beginn des sehr gut besuchten Konzertes setzten die vier Streicher Akzente: das Streichquartett Nr. 3 Es-Dur des baskischen Komponisten Juan Crisóstomo de Arriaga, der 1826 noch vor Vollendung seines 20. Lebensjahres verstorben ist. Dennoch ist sein Gesamtwerk durchaus umfangreich. Das Streichquartett Nr. 3 komponierte Arriaga im Alter von 16 Jahren und zeigt eine erstaunliche Reife: ein reifer, ausgewogener Kammermusikstil, der sich zwar an Haydn orientiert, aber leidenschaftliche, beinahe beethovensche Züge in sich trägt. Und so wurde das Stück auch vorgetragen: ernsthaft und leidenschaftlich, getragen und wild – und das in hoher musikalischer Perfektion.

Man merkt deutlich, dass die Herren auf der Bühne schon eine ganze Reihe von Jahren zusammen musizieren. So konnte ein perfekter Klang entstehen – gepaart mit einer unglaublich präzisen und synchronen Dynamik. Dieses Ensemble hatte keineswegs etwas „Altbackenes“, das manch einer  vielleicht bei den schon seit 30 Jahren gemeinsam konzertierenden Geigen befürchtet hatte. Das Gegenteil war der Fall: frisch, mit viel Liebe zum Detail und gut gelaunt merkte man dem Quartett zwar eine große Reife an, aber keinerlei Abnutzung durch die schon lang andauernde Tournee um die Welt.

Im Mittelpunkt des Abends stand das Streichquartett F-Dur von Maurice Ravel. Vorbild für Ravel war das Streichquartett von Claude Debussy. Ravel entwickelt aber von Beginn an eine eigene Tonsprache und Melodieführung. Und auch hier erlebte das Göttinger Publikum ein großartiges Klangfest: sowohl die lyrisch-zarten Passagen als auch die dramatischen Höhepunkte wurden mit großer Empathie für die Komposition vorgetragen. Die komplexen Taktwechsel im letzten Satz klangen spielerisch leicht.
Schon vor der Pause gab es einen Applaus, mit dem so manche Künstler nach dem Konzert zufrieden wären.

Nach der Pause erklang das Streichquartett von Robert Schumann op. 41 Nr. 1. Schumann wagte sich erst als 32-jähriger an die Komposition von Streichquartetten. Das Werk besticht durch großen Reichtum an musikalischen Motiven, die das Fine Art Quartet geradezu als Steilvorlage annahm und entsprechend klar herausarbeitete. Die Interpretation war wunderbar klar, nie jugendlich vorwärtsstürmend, aber auch nicht hochnäsig altklug.

Film "Vampyr - Der Traum des Allan Grey" in der Torhausgalerie

Für die Vorführung des selten gezeigten Carl Theodor Dreyer Meisterwerks „Vampyr – Der Traum des Allan Grey“ (1932) wählten die Verantwortlichen des Filmkunstvereines „Sperrsitz e.V.“ einen ganz besonderen Schauplatz: Die Torhausgalerie, die passenderweise räumlich in den Göttinger Stadtfriedhof eingebunden ist, wurde am Abend des 6. November kurzzeitig zur Bühne schaurig, surrealistischer Wiederzehrerbilder.

Dass sich trotzdem niemand fürchten musste, ist wohl am Ende nicht Dreyers zwar leidlich spannendem, aber ästhetisch mehr als beeindruckenden Hybrid aus Stumm- und Tonfilm zu verdanken, sondern der liebevollen Betreuung durch die Göttinger Filmfreunde-Initiative. Veronika Walter war es, die den etwa 20 gespannten Göttinger Kulturinteressierten eine fundierte Einführung präsentierte, wobei sie ebenso auf die abenteuerlichen Produktionsbedingungen dieser frühen „Carmilla“-Verfilmung (Sheridan Le Fanu), wie auf ihren prägenden Einfluss auf Alfred Hitchcocks Frühwerk verwies (letzterer soll „Vampyr“ tatsächlich als den einzigen Film bezeichnet haben, der es wert sei, zweimal geschaut zu werden).

Die Geschichte ist eher simpel: Ein Mann (Nicolas Louis Alexandre de Gunzburg, neben seiner Funktion als Hauptdarsteller auch Finanzier des Films und im wirklichen Leben ein steinreicher Baron) steigt im Gasthof ab. Der sterbende Vater (Maurice Schutz) einer jungen, todkranken Schönheit (Sybille Schmitz) hinterlässt diesem unvermittelt ein altes, von Geheimwissen strotzendes Buch über Vampyrismus. Der Mann beginnt es zu lesen und versteht, Seite für Seite, was um ihn herum passiert (das Buch wird, so Dreyer, selbst zum Akteur). Schließlich, nach vielen, ästhetisch wundersam aufgeladenen traumartigen Szenen, lösen sich alle Probleme durch die Pfählung einer bereits vor langem beerdigten Vampirin.

Wild tanzende Schatten, die sich unabhängig von den Darstellern bewegen; ein seltsamer Grauschleier, erzeugt durch einen Hauch Gaze, der über die Kamera gezogen wurde; der Einsatz subjektiver Kameraeinstellungen (unter anderem aus dem Inneren eines Sargs); perfide Einfälle wie das Ersticken unter großen Mehlmassen in einer rotierenden Kornmühle, und durchweg bewegte, schnelle Fotographie, lassen den Film deutlich moderner wirken als er tatsächlich ist. Dreyer verzichtete für „Vampyr“ auf lange Dialogpassagen: nur wenig wird in den knapp 73 Minuten der hier präsentierten, rekonstruierten Fassung gesprochen, sodass Rudolph Maté aufgrund der technischen Vereinfachungen Gelegenheit hatte, eine besonders aufwändige Bildsprache zu entwickeln. „A hallucinating film“, befand damals die New York Times, wenngleich das Meisterstück zunächst eher durchfiel.

Es ist schon bemerkenswert, dass die Veranstaltung der Göttinger Filmfreunde ein bisschen wie die Versammlung einer kleinen, verschworenen Gemeinde übriggebliebener Cineasten in einem Meer des visuellen Mediengewusels wirkt. „Sehr bescheiden“, so Dr. Karin Hartewig, ihres Zeichens Vorsitzende des Filmclubs, wolle man zur Verbreitung von Filmkunst und Kino in der modernen Zeit beitragen. Sehr bescheiden auch, weil mobiles Kino mit knapp 20 oder 30 Teilnehmern keine absolute Breitenwirkung beanspruchen kann. Bei aller Wehmut darüber, dass „Cinema“ und „Sterntheater“ geschlossen sind, und, dass das „Lumi`ere“ leider auch kaum noch Filmklassiker zeigt, ist es doch ein großer Gewinn, dass es den „sperrsitz e.V.“ gibt. Am 8.1.2016 will dieser um 19.30 das komplette filmische Oeuvre Man Rays auf eine kleine transportable Leinwand im Künstlerhaus bringen. „C'est ne pas un cin´e“, aber sicher wird es wieder ein schöner Abend.

 

Montag, 09 November 2015 09:36

Mehr Julia Bartha bitte!

Julia Bartha zu Gast beim Göttinger Symphonie Orchester

Das zweite Konzert im zweiten Philharmonischen Zyklus des Göttinger Symphonie Orchesters, diesmal unter Leitung des Gastdirigenten Christoph Gedschold und mit Julia Bartha am Klavier, versprach dem Publikum in der gut besuchten Stadthalle einen Abend der „Fantasie“.

Der Konzertabend wird mit Joseph Haydns Symphonie Nr. 83 g-Moll Hob.I:83 („La Poule“) eröffnet. Besonders die leisen Passagen im Allegro spiritoso sowie das feine Staccato der Streichergruppen im darauffolgenden Andante sind hier überzeugend. Die Violinen scheinen zu einem Instrument zu verschmelzen und schaffen so eine regelrecht intime Atmosphäre, bevor sich wieder der volle Orchesterklang entfaltet.

Bei der anschließenden Fantasie für Klavier und Orchester von Claude Debussy wird es voll auf der Bühne. Zur Orchesterbesetzung kommen nun noch Harfe und der große Konzertflügel hinzu und erschaffen die romantisch schwelgenden Klänge einer Traumsequenz. Das schwärmerische Thema wird immer wieder aufgebaut und in den verschiedenen Orchesterstimmen aufgegriffen, von einer Stimme zur anderen weitergegeben. Sowohl Klavier als auch Harfe fügen sich gut in diesen Klang ein.

Wer allerdings gehofft hatte am heutigen Abend mehr von der wunderbaren Pianistin Julia Bartha zu hören, wurde vom Komponisten höchstpersönlich enttäuscht und musste auf die Zugabe warten. Das Klavier ist in Debussys Stück anscheinend nur ein Orchesterinstrument wie jedes andere. Bis auf wenige unglaublich schnelle, virtuose Läufe im rhythmisch-bewegten, dramatischen Finale und den einfühlsamen, elegant-gefühlvollen Beginn des zweiten Satzes kommt das Piano leider eher selten zur Geltung.

César Francks abwechslungsreiche Symphonie in d-Moll, die als letztes Stück des Abends erklingt, bietet eine Vielzahl an Themen, Motiven, Tempi, Rhythmen und Tonarten, die in allen Instrumentengruppen variiert werden. Immer wieder ertönt der sanfte Einstieg der Streicher, der bald in einem dramatischen Wechselspiel der verschiedenen Instrumente gipfelt. Das wilde, teils dissonante Durcheinander ist aber durchaus eindrucksvoll gestaltet. Im Allegretto und Allegro sind es vor allem die piano-Passagen, die besonders gut herausgearbeitet sind. Das Zupfkonzert von Harfe und Streichern bildet eine wunderbare Untermalung für den Einsatz der einzelnen, melodiösen Bläserstimmen und erinnert mit seinen fantasievollen, traumhaften Elementen auch an den zuvor gehörten Debussy.

Christoph Gedschold führt das Orchester mit einem sehr leidenschaftlichen und gefühlvollen Dirigat durch den Abend. Kleine, präzise Gesten wechseln sich mit kraftvollen, rhythmischen Bewegungen des ganzen Körpers ab. Mit ausladenden Armbewegungen versucht er die Musiker mitzunehmen, mit seinen Fingern scheint er die besonders feinen Rhythmen hervor kitzeln zu wollen.

Die Verbindung zwischen Dirigent und Orchester wirkt jedoch trotzdem, vor allem zu Beginn der Stücke, etwas angestrengt. Es gibt einige Unklarheiten, es fehlt manchmal einfach die Leichtigkeit, das Feuer, die Fantasie. Trotz einer im Großen und Ganzen guten Leistung des Orchesters, konnte so der Funke nicht richtig überspringen.

Eine neue Chance erhalten Publikum und Orchester aber bereits am 20. November, wenn das GSO erneut zu Werken von Haydn und Franck einlädt.

 

Buchpreis-Gewinner Frank Witzel zu Gast beim Göttinger Literaturherbst

Ich bin gespannt auf Frank Witzel – was wird er vortragen? Kann man überhaupt eine repräsentative Lesung zu einem über 800 Seiten starken, nicht linear aufgebauten Mammutroman erwarten? Der Saal des alten Rathauses ist überfüllt – und es liegt sicherlich nicht am bereits zu Beginn lautstark verkündeten Versprechens, ein kostenloses Glas Sekt ergattern zu können.  Bedächtiges Schweigen. Stephan Lohr (Literaturjournalist, Berater des Literaturherbstes und Moderator des Abends) und Frank Witzel, der überraschende Gewinner des deutschen Buchpreises 2015, betreten den noch nicht ausreichend illuminierten Saal hackselnd über eine Hintertreppe. Andächtiges Klatschen. Es ist die erste Lesung, die Witzel nach Verleihung des Preises halten wird.

Lohr verkündet gleich zu Beginn der Veranstaltung euphorisch das „Wunder von Göttingen“ - und meint damit, dass es der Calvör'schen Buchhandlung trotz restlos ausverkaufter Bestände gelungen sei, einen ansprechend gestalteten Büchertisch mit den letzten noch zu erhaltenden Exemplaren des Romans aufzubauen. Wie die Geier werden sich die Göttinger nach der Lesung auf die dicken hart-gebundenen Bände stürzen, die Witzel trotz seines hohen Arbeitspensums einzeln signiert.

Erschöpft, aber immer noch aufgeschlossen und offen, steht Witzel Lohr nun fast zwei Stunden Rede und Antwort. „Wer mein Buch liest, lernt über die Rote Armee Fraktion in etwa so viel wie bei Kafkas Verwandlung über Käfer“, witzelt er.

Sein „wahnwitziges Projekt“ (Stefan Lohr) erzählt vom Leben eines heranwachsenden Teenagers in einer politisch heiklen Zeit der damaligen BRD (...also „nicht der Bundesrepublik“). Eingebettet in die hessische, erzkatholische Provinz, die Witzel als „Diaspora“ bezeichnet, beschreibt er die Atmosphäre einer vergangenen Epoche aus der Sicht eines Heranwachsenden. Dass vieles (aber nicht alles) davon autobiographisch geprägt ist, zeigt sich oberflächlich zunächst an der großen Liebe des Protagonisten zu den Beatles („die Suche nach einer Gegenkultur“) und der Detailtreue, mit der Witzel die Topographie seiner Heimat skizziert. Die Lesung eines Teiles einer sich über mehr als 40 Seiten erstreckenden Rede des Jungen an sich selbst, offenbart das schier unvorstellbar komplexe Kompositionstalent Witzels: Musikwissenschaftliches, linguistisches und philosophisches Detailwissen sind zu einem intellektuell höchst faszinierenden Ganzen gewoben. Witzel verrät, dass diese Komposition aus einer über 10 Jahre lang angehäuften Materialsammlung stammt, die mehrere 1000 Seiten Text umfasste.

Witzel erläutert den Prozess der Publikation, das Wagnis eines so umfassenden Werkes, und die Irrungen und Wirrungen der Buchpreisverleihung. Niemand habe mit einem Sieg gerechnet – er am allerwenigsten. Selbst als er es zunächst auf die 20 Werke umfassende Longlist und dann auf die 6 Werke kurze Shortlist schaffte, war er verblüfft.

Am Schluss der Lesung bedankt sich der Autor bei seinem Verlag. Dass Mattes & Seitz zudem ein 5000 Seiten starkes Werk über Insekten publiziert habe, zeige, dass sein Roman gut bei ihnen aufgehoben sei. Auf Nachfrage Lohrs offenbart er außerdem, dass bereits Übersetzungen in Arbeit seien: Für China, Dänemark, Frankreich …. und (wer hätte es nicht gedacht?): Saudi Arabien.

Dienstag, 20 Oktober 2015 17:44

Große Emotionen in der Aula

Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel im Göttinger Aulakonzert

Große Emotionen zeigte die junge Schweizer Geigerin Rachel Kolly d’Alba beim zweiten Aulakonzert in Göttingen. Das passte gut zum Motto dieser Saison „Vom südländischen Kolorit“. Vor allem passte das nach der Pause mit César Franck und Manuel de Falla. Aber der Reihe nach:

Eröffnet wurde der Abend mit drei Sätzen aus der „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky. In dem recht konventionell komponierten Werk greift Strawinsky auf seine „Pulcinella“ Ballettmusik zurück. Kolly d’Alba und ihr Klavierpartner Christian Chamorel interpretierten das Werk ein wenig nüchtern und zurückhaltend. Aber für große Emotionen eignet sich dieses Stück auch eher weniger. Dennoch ist Strawinskys Stil in dieser Komposition anders, trockener – und vielleicht auch etwas hintergründiger.

In der berühmten „Kreutzer-Sonate“ von Ludwig van Beethoven zeigte die Violinistin ihr ganzes Feuer. Und das war leider ein wenig zu viel des Guten. Zwar spielte sie auf hohem technischen Niveau, insbesondere die hohen und höchsten Lagen gelangen ihr blitzsauber. Aber das Werk ist immer noch ein Werk der Wiener Klassik und keines der Romantik. Die gewählten Tempoveränderungen, die hoch emotional gestalteten Passagen passten nicht recht zum liedhaften (in Satz 3) oder tänzerischen (in Satz 4) Duktus dieser Sonate. Chamorel nahm sich ob dieser aufgeladenen Interpretation extrem zurück. Durch den häufigen Pedaleinsatz wirkt der eigentlich ebenbürtige Klavierpart sehr gedeckt, hier wäre mehr Brillanz besser gewesen. Diese „Sonate für Klavier und Violine“ geriet zu einer zu schwärmerischen Violinsonate mit Klavierbegleitung.

Aber dann: die Violinsonate A-Dur von César Franck entwickelte sich schnell zum Höhepunkt des Abends. Hier passten die Emotionen und die Wildheit. Auch waren Violine und Klavier viel mehr Partner als noch zuvor. Rachel Kolly d’Alba gestaltete diese Sonate mit großer Reife, immer wieder entfalteten sich neue Höhepunkte. Vielleicht ließen sich die lyrischen Passagen noch etwas zurückhaltender gestalten, dann würde der Spannungsbogen zum nächsten Höhepunkt noch überzeugender wirken. Aber es war ganz deutlich zu spüren, dass die Musik und die Person auf der Bühne eins waren. Die Emotionen waren nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Der Funke sprang schnell auf das Publikum über, es knisterte förmlich in der ehrwürdigen Universitätsaula.
Den Abschluss bildete die „Suite Populaire Espagnol“ des andalusischen Komponisten Manuel de Falla in der Bearbeitung des polnischen Geigers Paul Kochanski. Auch hier waren Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel in ihrem Element. Sie begeisterten das Publikum in der gut gefüllten Aula und wurden erst nach zwei Zugaben entlassen.

Im 3. Konzert am 15. November ist das Fine Arts Quartet aus den USA mit Streichquartetten von Arriaga, Ravel und Schumann zu Gast bei der Kammermusikgesellschaft. Eintrittskarten sind an allen Reservix-Vorverkaufsstellen sowie hier online im Kulturbüro erhältlich.

Dienstag, 20 Oktober 2015 15:02

Das kleinere Übel gegen die Menschenwürde

DT-Premiere „Terror“

Kann es rechtens sein, wenn ein Kampfpilot den Tod von 164 Menschen verursacht um 70.000 Menschen zu retten? Die Zuschauer im Deutschen Theater stimmten mehrheitlich für das „kleinere Übel“, mit dem der Verteidiger von Lars Koch argumentiert hatte. Sie sprachen den Angeklagten frei.

„Terror“ heißt das Schauspiel von Ferdinand von Schirach mit dem Publikum in der Schöffenrolle, das sich auf eine Grundsatzdebatte einlassen muss. Es urteilt an diesem Abend nicht nur über einen hypothetischen Fall sondern auch über das gegenwärtige Rechtsempfinden und was dabei mit den moralischen Kategorien geschieht.

„Terror“ gehört in dieser Spielzeit zu den meist gespielten Stücken an den deutschsprachigen Bühnen. Schon die Uraufführungen in Frankfurt und Berlin stifteten reichlich Diskussionsstoff für die Feuilletons. Kritiker hatten an dem Text den Charakter einer juristischen Vorlesung bemängelt und eine Atmosphäre von Lehrtheater. Zunächst hat es auch in Göttingen den Anschein, als ob hier eine typische Gerichtssituation vorgeführt wird, die nur aufgrund der spektakulären Anklage besonders spannend anmutet.

Eine von Terroristen entführte Lufthansamaschine droht in das ausverkaufte Münchner Olympia Stadion zu stürzen. Kampfpilot Lars Koch erhält trotz Nachfrage bei seinen Vorgesetzten keinen Abschlussbefehl. Der Tod von 164 Passagieren wäre nicht zu verhindern gewesen, wird er später vor Gericht erklären. Er habe es für richtig gehalten ein Luft-Luft-Lenkkörpergeschoss auszulösen und die Maschine abstürzen zu lassen, so dass die 70.000 Stadionbesucher unversehrt blieben.

Schon das Bühnenbild von Elisa Alessi verweigert sich einer realistisch anmutenden Gerichtssaalkulisse. Der Fall Lars Koch wird auf einer steilen grauen Treppe verhandelt. Die Schauspieler treten als Funktionsträger auf, nehmen ohne Aktenpulte und juristische Utensilien ihre Stellung ein. Andrea Strube ist die Vorsitzende Richterin, Florian Eppinger vertritt die Staatsanwaltschaft und Paul Wenning die Verteidigung. Gerd Zinck wird als Stabsoffizier vernommen, Nikolaus Kühn als Nebenkläger und Benedikt Kauff als Angeklagter Lars Koch. Ihre Kostüme sind ebenfalls in Grautönen gehalten, ohne Richterroben, Talare und Militäruniformen. Auch darin verweigert sich der Abend dem drohenden Vorführeffekt, dass hier juristischer Alltag bühnenwirksam demonstriert wird. Selbst wenn nun das klassische Gerichtsprozedere abläuft, mit den Eröffnungsplädoyers, den Zeugenbefragungen, der Stellungnahme des Angeklagten und den Schlussplädoyers wird daraus keine juristische Lehrstunde.

Regisseurin Katharina Ramser will mit dem Schauspielteam vor allem einen Diskurs anregen, warum sich Recht, Gesetz und Moral in diesem Fall nicht auf einen Nenner bringen lassen und das und erschwerten Bedingungen. Von Schirachs Text bürdet dem Publikum eine Flut von Argumenten und juristischen Exkursen auf. Wenn etwa das Bundesverfassungsgericht mit seinem Kommentar zur Novellierung des Luftrettungsgesetzes zitiert wird, dass auch künftig kein unschuldiger Mensch geopfert werde dürfe, um andere unschuldige Menschen zu retten. Oder wenn die Rolle der Bundeswehr zur Diskussion steht und warum sich der Einsatz gegen Terroristen nicht einfach mit einem übergesetzlichen Notstand begründen lässt. Erschwerend kommt hinzu, dass in dem Stück auch Grauzonen lauern, auf die von Schirach nicht näher eingeht. Eine Evakuierung des Stadions wäre in nur wenigen Minuten möglich gewesen, heißt es. Aber auch die Option dass die Passagiere die Flugzeugentführer überwältigen oder der Pilot am Ende das Absturzkommando verweigert, wird nur am Rande verhandelt.

Es geht also nicht um ein realistisches Szenario und seine Unabwägbarkeiten, über das am Ende die Zuschauer urteilen sondern auch um existenzielle Fragen, die Ramser aus dem juristischen Dickicht so klug und sorgfältig destilliert hat. Dass mögliche Antworten nicht als richtig oder falsch zu verstehen sind sondern widersprüchlich nachwirken oder unbehaglich und dann auch Nachfragen aushalten müssen.

Kann es überhaupt legitim sein, eine Verhältnisrechnung aufzustellen und unschuldige Opfer in Kauf zu nehmen weil dadurch mehr Menschenleben gerettet werden können? Wer wollte sich über diesen Massenmord empören, wenn er im persönlichen Extremfall vielleicht auch so handeln würde und auf Rechtsschutz vertraut. Werden Moral und Gewissen zu flexiblen Kategorien, auf die in Ausnahmesituationen kein Verlass mehr ist? Ohne den Kontext von Luftüberwachungszentren, drohenden Terroranschlägen und den Fallbeispielen aus den Annalen der Rechtsgeschichte erinnert diese was-wäre-wenn-Konstellation auch an die so genannte Gewissensprüfung der sich früher Wehrdienstverweigerer unterziehen mussten. Keinem blieb die Frage erspart, ob er nicht auch zur Waffe greifen würde, um einen Angehörigen zu verteidigen und damit schnappte die moralische Falle zu. Tatenlos zusehen oder zum Notwehrmörder zu werden ohne den Einberufungsbefehl akzeptieren zu können.

Auf der Bühne des Deutschen Theaters wird die Frage zwar auf einer anderen Ebene gestellt. Doch das kategorische Plädoyer des Anklagevertreters zwingt den Blick eben auch auf diesen ersten ganz entscheidenden Satz im Grundgesetz über die Unantastbarkeit der Würde des Menschen und die daraus folgende Konsequenz, dass Leben nicht mit Leben aufgewogen werden darf. Die Verteidigung plädiert für den Ausnahmefall und gegen ein verpflichtendes Prinzip, das keine kleineren Übel zulässt. Damit spricht sie bislang auch in Frankfurt und Berlin die Mehrheit der Zuschauer an, die dem obersten Gebot der Menschwürde in diesem Fall eine Absage erteilen.

Wiglaf Drostes Lesung: „Wasabi dir nur getan?“ im Alten Rathaus

„Der Herr von der Presse ist zu groß“, werde ich noch vor Beginn der Veranstaltung von einer leicht angeheiterten Dame mittleren Alters angefrotzelt, als ich mich um kurz vor neun auf den letzten freien Presseplatz im überfüllten alten Rathaus niederlasse. Selbst die Drohung, diese niederträchtige Diskriminierung für meine Rezension zu missbrauchen, schreckt sie nicht davon ab, weitere schändliche Witze über meine deutlich sichtbare Körperfülle zu machen. Sei's drum: Ich befinde mich schließlich (ein Bier in der Linken, den vielleicht etwas zu großen Schreibblock in der Rechten) auf einer Lesung Wiglaf Drostes. Droste, ein bitter-zynischer Menschenfreund und Verbalostwestfale, ist bekannt für feinste Sprachspiele und schonungslose Bloßstellungen aller Schön- und Hässlichkeiten des Trivialen in Alltags- und Hochkultur. Später wird er seine Einschätzung zum Ort der Lesung wie folgt beschreiben:

„Zwei Worte, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen: Danke, Göttingen!“

Droste ist, entgegen der Ankündigung, nicht allein erschienen. Begleitet wird er von Ralph Schüller, einem Chansonier, der neben eigenen Werken (Schönstes Zitat:„Riecht es nach Essen oder Formaldehyd? Hast du dir die zarten Hände verbrüht?“) auch einige der zahlreichen Gesangseinlagen Drostes auf der Gitarre begleitet. Von der Liebe der Deutschen zur Autobahnraststätte, über seine persönliche Liebe zum Präteritum (und den damit verbundenen Hass auf das Plusquamperfekt-verseuchte Berlin), spannt Droste den Bogen seiner Lesung.

Im Gedächtnis bleiben insbesondere sein Vergleich des Jürgen Marcus Gassenhauers „Ein Festival der Liebe“ mit bayerischer Willkommenskultur: („Wir grüßen die Menschen und sie winken zurück.“), sowie sein Plädoyer für einen aufgeklärten Atheismus. Droste: „Religiöse Gefühle sind Phantomgefühle – so wie Nationalismus. Etwas, das gar nicht wirklich da ist. Man hätte beim Leipziger Kirchentag gern den Schlüssel zum Klostergarten. Das ist dann als wäre man im Leipziger Zoo und würde den Tieren zuschauen; alle mit Joghurt gefüttert.“ Noch deutlicher ist Droste, wenn er wundersame Sätze fallen lässt, wie: „In Ministrantenkreisen ist Kirche von hinten ein stehender Begriff.“

Ralph Schüllers Texte hingegen sind weniger bissig. Melancholisch, oft herb im Abgang, bieten sie einen bedächtigen Kontrast zu Drostes messerscharfer Satire. Schwelgend lauscht die versammelte Göttinger Festgesellschaft schließlich Schüllers verträumter Ode: „So ein Sommer“, in der „Ein Glas für dich und für mich und vom Sonnenschein; zwei Liter Liebe, nur vom besten Wein [...]“ besungen werden.

Zur Pause heißen Droste zufolge alle Raucher Wolfgang Borchert, denn sie stehen draußen vor der Tür. Ich bin erstaunt: Bereits beinahe eineinhalb Stunden Programm und erst Halbzeit? Ein oder zwei Bergbräu (Altstadt und Pils) und klirrend eingeschenkter weißer Wein aus großen Drehverschlussflaschen versüßen mir die Zeit.

Nach obligatorischer Verlesung der Fußballergebnisse dürfen stark emotionale Texte über Drostes Heimat Ostwestfalen nicht fehlen. Von den Schönheiten der Mundart („wo wechkommen“, „Tünseligkeit“, „Wullaken“ etc.) kann niemand schöner schwärmen als er. Wir erleben sogar die Weltpremiere seiner nach jahrelanger Arbeit endlich fertiggestellten deutschen Version von “Southern Accents“ (Orig. Tom Petty, dt: „Ostwestfalen“). Und als Droste schließlich anhebt, er sei ja in Herford geboren, prustet es aus der angeheiterten Dame hinter mir versöhnlich heraus: „Dass doch nix Schlimmes“.
Droste berichtet als dann von seinen schrecklich anmutenden Erfahrungen mit Seele und Dialekt der Berliner, dem Drang der Schalker nach Methadon, seiner Düsseldorfer Höllenzeit (10 Wochen geschafft) und schließlich: den Qualen des Frankfurter Gebabbels. Dieser Exkurs bringt ihm seinen größten Lacher beim vorwiegend grau-melierten Teil des Publikums: „In Frankfurt spült der Bahnhofsstricher nach dem Blowjob stets mit Licher“.

Immer wieder sind es Ralph Schüllers nachdenkliche Balladen, die Drostes scharfsinnige, pointierte Sprachspiele erden. Als zum Abschied: „Hier endet die Straßenbahn, doch ich kann nicht heim“ erklingt, erstarrt der Saal in Wehmut. Fast drei Stunden unterhält das Duo seine Zuhörer und Droste verbleibt mit einem ihm besonders wichtigen Appell: „Wir sind alle Flüchtlinge. Ohne die Flucht meiner Mutter hätten Sie mich heute nicht ertragen müssen." Wir haben ihn gut ertragen.

Harald Eggebrecht und Carolin Widmann zu Gast beim Literaturherbst

„Ich habe die Stimme eine Engels gehört“ schwärmte Franz Schubert nach einem Konzert von Niccolo Paganini. Mit einem Augenzwinkern dämpft Harald Eggebrecht die Begeisterung des Komponisten für den legendären Teufelsgeiger und vor allem die für sein Instrument. Paganini entzückte sein Publikum auf einer „Holzschachtel und Luft drin“, so wie gegenwärtig auch Carolin Widmann. Zwei dieser immer wieder zitierten Holzschachteln hatte die Violinvirtuosin zum Literaturherbst mitgebracht, um mit dem Münchner Musikkritiker und Autor im Accouchierhaus „ Das Geheimnis der Geige“ zu entschlüsseln. Als Dritte im Bunde stand ihnen die Göttinger Musikwissenschaftlerin Christine Hoppe zur Seite, als Eggebrecht zunächst ein bisschen Holzkunde mit Fichte und Ahorn betrieb.

Die Engelsstimmen bekommen eine Geschichte mit einer Spur von magischem Zauber. Auf den verstanden sich schließlich auch die berühmten Geigenbaumeister Stradivari, Amati und Guaneri, deren Holzkisten so einmalig schön klingen, dass sie mittlerweile zu einmaligen Tarifen gehandelt werden. Die besten Fichten, so heißt es, wuchsen auf dem Alpenhauptkamm. Sie wurden auch nur zu Neumond im Februar gefällt, wenn die Stämme nur wenig Saft enthielten, um danach weitere 20 Jahre zu lagern, bis sich die italienischen Meister damit ans Werk machten.

Eggebrechts Begeisterung für die Geheimnisse der Geige ist ansteckend, wie er mit Kennerschaft, Freude und viel Humor die musikalischen Epochen und den Siegeszug der Holzkiste durchstreift und Vermutungen über ihre Vorfahren anstellt, wie sie vielleicht in Indien gespielt wurden und in der Mongolei, bis sie die italienischen Meister so klangreich veredelten. Der Musikkritiker berichtet von Fürstenhäusern, die diesen Siegeszug hoffähig machten, weil sie für ihre Orchester nicht nur die besten Musiker sondern natürlich auch die besten Instrumente haben wollten. Mit dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau zitiert er einen weiteren Schwärmer. Für den stand einfach fest, dass kein Instrument so viele Ausdrucksmöglichkeiten besitze wie die Geige.

Nun ist es an Carolin Widmann, die Schwärmerei ein bisschen zu dämpfen. Mit der Holzkiste werden Musiker zu Akrobaten, die mit dem Bogen der Schwerkraft trotzen, während eine Schulter auf Dauer in Schieflage gerät. Sie erzählt von der diffizilen Intonation, bei der es auf Millimeterarbeit ankommt,  weil ein Millimeter bereits einen Viertelton bedeutet, von feingliedriger Phrasierung aber von einem unerschöpflichen Kosmos an guten und quietschenden Klängen.

Damit ist das Kapitel Engelsstimmen noch lang nicht abgeschlossen, wenn Eggebrecht nun erneut auf Niccolo Paganini zu sprechen kommt und eine Zeitenwende in der Musikgeschichte beschreibt. Dass mit dem reisenden Virtuosen der Starkult einsetzte, begleitet von Skandalen und Gerüchten, die den Marktwert des viel gerühmten Teufelsgeiers nur noch steigerten: Dazu gehörte auch das Gerücht, er sei mit dem Teufel im Bunde, um solch einen Violinklang zu erzeugen. Das hielt zeitgenössische Musikerkollegen wie den Violinvirtuosen Heinrich Wilhelm Ernst nicht davon ab, dem Geheimnis seiner einmaligen Technik auf die Spur zu kommen. Seine Geschichte beschreibt die Musikwissenschaftlerin Christine Hoppe, wie er Paganinis in die Konzertzentren nachreise, seine Kompositionen nach Gehör nachspielte, um sich schließlich einen eigenen Klangkosmos für die Geige zu erschließen.

Um die Holzkiste mit dem Luftzug ranken sich auch weiterhin Geheimnisse. Für Eggebrecht werden es eher mehr. Zeitgenössische Geigenbauer fahnden weiterhin nach den idealen Hölzern, auf die ihre berühmten Vorgänger vertrauten. Weiter geht auch die Suche nach transzendentalen Tönen, wie sie Carolin Widmann imaginiert und dass sie das Geheimnis bei jedem Konzert auf’s Neue packt.

Jojo Moyes zu Besuch in der Sparkassen-Arena in Göttingen

Am Dienstagabend las Jojo Moyes in der Göttinger Sparkassenarena aus ihrem neuen Buch „Ein ganz neues Leben“. Margarete von Schwarzkopf sprach mit der Autorin und dolmetschte aus dem Englischen. Von vier Lesungen las Carolin Eichhorst, Sprecherin und Schauspielerin am Schauspielhaus Hannover zwei Abschnitte aus der deutschen Fassung und Moyes persönlich zwei aus der englischen Originalausgabe.

„Ein ganz neues Leben“ ist die Fortsetzung des international erfolgreichen Buchs „Ein ganzes halbes Jahr“ (ISBN 978-3-463-40533-9). Es hat viele Leser überrascht, dass nach diesem Buch ein weiteres folgt, da zuvor einer der Protagonisten im Buch gestorben ist. Doch Moyes sagte, dass sie Louisa Clark, die Hauptfigur des Erfolgsromans, sie nie losgelassen hat und sie täglich Nachrichten erhalten habe mit der Frage, wie es mit der jungen Frau weitergehe. Mitten in der Nacht sei ihr dann der entscheidende Gedanke gekommen, um den neuen, im September erschienenen Roman, zu schreiben.

Er handelt von der jungen Louisa, die versucht nach dem Tod ihres geliebten Will wieder Fuß im Leben zu fassen. Sie sucht die Anonymität in London, findet allerdings Einsamkeit und völlige Entwurzelung. Wie soll man nur weiterleben, wenn der wichtigste Mensch im Leben fehlt? Erst eine Begegnung mit einer ganz besonderen Person lässt die Verbindung zu Will wiederaufleben und bringt ihr ein ganz neues Leben.

Das hauptsächlich weibliche Publikum in der Sparkassenarena lauschte gespannt jedem Wort Moyes. Eine Besonderheit ihrer Bücher ist die Verbindung zwischen Liebe und Verlust, Tragödie und Komik. Sie liebe es mit diesen Extremen zu arbeiten. Ein weiteres wichtiges Thema, erzählt Moyes, sei die Familie, die für sie nie langweilig werden kann. Jede Familie habe auf ihre Weise eine endlose Faszination. So auch Louisas Familie in ihren Büchern. Es habe ihre besonders viel Freude bereitet, die Kapitel über diese Familie zu schreiben, da sie jeden Charakter klar vor Augen habe und diesen jeweils durch ihre geschriebenen Worte zum Leben erwecke.

Eine ganz neue und sehr spannende Erfahrung hat Moyes diesen Sommer mit dem Dreh zu „Ein ganzes halbes Jahr“ erlebt. Sie selbst durfte das Drehbuch schreiben und war auch bei den Dreharbeiten vor Ort. Der Prozess, zu erfahren wie die geschriebenen Worte durch Schauspieler lebendig werden, habe sie tief beeindruckt. Der Film wird im August 2016 in die deutschen Kinos kommen.
Heimlicher Star des Abends war auch Carolin Eichhorst, die mit ihrer Stimme Moyes Charaktere in den Raum zauberte und jeden einzelnen lebendig werden ließ.

Nach der Lesung ließen es sich die zahlreichen Fans nicht nehmen, sich ein Autogramm der sympathischen Autorin geben zu lassen, die mit jedem ein paar Worte wechselte und auch vor Fotos mit den Fans nicht zurückschreckte.

Dienstag, 13 Oktober 2015 06:46

Von echten und falschen Instrumenten

Ensemble "Ars animata" in der Martinskirche in Geismar

Im Jahr 2009 ging ein Lebensmittelskandal durch die Presse. Damals kam heraus, dass in vielen Fertiglebensmitteln kein echter Käse, sondern der sogenannte "Analogkäse" verwendet wurde. Am Abend des 11. Oktober 2015 gab es keinen "Analogkäse", sondern "Digitalkäse".

Das Ensemble "Ars animata" von Rolf-D. Bartels hatte zum Konzert in die Martinskirche in Geismar eingeladen. Auf dem Programm standen Werke von Bach, Corelli und Stamitz. Bartels, der stets mit einer Prise Humor moderierte, bemerkte, dass das heute gespielte Oevre von Corelli sehr klein sei. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass es sich im großen und ganzen auf das Concerto grosso op. 6 Nr 8, das sogenannte "Weihnachtskonzert" beschränkt. So schön dies Konzert auch ist, so gerne würde man doch auch mal andere Werke hören, vor allem im Oktober! Ars animata spielte hier solide, auch wenn die oft fließenden Satzübergänge nicht immer klappten und sich zwischen den Sätzen die Nachteile kopierter Noten zeigten.

Der Höhepunkt des Abends war das Violinkonzert a-moll von J.S. Bach, BWV 1041. Die Solisting Melanie Deppe war gut vorbereitet und wurde zuverlässig vom Ensemble begleitet.

Als "Rausschmeißer" kündigte Bartels das Orchester-Quartett C-Dur von Karl Stamitz an. Ein schönes Stück, für einen beschwingten Heimweg hätte man sich noch ein wenig mehr Schwung und Engagement im Spiel gewünscht.

Kommen wir aber zurück zum Analogkäse. Das Konzert begann mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 5 von J.S. Bach (BWV 1050), das bekanntermaßen eine ausladende Solopartie für das Cembalo enthält. Als Hobbycembalist und Freund historischer Tasteninstrumente hätte dies für mich zum Höhepunkt des Abends werden können, doch wusste ich, dass es eine Enttäuschung würde, als ich nach vergeblicher Suche nach dem Cembalo schließlich ein Digitalpiano entdeckte. Trotz dessen es wohl ein neueres Modell mit guten Samples war, blieb der Klang flach und leblos. Im Continuo ist ein E-Piano mit Cembaloklang schon eine große Anfechtung, als Soloinstrument aber unerträglich. Digitalpianos sind Instrumentenimitate fürs Wohnzimmer und nicht für ein klassisches Konzert, der Beweis wurde von Ars animata wieder einmal geliefert. Schade.

Dabei war die Aufführung an sich ordentlich, Klaus Wolkenstein am Plastikcembalo schlug sich wacker und meisterte den anspruchsvollen Part gut. Das Ensemble reagiert gut auf Anweisungen von Bartels und kann dynamisch differenzieren. Dass in vorzeichenreichen Tonarten die Intonation schwierig ist, kennen alle Laienensembles. Optimierungsbedarf gibt es noch bei den mehrfach autonomen Tempovorstellungen einzelner Stimmgruppen, die im ersten Satz des Brandenburgischen Konzerts sogar zum Abbruch führten. Am Dirigat kann es kaum gelegen haben, denn Bartels leitete stets präzise und eindeutig. Eventuell könnte man beim Spiel mehr Kontakt zum Dirigenten aufbauen.

Trotz aller Kritik muss ich dem Ensemble ein ausdrückliches Lobaussprechen. Das ambitionierte Programm wurde gut gemeistert und es ist immer schön, wenn Hobbymusiker aus Freude am Musizieren ein solches Konzert auf die Beine stellen. Da sieht man über manche Kleinigkeiten gern hinweg - nur nicht über falsche Instrumente. In einer Stadt wie Göttingen ist es definitiv möglich ein Cembalo aufzutreiben. Der Rezensent ist bei der Suche auch gern behilflich.

Donnerstag, 08 Oktober 2015 17:45

Krach in der Männerrunde

Die französische Komödie „Unsere Frauen“ im DT-Keller

Es gibt ausreichend Whisky, die Pizza ist bestellt und die Karten wurden auch schon ausgiebig gemischt. Alles bestens. Nur Simon fehlt noch in der abendlichen Männerrunde. Die Verspätung nervt Gastgeber Max, wie so vieles andere auch, dass seine Freundin Magali anruft und dass sein Kumpel Paul ihn permanent beschwichtigen will. „Ich reiße mich zusammen“ poltert Benjamin Krüger, während die Karten über die Balkonkulisse im DT-Keller segeln und Ronny Thalmeyer in aller Seeleruhe seine Brille putzt und versonnen lächelt. Von seiner äußerst schweigsamen Gattin wird in Eric Assous Komödie „Unsere Frauen“ später noch die Rede sein. Jetzt ruiniert erstmal Simon das Abendritual mit der Nachricht, dass er seine Frau Estelle erwürgt habe. Karl Miller erntet großes Gelächter bei den Freunden, allerdings nur so lange, bis er die tat in allen Details beschreibt.

Es kracht gewaltig zwischen den drei Freunden, die untereinander offenbar kein bisschen krisenerprobt sind Über Ehefrauen und strapaziöse Freundinnen wird immer wieder gerne hergezogen, aber das hat ja schließlich Unterhaltungswert Doch Simon jetzt in Schutz nehmen und auch noch zu einem Alibi zu verhelfen, das geht dann doch zu weit. Besonders für Max, der sich erneut oberlehrerhaft empört während Paul die Geschichte erstmal aussitzen möchte und Simon seine Panik mit Whisky und Tablette bis zur Bewusstlosigkeit betäubt.

Vergnüglich jonglieren die drei Schauspieler zunächst mit den männertypischen Klischees, die in dieser Komödie natürlich mitschwingen dürfen. Schwäche zeigen geht gar nicht oder nachgeben. Sich betroffen fühlen oder verletzt passt auch nicht zu dem Bild, auf dass man sich in dieser Runde arrangiert hat. Und dann macht dieser eifersüchtige Würger das alles zu Nichte.

Mit Regisseurin Antje Thoms wirft das Trio auch einen Blick hinter die Fassadenwelt der sonst so geordneten Verhältnisse. Dorthin wo das Eheleben eigentlich schon gar nicht mehr existiert und die planmäßigen Überstunden die Angst vor dem Alleinsein auch nicht kurieren kann, geht es mit viel Wortwitz, Ironie auch ans Eingemachte und das mutet dann auch nicht nur komisch sondern einfach anrührend an. Bis zum nächsten Lacher, wenn Ronny Thalmeyer nach Senfgurken fischt, weil gerade ein Rückenwirbel zickt und Benjamin Krüger sich noch mal richtig kleinkariert ins Zeug legt, bis es kracht. Sein Max fängt sich ein paar lang überfällige Wahrheiten ein, doch dass Paul ihm nun sein desolates häusliches Dasein ausbreitet, kann die Freundschaft  nicht mehr tröstlich kitten. Simon hat nach seinem nächtlichen Koma ebenfalls noch ein paar unliebsame Nachrichten auf Lager, bevor er als mörderischer Würger entlastet wird.

Auch was das Kapitel „Unsere Frauen“ betrifft, muss sich die Männerrunde noch einiges gefallen lassen, das auch die Zuschauer an diesem wunderbar komödiantisch hintersinnigen Abend überrascht.

Sonntag, 04 Oktober 2015 14:16

Der nackte Wahnsinn

Regiedebut im Schauspiel von Ben Baur mit „Elektra“ von Hugo von Hoffmansthal im Deutschen Theater Göttingen

Ganz starke Bilder prägen die Inszenierung der „Elektra“ von Hugo von Hoffmannsthal. Es ist die erste Schauspielinszenierung von Ben Baur. Dass er vom Bühnenbau her kommt, merkt man dieser Inszenierung sehr an. Aber auch, dass Baur viel Opernerfahrung hat. Er denkt musikalisch und entwickelt eine eigene, sprachliche Partitur. Immer dann, wenn sich im Stück die Musik von Richard Strauss aufdrängt, bietet Baur Platz für Stille, für Licht – oder für Klänge, die sich scheinbar im Kopf der Elektra entwickeln.

Genau das macht diese Inszenierung im Deutschen Theater Göttingen ungemein spannend. In einer Art Familienaufstellung lässt Elektra die Stimmen um sie herum über sich ergehen. Sie bleibt passiv und verfolgt manisch den Racheplan. Es spielt gar keine Rolle, zu wem die Stimme von außen gehört.

Katharina Uhland ist an diesem Abend die Elektra. Sie öffnet dem Publikum ihren Kopf und ihre Gedanken. Sie fühlt sich im Recht, weil der Mord an ihrem Vater gesühnt werden muss – und spürt gar nicht, wie ähnlich sie der Mörderin, ihrer eigenen Mutter geworden ist. Was sie zu ihrer Mutter sagt, sagt sie eigentlich zu sich selber.

So sind die anderen Akteure auf der Bühne (Lynn Ebert, Angelika Fornell, Benjam Kempf, Frederick Schmid, Marie Seiser, Rahel Weiss) auch teilweise gar nicht festen Personen zugeordnet. In diesem Punkt weicht die Komposition Ben Baurs und der Dramaturgin Sonja Bachmann deutlich von der Vorlage Hoffmannsthals ab. So wird die Schwester Chrysothemis zu einer chorischen Figur, bestehend mal aus einer, mal aus zwei und mal aus drei Stimmen. Nur die Mutter Klytämnestra (ganz stark: Angelika Fornell) und der Bruder Orest (Frederik Schmid) treten persönlich aus dem Chor in Erscheinung.

Diese Reduktion der Akteure auf einen Chor erhöht die ohnehin schon große Bühnenfigur der Elektra. Das wird schon gleich zu Beginn deutlich: statt der von Hoffmannsthal vorgesehenen Szene mit den Mägden beginnt die Göttinger Version gleich mit dem großen Monolog. Elektra ist allein auf der Bühne, gefangen in ihrem Wahn und in ihren Gedanken.

Faszinierend ist das Bühnenbild. Gleichsam eine Höhle, eine Gedankenhöhle. Die Holzträger bilden Gassen links und rechts, durch die ganz klassisch die Figuren auf- und abtreten können. Oder auch nur gleichsam wie Gedanken nur kurz auftauchen können.
Katharina Uhland erarbeitet sich sicht- und hörbar diese große Rolle der Elektra. Zunächst flüsternd monologisiert sie und beklagt den Verlust ihres Vaters. Es gelingt Uhland nur zögernd, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Das mag auch daran liegen, dass man sie zu Beginn akustisch kaum verstehen kann.

Ganz am Ende hält sie das Beil, mit dem Orest die Mutter getötet hat, mit gestreckten Armen empor. Die Stimmen in ihr werden immer lauter. „Ich trage die Last des Glückes“ – aber der Preis ist hoch. Denn sie bleibt in ihrem Wahn – eigentlich hat sich durch den nun gesühnten Mord an ihrem Vater gar nichts geändert. Zu diesem Zeitpunkt hat sie das Publikum längst in ihren Bann gezogen. Das wäre ihr übrigens auch gelungen, wenn sie sich nicht ausgezogen hätte. Die Entblößung ihrer Seele war auch so glaubhaft genug.

Die Stille am Ende war kaum auszuhalten. Darum entlud sich der Premierenbeifall umso heftiger. Er galt einer Katharina Uhland, die an dieser Rolle gewachsen ist und weiter wachsen wird. Er galt dem Ensemble und auch dem Regieteam.

Ben Baur hat ein erfolgreiches Schauspielregie-Debut gegeben. Auf weitere Arbeiten von ihm darf man sehr gespannt sein. Vielleicht darf es auch einmal eine Händel-Oper im Deutschen Theater sein?

Freitag, 02 Oktober 2015 15:38

Nur wenige Krawatten

2. Willkommenskonzert mit dem Göttinger Symphonie-Orchester

Freitag, 02 Oktober 2015 11:34

Pause im Alltag

Konzert für Gambe und Laute in der Nikolaikirche

Donnerstag, der 1.10.2015, 17:30 Uhr: Mein Mittagsschlaf ist mal wieder viel zu lang geworden, immerhin habe ich danach noch für den Festgottesdienst am Sonntag Orgel geübt. Jetzt noch schnell einen Kaffee getrunken und schon muss ich los. Um 18 Uhr Konzert in der Nikolaikirche, Gambe und Laute wird gespielt. Danach zur Kantoreiprobe.

17:50 Uhr: Ich betrete die Kirche und suche mir einen Platz. Das Programm sieht lang aus, aber die Stücke beschränken sich auf Tänze und ähnliches aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

18:00 Uhr: CD-Händler Stefan Lipski (Tonkost), der das Konzert zusammen mit der Geigenbauerin Dagmar Loepthien (Göttinger Geigenladen) organisiert hat, tritt nach vorne und begrüßt uns mit "Liebe Freunde". Denn die Konzertreihe sei im letzen Jahr gestartet mit der Idee Gambenmusik von Freunden für Freunde spielen zu lassen. Und mit seiner Einführung zu den Musikern, Alison Crum (Gamben) und Roy Marks (Laute), wird klar, dass hier zwei hochkarätige Künstler sitzen. Sie beginnen mit drei Tänzen aus dem 15. Jahrhundert. Leise klingen Laute und Gambe, und doch füllen sie vom ersten Moment an die Kirche. Die Melodielinien sind fremd, doch im Rhythmus springt der Funke sofort über. Zur Entstehungszeit der Musik war die Nikolaikirche keine 100 Jahre alt, markante Gebäude wie das Rathaus wurden gebaut, die Stadt blühte und wuchs mit dem Handel. Wie mich die Musik doch mitnimmt in diese lange zurückliegende Zeit.

Die Komponisten des Abends sind, von Henry VIII von England und John Dunstable abgesehen, weitgehend unbekannt. Auch zwei Eigenkompositionen von Roy Marks erklingen. Sie übertragen den Charakter der Renaissancestücke in eine gemäßigt moderne Tonsprache. Alle Dances, Grounds, Madrigale, Chansons und Capriccios sind kurze Miniaturen, die aber gerade in ihrer Übersichtlichkeit erfassbar und zu kleinen Kunstwerken werden. Dazu trägt maßgeblich das makellose Spiel von Alison Crum (auf drei verschiedenen Gamben) und Roy Marks bei. Ihre Spielart verzichtet völlig auf die in der Alten Musik weit verbreiteten ausladenden Gesten und Bewegungen, die dem Zuhörer den Ausdruck in der Musik auch optisch vermitteln. Hier genügt die Musik selbst und am Ende eines jeden Stücks ein lächelnder Blickwechsel zwischen den Musikern.

Schön, wenn der Funke durch Musik überspringt, und nicht durch Show.

19:35 Uhr: Glücklich gehe ich nach dem Konzert aus der Kirche, schon mit Blick auf die Uhr, denn in zehn Minuten beginnt die Kantoreiprobe. Und vorher muss ich noch irgendwo was zu essen finden. Döner ist schlecht vor dem Chor, vielleicht eine Portion Pommes?

Danke für diese wunderbare Pause im Alltag!

Dienstag, 29 September 2015 07:26

Viel Stoff zum Nachdenken

Die Schutzbefohlenen - Elfriede Jelineks dramatisches Manifest zur Spielzeiteröffnung am Deutschen Theater

Flüchtlingsschwemme…. Auch so ein Wort, das Elfriede Jelinek in Aufruhr versetzen würde. Was kommt denn da angeschwommen, um nun erneut abzusaufen, zwischen Schmähreden und Bürokratie, solidarischer Hilfe und Brandbeschleunigern. Und wer sich da alles echauffiert über eine unhaltbare Situation, dass es schließlich eine moralische Pflicht zur Fürsorge für Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende gibt, nur dass die leider nicht für alle reicht und erst recht nicht für jeden. Täglich wird sie neu auf die Probe gestellt, während das Pokern um menschliche Kontingente weiter geht, die neben einer unsicheren Kasernierung der Zorn derer erwartet, die um ihre Besitzstände fürchten.

Mit ihrem dramatischen Manifest „Die Schutzbefohlenen“ macht Österreichs Literatur-Nobelpreisträgerin ihrer Wut auf eine unhaltbar unerträgliche Situation Luft. Es steht nicht gut um die europäischen ideale von Freiheit, Toleranz und Menschenwürde lautet ihr sprachgewaltiger Befund, den Erich Sidler zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Deutschen Theater inszenierte. Von einer fundamentalen Überforderung für die Schauspieler und für das Publikum sprach Sidler nach der Premiere, aber auch von einem politischen Statement, das er mit seinem Ensemble setzen will. „Wir müssen uns verhalten zu den Fragen, die auf Europa zukommen“, erklärte der DT-Intendant und dass es auch darum gehe, Denkanstöße bei einem hoch emotionalen Thema zu geben, das von Ängsten und Nöten belastet sei.

Schon der Text ist eine grandiose Überforderung mit den Stimmen derer, die auf der Suche nach Schutz aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Vor allem weil Jelinek ihre Erfahrungswelt mit den Stimmen derer mischt, die darüber urteilen und werten. Und das sind nicht nur Politiker, die mit dem Humankapital für den Arbeitsmarkt argumentieren und die Integrationshürden schön reden sondern auch all die Zeitgenossen, die dazu eine Meinung haben. Behördenvertreter, Sozialarbeiter, Nachrichtenkommentatoren und eine Bevölkerung, die  auch etwas zu sagen haben will, von wohl meinenden Betroffenheitsbekundungen bis hin zu menschenfeindlichen Hetzattacken.

Bis auf ein paar Lichtmarkierungen bleibt die Bühne des Deutschen Theaters leer und wirkt wie ein Niemandsland. In dem formieren sich die Schauspieler zu einem Chor der Stimmen, der sich über alltäglichen Erfahrungen und Beobachtungen Gehör verschafft und sich immer wieder in diesem widerspenstigen Meinungsgebräu aus Vorurteilen, Ängsten, Abwehr und Gleichgültigkeit verstrickt. Ob nun über die iPhones  und Webcams abgelästert wird, für die es trotz beträchtlichem Schlepperhonorar ja dann doch noch reichte, nicht aber für einen asyltauglichen Herkunftsnachweis. Das Foto von den abgeschlagenen Köpfen der Angehörigen zählt da leider nicht, weil es davon ja auch zu viele gibt.

Es sind böse Assoziationsketten, in denen Jelinek die Worte in ihrer Bedeutung unaufhörlich dreht und wendet und zuspitzt. Auch dafür macht Erich Sidlers Inszenierung hellhörig, selbst wenn sie in der Fülle nicht fassbar sind, sich überlagern  und ständig ausufern. Aber sie stören auf, wenn nun von einer Freiheit die Rede ist, die sich so sehr verbraucht hat, dass für andere eben nichts mehr davon übrig bleibt auch wenn sie sie ebenfalls brauchen könnten. Oder wenn der Rassismus keinen Platz findet und dann stehen muss, was ihm dann auch zu Recht geschieht. Auch das lässt sich mit einem Lächeln erzählen, mit einem ironischen Unterton, spöttisch, polemisch oder zynisch und auch mit einer berührenden Geste ganz emphatisch zur Schau stellen und bis ins unerträglich Absurde entlarven. Über die ersten Reihen im Parkett klettern dann einige Gestalten aus diesem Barbarenschwarm, die sich über die mitteleuropäische Wertegemeinschaft hermachen, anstatt einfach wegzubleiben. Hier richten sich die Werte schließlich auch nach dem Besitzstand und so wütet der Text in den Geschichten wohlhabender und öffentlich gut verkäuflicher Grenzgänger. Die Tochter von Boris Jelzin und die russische Operndiva haben es eben leichter an ein Blitzeinbürgerung und eine neue Staatsbürgerschaft zu kommen, als die Familien aus irgendeinem dieser unaussprechlichen Krisengebiete.

Mit Galaroben behängt macht dieser Chor der Stimmen natürlich eine bessere Figur als in der fleischfarbenen Unterwäsche und den schmierigen Langhaarperücken, auch wenn sich die Körper dann in der Choreografie von Valenti Rocamora i Torà erneut zusammendrängen, zu Boden stürzen, davon kriechen und nach etwas Fassbarem greifen. Aber selbst wenn sie eine bedrohliche Masse zu bilden scheinen, wird in den choreografischen Bildern immer wieder spürbar, dass es sich um die Bewegtheiten von Individuen geht, die hinter den Worten auch zum Ausdruck kommen wollen. Die lassen sich auch nicht hinter den Pelzmänteln verbergen und hinter den Bergen von veredelten Tierfellen, die dann noch von oben auf die Körper herunterfallen und so das böse Bild von den tierischen Horden herauf beschwören, an dem Jelineks Schutzbefohlene ebenfalls zu schleppen haben.

Zum Schlusschor versammelt sich das gesamte Ensemble auf der Bühne mit weiteren Stimmen. Die stellen sich noch einmal der Frage, warum sie in ihrer Schutzbedürftigkeit nicht einfach angenommen werden können, so wie „Die Schutzflehenden“ in der Tragödie des antiken Dramatikers Aischylos, deren Stimmen Elfriede Jelinek mit ihrem dramatischen Manifest verbindet. Aktuell unvorstellbar mutet die Geschichte der antiken Flüchtlinge an, dass ein Herrscher ihr Recht auf Asyl sogar gegen einen drohenden Krieg verteidigt. Auch sie gehört zu Überforderungen an diesem engagierten Theaterabend, der seinem Publikum viel Stoff zum Nachdenken zumutet, wie das Zusammenleben  mit so vielen Schutzbedürftigen künftig aussehen kann, ohne dass dabei die Ideale von Freiheit, Toleranz und Menschenwürde zu Bruch gehen.

Dienstag, 29 September 2015 07:19

Couragierte Gipfelstürmer

Minimal bis Monumental - Das GSO Eröffnungskonzert mit Haydn, Beethoven und Bruckner

Ganz leise atmen die Töne. Als ob da eine Elfe über die Tasten huscht und  sie mit ihrem Zauberstab berührt, damit sie nur ja nicht mehr als einen Hauch von Melodie preisgeben. Es ist natürlich Alexander Schimpf, der in Beethovens 4. Klavierkonzert die Andachtsräume so zauberhaft schön zum Klingen bringt und kein geisterhaftes Wesen. Doch als Zuhörer kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, auch über die makellose Klarheit, die selbst in den dramatischen Passagen nie gewichtig oder gar pathetisch anmutet, wenn Schimpf aus den Melodiebögen filigrane Spannungsverhältnisse formt und dabei auch wunderbar mit den Orchesterstimmen harmoniert.

„Minimal bis Monumental“ war das Konzert zur Eröffnung des 1. philharmonischen Zyklus des Göttinger Symphonie Orchesters überschrieben. Mit Werken von Haydn, Bruckner und Bruckner hatte Chefdirigent Christoph Mathias Mueller ein Programm der dramatischen Kontraste zusammengestellt. Joseph Haydns D-Dur Ouvertüre  wurde zur charmanten Aufmunterung, um heiter und beschwingend auf Beethovens Klavierkonzert einzustimmen, das der gebürtige Göttinger Pianist in feinsinnige Klangpoesie verwandelte. Mit Claude Debussys „Claire de Lune“ als Zugabe verzauberte Schimpf sein Publikum ein weiteres Mal, das noch den Echos nachlauschte - und wie sie dann zart und anmutig davon zu schweben schienen.

Der Stimmungswechsel nach der Pause war ebenso dramatisch wie radikal, mit Anton Bruckners 3. Symphonie d-Moll als symphonischem Monument, das nicht verzaubern mochte, sondern vor allem aufrühren und aufwühlen. Christoph Mueller schwärmt von einem fantastischen Stück und dass die selten gespielte Urfassung dieser Symphonie seine Lieblingsversion sei, etwas wilder und ungezähmter als die beiden späteren Fassungen, in denen Bruckner kürzte und glättete. In der Urfassung kommt  auch der glühende Wagner Verehrer zum Ausdruck, der in den ersten Satz Motive aus „Tristan und Isolde“ einfließen lässt, dann das Schlafmotiv aus der „Walküre“ und ein Lied aus den „Meistersingern“. Immer wieder brechen sich die sentimentalen Tableaus an den harmonischen Verwerfungen, den Ausbrüchen von Leidenschaft und Pathos. Im zweiten Satz spiegelt sich bereits die Unbedingtheit, mit der Bruckner seine Themen auslotet und nicht nur ihnen harmonisch und rhythmisch alles abverlangt, sondern auch den Musikern, die sich seinem aufrührend fordernden Gestus stellen und sich einfühlsam in ihn vertiefen. Auch für das Publikum bedeutet Bruckner symphonische Schwerstarbeit mit wenigen Momenten des Innehaltens. Fast schon etwas Manisches haftet Bruckners dynamischen Ausbrüchen an, die er im 3. Satz noch mit tänzerischen Wendungen kontrastiert, um sie zum  Finale wie tektonische Platten immer wieder neu moduliert aufeinander prallen zu lassen. Auch von dieser musikalischen Kraftprobe ließ sich das Publikum mitreißen.

Chapeau für das GSO und Christoph Mathias Mueller als couragierte Gipfelstürmer auf einem symphonischen Monument.

JT-Premiere Katz und Maus

Der hässlich vernarbte Adamsapfel ist nicht der einzige Makel, über den seine Mitschüler herziehen. Irgendwie ist dieser Mahlke auch anders. Er möchte jemand anders sein in der Erzählung „Katz und Maus“ von Günter Grass, die Nico Dietrich am Jungen Theater in einer dramatisierten Fassung inszeniert hat.

Anders sein bedeutet, auch besser zu sein als die Gefährten, bei Flugzeug- und U-Boottypen souverän zu punkten, schneller zu Ziel zu kommen. All das, was dem eher schüchternen, wortkargen Joachim Mahlke schließlich gelingt, als er endlich Schwimmen lernt und  Tauchen und in einem Schiffswrack sein Abenteuerrefugium findet. Es ist eine sehr sportlich anmutende Welt, in der Mahlke, Pilenz, Hotten Sonntag, Winter und Esch sich gegenseitig anstacheln und hochschaukeln, bis wieder mal jemand die Puste ausgeht. Der  gepolsterten Kasten, die Bänke und die Absprungrampe, die die Turnabteilung des ASC Göttingen für das Bühnenbild von Christian Kiehl zur Verfügung stellte, sind klassische Turngeräte. Aber sie sind auch sehr vieldeutig in diesem Kräftemessen um Lebensentwürfe in  den ersten Jahren des zweiten Weltkrieges, als im völkischen Beobachter noch die Erfolgsmeldungen auf dem Vormarsch waren. Der Kasten wird zur Kanzel, wenn sich Mahlke der Jungfrau Maria wie eine Schutzpatronin zuwendet und die anderen mit seinem ewigen  mater dolorosa nervt. Doch schon bald gehen neben dem Pfarrer auch Panzergeneräle auf dem sportlichen Podest in Stellung, um sich in der Schulaula mit ihren Abschussquoten zu brüsten. 

Um Arbeitsdienst und Rekrutierungskommandos machen sie die jungen Gymnasiasten eigentlich noch keinen Kopf,  wenn der Sportlehrer den nächsten Sprung anpfeift und das JT-Team mit Linda Elsner, Jan Reinatz, Peter Christoph Scholz, Eva Schröer und Karsten  Zinser an den Turngeräten weitere Fitnesspunkte verbucht.  Mahlke ist mal wieder erfolgreich auf Tauchstation, das beschäftigt sie mehr und dass sie ihn jetzt wirklich bewundern und trotzdem nicht verstehen. Auch dann nicht, wenn als er nach dem Diebstahl eines  Ritterkreuzes von der Schule fliegt und nun Karriere auf hoher See macht. Auch so einer, der jetzt mit Abschussquoten profilieren kann, nur nicht in seiner alten Schule. Dem Dieb militärischer Auszeichnungen wird der ersehnte heldenhafte Auftritt verweigert. Mahlke desertiert.

Auch dieses Kapitel aus dem Leben eines Außenseiters wird rückblickend betrachtet - und wie ihn sein vermeintlicher Freund Pilanz gelassen hat. Jan Reinartz nimmt erneut den Blick des Chronisten an, der als alter Mann noch etwas abzuarbeiten hat, das er nicht zu bewältigen vermag und dazu immer wieder nach Erinnerungen und ihrer Bedeutung greift.  Es ist eine Sammlung von Rückblenden zwischen all den Abenteuern und den Irritationen, aus denen die Schauspieler dann ihre vielstimmigen Nahaufnahmen entwickeln. Sie bilden die Clique unbeholfener und doch so lebenshungriger Gymnasiasten, sind dann in wechselnden Rollen als Pädagogen, Panzergeneräle und Jungbahnführer zu sehen, verwandeln sich in Priester, Flieger-Asse, eine verwirrte Mutter und eine illustre Mariengestalt, bis ein erneutes Platsch ertönt. Linda Elsner ist wieder hinter dem Kasten wieder abtaucht; mit allem, was ihren Mahlke umtreibt und schmerzt und trotzdem unberührbar machen soll, bis schließlich auch der Glaube an die heilige Schutzpatronin versagt.

Diese Atmosphäre der Unberührbarkeit prägt letztlich auch die Inszenierung, in der die Szenen die Wirkung von Filmbildern entwickeln, die sich mit spannenden Schnitten und auch geschickt überblendet aneinanderreihen. Die Erwachsenen reagieren typisch, ob sie nun als autoritäre Pädagogen gezeichnet sind oder als Ikonen einer rassistischen Vernichtungspolitik oder als teilnahmslose Beobachter. Das mag zum einen daran liegen, dass die Erzählung von Günter Grass auch in ihrer dramatisierten Fassung in Rückblenden erfolgt. Die Situationen werden eben aus der Distanz der Erinnerung vorgeführt, mit viel Action und viel Elan auch mit den Beschreibungen verwebt, was sich im Einzelnen wie abgespielt hat und wer daran alles beteiligt war: Ziemlich viele Typen und ziemlich viele Klischees wie die von eitlen Fliegerhelden oder gebieterischen Seelsorgern. Aber was das zum anderen mit den Jugendlichen macht und nicht nur mit Mahlke, der sich nicht einpassen und einnorden lässt wie die anderen und daran auch zu Grunde geht, beschränkt sich an diesem Abend auf viele gelungene Vorführeffekte.

Donnerstag, 17 September 2015 16:31

„Aber wir sind glücklich, oder?“

Premiere von „Hautnah“ des Theaters im OP

In dieser Produktion passt einfach alles zusammen: Das Stück, die Schauspieler, die Inszenierung, die Bühne. Wer es eilig hat, braucht gar nicht weiter zu lesen, er kann gleich die Karten-Hotline des Theaters im OP wählen und sich einen der wenigen Plätze reservieren, die im d.o.t.s im Börnerviertel für die Aufführung dieser Perle des „kleinen Theaters“ zur Verfügung stehen. Regisseur Thomas Löding und seinen vier Schauspielern gelingt mit „Hautnah“ von Patrick Marber ein dichter, beeindruckender Theaterabend, der ganz vom hingebungsvollen Zusammenspiel der Akteure lebt und durch seine Konzentration auf das Wesentliche schlicht sehenswert ist.

London, Mitte der 90er Jahre: Die Gelegenheitsstripperin Alice (Lena Aust) und der wenig erfolgreiche Schriftsteller Dan (Luke Slager) verlieben sich. Im Jahr darauf verliebt Dan sich in die Photographin Anna (Anja Marszalek). Ein halbes Jahr später verlieben sich Anna und der Dermatologe Larry (Jörg Bauer). Und wie das Leben so spielt, haben schließlich auch Dan und Anna sowie Alice und Larry was zusammen. Was als Plot zunächst verwirrend und vielleicht auch nicht zwangsläufig interessant klingt, ist in der Fassung von Patrick Marber ein fesselndes, emotional auslaugendes Beziehungsdrama, das seinesgleichen sucht. Marber zeigt die Tage im Leben von vier Menschen, die weichenstellend sind, und mit ihnen das, was im Leben der meisten Menschen als Erinnerung bleibt: Emotionale Ausnahmesituationen. Das Kribbeln bei der ersten Begegnung, das Prickeln des verbotenen Verlangens, der Streit aus Eifersucht, Verzweiflung, Liebe, Hass. Bei alledem sind die vier Charaktere süchtig nach Informationen („Wann hattest du was mit wem und wie genau und wie war es für dich?“) und ruinieren sich ihre Beziehungen durch ein Zuviel davon.

Aust, Slager, Marszalek und Bauer bilden ein Quartett, das sich miteinander an die Wand spielt. Die Rollen sind unvorhersehbar, alle agieren vielschichtig: Alice ist nicht nur wunderschön und sensibel, sondern auch berechnend und kämpferisch. Dan wirkt zunächst nervös und unsicher, plötzlich entpuppt er sich als leidenschaftlich und entschlussfreudig. Anna erscheint distanziert angesichts der ersten Annäherungsversuche der Männer, dann wieder wird sie frivol und emotionsgeleitet. Larry wirkt als sexhungriger Doktor zunächst fast klamaukig peinlich und lässt anschließend als aggressiver „Höhlenmensch“ die Bühne erzittern.

Nachdem wegen der Dacharbeiten am Theater im OP nun auch der Spielort „Notaufnahme“ aus Sicherheitsgründen nicht mehr genutzt werden kann, konnte die Produktion kurzfristig in den Keller des d.o.t.s ausweichen. Dieser Umstand wurde für das Stück zum ungeplanten Glücksfall: Fliesen, Stein, Beton, Metall – die Materialien des Raumes passen perfekt zur Atmosphäre auf der Bühne, die immer verzweifelter, kälter und härter wird; eine Treppe, zwei Sitzelemente, eine Tür – mehr brauchen die vier Schauspieler nicht, um sich glaubwürdig zu küssen und zu schlagen. Und angesichts der nur 38 Zuschauerplätze ist das Publikum in diesem Raum fast „hautnah“ am Geschehen dabei.

Weitere Aufführungen am 21., 23., 24., 26., 28., 29. und 30. September sowie am 3. Oktober, jeweils um 20:15 Uhr. Karten im Foyer der ZHG-Mensa, Montags bis Freitags von 12-14 Uhr. Kartenreservierung unter 0551 39 70 77. Der Eintritt für Studenten und Studentinnen der Universität Göttingen ist kostenlos.

Dienstag, 15 September 2015 08:54

Muss es gleich ein Zentner Fugen sein?

Bachs "Kunst der Fuge" mit dem Göttinger Symphonie Orchester

Carl Philipp Emanuel Bach bot die Druckplatten der „Kunst der Fuge“ zum Verkauf an, weil auch mehrere Jahre nach der Drucklegung nur 40 Exemplare verkauft worden waren. Diese Kupferplatten „betragen an Gewicht einen Zentner“.

Somit ist die Frage nach dem Titel „Ein Zentner Fugen“ für das Serenadenkonzert des Göttinger Symphonie Orchesters geklärt. Am Sonntag (im GDA-Wohnstift) und am Montag (im Alten Rathaus) eröffnete das GSO die Spielzeit 2015/16 mit dem ersten Serenadenkonzert. Auf dem Programm stand die „Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach in einer Fassung für Kammerorchester mit Cembalo und Orgel, eingerichtet von Helmut Bornefeld.

Die hochkomplexe Komposition besteht aus vierzehn Fugen und vier Kanons. Bach hat die Stimmen in vier eigenen Notensystemen geschrieben. Deshalb gibt es sehr unterschiedliche Meinungen, in welcher Besetzung das Werk zu spielen ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass tatsächlich Bach nur ein Tasteninstrument gemeint hat. Die Aufführung mit mehreren Instrumenten hat jedoch schon eine lange Tradition, denn die verschiedenen Klangfarben können diese Fugen, Gegenfugen, Spiegelfugen etc. besser veranschaulichen.
Der Kirchenmusiker und Komponist Helmut Bornefeld (1906-1990) hat wohl ähnlich gedacht, als er das Werk für ein Kammerorchester mit Cembalo und Orgel eingerichtet hat. Diese Version hat auch Christoph-Mathias Mueller ausgewählt und im Serenadenkonzert dem Göttinger Publikum vorgestellt. Ein Streicherensemble, Block-und Querflöte, Englisch Horn und Oboe sowie Fagott bildeten die Bläsergruppe, dazu kommen noch Cembalo und Orgel. Es boten sich vielfältige Möglichkeiten, Bachs Musik zu durchleuchten.
Und in der Tat ergaben sich sehr spannende Höreindrücke. Bornefeld verteilte die Einsätze der vier Stimmen immer wieder neu, die einzelnen Fugen hatten immer eine andere Besetzung. Nur dreimal war das Tutti zu hören.

Die Musiker des GSO waren gut aufgelegt. Gemeinsam mit ihrem Chefdirigenten entwickelten sie die Themenköpfe und die Bearbeitungen immer wieder neu. Wie von Christoph-Mathias Mueller angekündigt, ergaben sich immer wieder neue Klangfarben.
Für Bach-Puristen war das allerdings keine leichte Kost: der bisweilen große Klang machte aus der filigranen Musik große Orchestermusik. Es ist immer wieder erstaunlich, was Bachs Musik alles aushält. Wenn aber die besten Momente des Abends die waren, die in kleiner und kleinster Besetzung (Streichquartett, Cembalo solo oder Orgel solo) gespielt wurden, kommt man schnell zu der Auffassung, dass diese Musik es nicht nötig hat, so aufgeplustert zu werden, wie Bornemann es getan hat.

Ein solcher Exkurs in die Möglichkeiten der musikalischen Wiedergabe ist natürlich interessant – vor allem, wenn die Musik so vorzüglich wiedergegeben wird.

Durch diese Instrumentierung verlagern sich jedoch die Gewichte: aus dem akademischen Gewicht der Fugenbearbeitung wird ein klangliches (Über-)Gewicht. Ein paar Gramm mehr sind in Ordnung, aber muss es gleich ein ganzer Zentner sein?

Sonntag, 13 September 2015 13:47

Himmlischer Trost

Collegium Vocale Hannover zu Gast bei den Nikolausberger Musiktagen

Musik ist nur dann in ihrem ganzen Umfang existent, wenn sie praktiziert wird. Ihre Flüchtigkeit ist dem Werden und Vergehen des menschlichen Lebens vergleichbar. Sie kann Trauer und Leid, aber auch Hoffnung und Gewissheit direkter vermitteln, als es das Wort alleine kann. Und genau davon handelte dieses Konzert. Heinrich Schütz komponierte die Musicalischen Exequien, eine Beerdigungsmusik, anlässlich des Todes seines Landesherren Heinrich Posthumus Reuß mitten im 30jährigen Krieg. Die zu vertonenden Bibelverse und Liedtexte hatte dieser noch zu Lebzeiten selber zusammengestellt. Auch die Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger, die nach dem ersten Teil der Exequien erklang, steht in einem ähnlichen Zusammenhang: Mauersberger komponierte sie  am Karfreitag und -samstag 1945 und verarbeitete seine Eindrücke von der Zerstörung Dresdens, die er unmittelbar miterlebt hatte. Den Text entnahm er den Klageliedern des Propheten Jeremia. Der zweite Einschub in die Exequien war Arnold Schönbergs „Friede auf Erden“. Um die Intonation zu erleichtern, komponierte Schönberg eine Orgelbegleitung für den Chorsatz. 1923 stellte Schönberg einen Bezug zwischen der Aufführungsweise und der weltpolitischen Entwicklung her. Er schrieb „ Mein Chor >Friede auf Erden< ist eine Illusion für gemischten Chor, eine Illusion, wie ich heute weiß, der ich 1906, als ich sie komponierte, diese reine Harmonie unter Menschen für denkbar hielt. […] Seither habe ich nachgeben lernen müssen und gelernt, dass Friede auf Erden nur möglich ist unter schärfster Bewachung der Harmonie, mit einem Wort: nicht ohne Begleitung.“ So korrespondierten die drei sehr unterschiedlichen Werke mit ihrem inhaltlichen Aussagen über die Jahrhunderte hinweg. Auch Heinrich Schütz hatte für die Exequien instrumentale Begleitung vorgesehen. Die drei Instrumentalisten, Ryoko Morooka (Orgel), Irmelin Heiseke (Violone) und Dennis Götte (Laute), waren dem Chor eine kongeniale Begleitung und konnten jeweils auch in zwei Stücken solistisch glänzen. Mit der Toccata d-Moll von Froberger für Orgel sowie der Sonate für Laute und Basso Continuo von Ferrarese schufen sie instrumentale Ruhepunkte zwischen den Chorsätzen.

Das Collegium Vocale Hannover unter der Leitung von Florian Lohmann hat seine Schwerpunkte im Bereich der Alten und der Zeitgenössischen Musik und nutze mit diesem Programm die Gelegenheit, in beiden Bereichen zu glänzen und hoch differenziert zu musizieren. Die gut ausgebildeten Stimmen fügten sich zu einem wunderbar homogenen Chorklang zusammen. Die vielen Solopartien, die aus dem Chor heraus besetzt waren, machten immer wieder das große sängerische Potential der einzelnen Mitwirkenden hörbar. Der Kontrast zwischen den Exequien und den modernen Einschüben wurde durch die Interpretation, die Lohmann einstudiert hatte, deutlich herausgearbeitet und ließ die einzelnen Stücke umso klarer und eindrücklicher auf die Zuhörer wirken.

Wer nach oben schaute, konnte oberhalb der Musiker in der Deckenbemalung die korrespondierenden musizierenden Engel mit Orgel und Laute sehen – ein himmlisches Musizieren passend zu einer himmlischen Aufführung.

Sonntag, 13 September 2015 15:00

Sey nur still. Amen.

Patricia Grasse im Nachtkonzert der Nikolausberger Musiktage

Die „Kleinen geistlichen Konzerte“ von Heinrich Schütz sind kurze, kantatenähnliche Werke für eine kleine Besetzung. Wobei die Besetzung sehr unterschiedlich ist: von einer bis zu sechs Singstimmen reichen die Vorgaben von Heinrich Schütz. Entstanden ist diese Sammlung um 1636 – also noch inmitten der Wirren im Dreißigjährigen Krieg. Und so beginnt auch gleich das erste Stück mit den Worten „Eile mich, Gott, zu erretten, Herr, mir zu helfen!“

Die Sopranistin Patricia Grasse hat für das Nachtkonzert bei den Nikolausberger Musiktagen die Stücke ausgewählt, die für eine Sopranstimme vorgesehen sind. Das sind lediglich vier der 56 „Kleinen  geistlichen Konzerte“. Und weil diese Auswahl nicht konzertfüllend ist, hat sie noch einige „Musikalische Andachten“ des Bach-Zeitgenossen Johann Wolfgang Franck ausgewählt. Diese Stücke sind fünfzig Jahre später als die Konzerte von Schütz entstanden.

So ergab sich ein spannender Konzertablauf: zunächst die schlichte gehaltene, aber ungemein ausdrucksvolle Musik von Heinrich Schütz, dann die barocken Kleinode von Franck.

Patricia Grasse war eine ideale Besetzung für diesen Abend: sie gestaltete die Musik ergreifend und einfühlsam. Ihre schlanke Stimme klang in jeder Lage leicht, es war keinerlei Anstrengung zu hören. Und das bei einem einstündigen Programm, das nur einmal unterbrochen wurde durch eine Passacaglia von Alessandro Piccinini, gespielt von Andreas Düker auf der Laute.

Andreas Düker und Antonius Adamske (Orgel) begleiteten die Sängerin, teils gemeinsam, teils abwechselnd. Das Ensemble musizierte von der Orgelempore, während das Kirchenschiff im Kerzenschein leuchtete. So schön das atmosphärisch wirkte: akustisch hatte das zur Folge, dass der Text des Gesangs kaum zu verstehen war. Zum Glück war der Text im Programmheft abgedruckt.

Der prall gefüllte Samstag der 1. Nikolausberger Musiktage endete mit diesem wunderbaren Nachtkonzert mit Patricia Grasse. Insbesondere die Andachten von Franck waren eine Entdeckung. Das letzte Stück des Abends hieß „Sey nur still und harr auf Gott“ – und es endete mit dem Gruß zur Nacht: „Sey nur still. Amen.“

Freitag, 11 September 2015 08:54

Kein Wort zu viel

Ralf Rothmann zu Gast im Literarischen Zentrum mit dem Buch "Im Frühling sterben"

Donnerstag, 10 September 2015 11:04

Wer hat den schlechtesten Sex?

Das Literarische Zentrum auf Hausbesuch im Parthenonsaal

Es gibt Schlimmeres als schlechten Sex. Vor allem wenn sich Schriftsteller in das Intimleben ihrer Protagonisten vertiefen. Dann hilft entweder weiterblättern oder die Leselampe verdunkeln oder wie im Fall von Rainer Moritz, die Kapitel Sex, Erotik und Pornografie einfach mal kritisch unter die Lupe zu nehmen -anstatt sich mit dem biblischen Buch  Salomo zu trösten.

Mit großem Vergnügen erzählt der Autor von „misslungene Begegnungen“ und „erschütternden Beispielen“ für sein Buch „Wer hat den schlechtesten Sex?“ Und dabei geht es nicht etwa nur um Stilblüten, Schwulst und Kitsch, wie sie der Bestseller „Shades of Grey“ so erfolgreich unter seinem Lespublikum ausbreitet. Auch die besten deutschen Autoren scheitern seiner Ansicht nach kläglich bei der Beschreibung von Sex und Erotik.

„Noch schlechter als Standspaziergänge“ lautet das vernichtende Urteil des Experten und schon kichert das Publikum erneut. Es hat ebensoviel Spaß wie der Autor und auch seine Gesprächspartnerin, die Literaturkritikerin Ina Hartwig, die das Literarische Zentrum in der Reihe „Hausbesuche“ an einen illustren Ort geladen hatte: In den Parthenonsaal des archäologischen Institutes, wo sich die meisten der antiken Statuen aus der Gipsabdruck-Sammlung ansehnlich unverhüllt präsentieren.

Aphrodite, die Göttin der Erotik in Gestalt der Venus von Medici hält wacker die stolze Stellung, selbst wenn Rainer Moritz und Ina Hartwig das Vokabular sezieren, auf das die literarische Zunft beim Thema Sex immer wieder verfällt, wenn es seine Paare bohren, graben, hämmern und nageln lässt: „Verben wie auf dem Baumarkt“ bemerkt der Experte, bevor sich das nächste literarische Fiasko ankündigt. Auch das könnte glatt zum Absturz der Leselust führen, wenn es nicht so gnadenlos komisch wäre, wie Patrick Hofmann in seinem Roman „Die letzte Sau“ das sexuelle Intermezzo um zwei Frauen und einen jugendlichen Voyeur mit Schlachterzeugnissen ganz praktisch verwurstet. Selbst Schauspielerin Imme Beccard, die ganz wunderbar rezitiert und jetzt einen weiteres missratenes  Kapitel aus dem literarischen Sexleben liest, ringt in manchen Szenarien um ihre Fassung.

„ Knapp vor dem Überschäumen“ befindet sich Anne Webers Protagonist in ihrem „Tal der Herrlichkeiten“ und darf sich auch dann endlich „ins Gebüsch schlagen“. Vom Baumarkt Ambiente ließ sich offenbar Michael Kleeberg verführen, als er das Seitensprung Kapitel für seinen Roman „Karlmann“  verfasste. Da gräbt sich dann der Schwanz des Protagonisten wie ein Bohrmeißel bis zum Anschluss.

Manche Textpassagen nehmen Rainer Moritz und Ina Hartwig ein bisschen in Schutz, wenn die Autoren dem Intimleben ihrer Figuren mit Ironie begegnen oder mehr an ihren alltäglichen Beziehungsstörungen interessiert sind als an Fragen der Potenz und der Erregbarkeit. Dabei sind ja auch  ganz praktische Fragen gilt es zu klären, wenn der Sex bis in die intimen Regionen der literarischen Fantasie vordringt. „Wie bringt der Autor seine Leute schnell auf die Matratze“, hat Moritz nachgefragt und ist immer wieder auf die gleiche Beschreibung gekommen: „Sie rissen sich die Kleider vom Leibe“. Könnte schon bei Jeansträgern schwierig werden, sinniert der literarische Chronist und belustigt erneut das Publikum im Parthenon Saal, das sich ebenso gern positiv überraschen lässt. Von Rollenprosa, wie sie Clemens Mayer in seinem Roman „Im Stein“ gelingt, wenn er den Alltag einer Prostituierten beschreibt. Lapidarer Witz  und nie gestellt, befinden die Experten und haben auch bei Harold Brodky keine Einwände, wenn Imme Beccard aus seinem Roman „Unschuld“ zitiert  „ Sie hob und senkte sich wie ein Wal - nur nicht so stark.“

Zum Abschluss dieses  pointen- und geistreichen Abends unter dem Motto „Wer hat den schlechtesten Sex?“ durfte natürlich „Shades of Grey“ nicht fehlen. Garantiert ein Titel für den Spitzenplatz im Expertenranking, auch wenn Moritz für seine literarische Chronik darauf gern verzichtet hat.

Dienstag, 08 September 2015 16:37

Die Sehnsucht nach Glanz

Fritzi Haberlandt mit dem "Kunstseidenen Mädchen" bei den Göttinger Theatertagen

So ein Pelz veredelt nicht nur äußerlich, als Zeichen von Stil, Geschmack  und Geld. Er mach auch etwas mit dem Innenleben von Doris, die weiß, was sie von sich alles erwarten kann. Sie will schließlich ein Glanz sein, die Bewunderung ihrer Mitmenschen genießen und ein Leben fern von Sparhaushalten, Alltagstristesse und Almosen führen. Fritzi Haberland befreit sich vorübergehend von dem edlen Stück. Viel wichtiger ist jetzt diese Band mit der existenziellen to-do-Liste, die es abzuarbeiten gilt, auch wenn es dabei immer zu Pannen, Katastrophen und Missverständnisse kommt.

Die Rolle als kleine Stenotypistin ist viel zu mickrig für Irmgard Keuns „Kunstseidenes Mädchen“, in das sich die Schauspielerin jetzt hinein lebt. In ihren Mut und ihren Eigensinn - und in die ganz klaren Ansagen über die vorwiegend männliche Umwelt und wie sie tickt. Leider ist ja auf die Männer kein Verlass, die ihr eigentlich eine solvente Zukunft garantieren müssten, aber nicht mal als Liebhaber Sicherheit bieten. Überhaupt ist das ganze Überlebensgeschäft eine ziemlich mühsame Angelegenheit für diese junge Frau, die es nach Berlin in den großstädtischen Glanz gelockt hat, damit er endlich auf sie abfärbt.

Auf der Bühne des Deutschen Theater lässt Jens Thomas am Flügel sanft anmutende Akkorde verklingen. Sie bilden zarte Echowellen, denen man nachlauscht, bis der Musiker mit seinem Gesang ein bisschen Wehmut aufkommen lässt und Fritzi Haberland nun die Welt ihrer Figur zerpflückt und darin eine couragierte Kämpferin freistellt. Die hadert und grummelt und kriegt eigentlich kein Bein auf den Boden, selbst wenn die Stimme das jetzt anders beschreibt. Schließlich kann Doris ja auch als anpassungsfähige Gefährtin funktionieren und sich trotzdem ihren eigenwilligen Reim auf die Verhältnisse machen, in denen nicht nur sie als Frau immer wieder auf der Verliererseite landet. Aber klein beigeben gilt nicht. Wieder lässt die Schauspielerin diesen kämpferischen Elan durchblitzen, der dann das trügerische Bauchgefühl übertönt, dass es mit dem ersehnten Glanz einfach klappen muss. Natürlich muss die Gestalt mit dem wachen Blick für die Verhältnisse der hoffungsvollen Träumerin dabei auch andauernd widersprechen; aber genau das macht diese Überlebenskünstlerin aus, die Fritzi Haberlandt in Worten und Gesten so wunderbar bestärkt. Manchmal überlagern die musikalischen Echos von Jens Thomas die Kämpfe, die in Imrgard Keuns Erzählungen mit allen Verletzungen ausgetragen werden. Dann klingt seine Stimme, als ob er das Bild einer geknechteten Kreatur beklagt, das er dann am Flügel und an der Gitarre noch forciert.

Von diesem Bild hat sich das kunstseidene Mädchen auf der Bühne des Deutschen Theaters zum Glück befreit. Es lebt und überlebt und glänzt dann umso mehr.

Sonntag, 06 September 2015 20:38

Navigator Luna Nord

Linda Elsners Ermittlungsprozess am Jungen Theater

Die Familienstrukturen sind ziemlich kompliziert. Wann und warum welche Söhne und Töchter den Status Prinz oder Prinzessin erhalten oder wer dann die Rolle des Oberhauptes übernimmt. Linda Elsner hat offenbar kein Problem mit dem traditionellen Regelwerk ihrer fremden Angehörigen. Von da oben auf der Empore des Jungen Theaters klingt ihre Beschreibung auch noch so, als ob sie es mit den Komplikationen ihres Reiseabenteuers locker aufnimmt. Doch schon bald wird sie auf der Bühne von Zweifeln geplagt.

Es geht um das Leben eines unbekannten Großvaters und seinen Aufenthalt in Leipzig, dessen Spuren sie in ihrer Inszenierung am Jungen Theater verfolgt. Es geht dann auch um die Frage, warum er einfach von der Bildfläche verschwand, seine schwangere Freundin sitzen lies und sich in Togo dem herrschenden Regime anschloss, gegen das er ursprünglich opponiert hatte. „Ermittlungsprozess“ hat die Schauspielerin ihre dramatische Spurensuche genannt, denn es sind nur spärliche Dokumente, mit denen sie sich in ihrem Stück „Navigator Luna Nord“ auseinandersetzt. Um so mehr werden nun Vermutungen und Spekulationen zu möglichen Anhaltspunkten, was damals wohl passiert sein könnte und warum vieles davon jetzt noch nachwirkt. Zur Seite steht ihr dabei der Musiker Benjamin Pogoratos, der am Mischpult mit Sounds, Geräuschen und Klangbildern die Stimmungen, Ängste und Vorbehalte zum Ausdruck bringt, die dabei nicht so ohne weiteres zur Sprache kommen.

Immer wieder dreht sich hinter einem dunklen Schleier eine riesige Filmrolle, weil die Suchbilder einfach nicht klarer werden wollen sondern erst mal nur verwirren. Die Gestalt auf der Bühne kämpft mit den Nachwirkungen eines Malariamittels, das ihr diffuse Träume beschert. Sie ist genervt von ihren Mitfahrern auf der Fahrt zum Brüsseler Flughafen. Ihre Verwandtschaft in Togo terrorisiert sie mit Anrufen und Forderungen nach Geld und IT Zubehör. Doch schon in diesem Aufbruchchaos kommt es wieder zu flash backs.
Es sind fiktive Interviewsituationen, die die Schauspielerin mit diesem Jean imaginiert, wie das Gespräch mit einem Toten, für den sie auch die Antworten formulieren muss. Dass er ohne weiteres an ein DDR Visum gekommen ist, um in Leipzig Polizeiwissenschaften zu studieren, dass er die Familientradition verweigert hat und nicht Priester geworden ist und dass er seiner Ehefrau seine Affäre und seine uneheliche Tochter verschweigen musste.

Mit jedem Requisit, nach dem Linda Elsner in einem Sandbett gräbt, folgt sie einer weiteren Erzähl- und Erinnerungsspur. Sie greift nach einem Zeitungsartikel über die Machtverhältnisse in Togo mit den korrupten Seilschaften und dem kurzen demokratische Intermezzo. Oder sie wird sie zum Filmstatisten Jean der sich in der Science Fiction Produktion „Navigator Luna Nord“ auf geheime Mission begibt.

Es gibt keine Chronologie in diesem dramatischen Ermittlungsprozess, wenn die Schauspielerin von Hitze, Armut und Drogenkartellen erzählt, von einer hierarchischen Gesellschaft und von den Zuwendungen und Zugriffen ihrer afrikanischen Verwandtschaft. Wieder greift sie nach einem Paar Orangefarbener Kopfhörer, weil sich in einem Zeitungsarchiv auch das Foto eines diplomatischen Gastes aus Togo befand. Wohl gelitten schien in einem Kreis von DDR Sportschützen, anders als seine uneheliche Tochter, die sich als „Fitschi“ verspotten lassen musste. Auch in dem gesellschaftlichen Klima der früheren DDR Gesellschaft hat die Schauspielerin für ihr Stück ermittelt und zeigt es als groteske Stammtischparodie, wo die „Fitschis“ mit Sonne, Strand  und Südseezauber besungen wurden. Das reimte sich auch so schön auf all die Vorurteile gegen Kinder aus Mischehen und Beziehungen mit den Teilzeitbürgern aus den afrikanischen Bruderländern mit sozialistischen Ambitionen.

So wie die Filmrolle im Bühnenhintergrund immer angehalten, verdunkelt und dann erneut beleuchtet und bewegt wird, entwickelt sich auch Linda Elsners Spurensuche. Die Bilder und die Eindrücke rotieren, bis eine Einsicht sie Ausbremst, die nächste Frage sie dann erneut beschleunigt und sich ein weiterer dunkler Fleck in einer Familiengeschichte abzeichnet. Dieser bewegende Theaterabend macht viele dieser dunklen Flecken sichtbar, aber eben auch die Erkenntnis,  dass Deutungs- und Erklärungsversuche dabei manchmal versagen und die Suche nach Einsichten dennoch weitergeht.

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