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Es gibt viele beliebte, berühmte Personen, die homosexuell sind. Schauspieler wie Neil Patrick Harries, Sänger wie Elton John, Talkshow-Moderatoren wie Graham Norton. In vielen Filmen und Serien der Gegenwart werden Schwule nicht stigmatisiert, sondern positiv besetzt. Diese Darstellungen beflügeln das Denken in der Gesellschaft, dass es darum geht, den Charakter der Person zu bewerten und nicht ihre sexuelle Orientierung. Doch obwohl vielleicht eines unserer Idole homosexuell ist, sollten wir uns fragen, ob wir unseren Freund oder ein Familienmitglied mit denselben Augen sehen, wenn er sich outet.

Donnerstag, 12 April 2018 15:18

Wir sind erst in der dritten Woche

Ein Heimatabend zum 50. Geburtstag von 1968 von Peter Schanz. Der rote Faden? „Das ist natürlich Göttingen“, sagt Peter Schanz über die bevorstehende Uraufführung „Gö 68ff.“ im Jungen Theater am 27. April.

JT-Premiere „Er ist wieder da“ nach der Bühnenfassung von Timur Vernes Roman in der Inszenierung von Michaela Dicu

Sonntag, 10 September 2017 18:25

Die Gretchenfrage

Nach 60 Jahren erneut: "Urfaust" im Jungen Theater in der Inszenierung von Nico Dietrich

Premiere der Känguru-Chroniken im Jungen Theater

„Muss man eigentlich die Texte kennen?“, fragte Sabine. „Es gibt so'ne und solche, und dann gibts noch ganz andre, aber det sind die Schlimmsten, wa?“ sagt das Känguru. Und Herta. („Meine Rede…“)

Im ausverkauften Göttinger Jungen Theater saßen zahlreiche eingefleischte Marc-Uwe-Kling-Fans, die die Texte nicht nur selbstverständlich alle kannten, sondern sie auch hätten mitsprechen können. Die Quote derjenigen, die die Texte kennen, lag sicher nahe 100%. Und das gilt vermutlich auch für die weiteren Vorstellungen, die alle bereits vor der Premiere ausverkauft waren. 4.000 Karten sind in Göttingen verkauft worden, bevor überhaupt jemand die Produktion gesehen hat. Das Junge Theater könnte vermutlich die Känguru-Chroniken ab sofort „en suite“ spielen – und wäre regelmäßig ausverkauft. Aber erstens sind vom Verlag nur 20 Vorstellungen genehmigt worden und zweitens gibt es ja noch andere Produktionen des Hauses.

Und – muss man nun die Texte kennen? Die Frage ist schnell beantwortet, denn sie lautet natürlich: Nein. Der Grund ist einfach: auf der Bühne werden viele der bestens bekannten Dialoge gesprochen. Und bei den Hörbuch-Originalen muss man natürlich die Texte auch nicht vor dem ersten Hören kennen.

Vor der Premiere fragte Susanne: „Jeder hat doch beim Hören seine eigenen Bilder vor dem inneren Auge. Muss eine Theaterfassung nicht schon deshalb scheitern? Scheitern, weil die Erwartungen enttäuscht werden müssen?“ „Lieber fünfmal nachgefragt, als einmal nachgedacht,“ sagt das Känguru. Oder war es Marc-Uwe? Egal.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass eine bloße Aneinanderreihung der Dialoge des Kängurus mit Marc-Uwe Kling keinen Theaterabend bildet. Es fehlen Dramaturgie und Regie. Weil genau daran schon einige Bühnen mit einer eigenen Bühnenfassung gescheitert sind, hat Marc-Uwe Kling selbst eine Version für das Theater geschrieben.

„Wir sind flexibel, belastbar, kreativ, innovativ, teamfähig, begeisterungsfähig und kreativ“, dachte sich Nico Dietrich, Intendant des Jungen Theaters, und beschloss, diese Fassung als eine der ersten Bühnen in Deutschland auf die Bühne zu bringen. Die Regie übernahm er gleich selbst. Für die Göttinger Produktion hat Marc-Uwe Kling sogar noch einige Texte exklusiv dazu geliefert.

Da der Autor bei seinen Lesungen auch eigene Lieder singt, war klar: in Göttingen werden ebenfalls Klings Lieder gesungen. Und damit ist Karsten Zinser die Idealbesetzung für die Rolle des Kleinkünstlers. Dieser bekommt den Auftrag, ein Theaterstück zu schreiben.
Das Känguru will aber auf gar keinen Fall durch die Republik ziehen und sich auf der Bühne zum Clown machen. Der Kleinkünstler meint dazu: „Das ist doch völlig egal. Wir stecken einfach irgendeinen bühnengeilen Idioten in ein dämliches Kostüm.“

Dieser bühnengeile Idiot ist Peter Christoph Scholz. Damit wurde ein ideales Paar gebildet, das die herrlichen Dialoge auf der Bühne darstellt. Scholz spielt nicht nur das Känguru – er IST 150 Minuten lang das Känguru. Er schnuppert mit der Nase, er spielt mit seinem Känguruschwanz. Und er hat natürlich einen Beutel. „Please put the Beutel on the band!“, wird das Känguru am Flughafen aufgefordert. „Das ist entwürdigend“, ruft Scholz alias Känguru eine Minute später vom Band – denn der Beutel ist natürlich angewachsen.

Die Gefahr, sketch-artig die Dialoge aus den Büchern bzw. den Hörbüchern nachzuspielen, ist allerdings latent immer da. Aber sobald diese Gefahr zu groß wird, greifen entweder Franziska Lather oder Marius Prill ein. Lather ist eigentlich Soufleuse und spoilert die Szenen schon vor Beginn. Das macht sie hervorragend – bei ihren szenischen Auftritten zum Beispiel als Herta in der Kneipe wird sie aber schnell überdreht. Dann droht die Situation eher in Richtung Sketchaufführung abzudriften. Marius Prill greift auch mitunter in die Szenen ein, indem er sie einfach mit seinem Gitarrenspiel abwürgt. Häufig gerade noch rechtzeitig. Apropos Musik: Prill, Scholz, Zinser und Lather bilden auch eine Band, die dem Publikum ganz schön was auf die Ohren gibt – von Nirwana zum Beipiel.

Die eingebaute Meta-Ebene vom Theatermachen und der Diskussion über die Szenen rettet letztlich den ganzen Abend und macht aus der Idee eine runde Sache. Nico Dietrich gelingt es, die Erwartungen der Fans zu erfüllen und gleichzeitig etwas Neues auf die Bühne zu bringen. Diese ist von Judith Mähler liebevoll ausgestattet. Warum ein Bild von Bud Spencer in der Wohnung von Marc-Uwe Kling hängt (mit Trauerflor), wissen nur Insider. („Das ist der klassische Bud-Spencer-Move. Einfach von oben mit der Faust auf den Kopp. Direkt auf die Zwölf.“)

Die Besucher haben ihre helle Freude. Vermutlich auch die, die die Texte noch nicht kennen. Aber das sind nicht viele. Dafür sind aber auffällig viele junge Menschen im Theater. Sogar Jugendliche – und das erkennbar freiwillig. Die Beschäftigung mit Karl Marx und seinem Manifest, den großen Philosophen und dem Vietkong scheint nicht abzuschrecken. Und die Lebensweisheiten des Kängurus sind ohnehin der Renner. Der Klassiker „Mein und Dein sind doch nur bürgerliche Kategorien“ fehlt natürlich nicht an diesem Abend. Am Ende wurde das Ensemble ausgiebig vom Publikum gefeiert. Das Känguru erhielt sogar eine Schachten Schnapspralinen!

Die Premierengäste ließen sich den anschließenden Sekt nicht entgehen: „Säufste - stirbste, säufste nicht, stirbste auch, also säufste!“, sagt das Känguru zu diesem Thema.

Die weiteren Vorstellungen in dieser Saison sind alle bereits ausverkauft. Da hilft es auch nicht, wenn man jemanden gefunden hat, der einem die Karten bezahlt. „Kannst du heute mal bezahlen?“, fragt das Känguru. „Heute?“, frage ich. „Mal?“, frage ich. „Ich muss immer bezahlen, weil du nie Geld mitnimmst.“

„Tja“, sagt das Känguru lächelnd. „So ist das in der Welt. Der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Dafür aber die weiteren Vorstellungen in dieser und der nächsten Spielzeit sehr empfohlen.

Die nächsten Vorstellungen in dieser Spielzeit: 9.4., 13.4., 22.4., 24.4., 26.4., 8.5., 31.5.,0 1.6., 2.6.,0 12.6., 13.6., 14.6., 17.6. und 23.6.2017

„Der größte Zwerg“ am Jungen Theater

Wer mag schon einen Buckligen spielen, der auch noch verkrümmt ist und offenbar ein Winzling. Das Ensemble des Jungen Theaters kabbelt sich erst mal um die Besetzung. Und schon dabei steht ihnen Georg Christoph Lichtenberg wortreich zur Seite. Es ist eben nicht alles so wie es scheint, und wie so oft macht subversives Nachfragen die Sache zwar nicht besser. Aber es bringt die Dinge auf den treffenden zwiespältigen Punkt. Und dann ist eben eine Kostprobe aus seinen Sudelbüchern fällig.

Ist es nicht unglaublich, dass diesem mickrigen Bündel, das nur noch eine Nottaufe erhielt, trotz des offenbar mickrigen väterlichen Spermas zum Universalgelehrten avancierte. Buckeln lassen hat er sich jedenfalls nicht, und von niemand das Maul verbieten. Egal ob es um gelehrige Wichtigtuer und ihre Konventionen, den Göttinger Biedersinn oder andere strapaziöse Alltäglichkeiten, die dieser ewig umtriebige Geist eben auch in seinen Sudelbüchern vermerkte.

Ein Sudelstück hatte Autor und Regisseur Peter Schanz für sein dramatisches Lichtenberg Portrait im Jungen Theater angekündigt und keinesfalls eine manierliche Biografie. Und so kam das Publikum zur Uraufführung seiner Inszenierung „Der größte Zwerg“ in den Genuss eines frechen und turbulent verspielten Panoptikums. Bloß keine honorige Eloge lautete die Devise für diesen Abend über das reiche, bewegende und schmerzhafte Leben von GCL, um ganz in seinem Sinne mit ihm und über ihn spötteln und so sein Leben in all den tragischen und komischen Verwerfungen in ein wildes Bühnenabenteuer verwandeln.

Peter Christoph Scholz schultert als erster den Buckel, um sich nun auch den Spekulationen und Sprüchen von Zeitchronisten über Göttingens berühmten Wissenschaftler und ewigen Querdenker auszusetzen. Seine wenig schmeichelhaften Kommentare über die viel gerühmte Gelehrsamkeit an der Georgia Augusta fanden schließlich nicht nur Zustimmung. „Steht ein bucklig Männlein da“ spötteln nun Linda Elsner, Agnes Giese, Franziska Lather, Jan Reinartz und Karsten Zinser im Chor. Auch sie bekommen in den nachfolgenden biografischen Kapiteln abwechselnd den Buckel geschultert, um sich auf diesen verkrümmten Körper einzulassen, den Lichtenberg selbst als Gefängnis für die Seele beschrieben hatte, um diesem Zustand so oft wie möglich geistreich oder wenigstens lakonisch zu trotzen.

Mit dem Titel „Buckel“ hat Schanz auch jedes Kapitel über Einsichten und Ansichten zum Leben des größten Zwergs überschrieben. Die Buckel widmen sich zunächst den profanen Seiten des Göttinger Lebens, das unter anderem einer Wurst Expertise unterzogen wird. Der „Welt-Öffner“ und der „Experimentator“ Lichtenberg kommen zur Sprache. Seiner Neugier und was ihn und literarisch beflügelte widmet sich das Kapitel „Aphorisiaka“, der „Liebhaber“ wird erkundet und auch der ewig gepeinigte Mensch mit der „Krankheit zum Tode“.

Der Experimentalphysiker, der sich auch an der Erfindung des Blitzableiters vergnügte - „ Wissenschaft soll und muss Krach machen“ lässt sich natürlich nicht von dem trinkfesten Zeitgenossen trennen, der an einer genüsslichen Saufkunde laborierte, auch weil er befand, dass der Alkohol Ideen und Falten geschmeidiger mache. So wenig wie sich der Englandreisende, der dort am liebsten gelebt hätte und vergeblich von Weltforschungsreisen träumte, von dem amourösen Flaneur trennen lässt, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden und der der Liebe seines Lebens die zärtlichsten Worte widmete. All diese bewegenden und auch widerspenstigen Skizzen, Szenen und Kommentare erkundet das JT-Ensemble an einer Galerie von Tischen im Theatersaal.

Lichtenberg hätte es sicherlich gefallen, dass sein querköpfiges, ideenreiches Leben wie auf einem Laufsteg zelebriert wird. Und dass es in der Fülle von Episoden, Einfällen und ihrer spielerischen Umsetzung mit stilisierten historischen Requisiten meist ziemlich turbulent zugeht. Vor allem, wenn dann sechs Buckelträger mit Kommentaren von und über Lichtenberg ein Chaos aus Sprüchen, Argumenten und Zitaten anrichten, dabei auch mal wild kreischen, übereinander herziehen und spielerisch ausufern.

Die Posse, der Schalk und die Lust zu Übertreiben ist immer mit im Spiel an diesem Abend über Göttingens „größten Zwerg“. Aber nach all dem Spektakel kommt es auch zu dieser berührenden Szene mit Franziska Lather, die die Arie „Cara Sposa“ aus Händels Oper „Rinaldo“ singt, begleitet von Peter Christoph Scholz an der Violine. Der Lichtenberg, der die Londoner Uraufführung erlebt hatte, windet sich jetzt auf dem Tisch von Schmerzen gepeinigt und in entsetzlicher Atemnot. Aber was wäre ein Abend über diesen Experten für unheilbare menschliche Schwächen, wenn daraufhin nicht noch ein Abstecher in seinen Fundus an klugen und weitsichtigen Erkenntnissen folgte. Ein paar Aphorismen haben die sechs Buckligen noch auf Lager. Und den liebsten Lichtenbergspruch ihres Regisseurs lassen sie dann auch auf kleinen bedruckten Blättern über die Zuschauer regnen. Der „größte Zwerg“ will einfach keine Ruhe geben, erst recht nicht im Jahr seines 250. Geburtstages. Auch nicht mit den Worten „Lerne den Menschen kennen und waffne Dich mit Mut, zum Vorteil Deines Nebenmenschen die Wahrheit zu reden.“

Die nächsten Aufführungstermine von "Der größte Zwerg" sind am 4.3.2017, 10.3., 18.3 ,31.3., 29.4 , 17.5., 9.6., 30.6. und am 1.7.2017

Dienstag, 06 Dezember 2016 21:52

Engagierte Anteilnahme

Ziemlich beste Freunde - Der Filmerfolg auf der JT Bühne

Samstag, 23 April 2016 21:16

Wo bleibt der Widerstand?

„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ am Jungen Theater.

Dienstag, 02 Februar 2016 15:54

Ein grandioses Musikspektakel ohne Worte

„Money, Money, Money“ am Jungen Theater

Songtexte können viel erzählen von Stimmungen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Katastrophen. Manchmal sogar mehr, als es gesprochene Worte vermögen. Das Junge Theater lässt es darauf ankommen. In der Inszenierung von Milena Paulovics und den musikalischen Arrangements von Fred Kerkmann spricht einfach nur die Musik, ohne Dialoge und erklärende Zwischentext. Und das über ein Thema, das besonders viel Gesprächsstoff bietet: „Money, Money, Money“. Es geht um das Thema Geld, wie es unseren Alltag diktiert, unsere Vorstellungen von Glück, Erfolg, Sicherheit und Versagen All das steckt auch in den Songs, die das Schauspielteam auf der Bühne des Jungen Theaters in berührende Erzählungen verwandelt.

Die Kneipe ist natürlich ein idealer Treffpunkt, um die Songs in Szene zu setzen und mit ihnen die Figuren, die hier mit ihren Geschichten gestrandet sind. Der Geschäftsmann, der nach einem misslungenen Deal noch ausreichend Kohle hat, um damit um sich zu werfen, trifft auf den Zocker, der vom Automatenglück träumt. Hier driften Liebespaare auseinander, wenn sie ihre Zukunftspläne nach Gefühls- und Geldwerten aufrechnen. Nach weiteren Nebenjobs wird ebenso gehungert wie nach irgendeiner Idee, aus der Misere rauszukommen und sei es als Popstar. Wünsche und Bedürfnisse kollidieren hier auch musikalisch, selbst wenn es stilistisch keine Gemeinsamkeiten zwischen einem Gitte Schlager „Ich will alles“ und der „Metallica“ Ansage „Nothing else matters“ gibt.

Bei diesem musikalischen Roulette um mehr Kohle und weniger Frust sind die Stones ebenso am Start wie die Ärzte, Tracy Chapman  und die Ohrbooten.  Natürlich wird auch gegen kapitale Zwänge und Kaufrausch gemotzt und mit Ton, Steine, Scherben ein bisschen Politromantik heraufbeschworen, dass sich das System revolutionär unterwandern lässt. Dennoch wird in Rosis Bar weiterhin gezockt gesoffen, gejammert und gewütet, weil es nicht mehr so richtig vorwärts geht und auch Brechts Solidaritätslied Staub angesetzt hat. Das aber keineswegs musikalisch.

In den Arrangements von  Fred Kerkmann erfahren die Songs eine gedankliche Erdung, und die überträgt sich auch auf das Schauspielteam. So leidenschaftlich engagiert und ausdrucksstark erlebt man dieses JT-Ensemble selten. Es sind grandiose Bilder, die Linda Elsner, Agnes Giese, Jan Reinartz, Peter Christoph Scholz,  Eva Schröer und Karsten Zinser hier gemeinsam stemmen. Mit dem großartigen Support von Rosis Palastorchester und dem musikalischen Bündnis um Gitarrist Fred Kerkmann, mit Steffen Ramswig an den Keyboards, Bassist Sebastian Strzys und Dummer Christian Villmann.

Die Stimmung auf der Bühne berührt und berauscht zwischen rockigem Aufruhr und Seufzerballaden und immer wieder auch mit kleinen ironischen Kontern. Dann wird das Ende der Welt wird besungen und das Zeitalter des Maschinenmenschen, der das klassische Humankapital ablöst, aber eben auch ein Rest von störrischem Widerstandsgeist. „Auf den Trümmern das Paradies“ heißt es im Untertitel des Musikspektakels, das der Losung „Money, Money, Money“ natürlich auch ein bisschen Aufbruchstimmung abtrotzen wollte. Auch dafür gab es am Ende standing ovations für das  JT-Team.

Premiere im Jungen Theater: "Bezahlt wird nicht" von Dario Fo

Azzurro, mehr oder weniger pflichtbewusste Carabiniere, italienisch-manieriertes Hände-, nein Ganzkörpergeschlenker und ein Tempo, das nichts mit Gemütlichkeit zu tun hat, lassen die Premiere von Dario Fos Farce „Bezahlt wird nicht!“ am Abend des 10.12.2015 im Jungen Theater leider viel zu schnell verfliegen.

Die Wahrheit in allen Ehren, aber mit wahrheitsliebenderen Charakteren wäre die Geschichte um die beiden jungen Mailänder Paare bei weitem nicht so lustig. Vor allem die scheinbar nie ruhende Antonia hangelt sich von einer Notlüge in die nächste, und hält dieses Gebilde bravourös grotesk aufrecht, um immer noch eines draufzusetzen, gerade wenn der Zuschauer denkt, dass doch nun alles auffliegen muss. Dabei bedient sie sich hemmungslos des Papstes Meinung zur Pille, einer Scheinschwangerschaft ihrer Freundin Margherita mitsamt dramatisch-drohender Frühgeburt, der Verehrung suspekter Heiliger und allem, was ihr in dieser Spirale aus Absonderlichkeiten sonst noch in den Sinn kommt, und stürzt damit Margherita und die Männer der beiden Freundinnen in ein Chaos, das kaum noch auflösbar zu sein scheint. Dabei geht es ja nur darum, die Lebensmittel zu verstecken, die im Supermarkt des Viertels erbeutet wurden, nachdem die ohnehin schon nicht arbeiterfreundlichen Preise über Nacht drastisch erhöht wurden und die einkaufenden Frauen spontan entschieden, die Waren so zu bezahlen wie es ihnen gefiel. Also gar nicht. Einfacher wird dadurch rein gar nichts. Doch ungemein unterhaltsam.

Linda Elsner, die die schlagfertige, dem Anarchismus nicht abgeneigte Antonia spielt, trägt einen nicht unerheblichen Teil dazu bei. Mit weiten, comicfigurartigen und energischen Bewegungen erschafft sie einen italienischen Flair – oder das, was der Deutsche gern als solchen sieht – auf der Bühne. Eva Schröer füllt die in der Vorlage wesentlich ruhiger gezeichnete Margherita, die sich von Antonia selbst vom größten Schlamassel überzeugen lässt, trotzdem charismatisch aus. Gerrit Neuhaus und Peter Christoph Scholz zeigen enorme Wandlungsfähigkeit, um das ständige Auf und Ab der Gefühle und Meinungen, in das Giovanni und Luigi von ihren Frauen geschickt werden, zu transportieren – zusätzlich zu Giovannis Entwicklung vom rechtetreuen zum gerechtigkeitsfordernden Arbeiter. Vervollständigt wird das Provinztheater, in das nun einmal ein Schauspieler gehört, der mehrere Rollen - am besten gleichzeitig - spielt, von Jan Reinartz in vier Rollen, unter anderem als obrigkeitsmüder Polizist, der lieber den Kochlöffel schwingt als Wohnungen zu durchsuchen, und einen wunderbaren Possentanz mit den beiden Frauen bietet, die ihn als Bewusstlosen in einen Schrank zu verfrachten suchen. Alle gemeinsam legen eine immense Geschwindigkeit in Dialogen und Bewegungen sowie Klamaukfreude an den Tag, ohne allerdings je wirklich klamaukig zu werden.

Abgerundet wird die Inszenierung Christine Hofers von angenehm realistischem, unaufgeregtem Bühnenbild und Kostümen, die nicht ablenken und den Fokus dorthin lenken, wo er hingehört. Dazu die zwar nicht italienische, aber aus derselben Zeit wie das Stück stammende und thematisch wie die Faust aufs Auge passende Musik von Ton Steine Scherben, die sich wiederholend durch die gesamte Aufführung zieht.

Das Stück aus dem Jahr 1974 wurde mit nicht in den Vordergrund drängenden, doch immer wieder durchblitzenden aktuellen wirtschaftlich-politischen Themen behutsam modernisiert. Gedanken zur Relevanz derselben mag sich jeder selbst machen. Kassenpatienten, die ihr Bett Wochen im Voraus reservieren müssen, wollen sie nicht den Rest ihres Lebens im Rettungswagen durch die Stadt gondelnd verbringen und 92% Mehrwertsteuer sind verzweifelte Versionen, die zum Lachen reizen ob der grotesken Verzerrung, doch währenddessen bereits einen Realitätsvergleich anstoßen. Dabei ist das Stück, das in einem Mailänder Vorort spielt, wo auch Dario Fo in den siebziger Jahren lebte, sehr wohl aus realen Ereignissen und Zuständen heraus entstanden, wie nach Fallen des kapitalistischen Vorhanges erklärt wird. Nach der Uraufführung musste Fo sich allerdings vor Gericht verantworten bis das Verfahren eingestellt wurde. Zeit seines Lebens hat der inzwischen 89jährige, 1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Theatermacher den Mächtigen mit seinen Satiren lachend die Fäuste vor den Nasen geschüttelt und dafür nicht nur einmal Strafen wie Zensur, Einreise- oder Radioverbote aussitzen müssen.

Ob und wie der Vorhang mit der güldenen Schrift „Capitalism must win“, der Beginn, Requisite und Ende darstellt, denn fällt, darf nun jeder, der ein bisschen neugierig geworden ist, selbst herausfinden; weitere Vorstellungen folgen am 15., 22. und 31. Dezember, am 5., 16. Januar sowie am 6. und 26. Februar.

Sonntag, 01 November 2015 19:59

Das Schreien des jungen Werther(s)

Premiere im Jungen Theater

Dass Werther ein „tragischer Popstar seiner Zeit“ gewesen sei, lässt bereits die Webseite des Jungen Theaters verlauten. Und, ja, tragisch ist dann tatsächlich einiges an André Brückers quietschbunter Inszenierung, die am Donnerstag Premiere hatte.
Wenn Werther (Gerrit Neuhaus, im blauweißen Wolkenanzug mit gelbem Hemd) seine PA und eine verstimmte e-Gitarre auf einen schmalen, durch zwei sich gegenüberliegende Tribünen einsichtigen Streifen Kunstrasen schleppt, beschleichen den Zuschauer bereits wirre Vorahnungen. Wenig später trifft Werther dann auf Lotte (Linda Elsner), die des Weges läuft, unvermittelt fällt, und von Werther Alkohol zum Trost bekommt. Flirtende Hallo-Rufe, die Zuneigung auf den ersten Blick suggerieren sollen, folgen. Werther verliebt sich sofort, wird rasend – sie treffen sich wieder und wieder. Dann kommt Albert (Peter Christoph Scholz) nach Hause – Golfschläger, Smartphone etc. mit im Gepäck: Ein neureicher, angepasster Vertreter der Nichtkreativen. Merken Sie was? Ein paar genialische Einfälle und das Unheil nimmt seinen Lauf. Auf Englisch spricht man gern von sogenannten “stock characters“, wenn Figuren auf allgemein bekannte Stereotypen reduziert werden. Die gute Fee, der freundliche Hausmeister, oder aber – wie in diesem Fall – Werther, der gescheiterte Popstar, Albert, der golfende Juppie, und Lotte, die fesche Femme Fatale.

Es fragt sich, was genau die Motivation dafür war, Werther im himmelblauen Wolkenanzug durch die Geschichte tapsen zu lassen; warum Albert hier zum Schnöselkokser wird; weshalb das Stück halb als Komödie, halb als Tragödie gebracht wird; und warum sich ein possenhafter Regieeinfall an den nächsten reiht. Zugegeben: in sich sind diese Ideen oft schlüssig („Gib mir den Putter, damit ich einlochen kann“ - „viel Spaß bei deinem Lochspiel“), aber wo ist der Gesamtzusammenhang? Drei pubertierende Jungen auf einer der Publikumstribünen können sich an den Schlüsselstellen ihr Lachen nicht verkneifen. Allerdings nicht etwa, weil Goethes Text so merkwürdig klingt, sondern weil die Diskrepanzen zwischen Vorlage und Umsetzung kaum hätten größer sein können. Der verschmähte Rockstar, der sich vom Businessfutzi die Flinte zum Ehrentod ausleiht? Das Selfie und das gekonnt eingeflochtene Facebook-Like zur inneren Problematik einer verbotenen Liebe des 18. Jahrhunderts? Es fragt sich: Warum muss hier passend gemacht werden, was nicht passt? Insbesondere, weil Goethes Sprache in Astrid Kohlmeiers Bühnenfassung nahezu unverändert bleibt (...sieht man mal von der etwas verwunderlichen Hinzufügung des Genitiv-S' an den Stücktitel ab).

Die stimmigsten Momente des Abends sind eindeutig diejenigen, in denen sanfte Töne angeschlagen werden: Die, in denen Brückers Regie dem Text Goethes vertraut, ohne ihn durch Klamauk und Effekte zu verschleiern. Alle drei Darsteller zeigen hier äußerste Präzision und spielen auf höchstem Niveau. Dumm nur, dass Werther (Gerrit Neuhaus) als manisch-depressiver Trinker, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt, in den ersten 70 Minuten meist schreiend seinen zarten Gefühlen Ausdruck verleihen muss. Die Facetten von Verzweiflung, Trauer, Wut und Missverständnis gehen so leider an vielen Stellen unter. Aber auch Lotte darf brüllen, oder zählend an den vorderen Reihen vorbeilaufen und Zuschauer ohrfeigen (sie ist eben eine femme fatale). Und, ja, dann wäre da noch die Alptraumszene: Werther wird von hüpfender-quiekender Lotte und brüllendem Albert, die mit Affenmasken um ihn herumtänzeln bös umschwirrt. Die Affenlaute durchschallen animalisch dröhnend die Trommelfelle der Zuschauer... und: Animalisch wird es auch, wenn Lotte und Albert später sogar noch wild kopulierend Werthers schmachtende, verzweifelte Abschiedsbriefe vorlesen – lautstark orgasmierend bei seiner Todesankündigung. Ja, die beiden werden richtig scharf, wenn sie den armen Werther quälen können.
Letztlich bleibt ein schales Gefühl zurück: Was hätte aus diesem Göttinger Werther werden können, wäre er nicht in einem Regen aus oft unpassendem Konfetti postmodernen Klamauks untergegangen? Schwer zu sagen: Zeit aus einem Glas Wein eine Bouteille werden zu lassen, denn dem Publikum schien's jedenfalls zu gefallen.

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