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Freitag, 30 März 2018 07:39

ClavierTage 2018

Der Pianist Gerrit Zitterbart lädt auch im Jahr 2018 wieder in zu den „ClavierTagen Göttingen“. Für dieses Festival vom 25. bis zum 29. April hat Zitterbart sich einige spannende Partner eingeladen, mit denen er in seinem Clavier-Salon und in der Reformierten Kirche konzertieren wird.

In diesem Jahr steht Wolfgang Amadeus Mozart im Mittelpunkt der ClavierTage. So sind das Clavierquartett g-Moll KV 478, Sonaten für Clavier und Violine, Sonaten für vierhändiges Clavier und Claviertrios zu hören. Als Akademiekonzert sind die Clavierkonzerte F-Dur, A-Dur und C-Dur ein Höhepunkt am 26. April: Gerrit Zitterbart (Clavier), Gunhild Hoelscher und Yü-Yen Li (Violinen) sowie die beiden Musiker des Göttinger Symphonie Orchesters Janusz Nosarzewski (Viola) und Seo Young Lee (Violoncello) treten gemeinsam in der Reformierten Kirche, Untere Karspüle 11 auf.

Das gesamte Programm finden Sie hier als Spielplan im Kulturbüro Göttingen, Tickets für die Konzerte gibt es hier im Ticketshop des Kulturbüros.

Donnerstag, 01 Februar 2018 19:08

Unverhoffte Aufführung: Schuberts Winterreise.

Die schöne Müllerin gesungen von Henryk Böhm – dieser Liederzyklus stand am Programm des Clavier-Salons. Viele Leute sind gekommen wegen der Müllerin, viele sind gekommen wegen des Baritons Henryk Böhm, alle sind geblieben für die Winterreise gesungen von Luciano Lodi.

Samstag, 23 Dezember 2017 12:19

Kontrastreiches Spiel

Ein Wiedersehen mit einer hier aufgewachsenen Musikerin gab es am Donnerstag. Die in Göttingen geborene Geigerin Yü-Yen Li kam zu einem Kammermusikabend in Gerrit Zitterbarts Clavier-Salon, vom Hausherrn begleitet bei Musik von Beethoven und Brahms.

Montag, 27 Februar 2017 09:12

ClavierTage Göttingen 2017: Beethoven

Der Clavier-Salon in Göttingen feiert im Frühjahr 2017 seinen 5. Geburtstag, dies ist Anlass zur Gründung eines neuen kleinen Festivals in Göttingen. Jeweils im April eines Jahres sollen die ClavierTage die musikalische Szene in Göttingen beleben, in jedem Jahr mit einem anderen Komponisten-Schwerpunkt.

Der Start 2017 gehört natürlich dem Schwergewicht unter den Klavier-Komponisten: Ludwig van Beethoven. Sein Werk wird vielfältig in Kammermusik, Soloabend und Orchesterkonzerten dargeboten, immer auf den historischen Flügeln des Clavier-Salons.

Die Mitwirkenden
Die Lüneburger Symphoniker unter der Leitung von Thomas Dorsch widmen sich unter dem Titel „Norddeutsche Kammerakademie“ der Musik der Klassik und frühen Romantik. Musik mit den Augen der Zeit ihres Entstehens zu sehen: mit diesem Weg setzen sich die Musiker mit ihrem musikalischen Leiter Thomas Dorsch ambitioniert auseinander.
Weitere Informationen: www.theater-lueneburg.de 

Das Quartet Berlin-Tokyo gehört zur jungen Generation der international anerkannten Streichquartette und erwirbt sich immer mehr Lorbeeren auf dem Weg zur großen Karriere.
Weitere Informationen: www.quartetberlintokyo.com

Alexander Schimpf ist nach seinen sensationellen Erfolgen bei den internationalen Wettbewerben in Bonn, Wien und Cleveland einer der erfolgreichsten deutschen Pianisten seiner Generation. Er wurde gerade als Professor an die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover berufen.
Weitere Informationen: www.alexander-schimpf.de

Christian Poltéra gehört zu den großen Cellisten mit einer Weltkarriere. Er spielt das berühmte „Mara“-Violoncello von Stradivari. Seine Auftritte als Solist mit den berühmtesten Orchestern, als Mitglied des Trios Zimmermann und als Kammermusiker sind von allerhöchster Güte.
Weitere Informationen: www.christianpoltera.com

Gerrit Zitterbart ist als Pianist und Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover seit vielen Jahren ein Garant für hochkarätige musikalische Ergebnisse auf allen Gebieten der Pianistik.
Weitere Informationen: www.gerrit-zitterbart.de

Die Orte
Der Clavier-Salon Göttingen hat sich in den fünf Jahren seines Bestehens mit über 750 Konzerten einen festen Platz im Kulturleben der Stadt erobert. Seine feine, festliche und intime Atmosphäre bietet allen Liebhabern der Klavier- und Kammermusik eine Heimstatt.
Die Aula der Universität Göttingen aus dem Jahr 1837 ist ein idealer Konzertraum für orchestrale Besetzungen der Wiener Klassik. Sie ist ein perfekter Rahmen für die Klavierkonzerte Beethovens.

Die Konzerte
Mittwoch 26.4. 19:30 h, Aula der Universität am Wilhelmsplatz:
Orchesterkonzert I: Gerrit Zitterbart, Clavier, Lüneburger Symphoniker im Rahmen der Norddeutschen Kammerakademie, Leitung Thomas Dorsch
In Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen
Klavierkonzerte C-Dur op.15, B-Dur op.19 & c-Moll op.37
Freier Eintritt für alle Studierenden der Georgia Augusta

Donnerstag 27.4. 19:45 h, Clavier-Salon Stumpfebiel 4:
Quartet Berlin-Tokyo, Gerrit Zitterbart, Clavier
Klavierquartett Es-Dur WoO 36,2, Streichquartette e-Moll op.59,2, B-Dur op.130/Große Fuge op.133

Freitag 28.4. 19:45 h, Clavier-Salon Stumpfebiel 4:
Klavierabend Alexander Schimpf
Klaviersonaten D-Dur op.28, f-Moll op. 57 "Appassionata", c-Moll op.111

Sonnabend 29.4. 19:30 h, Aula der Universität am Wilhelmsplatz:
Orchesterkonzert II: Gerrit Zitterbart, Clavier, Lüneburger Symphoniker im Rahmen der Norddeutschen Kammerakademie, Leitung Thomas Dorsch
In Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen
Klavierkonzerte G-Dur op.58 & Es-Dur op.73
Freier Eintritt für alle Studierenden der Georgia Augusta

Sonntag 30.4. 19:45 h, Clavier-Salon Stumpfebiel 4:
Duoabend Christian Poltéra, Violoncello, Gerrit Zitterbart, Clavier
Cellosonaten g-Moll op.5,2 & A-Dur op.69, Mozart-Variationen WoO 46 & op.66

Karten (Einheitspreis 20 €) bei
www.reservix.de (plus Vorverkaufsgebühren)
Göttinger Vorverkaufsstellen (plus Vorverkaufsgebühren)
Clavier-Salon Stumpfebiel 4
Abendkasse soweit vorhanden

Sonderkonzerte:
Mittwoch 26.4. 16:30 h
Schulkonzert I für alle Schüler in Stadt und Landkreis Göttingen
Aula der Universität am Wilhelmsplatz: Orchesterkonzert
Gerrit Zitterbart, Clavier, Lüneburger Symphoniker im Rahmen der Norddeutschen Kammerakademie, Leitung Thomas Dorsch
In Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen
Beethoven, Klavierkonzerte C-Dur op.15, B-Dur op.19 & c-Moll op.37
Freier Eintritt für alle Schülerinnen und Schüler

Sonnabend 29.4. 16:30 h
Schulkonzert II für alle Schüler in Stadt und Landkreis Göttingen
Aula der Universität am Wilhelmsplatz: Orchesterkonzert
Gerrit Zitterbart, Clavier, Lüneburger Symphoniker im Rahmen der Norddeutschen Kammerakademie, Leitung Thomas Dorsch
In Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen
Beethoven, Klavierkonzerte G-Dur op.58 & Es-Dur op.73
Freier Eintritt für alle Schülerinnen und Schüler

Mittwoch, 20 Juli 2016 09:40

Hörcollage über ein eigenwilliges Paar

George Sand und Fréderic Chopin im Clavier-Salon

Freitag, 20 Mai 2016 10:52

Quälereien hoch Sieben

Clavier-Salon: 14 Stunden das gleiche Stücke oder Erik Satie zum Geburtstag

Dienstag, 05 April 2016 08:53

Satie-Geburtstag im Clavier-Salon

Jede Menge Pianisten gesucht

Samstag, 02 Januar 2016 18:33

Das singende Clavier

Romantisch begann das Jahr im Göttinger Clavier-Salon. Gerrit Zitterbart hatte zum Neujahrskonzert eingeladen und sein Konzertprogramm mit „A Ladies‘ Diary“ überschrieben. Dies stand symbolisch für die Epoche, in der auch sein Flügel von Robert Wornum (London) gebaut worden ist, also die Jahre um 1845. Zitterpart präsentierte Klaviermusik mit Werken von John Field bis Frédéric Chopin. Charmant und informierend schlug Zitterbart in seiner Moderation die Bögen der einzelnen Komponisten zueinander.

Nach den „Nocturne“ von John Field, die der Komponist auch in Warschau in Anwesenheit des noch jungen Frédéric Chopin spielte, sowie zwei Werken von Franz Schubert standen „Lieder ohne Worte“ auf dem Programm. Musik der „Erfinderin“ dieser Gattung Delphine von Schauroth erklang ebenso wie die von Fanny Hensel und natürlich von Felix Mendelssohn Bartholdy. Und Gerrit Zitterbart ließ diesen auf abenteuerlichem Weg nach Göttingen gelangten historischen Flügel singen. Die von Wornum erfundene, hoch komplizierte Anschlagtechnik erklang unter seinen Fingern überhaupt nicht kompliziert. Im Diskant erklangen diese Lieder glockenhell, wie eine jugendliche Sopranstimme in diesen „Liedern ohne Worte“.

Nach der Pause standen zunächst Stücke von Robert Schumann auf dem Programm. Auch wenn Schumann selbst vermutlich auf einem anderen Instrument gespielt hatte, zauberte Zitterbart aus den Stücken aus dem „Album für die Jugend“ wahre Kleinode. Das gilt vor allem für die „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“, die Zitterbart mit großer Zartheit und viel Gefühl zum Klingen brachte.

Den Abschluss bildeten Préludes und Walzer von Chopin. Hier verbanden sich Gefühl, Melancholie und Virtuosität zu einem Gesamtkunstwerk. Das Publikum im gut gefüllten Clavier-Salon wurde damit in das Neue Jahr entlassen – nicht ohne seiner Begeisterung durch lang anhaltendem Applaus Ausdruck zu verleihen.

 Clavierabend mit Gerrit Zitterbart

Wie ein Taschenklavier sieht er wahrlich nicht aus. Der kleine Flügel in Gerrit Zitterbarts Sammlung historischer Tasteninstrumente glänzt wie eine kostbare Antiquität. Aber sein Erbauer Robert Wornum nannte ihn nun mal „pocket piano“. Vielleicht dachte er um 1845  auch an die Atmosphäre von musikalischen Salons in denen sich sein samtig wärmender Klang wunderbar entfalten würde.

Für diesen Abend in seinem Clavier-Salon stimmt Gerrit Zitterbart das Publikum auch gern auf ein romantisch anmutendes Tableau ein, wenn er nun das Bild von englischen Landhäusern entwirft, in denen die Lady ihre Gäste mit den romantischen Kompositionen unterhielt, die gerade kursierten. Da darf auch eine charmante Anspielung auf den Titel des Abends „A Ladies’ Diary“ nicht fehlen. Auch wenn es dabei um ein Markenzeichen für modische Accessoires handelt, die die Damenwelt in dieser Zeit entzückten, für Zitterbart passt Wornums „Pocket Piano“ einfach wunderbar in dieses Umfeld der Ladies Diaries und natürlich auch in seine musikalische Reise durch das romantische Zeitalter.

Es kommt dabei auch gleich zu Entdeckungen mit drei musikalischen Skizzen von John Fields, der dafür um 1812 den Begriff „Nocturne“ erfunden hatte, den später Frédéric Chopin für viele seiner Kompositionen übernahm. Auch die „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn- Bartholdy haben ihre romantische Vorgeschichte, die Zitterbart seinen Zuhörern mit einer beschwingenden Momentaufnahme von Delphine von Schauroth entdeckt und dabei auf ein nicht nur musikalisches Beziehungsgeflecht verweist. Dass Mendelssohn die Pianistin und Komponistin sehnsüchtig umschwärmte, als er ihr sein Gondellied widmete. Und dass seine Schwester Fanny Hensel diese Form der musikalischen Widmung ebenfalls schätzte, die auf Wornums Taschenklavier ihren romantischen Zauber entfaltet.

Auch bei Robert Schumann und seinen musikalischen Präziosen für Klavier verweilt der Musiker auf seiner Klangreise mit den Stimmen der Romantik. Wie geschaffen für die Novellen aus dem Album der Jugend und aus Schumanns Kinderszenen klingt auch hier der Flügel, dessen  warme dunkle Erdung  vor allem mit zarten melodischen Variationen harmoniert und weniger mit dramatischen Motiven. Das hat Zitterbart auch bei den Werken von Chopin bedacht, mit denen sich leicht ein pianistisches Feuerwerk entzünden ließe. An seinem Wornum dürfen Préludes und Walzer auch als sentimentale moments musicaux bewegen und eine melancholische Färbung annehmen. Wenn sie sich nun in romantische Träumereien verwandeln, die sanft beschwingen und bezaubern.

Dienstag, 28 April 2015 14:57

Perfekt aufeinander abgestimmt

Das Arte-Ensemble im Aulakonzert

„Lebensläufe – Werkgeschichten“, so heißt die Überschrift über die Saison 2014/15 der Göttinger Kammermusikgesellschaft. Im letzten Abonnementskonzert standen eine ganze Reihe von Geschichten auf dem Programm: jüdische Klänge in der Ouvertüre op. 34 von Sergej Prokofjew mit gleich mehreren Versionen der Entstehungsgeschichte, die neu entdeckte (und zu entdeckende) Musik von Franz Hofmann, der 1945 als 25jähriger vermutlich mit dem Untergang der „Steuben“ in der Ostsee sein Leben verloren hatte und – als Höhepunkt – die Geschichte der lebendig gewordenen Spielsachen in der Kinderpantomime „Zaubernacht“ von Kurt Weill.

All diese Geschichten erzählte das Arte Ensemble. Die Mitglieder sind Solisten der NDR Radiophilharmonie und treten in variabler Besetzung auf. Nur so ist es überhaupt möglich, die verschiedenen Besetzungen der Stücke an einem Abend umzusetzen. Ergänzt wurde das Ensemble durch den Göttinger Pianisten Gerrit Zitterbart.


Auf welch hohem Niveau sich die Musiker bewegen, war schon gleich zu Beginn des Abends hörbar: in der Besetzung für Klarinette, Streichquartett und Klavier spielten sie die „Ouvertüre über hebräische Themen“ von Sergej Prokofjew. In dieser Musik ließ der emigrierte Prokofjiew Klezmer-Themen erklingen, das Werk schrieb er für ebenfalls aus Russland emigrierte jüdische Musiker, die sich eben in dieser Besetzung gefunden hatten. Die beiden musikalischen Themen wandern in den Stück durch die Instrumente. Das Arte Ensemble verstand es, diese Übergänge so kunstvoll zu gestalten, dass die Klangfarbe des „abgebenden“ Instrumentes perfekt getroffen wurde. So ergab sich ein kunstvoll miteinander verwobenes Werk als Ouvertüre des Abends.

Die Musik von Franz Hofmann kommt erst allmählich aus ihrer Vergessenheit hervor. In seinem kurzen Leben hinterließ Hofmann zahlreiche kammermusikalische Werke. Die Musik Hofmanns ist im Geist der Spätromantik komponiert, im Quintett h-Moll für Flöte, Klarinette, Geige, Bratsche und Cello war aber deutlich ein eigener Stil von großer Reife zu erkennen. Das Arte Ensemble hat dieses Werk keineswegs aus seinem Repertoire gewählt, sondern eigens für das Göttinger Konzert einstudiert. Das Publikum in der gut gefüllten Göttinger Universitätsaula kam so in den Genuss dieser Erstaufführung.

Nach dieser im Lebenslauf dramatischen Geschichte und der Pause kam es zum Höhepunkt des Abends. Die „Zaubernacht“, Kinderpantonmime für Flöte, Fagott, Klavier, Schlagwerk und fünf Streicher von Kurt Weill. Komponiert im Jahr 1922 – dann aber viele Jahre verschollen, bis das Werk im Jahr 2005 in Yale unvermittelt wieder auftauchte. Es dauerte eine Weile, bis die Musik identifiziert war, und so erschien erst im Jahr 2008 die wieder hergestellte Partitur in der Gesamtausgabe. Und erst im Jahr 2010 wurde das Werk nach mehr als 85 Jahren wieder aufgeführt – im Rahmen des Musikfests Stuttgart, erstaufgeführt vom Arte Ensemble. In der Göttinger Aula erklang die Ballettmusik konzertant. Weill hat die Geschichte der zwei Geschwister, deren Spielsachen in der Nacht lebendig werden, so bildhaft vertont, dass der hüpfende Ball, das galoppierende Steckenpferd, das tanzende Stehaufmännchen oder der exerzierende Zinnsoldate förmlich vor den Augen der Zuhörer zu sehen war. Die zehn Musiker, darunter zwei ziemlich beschäftigte Schlagzeuger, waren perfekt aufeinander abgestimmt. Im Grunde spielten sie ebenso mit den Spielsachen wie es eine Balletttruppe in einer szenischen Aufführung hätte tun sollen. Fasziniert lauschte das Publikum dem Ensemble – und wollte es am Ende kaum gehen lassen.

Schon während der Weill’schen Musik ertappte man sich als Zuhörer dabei, ein wenig mitzuspielen. Und war es nicht König Georg IV., der auf seinem Gemälde oben über den Musikern an der Königswand geschmunzelt hat und mit den Füßen beinah ein wenig mit dem Zinnsoldaten mitmarschiert ist?

Montag, 20 April 2015 14:30

Gegen alles Normale

Gerrit Zitterbart mikroskopiert Schuberts B-Dur-Sonate

„Musik unter dem Mikroskop“, so hat Gerrit Zitterbart seine Reihe von Gesprächskonzerten genannt, in der er Klaviersonaten von Schubert, Mozart und Beethoven nicht nur spielt, sondern sie für seine Zuhörer auch detailreich, informativ und sehr vergnüglich auseinandernimmt. Am Freitagabend schloss er mit der B-Dur-Sonate den Zyklus der letzten drei Klaviersonaten von Franz Schubert ab.

Schubert hat diese drei Sonaten zur gleichen Zeit komponiert, wie das Publikum erfährt, und die B-Dur-Sonate schließlich bewusst an den Schluss der Trilogie gesetzt. Anders als in den Schwesterwerken lässt Schubert in ihr seine musikalischen Ideen stellenweise wie Kartenhäuser zusammenfallen oder schreibt sie wie endlose, nicht enden wollende Reihen aneinander. Und: Er betritt Neuland mit seinen Einfällen, er wendet sich immer wieder gegen die musikalischen Standards seiner Zeit. Angesichts dessen, dass die drei Sonaten in Schuberts letzten drei Lebensmonaten komponiert wurden, darf man sich fragen, ob Schubert das Ende seiner Lebenszeit vorausahnte und vielleicht deshalb seine letzte Möglichkeit dazu nutzte, Ideen zu entwickeln, die auszukomponieren er vorher vermieden hatte, da sie zu seiner Zeit als gewagt und ungewöhnlich galten. Die B-Dur-Sonate ist ein Wechselbad der Gefühle, immer wieder erschreckt sie mit unvermittelten Ausbrüchen, zum Beispiel chaotischen Explosionen nach der absoluten Stille einer Generalpause. Der Reichtum an Kontrasten ist unglaublich, schon im Eingangsthema des ersten Satzes, wenn die wellenartige Melodie bereits im achten Takt von einem Triller im Pianissimo unterbrochen wird, der auf dem tiefen F endet – dem tiefstmöglichen Ton des damaligen Pianos, wie Zitterbart hervorhebt. Das „Grauen“ – in den ersten beiden Sonaten noch laut und erdrückend dargestellt – wirkt durch solch einen subtilen, dunklen Einwurf noch gefährlicher. Auf dem historischen Hammerflügel von 1825, den Zitterbart für die Sonate nutzt, kommt das tiefe Grollen sogar noch eindrücklicher zum Vorschein als auf einem modernen Konzertflügel.

Zitterbart spickt seinen Vortrag mit amüsanten Anekdoten, verteilt den kompletten Notentext an alle Anwesenden und gibt dutzende Klangbeispiele, die seine Erklärungen hervorragend illustrieren. Besonders faszinierend wird es, wenn er Teile aus der Sonate „falsch“ spielt, also so, wie man die Komposition normalerweise erwarten würde: Dem munteren Scherzo des dritten Satzes folgt ein Trio; anders als das Scherzo ist es aber in moll geschrieben, mit krassen Sforzati, Nadelstichen, die die trügerische Idylle zerstören. Zum Vergleich spielt Zitterbart nun das Trio als „übliche“ Fortsetzung des Scherzo, in Dur und ohne die harten einzelnen Betonungen: Sofort klingt es hübsch und eingängig – und nicht mehr nach Schubert.

Zitterbart gelingt es Worte zu finden für die interessanten kompositorischen Einfälle, die einen am heimischen CD-Spieler vielleicht schon mal irritiert haben, die man aber nicht zu fassen vermochte: Warum erzeugt der Anfang des vierten Satzes das Gefühl der Schwebe, der Frage: Wo wollen wir eigentlich hin? Ganz einfach: Schubert beginnt in c-moll, lässt aber im Bass den Grundton c aus.
Dass man all diese Erläuterungen nicht bräuchte, um die Musik einfach zu genießen, dies gibt Zitterbart dann auch noch lächelnd zu, bevor er nach einer Pause im zweiten Konzertteil die Sonate am Stück zu Gehör bringt. In erster Linie interpretiert er sie eher vorwärts drängend als schreitend, durchaus legitim. Allerdings verlässt er diese Sichtweise nicht mal zu Beginn des Andante sostenuto: Das „getragene Schreiten“ (wie man es übersetzen könnte), das in langsamerem Tempo an ein unabwendbares Zugehen auf das Grab erinnern kann, wird so zum Joggen um den Friedhof. Meiner Meinung nach schade, auch da Zitterbart ja gerade auf die vielen Kontraste innerhalb der Sonate hingewiesen hatte; ebenso wie auf die ausgeklügelte Klanggestaltung Schuberts, die sich auch in allerlei Spielanweisungen im Notentext wiederfindet. Zitterbart nimmt Schuberts Forte meistens wörtlich, übergeht aber für meinen Geschmack zu viele Pianissimi. Dafür bringt er an vielen, vielen Stellen den Schmelz, die Wärme und die Außergewöhnlichkeit einzelner Noten durch behutsame Verzögerungen hervorragend zur Geltung. Beeindruckend auch die Effekte, die durch den geschickten Einsatz der Pedale entstehen, und die beim Hammerflügel zahlreicher und vielfältiger sind als bei den Pedalen eines Konzertflügels. Unnachahmlich samtig und warm schimmert auf diese Weise zum Beispiel das Ende des zweiten Satzes und überzeugt von der Einzigartigkeit des historischen Instruments.

Alles in allem gelingt Gerrit Zitterbart mit seiner Reihe „Musik unter dem Mikroskop“ ein faszinierendes Konzerterlebnis, das dem interessierten Laien die Augen öffnet für die Feinheiten und die Genialität einzelner Komponisten. „Sehr empfehlenswert“ befand auch das Publikum, das sich mit viel Beifall für den tollen Abend bedankte.

Montag, 19 Januar 2015 13:34

Wiener Klassik im Clavier-Salon

Nachdem das Göttinger Publikum nun vom Göttinger Symphonie Orchester auf Wiener Art musikalisch in das Neue Jahr gebracht wurde (siehe hier), ist man nur eine Woche später zurück in Wien, zumindest im musikalischen Geiste. Gerrit Zitterbart brachte mit Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert die typischen Wiener Klassiker nach Göttingen.

Das Rondo a-Moll KV 511 von Mozart sei melancholisch, in sich gekehrt und mehr für einen selbst, als für ein Konzert, so Zitterbart. Es sei wie ein Zwiegespräch zwischen Instrument und Interpret. Der Charakter ist nicht so leicht, wie man es von anderen Mozart Werken her kennt. Das schwermütige immer wieder kehrende Thema ist eher untypisch für ein Rondo, das eigentlich einen fröhlichen Charakter hat. In den Couplets lockert sich die Stimmung nur verhalten auf.


Mit Haydns Sonate f-Moll (Variationen) bot Zitterbart ein besonderes Variationswerk, das es so nicht nochmal gibt. Eine Doppelvariation, die aus zwei Themen besteht - eines in Moll und eines in Dur - die abwechselnd variiert werden. Das Moll Thema wirkt bedrückt wogegen das Dur Thema fröhlich und munter klingt. Die unterschiedlichen Charaktere der Themen hat Zitterbart durch eine abwechslungsreiche Spielweise herausgearbeitet. Unterbrochen wird diese Variation durch eine Kadenz, was ebenfalls sehr ungewöhnlich ist. Wie so häufig, spielt Haydn mit den Hörerwartungen der Zuhörer. Die ersten beiden Stücke wurden auf der Kopie nach Anton Walter 1795 gespielt. Einen solches Instrument besaß Mozart während seiner gesamten Zeit in Wien.

Die Klaviersonate E-Dur op. 109 von Beethoven ist eine seiner letzten Klaviersonaten. In polyphoner Satzweise sind die beiden Hände völlig unabhängig voneinander und spielen vollkommen eigene Melodien. Er hat damit die Grenzen, des auf dem Klavier möglichen erreicht und wich danach auf das Streichquartett aus, wie Zitterbart das Publikum wissen ließ. Die drei Sätze gehen direkt ineinander über. Der letzte Satz ist ein unkonventioneller Variationssatz mit einer langsamen, sanglichen Melodie, die in der letzten Variation in schnellen Läufen ausbricht und schließlich zum ruhigen Anfang zurückkehrt.

Nach der Pause dann der jüngste der vier Wiener Klassiker, Schubert. Die Sonate B-Dur op. posth. D 960 ist eine seiner drei letzten Sonaten, wovon die dazugehörige Sonate A-Dur op.posth. D 959 im Oktober letzten Jahres im Clavier-Salon zu hören war. Zitterbart beschrieb die B-Dur Sonate als melancholisch und dennoch kraftvoll. Der erste Satz beginnt mit einem friedlichen Thema, dass durch Tremoli in tiefer Lage eine bedrohlich Unterton bekommt. Das Scherzo steht mit schnellen Motiven und staccato im Kontrast zu den beiden Sätzen davor. Durch differenzierte Dynamik wurden die Höhen und Tiefen und die Zerrissenheit gerade der letzten beiden Stücke zum Ausdruck gebracht.

Der Flügel aus dem Jahre 1825 ist ein Originalinstrument, der restauriert wurde. Er hat noch vier Pedale, davon zwei Moderato Pedale, die man an heutigen Instrumenten vergeblich sucht. Schade eigentlich, denn mit diesen Pedalen lässt sich nochmal eine extra Facette in den Klang einbringen. Wie gewohnt erklärte Zitterbart die Technik der beiden Klaviere im Vergleich zum heutigen Flügel und das Publikum schaute mit Interesse auf das Spiel, um die Besonderheiten nicht nur hören, sondern auch sehen zu können.

Donnerstag, 01 Januar 2015 23:22

Ein herrlicher Abend voller Unsinn

Musikkabarett mit Gerrit Zitterbart im Clavier-Salon

Lauter Unsinn war angekündigt, lauter Unsinn wurde geliefert. Es gibt viele Möglichkeiten Unsinn und Klaviermusik in Verbindung zu bringen: in der Art des Spielens, in der Präsentation und der Auswahl der Stücke. Hier waren es die Komponisten, die den Unsinn machten. „Das ist lauter Unsinn, den du da schreibst“ soll schon Brahms zu Leschetizky gesagt haben. Und Gerrit Zitterbart – Göttinger Pianist, Professor für Klavier und Inhaber des Clavier-Salons – präsentierte ihn mit viel Humor und Natürlichkeit dem Publikum im ausverkauften Clavier-Salon.

Wie fängt man so einen Abend am besten an, wenn man vorgibt nichts vorbereitet zu haben? Man vertraut auf sein Publikum mit Kennern der Klaviermusik und lässt sich zurufen: „Ein Präludium“. Da ein gebräuchlicher Johann Sebastian Bach nicht so richtiger Unsinn ist, nimmt man sich den P.D.Q. Bach vor, eine Erfindung des amerikanischen Pianisten und Musikprofessors Peter Schickele. Charakteristisch für P.D.Q. (engl. „pretty darn quick“) sei seine Arbeit mit Plagiaten gewesen.

Als nächstes eine Premiere: Ein Stück von Theodor Leschetizky (1830-1915) soll auf seinem eigenen Flügel vorgetragen werden. Wie oft hört man das schon, 100 Jahre nach dem Todestag.  Der  130 Jahre alte Flügel aus Wien, schien sich an seine Stücke zu erinnern, so leicht gingen sie Zitterbart von der Hand.

Komponisten erlauben sich häufig den Unsinn, musikalisches Material ihrer Kollegen wiederzuverwenden. So scheinen sich viele Kompositionen sehr ähnlich zu sein. Der in Europa eher unbekannte amerikanische Komponist Zez Confrey (1895-1971) zum Beispiel komponierte ein Stück, das stark an Schumanns Kinderszenen erinnerte. Ob bei dem nächsten Stück nun Richard Fall (1882-1945) von J.S. Bach (1685-1750) kopiert habe oder umgekehrt, ließe sich wirklich schwer sagen, so Zitterbart. Und auch Brahms habe sich an Händels Material (1862) bedient.

Wenn man das Bisherige noch nicht als schwere Kost gesehen habe, dann doch aber das Folgende: ein Wiener auf dem Wiener Flügel von 1888 und auch noch in Verbindung mit dem zuvor gehörten Stück von Max Reger? Zuhören gab es, passend zum Thema Unsinn: Zwölftonmusik von Schönberg.

Von nicht intendiertem zu intendiertem Unsinn: Da lässt Zez Confrey ein paar Kätzchen über die Tastatur laufen, notiert es und nennt das Ganze dann „Kitten on the Keys“ (1921).

Gerrit Zitterbart brillierte am Klavier und als Moderator des Unsinns!

Was ihm jetzt noch fehle, sei derjenige, der ihm so nah am Herzen liege: Beethoven. Sein Material hätten wir heute schon gehört, jedoch zur Zugabe etwas Neues, gerade Entdecktes: eine neue Beethoven-Sonate. Aber Moment, das Stück kam einem doch irgendwie bekannt vor. War es nun die 5. Sinfonie adaptiert? Oder doch etwas ganz anderes?

Alles Unsinn, der hier vor sich geht. Außer der Tatsache, dass man mit Lauter Unsinn einen herrlichen Abend verbringen kann.

Donnerstag, 13 November 2014 18:08

Paris im Regen

Ein Abend mit Gerrit Zitterbart und Frédéric Chopin

Am Mittwochabend, drei Stunden nach dem historischen Ereignis der ersten Landung eines Roboters auf einem Kometen, widmete sich Gerrit Zitterbart im Claviersalon dreizehn Stücken aus Chopins Klavierwerk. Umrahmt von Impromptus, Walzern und Mazurken, standen die vier Balladen Chopins im Mittelpunkt des Abends und entführten die etwa dreißig Zuhörer damit zu einigen Sternen am pianistischen Musikhimmel.

Chopin übertrug als erster die epische Form der Ballade auf die Klaviermusik, womöglich angeregt durch Werke des polnischen Dichters Adam Mickiewicz. Dramatisch wechselnde Stimmungen prägen den Aufbau. Die erste Ballade von 1835 könnte man mit dem Titel „Ein Traum wird Realität“ beschreiben – sachte, träumerische Motive wechseln mit kraftvoll bestimmten Passagen, und je weiter das Stück voran schreitet, desto drängender und „reeller“ wird die innewohnende Sehnsucht, bevor ein wuchtiger, eindrucksvoller Schluss wie ein Erwachen aus der ganzen Komposition wirkt.

Die zweite Ballade (1838), inspiriert von einer Sage, nach der tanzende Mädchen am Ufer eines Sees von dessen Wellen verschlungen werden, beginnt ebenso mit einer lieblichen Idylle, bevor sich die unbarmherzigen Wellen über die gesamte Klaviatur schwingen. Schließlich gleitet das Ganze geradezu ins Dämonische, bevor ein knapper, melancholischer Schluss der Geschichte so abrupt ein Ende setzt, dass man sich kurz fragt: „War´s das?“

Zitterbart bringt in seiner Interpretation von Chopin dieses Überraschende, Abrupte besonders zur Geltung; auch die Abschlusstöne der drei Mazurken in der zweiten Konzerthälfte sind bewusst so kurz wie möglich gehalten. So sorgen sie für einen Nachhall im Kopf. Die erste Mazurka in a-Moll von 1832/33 geleitet den Zuhörer durch die Straßen von Paris, wo Chopin ab 1831 bis zu seinem Tod lebte – so sinnend und nachdenklich komponiert, wirkt sie wie ein melancholischer Spaziergang im Regen (zwischendurch kommt allerdings auch mal die Sonne raus).

Ganz anders der Mittelteil der abschließenden vierten Ballade von 1842: Hier nutzt Chopin einen gewaltigen Farbenreichtum, statt eines bescheidenen Spaziergangs sieht man förmlich ein kitschiges, voll ausgeleuchtetes Seineufer, an dem sich zwei Verliebte in Slow Motion in die Arme laufen.

Die Details solch unterschiedlicher Stimmungen weiß Zitterbart meisterhaft hervorzuheben. Die Fantasie-Impromptu in cis-Moll hätte ich mir trotzdem insgesamt vorwärts drängender gewünscht, die Verzögerungen im Anfangsteil waren meine Sache nicht. In den folgenden Walzern jedoch, wo sich der Rhythmus immer der Melodie unterordnet, stellen sie das wenig „Tanzhafte“ dieser Charakterstücke besonders heraus – unspektakulär und fast launisch gespielt, zeigen sie, wie Chopin auch etablierte Gattungen wie die (heitere) Tanzmusik in seinem Sinne umformte und umdeutete.

Viel Applaus für den stimmungsreichen Abend – ein wunderbarer Abschluss eines eines geschichtsträchtigen Tages.

Sonntag, 12 Oktober 2014 00:00

Schubert authentisch zu Gehör gebracht

Eine Schubertiade im Clavier-Salon

Eine originale Schubertiade in Göttingen? Was ist vorhanden? Ein Flügel, wie ihn Schubert zumindest bei seinem Bruder zu Verfügung hatte. Einige Gäste und zwei Werke von Schubert. Was fehlt? Schubert höchstpersönlich.

Obwohl... eine Schubertiade hat man sich zu Schuberts Lebzeiten wohl ein wenig anders vorzustellen. Die Gäste saßen wohl kaum in Reih und Glied vor dem Pianisten Gerrit Zitterbart und hörten ganz Aufmerksam zu. Vermutlich sammelten sich die geladenen Gäste um das Klavier herum und tauschten sich während dessen ein wenig über Kunst und Kultur aus. Und vermutlich gönnte sich der ein oder andere auch das ein oder andere Gläschen Wein dazu.

Die Vier Impromptus op. 142 D 935 aus dem Jahr 1827, die am Freitagabend im Clavier-Salon vorgetragen wurden, sind sehr abwechslungsreich gestaltet. Schumann beschrieb sie später als eine Sonate, was allerdings nicht ganz stimmt. Eine Zusammengehörigkeit wird zwar durch das erste und letzte Stück mit der Tonart f-Moll gegeben. Die formale Anlage der einzelnen Sätze stimmt aber nicht mit dem Aufbau bei einer Sonate überein. Das erste Stück ist fünfteilig und eher wie ein Rondo aufgebaut (ABABA) mit kleinen Veränderungen in den Abschnitten. In den B-Abschnitten spielt die rechte Hand eine sich wiederholende fließende Figur. Die linke Hand gestaltet darum herum kurze fragmentarische Motive. Der Anfang des zweiten Stücks erinnert stark an Beethovens Klaviersonate A-Dur. Formal ist sie wie ein Menuett gestaltet, mit einem kontrastierenden Mittelteil. Das dritte Stück ist eine Art Variationssatz, bei dem sich die Begleitung der linken Hand ständig wiederholt. Dies wird von Zitterbart mit einer außerordentlichen Gleichmäßigkeit gespielt. Es wirkt wie eine Art Collage. Jede neue Variation klingt ein wenig anders und fügt sich dennoch in das gesamte Stück ein. Das letzte Stück ist mit Allegro scherzando überschrieben, also fröhlich und scherzhaft. Die Melodie zeichnet sich durch Sprünge und Triller aus. Ein Abschnitt darin klingt wie ein Dialog zwischen der linken und der rechten Hand, wobei die linke Hand auf hämische Weise antwortet.

Die Schubertiaden sollten dazu dienen, Schuberts Werke in Wien bekannt zu machen, was leider während seiner Lebzeiten nicht von Erfolg gekrönt war. Schumann hat einige Werke von Schubert erst ein paar Jahre später bekannt gemacht. Die Sonate A-Dur op.posth. D 959 entstand zusammen mit zwei weiteren Sonaten in Schuberst letztem Lebensjahr (1828). Zitterbart bezeichnete diese als „die hellste der drei Sonate“ aber es gäbe darin auch einen „absoluten Abgrund“. Dieser erklingt im zweiten Satz in Form von Akkordballungen, wilden auf- und abwärts Läufen, extremen Lagen und im sforzando eingeworfenen Akkorden. Die für ein Rondo typische Themenwiederholung des letzten Satzes wird von Zitterbart durch unterschiedliche Tempi und Dynamik abwechslungsreich gestaltet. Besonders interessant ist der Schluss dieses letzten Satzes. Man hat das Gefühl, das Stückt ist jeden Moment zu Ende und dann kommt wieder ein neuer Themenfetzen.

Der Klang des Flügels aus dem Jahre 1825 könnte als hell, eher dünn und vielleicht gläsern beschrieben werden – im Vergleich zu modernen Flügeln. Für den einen oder anderen Besucher mag dies gewöhnungsbedürftig sein. Aber dadurch werden Schuberts Werke authentisch zu Gehör gebracht. Außerdem kommt man nur so in den Genuss des Moderato Pedals, das bei heutigen Flügeln nicht mehr vorhanden ist und den Klang leiser und irgendwie verschwommen gestaltet. Und genau das zeichnet den Clavier-Salon aus.

„Das klingende Museum“ im Clavier-Salon mit Gerrit Zitterbart

Es ist ein einzigartiges Museum in Deutschland – der Clavier-Salon von Gerrit Zitterbart in Göttingen. Sieben Klaviere aus unterschiedlichen Epochen sind nicht nur ein Zeugnis des Instrumentenbaus, sondern auch Zeitzeugen der Musikgeschichte. Am ersten Abend der neuen Serie „Das klingende Museum“ wählte Zitterbart Kompositionen von Carl Philipp Emanuel Bach bis Maurice Ravel aus.

Alle sieben Instrumente kamen zum Einsatz. Deshalb empfing der Salon seine Besucher mit dem gewaltigen Anblick der sieben geöffneten Instrumente.

Der Museumsleiter ist zum Glück auch der Führer durch die Ausstellung. Gekonnt stellt der Pianist Gerrit Zitterbart seine Instrumente vor, erläutert die Unterschiede und die jeweiligen Besonderheiten der einzelnen Klaviere, wie zum Beispiel die vier Pedale des Flügels von 1825. Zwei weitere wurden bei der Restaurierung ausgebaut: ein Pedal für eine Art Trommel und ein Pedal für eine Glocke. Für beides gibt es keine Literatur, so dass eine Restaurierung dieser Mechanik nicht sinnvoll war.
Die Literatur hat Zitterbart so ausgewählt, dass man sich die Komponisten gut genau an diesem jeweiligen Instrument vorstellen konnte. Und die passenden Geschichten zu den Kompositionen wurden gleich mitgeliefert: klang nicht dieser Carl Philipp Emanuel Bach ein wenig nach Mozart? Ja, denn das Thema von „La Boehmer“ verwendete Mozart in seinem Pasticcio-Klavierkonzert.

„Stellen Sie sich vor, wie der reife Beethoven an diesem Instrument seine frühe Sonate F-Dur op. 10.2 spielt“, erläuterte Zitterbart und verschwand in der Ecke hinter dem Instrument aus dem Jahr 1815. Von dort spielte er den jungen Beethoven so frisch und luftig, dass man den Schwierigkeitsgrad dieser Musik nur erahnen kann.

Das setzt sich mit den Werken von Franz Schubert, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Johannes Brahms, Franz Liszt (großartig die Interpretation vom „Unstern“) und Maurice Ravel.

Man darf sich auf zahlreiche weitere Museumsabende freuen, die so gar nichts Museales an sich haben, sondern die Musikgeschichte ganz wunderbar lebendig machen.

Freitag, 01 August 2014 19:12

Das klingende Museum

Neues Angebot im Clavier-Salon

Es ist Ferienzeit, aber der Clavier-Salon macht keine Ferien, sondern ist immer für Sie da: es warten wieder wunderbare Programme auf Sie.
 
Nun sind alle Flügel versammelt und spielbereit, daher habe ich eine neue Programmschiene aufgenommen: "Das klingende Museum". Einmal im Monat werden hier alle sieben Instrumente in einem Konzert erklingen, jeweils mit zu ihrem Alter passenden Werken. Flügel und Komponisten werden natürlich kurz vorgestellt. Dies ist also eine Veranstaltung auch für neue Interessentinnen und Interessenten, für Besucher von auswärts oder einfach nur zum Zuhören.
 
Alle Programme des Monats sind voller tief ergreifender Musik, suchen Sie sich Ihre Lieblingskomponisten aus. Junge Stars von morgen sind ebenso zu Gast wie hochrangige Kolleginnen und Kollegen aus Berlin und Hannover: Kammermusik und Solowerke zum Genießen.
 
In der Pause warten kühle Getränke (aus dem Hause "Bremer") auf Sie, der Saal ist im Sommer durch seine Lehmwände angenehm temperiert, also nicht zögern, hereinschauen! Das Programm des Clavier-Salons finden Sie hier im Kulturkalender.

Sonntag, 29 Juni 2014 20:53

Über Nacht kam der Morgen

Beethoven unter dem Mikroskop: Die Mondscheinsonate auf drei Instrumenten - Ein Gesprächskonzert mit Gerrit Zitterbart im Göttinger Clavier- Salon

Dicht gedrängt stehen sie in dem kleinen Saal. Zu acht sind sie heute. Der Neue ist auch da, der Bösendorfer von 1882, der schon mit allerlei musikhistorischer Prominenz des 19. Jahrhunderts zusammengearbeitet hat. Dunkel und weich klingt er, gelassen, weiß er doch, dass er den Nebenbuhler bald ersetzen wird. Der alte, ein ehrbare Wiener mit glockenheller Stimme, steht mit dem Rücken zur Wand. Er ist jetzt ein Flügel zu viel im Raum, ist schuld daran, dass es so voll ist (http://www.kulturbuero-goettingen.de/index.php/component/k2/1491-sag-beim-abschied-leise-servus-mit-brahms).

Den zierlichen Anton-Walter-Flügel von 1795 ficht das nicht an. Er schwebt über den Dingen, erinnert optisch noch an seine Cembalo-Vorfahren, klingt aber schon nach dem, was er ist: Einem Instrument mit Hämmern, nicht leise, aber transparent wie die Musik älterer Epochen. Er kommt aus einer anderen Zeit, einer Zeit, in der auch die Sonate entstanden ist, um die es heute geht. Folgerichtig gebühren ihm auch die ersten und letzten Worte des Abends. Als Amuse-Gueule vor der Sonate serviert Zitterbart auf ihm das f-Moll Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier. Der Pianist empfindet  hier eine der Mondschein-Sonate verwandte Stimmung, melancholisch, geheimnisvoll, vielleicht etwas tragisch. Obwohl der kleine Flügel fähig ist, eine große Bandbreite dynamischer Unterschiede zu verwirklichen, nutzt Zitterbart auch agogische Mittel in fast barocker Manier.

Für Beethoven wechselt Zitterbart an den Bösendorfer, der nach Anton-Walter nicht nur samtig und modern klingt, sondern auch erstaunlich laut und hallig zwischen Parkett und Holzvertäfelung. Die Herausforderung, ein geeignetes Tempo für den phantasievollen Anfang der Sonate zu finden, gelingt Zitterbart recht gut. Winzig ist der Raum zwischen den beiden Gefahren: Spielt man das Alla breve zu langsam, versandet die ohnehin kaum vorhandene Linie, nimmt man es zu schnell, verliert sich der Zauber der Melancholie, das große Geheimnis.

Technisch sicher, fast ein wenig zu routiniert spielt Zitterbart auch die schnellen Tempi, wenngleich  einige Töne im wütenden Poltern verschwinden. Die Dynamikwechsel wirken weniger intensiv als noch bei Bach, vielleicht aber nur, weil man es andersrum erwartet. Der dritte Satz fliegt, rauscht, stürmt dahin. Als der letzte Ton verklungen ist, rumort das Instrument nach, wie ein feuerspeiendes Ungeheuer, dessen Zorn langsam verglimmt.

Dann ist Pause. Tief stecken die Damen und Herren ihre Nasen in die Organe der Instrumente. Sie fragen neugierig nach Material und Mechanik und Gerrit Zitterbart, der kaum an seinem Wasser genippt hat, erzählt, eingekeilt, aber gut gelaunt von Hölzern und  Knochen, von Filz und Hirschleder. Das eigentliche Gespräch findet hier statt. Was im zweiten Teil des Konzerts folgt, ist mehr ein Vortrag, zwar witzig, kundig und charmant, aber kaum dialogisch. Die Gäste rezipieren nur, auch wenn Kopien von Erstausgabe und Faksimile der „Sonata quasi una Fantasia“ auf ihren Knien ausgebreitet werden. Das Format in der intimen Atmosphäre würde vermutlich noch deutlich gewinnen, wäre echte Partizipation auch an dieser Stelle möglich.

Zitterbart macht deutlich, wie weit diese Sonate vom üblichen Schema abweicht. Anhand der ausgegebenen Noten zeigt er, dass erstaunlich viele Vortrags-Parameter exakt festgelegt sind und die Musik nur deshalb so frei klingen kann. Er weiht das Publikum in kleine Notationsfehler ein, schmunzelt über die mannigfaltigen Missverständnisse. Im Zusammenhang mit dem zweiten Vortrag, diesmal auf dem Anton-Walter-Flügel, erklärt er vor allem die technischen Unterschiede zwischen den Instrumenten. Er demonstriert das für Laien versteckte Pedal des zarten Instruments, das auch zur Beethoven-Zeit die Mondschein-Farbe in die Sonate brachte.

Aber von was erzählt diese Musik eigentlich? Von einer romantischen Bootsfahrt bei Vollmond? Von einem verstorbenen Freund? Von einer unsterblichen Geliebten? Oder der Einsamkeit in einer klanglosen Welt? Zeugt der Bruch mit der Sonatenhauptsatzform vielleicht einfach nur von Beethovens rebellischem Charakter, seiner Innovationssucht, die den Weg in die Romantik ebnete? Wie auch immer, Menschen brauchen Geschichten. Und die kann Zitterbart hervorragend erzählen ohne dabei einen eigenen Favoriten zu präsentieren. Er will niemandem die Bilder rauben, lässt jede Hypothese bestehen. Subtil, allein durch die Art des Erzählens macht er darauf aufmerksam, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist für diese Musik, was tatsächlich einmal dahinter gesteckt haben könnte. So klassisch der Salon, die Menschen, die hier Musik machen und hören kommen doch aus einem Jahrhundert, in dem Autoren und Komponisten haben sterben müssen und (Noten-)Texte für sich allein stehen gelernt haben. Die Einheit des Werks entsteht heute im Zuhörer, der Komponist ist nicht mehr sinnstiftend.

Tatsächlich seziert Gerrit Zitterbart die Sonate nicht. Am Ende des Abends liegt kein Beethoven-Präparat unter dem Mikroskop, kein geöffneter Körper, die Eingeweide freigelegt, ausgebreitet, betrachtet und mit Nägeln fixiert. Herz und Nieren wurden nicht geprüft, sondern behutsam abgetastet und neue Assoziationsräume ausgelotet. Jeder geht mit seiner eigenen Geschichte nach Hause. Das Geheimnis der Sonate bleibt gewahrt.

Clavier-Salon: Gerrit Zitterbart mit Flügel-Abschied und –Willkommen

Im Internet lässt sich - zwischen all dem Schrott, der sich dort findet - doch so manche Kostbarkeit entdecken. Eine von diesen, ein Bösendorfer-Flügel aus dem Jahre 1882, steht seit ein paar Tagen als Neuerwerb in Gerrit Zitterbarts Clavier-Salon.

Ehrbar - Der Alte

Dafür muss leider aus Platzgründen ein Instrument weichen: der Ehrbar-Flügel, ebenfalls 1882. Dass er nicht still und leise verabschiedet wird, versteht sich von selbst. Brahms’sche Musik, die um die Bauzeit der beiden Flügel herum entstand, soll sein Abschiedslied sein, das heißt: die späten Klavierzyklen op.117 (1890 - drei Stücke) und op.116 (1892 - sieben Stücke), zusammen mit dem „Göttinger Albumblatt“ (aus einem musikalischen Poesiealbum, in Göttingen hinterlassen).

Das ganze Opus 117 ist von einer wehmütigen, traurigen Stimmung durchsetzt. In der wunderschönen Nummer I noch gerade ins Hellere gedreht, verdunkelt es sich zusehends. Die Übergänge, dynamischen Schattierungen zusammen mit den feinen rhythmischen Verschiebungen stellt Zitterbart ganz unaufgeregt, präzise, ohne falsche, gar übertriebene Sentimentalität dar. Die nachsinnige und resignative Stimmung soll für sich selbst sprechen - was ihr  problemlos gelingt.
Op. 116 setzt – scheinbar - einen anderen Ton. Drei große, rasch-bewegte Capricci werden von vier Intermezzi unterbrochen. Bei allem Aufbäumen ist aber dieser Zyklus ebenfalls von Aufgabe und Abschied, von Wehmut geprägt. Die Intermezzi unterbrechen den Schwung der schnellen Sätze mit sehr unterschiedlichen –leicht rätselhaften- Stimmungen.

Hierbei gefällt mir der Block ‚zweites Capriccio plus die folgenden zwei Intermezzi’ am besten. Der nervöse Furor der letzten Nummer hätte ruhig noch getriebener, noch drängender sein dürfen.

Die Werbetrommel für den differenzierten Klang alter Instrumente zu rühren, ist ja ein ständiges Anliegen des Clavier-Salons. Auch heute versieht uns Gerrit Zitterbart mit allerlei Anmerkungen betreffs der Geschichte des Flügelbaus; zur Mechanik, zum Gehäuseaufbau und den verwendeten Materialen.

Bösendorfer – Der Neue

leschetizkyWie erstaunlich deutlich(!) anders ist der Klang, als nach der Pause der Bösendorfer vorgestellt wird. Erstaunlich erst recht, bedenkt man, dass beide Instrumente im selben Jahr in Wien entstanden sind. Eine Klangvielfalt, die heute vielleicht weniger geschätzt wird?

Das Instrument selbst - die zum eBay-Fund gehörige Anekdote darf natürlich nicht fehlen - ist alleine aus musikhistorischen Gründen von Interesse, war es doch das Unterrichtsinstrument Teodor Leszetyckis. Eine lange Reihe berühmter Schülerinnen und Schüler hat dieser bedeutende Klavierpädagoge unterrichtet – unter anderem Elly Ney und Artur Schnabel. Erneuert sind lediglich Saiten und einige Verschleißteile; die Wiener Mechanik, mit den das Klangbild prägenden Lederbeschlägen, ist original.

Brahms auch nun - seine ‚Variationen und Fuge über ein Thema von Händel“ op.24 (1861).
Die grundtonstarken Bässe geben dem Gesamtklang eine satte, doch stets gut durchhörbare Basis. Die trauermarschartige Variationen XIII z.B. versinkt dadurch endlich einmal nicht(!) in einem Bassklangbrei- natürlich tut Zitterbarts Vortrag sein Übriges.
Die ständig wechselnden Stimmungen der einzelnen Variationen zerfallen unter seinen Händen nicht in lauter Einzelteile, sondern bleiben sinnvoll aufeinander bezogen. Die Variation XX – Brahms Gruß an die Diabellivariationen Beethovens - hätte vielleicht etwas jenseitiger klingen mögen? Doch Übertreibung - in jede Richtung - vermeiden zu wollen, ist hörbar ein Ziel der Zitterbart’schen Interpretation, die in den letzten drei Variationen vor der Fuge noch einmal mächtig Fahrt aufnimmt. Feines Detail: Wie großartig lassen sich auf dem Bösendorfer die Sforzati geben — beinahe klingen sie wie auf einem Streichinstrument. Die Fuge in ihrer schrägen Mischung aus didaktischem Zeigefinger und Klangbombast hat mich noch nie überzeugt - doch das liegt an der Komposition und nicht am Interpreten….

In den reichlichen Applaus des Publikums für die Darbietung des Abends mischt sich sicherlich Vorfreude auf weitere Stunden mit dem neuen Flügel im Salon.

Samstag, 24 Mai 2014 13:03

Warten auf Beethoven

Konzert im Clavier-Salon am 21.05.2014

Scherzhaft gab Gerrit Zitterbart bevor er anfängt zu spielen den Hinweis, dass wir gleich nicht aufstehen müssen. Denn zu Beginn erklingen Variationen über eine Melodie, die jedem im Publikum bekannt ist. Joseph Haydns Variationen über die Hymne „Gott erhalte“.

Die Auswahl der Stücke in der ersten Hälfte des Konzerts fiel auf kurze und einfach erscheinende Werke mit unterschiedlichem Charakter von den Wiener Klassikern Haydn und Mozart und zu denen man auch Schubert zählen kann. Alle Stücke wiesen eine Besonderheit auf, die von Zitterbart erzählt wurde, wie Mozarts Trauermarsch für den Meister Kontrapunkt oder das Andante C-Dur für eine Glasharmonika. Es schien, als ob Zitterbart bewusst kleinere, unbekanntere Werke der Komponisten ausgesucht hat, die eigentlich einen privaten und intimen Charakter haben und in den Räumlichkeiten des Clavier-Salons die passende Stimmung auslösen könnten und von Zitterbart auch entsprechend differenziert vorgetragen, allerdings ist der Funke auf das Publikum nicht so ganz übergesprungen. Dabei wurde in den Werken Mozarts Interesse für verschiedene Klangfarben aufgezeigt und Schuberts Stimmungswechsel mit morbiden Zügen. Wie von Zitterbart gewohnt und von den Zuhörern auch gerne angenommen, gab er kompositionsgeschichtliche und teilweise auch baugeschichtliche Informationen zu Werk und Flügel.

Als dann nach der Pause nach Beethovens Andante Favori dessen „Waldstein-Sonate“ erklingt, schien es als habe das Publikum die ganze Zeit nur darauf gewartet. Die dynamisch sehr nuanciert und temperamentvoll vorgetragene Sonate brachte bei den Zuhörern eine Regung hervor und sorgte am Ende für begeisterten Applaus. Die Atmosphäre war bis dahin eher angespannt und man traute sich nicht zwischen den einzelnen Stücken eines Komponisten zu klatschen.

Viele Leute haben wohl eher das gute Wetter genutzt und lieber den Grill im Garten in Anspruch genommen, statt in den Clavier-Salon zu gehen, das in beiden Hälften ein charmantes Konzert bot, wenn man sich auf den Charakter der Stücke einfühlte. Es ist schade, dass viele Besucher in Konzerten immer ein „großes“ Werk erwarten, wo es doch so viele wunderschöne kleine und entzückende Kompositionen für Klavier gibt.

Sonntag, 19 Januar 2014 14:01

Alles nur geklaut?

Konzert des dezimierten Abegg-Trios im Clavier-Salon

Natürlich war am Mittwochabend im Clavier-Salon nicht alles nur geklaut. Aber nachdem das Abegg-Trio aufgrund eines Unfalls des Violinisten Ulrich Beetz nur zwei Drittel auftreten konnten, musste das Programm etwas umgestaltet werden und auf die Besetzung Klavier + Cello angepasst werden und dabei standen einige Stücke auf dem Programm, die eigentlich nicht für Cello komponiert wurden, sondern für ein anderes Soloinstrument. Allerdings klangen sie auf dem Cello mindestens genauso schön – vor allem, wenn man eine persönliche Vorliebe für die Besetzung Klavier + Cello hat.

Das Konzert begann mit etwas ungewohnten Klängen. Auf dem Programm standen zwei Bach-Präludien mit von Ignaz Moscheles hinzu komponierten Cellostimmen – also in gewisser Weise geklaut. Das wohl jedem bekannte Präludium in C-Dur wirkte mit der Cellostimme am Anfang etwas seltsam, weil man sich erst daran gewöhnen musste, dass zu dieser gewohnten Melodie noch ein Cello erklang. Doch das ging recht schnell und man konnte sich auf diese interessanten Zusammenklänge einlassen und in dem cis-Moll Präludium, das nicht ganz so bekannt ist, war es schon selbstverständlich, dass die Cellostimme dazugehört.

Als nächstes folgt die Sonate für Klavier und Violoncello g-Moll op. 5,2 von Beethoven, das definitiv nicht geklaut ist, sondern so für Klavier und Violoncello geschrieben wurde. Eine sehr schöne aber sogar für den Zuhörer anstrengende Sonate. Beide Instrumente sind gleichberechtigt und tragen nebeneinander unterschiedliche Themen vor. Durch eine meist ausdrucksvolle Melodieführung ist man auch als Zuhörer ständig gefordert und kann sich nicht einfach zurücklehnen und den Klängen lauschen, sondern sollte aufmerksam bleiben, um nichts von dem Wettstreit der beiden Instrumente zu verpassen, aus dem am Ende allerdings kein Sieger hervorgeht und der sich auch nur auf die Musik beschränkt.

Im Kontrast zu diesem expressiven Stück stand Robert Schumanns Fantasiestücke für Violoncello und Klavier op. 73, das eigentlich für Klarinette komponiert wurde, „aber wir haben das jetzt gestohlen“ meinte Zitterbart dazu. In diesem Stück konnte man sich den romantisch-fließenden, eher ruhigen und typischen Schumann-Melodien hingeben und ganz entspannt der Musik lauschen. Das dem letzten Satz vorgeschrieben „Rasch, mit Feuer“ wurde aber dennoch überzeugend umgesetzt.
Nach der Pause folgte die Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur von César Franck, die in der ursprünglichen Fassung für Violine geschrieben wurde. Diese Sonate war ein Hochzeitsgeschenk an den belgischen Geiger Eugène Isaÿe. Aus diesem Grund nennt Erichson im Vorfeld auch, dass es für sie Szenen einer Ehe darstellen würde und das Publikum schon noch merken würde, warum. Das Stück hat durchaus schöne romantische Melodien, aber ebenso expressive Stellen, die sich auch in der angestrengten Spielweise ausdrücken. Unter der Berücksichtigung, dass es ein Hochzeitsgeschenk war, kann man darin durchaus Höhen und Tiefen eines Ehealltags hineininterpretieren.

Obwohl das Abegg-Trio nur zu 2/3 vorhanden war, ergab sich durch das bunte Programm ein sehr schöner Duoabend. Der Clavier-Salon war bis auf den letzten Platz gefüllt. Beeindruckend ist das sichere Zusammenspiel von Birgit Erichson und Gerrit Zitterbart, sie brauchen dafür noch nicht einmal Blickkontakt. Als Zugabe spielte das Duo nach lang anhaltendem Applaus mit Bravo-Rufen noch ein geklautes Stück. Eine Vocalise von Rachmaninov, die eigentlich für Gesang geschrieben ist, allerdings keinen Text hat, sondern – wie der Name schon sagt – nur auf einem Vokal gesungen wird. Somit lässt es sich auch problemlos auf das Cello übertragen.

Donnerstag, 02 Januar 2014 18:57

Musikalisches Neujahrsgeschenk

Neujahrskonzert im Göttinger Klaviersalon

Sich von Gerrit Zitterbart auf das neue Jahr einstimmen zu lassen, ist immer eine ganz besondere Freude. Die wissen auch Freunde und Förderer seines Göttinger Clavier-Salon zu schätzen, die früher für ein musikalisches Ständchen zum Jahresbeginn zum Goethe Institut pilgerten. Nun genießen sie in Zitterbarts Sammlung von Tasteninstrumenten diesen wunderbar intimen Klanggenuss, der auch bei den Werken von Franz Schubert und Felix Mendelssohn Bartholdy immer  wieder hellhörig macht für die historische Klangidee. 

Eröffnet wurde das musikalische Jahr im Stumpfebiel mit Schuberts vier Impromptus, für die Zitterbart sein Publikum charmant zu trösten wusste. Weil sich das ideale Instrument dafür noch immer in der Werkstatt befindet, erklingen die dramatischen Novellen auf dem Érard Flügel, wo sich ihre unbändige Energie entfaltet. Schon in dem c-moll Impromptu fühlt man sich an die tragischen Progressionen erinnert, die Gottfried Benn in seinem lyrischen Chopin Portrait beschreibt. Zitterbart wählt ein besonnenes Tempo für den pathethischen Auftakt, der so in eine Replique münden kann, die den stürmischen Kaskaden zart aber bestimmt zu trotzen vermag. Auch in Schuberts Es-Dur Impromptu setzt Zitterbart seine besonderen Akzente wie ein Bildhauer, der sich einem unbearbeiteten Stein widmet und dabei nicht den rasanten Lauf der musikalischen Figur betont und sich um so mehr den filigranen Strukturen widmet, die die linke Hand mit ihren rhythmischen Akzenten vertieft. Das vertraute Klangbild des Ges-Dur Andante erfährt ebenfalls diese bildhauerische Annährung an das historische Klangbild, das sich auf einem zeitgenössischen Flügel mitunter so glanzvoll virtuos verflüchtigt. Auf dem Érard lässt Zitterbart auch  jede melancholische Tönung in Schuberts Gedankenkosmos mitschwingen und macht um so hellhöriger  für die meditativen Schwingungen in seinem As-Dur Allegretto, die losgelöst von den stürmisch aufrührerischen Bewegungen eine existentielle Tiefe wahren. Dann beflügelt er mit Schuberts  A-Dur Sonate und den vielen fragmentarischen Skizzen, die der Komponistin dieser Sonate zu bändigen suchte. 

Nur selten taucht der kleine Wornum Flügel in den Konzertprogrammen des Clavier-Salon auf. In seinem wunderbar warmen Klang erinnert er an edlen Samt, der sich wie eine kostbare Hülle über eine Melodie legt und nun  in Mendelssohns Liedern ohne Worte auch jeden Akkord in seiner dunklen anmutig klingen lässt. Zitterbart verwandelt die Lieder und auch die Fantasie über ein irisches Lied auf seinem Wornum in Aquarelle. Der wird zum Wanderer in Mendelssohns musikalische Novellen und Skizzen von unterwegs. Man stelle sich einen Panoramablick von Venedig vor und wie die Gondeln durch die Kanäle gleiten und eine ferne Kirchturmglocke schlägt oder auch eine dieser Momentaufnahmen Mendelossohns nach einem Besuch in Weimar. Man folgt den Spuren des Komponisten in eine Landschaft die wieder neu erlebbar wird wenn Zitterbart sie erkundet. Zum Finale gönnt der musikalische Bildhauer und Gestalter on Klangnovellen seinem Publikum noch ein virtuos aufmunterndes musikalisches Neujahrsgeschenk mit Mendelssohns berühmtem Rondo capriccioso und beflügelt mit dem wunderbar temperamentvoll klingenden Érard für 2014. 

Sonntag, 24 November 2013 23:30

Leidenschaft für die Musik

Gerrit Zitterbart im Gesprächskonzert

Im Gesprächskonzert der Reihe Beethoven unter dem Mikroskop stand am Donnerstagabend, den 21.11.13, im Clavier-Salon die sogenannte „Sturm-Sonate“ auf dem Programm. Die Thematik der Sonate d-Moll op. 31,2, die auf Shakespeares Werk „Der Sturm“ basiert, passte irgendwie auch zum nass-kalten, schnee-verregnetem Wetter an dem Tag. Das Konzert war gut besucht, und einige Besucher waren mit dem Ablauf bereits vertraut, denn sie hatten ihre eigenen Notenausgaben mitgebracht.

Im Clavier-Salon wurde am vergangenen Freitag die Sonate c-Moll op. 13, bekannt als „Patétique“ von Ludwig van Beethoven genau unter die Lupe genommen werden. Durch die Vielfalt der im Clavier-Salon stehenden Instrumente konnte Gerrit Zitterbart das Publikum an einem Abend in verschiedene Klangwelten zu entführen. Dies wurde von informativen analytischen Erklärungen begleitet.

Zitterbart begann nach einer kurzen Erklärung des Ablaufs allerdings mit dem Allegretto c-Moll WoO 53 und der Bagatelle c-Moll WoO 52. Diese beiden Stücke spielte er auf einem Flügel aus dem Jahr 1795 von Anton Walter und demonstriert damit die Klangwelt Beethovens, der zur Entstehungszeit dieser beiden Stücke einen solchen Flügel gespielt hat. Um dem Publikum die Wiener Mechanik zu erklären, hat er nach dem Allegretto die Tastatur und einen einzelnen Hammer herausgenommen und darauf hingewiesen, dass ein großer Unterschied durch das Leder auf dem Hammer, durch das ein besonderer Klang entsteht, erzeugt wird. Außerdem besitzt dieser Flügel keine Pedale, sondern Kniehebel. Indem er die verschiedenen Flügel im Salon stehend anschlug, verdeutlichte er den Zuhörern, dass die Flügel damals alle einen unterschiedlichen Klang hatten, was heute verloren gegangen ist. Nach dieser kurzen Erklärung zu den verschiedenen Mechaniken der Flügel und den daraus resultierenden unterschiedlichen Klängen, die das Publikum interessiert verfolgte, trug Zitterbart noch die Bagatelle auf dem Flügel von Anton Walter vor.

Bevor er das Hauptwerk des Abends - die „Grand Sonate Pathétique“ - spielte, verteilte er die Noten dazu im Publikum. Er setzte sich an den Flügel von Theodor Steinweg aus dem Jahr 1898 und begann das Grave mit einem sehr vollen und lauten Anschlag, wobei die Expressivität des ersten Akkordes durch den Wechsel des Flügels noch verstärkt wurde. Die dynamischen Wechsel, die sich durch alle drei Sätze ziehen, wurden von Zitterbart eindrücklich umgesetzt. Die unterschiedlichen Charakteristika der drei Sätze kamen durch einen differenzierten Anschlag sehr schön zum Ausdruck. Danach begann er mit der Analyse des Werks, wobei er zuerst auf die Form der Sonate einging, die durch Beethovens Vorgänger mit Mozart und Haydn eigentlich schon festgelegt war. Doch bereits zu Beginn der „Pathétique“ bricht Beethoven mit dieser Form, indem er die Sonate mit einer langsamen Einleitung beginnen lässt, was eher an eine barocke Form erinnert. Anhand der Noten und dem Vorspiel exemplarischer Passagen erklärt Zitterbart sehr humorvoll, dass die komplette Sonate quasi „nur“ aus einer auf- und abwärtslaufenden Tonleiter bestehe und man in der Exposition eigentlich vergeblich nach den beiden Themen sucht und dennoch ist in dem Werk „unglaublich viel los“. Beethoven spielt mit den Hörerwartungen der Zuhörer, da er die genormte formale Anlage einer Sonate aufbricht. Zitterbarts Erklärungen sind durchaus verständlich, aber aufgrund der recht schnellen Sprünge im Notentext nicht immer für jeden sofort nachvollziehbar. Den ersten Satz hat Zitterbart sehr ausführlich analysiert, den zweiten und dritten Satz hat er dann eher kurz behandelt. Danach hat er die Sonate nochmal auf dem Flügel von 1795 vorgetragen, der den Klang zu Beethovens Zeit authentisch wiedergibt. Zuvor hat er auf die Besonderheit dieses Klangs hingewiesen, der nach seinen Worten eine Zerbrechlichkeit besitzt, die auf moderneren Flügeln verloren geht. Die einzelnen Töne in langen Läufen sind auf dem älteren Flügel präziser zu hören und man erhält dadurch ein ganz anderes Hörerlebnis, so wie das Werk nach Beethoven Vorstellung wohl geklungen haben soll.

Das Publikum, das den Erklärung interessiert und mit Verständnis des humoristischen Untertons Zitterbarts zuhörte, applaudierte lang und begeistert, woraufhin Zitterbart sich nochmals an den Flügel setzte und das außerordentlich kurze Allegretto quasi andante WoO 61A als Zugabe spielte.

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