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Montag, 09 Oktober 2017 13:29

Ein Abend mit rotem Faden

„Zerklüftet“ – Göttinger Symphonieorchester und Hába Quartett in der Stadthalle

Schattenspiele oder der ewige Kreis jeglicher Natur, im üblichen Wechsel von Hell und Dunkel – Diese Motive wurden an diesem Eröffnungskonzert der Philharmonischen Zyklen dieser Saison des Göttingen Symphonie Orchesters hörbar gemacht, mit Tönen verbildlicht.

Dienstag, 19 September 2017 08:08

Mitsingen erwünscht, Hauptsache im Takt!

Symphonic Mob mit dem Göttinger Symphonie Orchester

Sonntag, 03 September 2017 19:04

Aus der Dunkelheit ins Licht

„Dem Vergessen entrissen – Orchestermusik von Alexander Weprik“ mit dem Göttinger Symphonie Orchester

Christoph Matthias Mueller spricht über seinen Beruf und das Göttinger Symphonie Orchester

Mitmach-Konzert mit dem GSO am 16. September auf dem Marktplatz

ECHO Klassik 2017: die beste Konzerteinspielung mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts mit der Oboistin Maria Sournatcheva, dem Göttinger Symphonie Orchester und Christoph-Mathias Mueller

Sonntag, 09 Juli 2017 18:14

Besser kann es jetzt nicht mehr werden

Das Göttinger Symphonie Orchester mit Julian Steckel und Christoph-Mathias Mueller zum Saisonabschluss in der Göttinger Stadthalle

Der Vorverkauf für die neue Saison des Göttinger Symphonie Orchesters hat begonnen. Tickets können Sie ab sofort an allen Reservix-Vorverkaufsstellen erwerben - und natürlich auch hier online im Kulturbüro Göttingen

Sonntag, 25 Juni 2017 08:56

Kein virtuoses Schaulaufen

„Stars von Morgen“ mit dem Göttinger Symphonie Orchester in der Stadthalle

Donnerstag, 22 Juni 2017 07:27

Musikalische Poesie pur

Perspektive Zentralasien - Kulturelle Begegnungen mit dem Göttinger Symphonie Orchester

Montag, 29 Mai 2017 11:38

Erfolgreich den Schatz gehoben

Haydns Oper „Orfeo ed Euridice“ mit dem Göttinger Symphonie Orchester in der Stadthalle

Montag, 22 Mai 2017 14:10

Beweglicher, großer Klang

„Luther in Worms“ von Ludwig Meinardus in der Göttinger Johanniskirche

Das Göttinger Symphonie-Orchester unter der Leitung von Keven Griffiths mit der Pianistin Gülsin Onay

„Aus dem Innersten“ lautete die Überschrift über dem 5. Konzert im Philharmonischen Zyklus I des Göttinger Symphonie Orchesters: welch eine treffende Beschreibung!

Vor der Pause gab es Unbekanntes und Bekannte zu begrüßen: auf dem Programm stand die Einleitung zum 1. Akt der Oper „Fervaal“ von Vincent d’Indy (1851–1931). Werk und Komponist sind in den Konzertsälen und Opernhäusern kaum bekannt. Dabei lohnte die Entdeckung: die stark an die Musik Richard Wagners erinnernden Klänge wanderten durch die Instrumentengruppen des Orchesters, Höhepunkt des kurzen Stückes war das Violinsolo der Konzertmeisterin des Abends Seayoung Kim. Die Musik dieser Komposition greift zahlreiche Leitmotive auf, die d’Indy in seiner Oper verarbeitet hat. Trotz des Sujets der Oper (es geht um die Sarazeneneinfälle in Frankreich) wirkt die Musik in sich gekehrt und innig.

Als Gastdirigent übernahm Kevin Griffiths die Leitung des Abends. Er konnte schon mehrfach für Konzerte des Göttinger Orchesters gewonnen werden. Offensichtlich ist auch er ein Kandidat für die Chefrolle – für die er sich durchaus empfohlen hat. Und zwar auch als Conférencier: vor dem Klavierkonzert des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun (1907–1991) übte er mit dem Publikum den Rhythmus der anatolischen Volksweisen, die Saygun verarbeitet hatte.

Solistin war Gülsin Onay, die bei Saygun studiert hat. Onay war in früheren Jahren häufiger Gast in Göttingen, Volker Schmidt-Gertenbach hatte sie mehrfach verpflichtet. Nun gab es ein Wiedersehen und -hören mit dem effektvollen Klavierkonzert eines der bekanntesten türkischen Komponisten des 20. Jahrhundert. Griffiths ließ das Orchester kraftvoll aufspielen, ohne jedoch Onay akustisch zu überdecken. In den lyrischen Passagen konnten Matthias Weiß (Oboe), Matthias Mauerer (Klarinette), Ömür Kazil (Horn), Bettina Bormuth (Flöte) sowie die Hörner um John Feider besonders glänzen.

Die Musik von Ahmed Saygun ist zugänglich und zupackend. Und vor allem ist sie kurzweilig. Ständig gibt es neue Motive, neue Klänge und neue Rhythmen. Vor allem der zweite Satz verdeutlichte das Motto des Abends, hier wirkt Sayguns durchaus melancholisch. Nur schade, dass der Konzertgenuss zwischendurch arg getrübt worden ist:

„Aus dem Innersten“ der Stadthalle erklangen befremdliche Störgeräusche. Manch einer dachte, die Stadthalle würde bereits abgerissen werden. Einige Zuhörer verließen den Saal, um im Foyer irgendjemanden zur Ordnung zu rufen. Dort war aber alles friedlich. Chefdirigent Christoph Mathias Mueller entschuldigte sich nach der Pause öffentlich für die Störungen, deren Ursachen leider nicht gefunden seien. Inzwischen ist das Rätsel gelöst: ein Schwarm Krähen ließ sich auf dem Dach der Stadthalle nieder und machte sich an den Lüftungsrohren zu schaffen. Welche Symbolik – hatte doch wenigen Minuten zuvor der Rat der Stadt Göttingen den Teilabriss und die Grundsanierung des Gebäudes beschlossen.

Die Musikerinnen und Musiker waren durchaus irritiert, ließen aber in ihrem Ausdruck ebensowenig nach wie Gülsin Onay am Flügel. Begeisterter Applaus waren der Lohn, eine Zugabe mit einem Nocturne von Chopin der Dank der Pianistin.

Nach der Pause versprach das Programm „Bewährtes“: die 6. Symphonie von Pjotr Tschaikowski, die „Pathétique“. Kevin Griffiths unterstich seine Qualitäten aber auch hier und ließ eine geradezu aufregende Interpretation erklingen. Er forderte das Orchester in jedem Takt heraus und arbeitete die leidenschaftlichen Empfindungen dieser Musik heraus. Die klagende Einleitung im ersten Satz war subtil gestaltet, die machtvollen Schläge des Orchesters wenig später energiegeladen. Und so ging es in den Folgesätzen weiter. Klagen, Leiden, Verzweiflung und Tod – im Zuschauerraum der Stadthalle spürte man die Emotionen ganz direkt. Für die Instrumentalisten ist das Werk ohnehin besonders anstrengend, weil sie ständig auf das Höchstmaß gefordert sind. Kevin Griffiths die Qualitäten im Orchester voll genutzt und dementsprechend ein Höchstmaß an Qualität als Ergebnis bekommen.

Ergriffen waren offenbar auch die Krähen auf dem Dach. Schweigend hörten sie diese Interpretation, zumindest war von ihnen gottlob nichts mehr zu hören – sie müssen genauso ergriffen gewesen sein wie die Konzertbesucher, die das Orchester erst nach langem Applaus in das Wochenende entließen.

Konzert mit dem Bariton David Wakeham unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller

Tragische Liebesgeschichten wie die von Romeo und Julia faszinieren auch in ihrer musikalischen Ausdeutung. Das gilt ebenfalls für das berühmteste Liebespaar der Antike, Orpheus und Eurydike, dem das Göttinger Symphonie Orchester mit Joseph Haydns musikalischem Drama anlässlich der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen einen Opernabend widmet. Als Einstimmung auf die dramatischen Klangbilder hatte Christoph-Mathias Müller Werke von Berlioz, Mahler, Fomin und Strauss für das 5. Konzert im Philharmonischen Zyklus II zusammengestellt. Mit expressiven und poetischen Klangbildern über die Welt der großen Gefühle, wie sie das mythische Liebespaar und Shakespeares jugendliche Träumer bewegten.

Das Leitmotiv „Verklärung“, mit dem das Konzert in der Göttinger Stadthalle überschrieben war, knüpft unmittelbar an das Spielzeitmotto „Sehnsucht und Verklärung“ an, die ja auch das Thema Hoffnung anspricht oder die Frage der Glücksvisionen, auf die die beiden Paare vergeblich vertrauen. Umso mehr bezaubern diese Visionen zunächst in Hector Berlioz Symphonie dramatique „Romeo et Juliette“. Nach der Ouvertüre, in der Hörner und Posaunen das Duell der verfeindeten Familien Capulet und Montague dramatisch forcieren, wird die Liebesszene zum poetischen Sehnsuchtstableau. Aus der Tiefe des Raumes flüstern die Geigen das zarte Aufblühen der Gefühle herbei und werden darin von den Klarinetten und den Celli beflügelt. Es ist ein filigranes Klangbild, das Mueller hier mit den Musikern webt, mit all den Stimmen, von Herzklopfen, Scheu und Zuversicht, die immer wieder in Momenten von Andacht verweilen, wo die Stimmen einander zu bestaunen scheinen.

Die romantische Schwärmerei erfährt ihre tragische Erdung in Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“, der sein Liebesleid und sein zertrümmertes Seelenleben beklagt und auf seiner Wanderung ein trostreiches Echo herbei sehnt. Die inneren Zerreißproben seines Wanderers und sein existenzielles Ringen zwischen Leben und Tod verwandelt Bariton David Wakemann in einen Sturmlauf mit großem Pathos, als sei Mahlers verzweifelter Geselle in eine Wagner Oper geraten und müsse jeden Gedanken an eine lyrische Emphase wegblenden.

Dramatisch bewegend entfaltet sich auch Jewstignej Formins Suite aus seiner symphonischen Dichtung über Orpheus und Eurydike. Sie besänftigt zugleich den pathetischen Aufruhr, den Mahlers Lieder hinterlassen haben, wenn die Musiker mit der temperamentvoll anmutenden Ouvertüre eine Welt der stürmischen Leidenschaften beschreiben. In der darf die die Idee von der Leichtigkeit des Seins zwischen all den Gefühlstürmen und Bewegtheiten auch gern ein bisschen mitschwingen. Mit der Aussicht auf ein Adagio der zarten musikalischen Wellenbewegungen, wo die Klarinetten dem Ruf der Hörner an einen idyllischen Sehnsuchtsort beschwören, an den sich mit dem „Tanz der Furien“ ein musikalisches Gewitter anschließt. Götter, Geister und Dämonen und wie sich das antike Liebespaar heimsuchen, erscheinen in wunderbar expressiven Klangbildern.

Zu gewaltigen Eruptionen kommt es auch in der Tondichtung von Richard Strauss, der in „Tod und Verklärung“ auch an die Alptraumvisionen Goyas denken lässt und wie der Maler in seinen Zeichnungen Todesängste und Todeskämpfe zu reflektieren und zu bannen suchte. Doch Mueller lässt die Projektionsfalle nicht zuschnappen, die in den dramatischen symphonischen Verwerfungen lauert. Natürlich bewegt dieses expressive Klanggemälde auch emotional, wenn man dabei Motive von Krankheit, Fieberwahn, Todeskampf und Erlösung assoziiert, wie sie auch im Programm genannt werden. Aber nicht zuletzt verführt der Titel „Tod und Verklärung“ zu einer Deutung des Werkes, indem es an existenzielle Dimensionen rührt. Verklärung des Todes könnte es ebenso heißen und bewegt an diesem Abend gleichwohl als musikalischer Bildersturm der dramatischen Kontraste. Wie sich die Instrumente wechselseitig bestürmen und wie um jeden Ton leidenschaftlich gerungen wird. Auch für die Visionen eines gemeinsamen harmonischen Sehnsuchsortes fernab der Dissonanzen des Daseins.

Ein musikalisches Fest mit Beethovens Zeitgenossen im GSO Zyklus Wiener Klassik

Beim nächsten Paukenschlag könnte glatt das Dach der ehrwürdigen Universitätsaula abheben und auch dann, wenn die Geigen in Joseph von Eyblers „Follia di Spagna“ erneut im Temporausch ausschwärmen, beflügelt von Oboe, Flöte und Fagott. Diese Fassung der bekannten La Follia Variationen, die der Komponist „mit allen Instrumenten“ vorsah, berauscht ganz unmittelbar. Sogleich drängt sich die Frage auf, warum Eyblers leidenschaftlich dramatische symphonische Dichtung in den Klassik Charts nicht unter den Publikumsfavoriten anzutreffen ist. Dazu gesellt sich die Frage, wer war dieser Joseph von Eybler, dem sich das Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Reinhard Göbel hier mit großer musikalischer Emphase widmet.

Das 3. Konzert im GSO Zyklus „Wiener Klassik“ ist ein Glücksfall. Denn an diesem Abend werden noch weitere musikalische Schätze gehoben, die ein gemeinsames Motiv verbindet. „Beethovens Welt“. Ihre Schöpfer standen keineswegs im Schatten Beethoven, wie sie das Wiener Konzertleben prägten und mit ihm in vielfältigen musikalischen Korrespondenzen verbunden waren. Nur der Nachruhm war ihnen nicht vergönnt, der jetzt in der Aula am Wilhelmsplatz eine besonders schöne Auffrischung erfuhr: Dass es endlich an der Zeit ist, auch Franz Joseph Clement und sein d-Moll Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 wieder zu entdecken und Paul Wranitzkys für seine festliche D-Dur Symphonie zu feiern.

So wie Gastdirigent Reinhard Göbel mit den Musikern mit von Eyblers „Follia die Spagna“ ein furioses musikalisches Schauspiel voller Leidenschaft entfaltet, lässt er an Heine denken und wie der Dichter in seinem Buch der Lieder schwärmte. Über all das Flöten und Geigen oder das Klingen und Dröhnen von Pauken und Schalmeien. Auch wenn es in diesem Fall die Celesta ist, die nach den wunderbar pathetisch aufgeladenen Motiven mit den artistischen Höhenflügen der Streicher und der Bläser noch einen bezaubernd schwärmerischen Akzent setzt.

Auch Franz Joseph Clements Violinkonzert wird unter Göbel zum einem faszinierenden musikalischen Kraftfeld. Es sind abenteuerliche melodische Spannungsbögen, die Solistin Mirijam Contzen hier in den feinsten Schwingungen moduliert, leidenschaftlich und virtuos. Über Clement schrieb ein Zeitgenosse, dass sein Ton seelenvoll, erregend und schmelzend sei, seine schnellen Noten klar fließend und rein. Und dass es einem manchmal dünke, dass seine Seele in der Violine wohnt und in ihren Tönen zerfließt. So ließe sich auch die Wirkung umschreiben, die Miriam Contzen in den Zuhörern auslöst.

In feierlich festliche Stimmung begibt sich das GSO mit Paul Wranitzkys D-Dur Symphonie, die anlässlich der Hochzeit des Habsburger Erzherzogs Joseph mit der russischen Zarentochter Alexandra Pawlowna erstmals erklang. Wunderbar farbenreiche Bilder gestalten die Musiker mit den Stimmen von Pomp und Prunk, die den höfischen Glanz illustrieren. Umso mehr beschwingt Wranitzkys Symphonie in den heiteren Tableaus, wo das opulente festliche Aufgebot mit volkstümlichen Melodien und Tänzen kontrastiert wird. Ganz im Sinne Heines schmettern zum Finale natürlich auch die Trompeten in das Flöten und Geigen drein und werden von der Pauke bestärkt, wie schön sich ein musikalisches Fest mit Beethovens Zeitgenossen feiern lässt.

Mittwoch, 19 April 2017 18:35

Ein roter Faden mit dem Schweizerkreuz

Die Abschiedssaison von Christoph-Mathias Mueller mit dem Göttinger Symphonie Orchester

In seiner letzten Spielzeit-Pressekonferenz stellte Generalmusikdirektor Christoph-Mathias Mueller das Programm des Göttinger Symphonie Orchester der nächsten Saison vor. Dieses Programm ist vielleicht Muellers persönlichstes, denn es beinhaltet zahlreiche sehr persönliche Komponenten.

Mueller hat und pflegt zahlreiche Kontakte und Freundschaften zu Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt. Und so kommt es, dass immer wieder große Stars zu Gast in Göttingen waren. In der letzten Saison von Christoph-Mathias Mueller geben sie sich geradezu die Klinke in die Hand: Pianist Radu Lupu (13. April), Klarinettist Dimitri Ashkenazy (27. Oktober), die Sopranistin Simone Kermes („La Kermes“ am 25. Mai), Mandolinen-Spieler Avi Avital (31. Mai) – um nur ein paar Beispiele zu nennen. „Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass solche Persönlichkeiten nach Göttingen kommen“, betont Mueller nicht ohne Stolz. Die persönlichen Beziehungen, aber auch die Qualität und Menschlichkeit im Orchester sind der Grund für die zum Teil langjährigen Freundschaften. Wie zum Beispiel die mit dem Trompeter Reinhold Friedrich, der das GSO nach Bückeburg begleiten wird, wo der dortige Kulturverein 70jähriges Jubiläum feiert und das Orchester eingeladen hat.

Eine weitere sehr persönliche Leidenschaft von Mueller ist sein Interesse an Neuer Musik. Das Göttinger Publikum habe diese Leidenschaft aktiv mitgetragen, betont Mueller. Und so überrascht es nicht, dass eine Uraufführung auf dem Programm steht: der Schweizer Komponist Gérard Zinsstag widmet sein neues Klavierkonzert dem GSO-Chef, zu hören ist das Werk am 30. September.

Gar nicht so neu ist die Musik von Alexander Weprik. Als bekannt kann man die symphonische Musik des russischen Komponisten (1899-1958) dennoch nicht bezeichnen. Die von ihm im Gulag erlittenen Folterungen und Entbehrungen führten nicht nur zu seinem vorzeitigen Tod, sondern auch zur Verdrängung des Komponisten aus dem Musikleben. Mit einem Sonderkonzert am 2. September, das Mueller selbst als einer der Höhepunkte der Saison bezeichnet, soll diese „großartige Musik“ (so Mueller) dem Vergessen entrissen werden.

Eine große Klammer bildet das Werk von Gustav Mahler: im September 2005 stellte sich Mueller dem Göttinger Publikum mit der 5. Symphonie des österreichischen Komponisten vor. In diesem Jahr reizte der Dirigent mit der Aufführung der 3. Symphonie die Kapazitäten der Göttinger Stadthalle aus – und sein letztes Konzert in Göttingen wird die Aufführung der 2. Sinfonie, der „Auferstehungssymphonie“ am 29. und 30. Juni 2018 sein.

Typisch Mueller – ist dieses Konzert auch ein Beispiel für eine weitere Leidenschaft: immer wieder hat Mueller Kooperationen gesucht und gepflegt: zur Universität natürlich, aber auch zu den beiden großen Kantoreien, die bei diesem Konzert beide mitwirken. Und erstmals gibt es eine Kooperation mit dem Symphonieorchester Thorn. Seit 40 Jahren gibt es die Städtepartnerschaft mit der polnischen Stadt und erstmals diese Kooperation der beiden Orchester. Außerdem sind an den Abenden Lin Lin Fan (Sopran), Ingeborg Danz (Alt) und Samuel Hasselhorn (Bariton) zu hören. Vorweggeschickt wird Mahlers Symphonie das „Stabat Mater“ von Karel Szymanoswki, in dem der Komponist sich musikalisch auf seine slawischen Wurzeln besinnt, gleichzeitig aber auch im zweiten Satz Carl Orffs „Carmina burana“ vorwegnimmt.

Eine ganz persönliche Note zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison: ein roter Faden mit dem Schweizerkreuz. Die Uraufführung von Gérard Zinsstag, mit dem Mueller schon seit 1996 verbunden ist, ist bereits genannt. Ein Gastspiel des GSO in der Schweiz folgt im Sommer, wo das Orchester auf Initiative ihres schweizer Dirigenten zum Festival nach Murten eingeladen worden sind. „Ich weiß ja, wie gerne die Orchestermusiker in die Schweiz reisen. Die Schweiz ist ein schönes Land, wie wir alle wissen.“ Und hat zudem auch ihre eigene Kultur, weshalb ein eigener Abend im Rahmen der Reihe „Kulturelle Begegnungen“ dem Heimatland Muellers gewidmet ist. „Da darf natürlich das „Schwyzerörgeli“ nicht fehlen“, betont Mueller. Man darf auf die Arrangements von diesem speziellen Akkordeon mit einem Symphonieorchester gespannt sein.

Das Saison-Motto „Neue Ufer“ beinhaltet aber auch viel Neues: es kommen Künstler, die noch nicht in Göttingen aufgetreten sind. Zum Beispiel einige Dirigenten, die als Gast das Orchester dirigieren werden. „Der Grund ist ja allen klar“, kommentiert Mueller den Grund, dass er selbst zunächst nicht so häufig am Pult stehen wird.

Mit diesem Programm verabschiedet sich Mueller nach 13 Jahren aus Göttingen. Wehmut soll allerdings nicht aufkommen. „Deshalb habe ich den Abschied an den Anfang gelegt: Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ (mit Cécile van de Sant) eröffnet den Philharmonischen Zyklus I am 30. September. Der sechste und letzte Satz heißt „Der Abschied“.

„Um mich müssen Sie sich keine Sorgen machen“, meinte Christoph-Mathias Mueller gut gelaunt auf die Frage, wo denn seine neuen Ufer künftig zu verorten seien.

Das Saisonprogramm finden Sie als Spielzeitheft an vielen Stellen der Stadt, das Programm selbst schon bald hier auf den Seiten des Kulturbüros.

GSO-Serenade mit Igor F. Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ -

Wer Stillleben mag, wird auch dieses Stück mögen.

Auf einfache Weise erzählt es, was alle Welt doch weiß: Begehre nicht mehr, als Du bereits hast. Jeder verändert sich im Laufe der Zeit. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.

Die Lehre ist alt – beherzigen jedoch scheinen die Menschen sie wenig, sonst wäre es nicht immer wieder in allen Formen in Kunst oder Religion gegossen worden. Ein Vanitas-Bild in Tönen also ist Igor Strawinskys Musiktheaterwerk „Die Geschichte vom Soldaten“. Das 1917 nach einem Text von Charles-Ferdinand Ramuz (Übersetzung H. Reinhardt) in der Schweiz entstandene und uraufgeführte Stück hat mit dem damals noch tobenden Weltkriege nichts zu tun, sondern basiert auf zwei russischen Märchen aus der Sammlung A. Afanassjews. Gleichwohl hinterließ der Krieg seine Spuren: Beschränkungen für das Kulturleben sind verantwortlich für die Besetzung des Wanderbühnenstücks. Ein Vorleser, zwei Schauspieler, eine Tänzerin und sieben Instrumente.

Die Beschränkungen der heutigen Zeit sorgen an diesem Abend für weitere Reduktionen. Aus den drei Sprechrollen wird flugs eine (Peter Christoph Scholz (JT)), die Rolle der Prinzessin (Tänzerin) überlässt man „der Fantasie des Publikums“, wie der Programmzettel verkündet. Tempi passati. Klarinette, Fagott, Kornett, Posaune, Schlagwerk, Violine und Kontrabass werden Gott sei Dank nicht der Phantasie überlassen, sogar der Chef, Christoph-Mathias Mueller, selbst steht am Pult.

Ein Soldat auf dem Rückmarsch tauscht seine Geige mit Teufel gegen ein Buch, welches großen Reichtum verspricht. Wir ahnen, das wird etwas kosten und so ist es: Er verliert Zeit und Liebe; wird reich, aber unglücklich. Später, in fernem Lande, wünscht er die kranke Prinzessin durch sein Geigenspiel zu heilen. Er entwindet durch List dem Teufel das Instrument – heilt die Prinzessin, sie werden ein Paar, doch seine Heimat kann er dafür nicht mehr betreten. Am Ende wagt er es dennoch und wird vom Teufel bereits erwartet.

Eine Stunde dauert dieses Werk. Die gut einhundert Hörer/innen im Alten Rathaus sind sichtlich angetan, anders ließe sich der kräftige, langanhaltende Applaus nicht erklären. Uns ergeht es nicht anders – zu gut ist das Werk; zu gut wird es aufgeführt.
Peter Christoph Scholz trennt die Rollen Vorleser/Teufel/Soldat durch Stimmton deutlich, doch nicht übertrieben: Dem Wechsel zwischen den Rollen lässt sich somit gut folgen. Die Tänzerin vermissen wir natürlich, hier ist eben die Phantasie gefragt. Am musikalischen Teil gibt’s nix zu vermissen. Glasklar stehen Rhythmus, Artikulation bei den vielen Märschen im Raum. Da wackelt nichts, ist schneidend scharf wie ein frisch abgezogenes Messer. Die technischen Schwierigkeiten – sie mehren sich im letzten Drittel des Abends – werden souverän gemeistert. Bläser und Violine sind ein wenig mehr als Bass/Schlagwerk gefordert, doch sorgen letztere für die nötige Unerbittlichkeit im Bereich Rhythmus. Schön zu sehen, wenn am Ende – das Schlagwerk allein bleibt übrig – das Dirigat auf das Können des Musikers vertraut und gelassen aufs Taktdurchschlagen verzichten kann.

Die „Drei Tänze“ (Tango, Walzer, Ragtime) sind sicherlich der musikalische Höhepunkt, doch der innigste Teil bleibt der „Große Choral“: Über dem Klangflächengeschrummel der beiden Streicher - zwischen die Choralstrophen der Bläser geschoben - erklingt die Moral „Man soll zu dem, was man besitzt, begehren nicht, was früher war. Man kann zugleich nicht der sein, der man ist und der man war. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.“
Amen.

Klarinette: Manfred Hadaschik
Fagott: Ömür Kazil
Kornett: Tobias Lehmann
Posaune: Roman Usenko
Schlagwerk: Johannes Karl
Violine: Natalia Scholz
Kontrabass: Holger Michalski
Sprecher: Peter Christoph Scholz
Leitung: Christoph-Mathias Mueller

Sonntag, 02 April 2017 16:59

Dirigent und Orchester trumpfen auf

Eugene Tzigane, Henriette Bonde-Hansen und das Göttinger Symphonie Orchester beim Promenadenkonzert in der Stadthalle

Promenadenkonzerte haben ihren inhaltlichen Schwerpunkt üblicherweise in leicht zugänglichen, heiteren Programmen. Dieser Tradition folgt auch das Göttinger Symphonie Orchester in seinem Zyklus „Promenade“. An dem Abend mit dem Motto „Ich bin verliebt“ erklangen Arien und Orchesterwerke von Otto Nicolai, Franz Lehár, Richard Strauss und Antonín Dvořák. Als Gäste waren die dänische Sopranistin Henriette Bonde-Hansen und der amerikanische Dirigent Eugene Tzigane eingeladen.

Tzigane war bereits in der vergangenen Saison als Gastdirigent in Göttingen (siehe hier die Besprechnung im Kulturbüro). Wie schön, dass die Hoffnung aus dem letzten Jahr, Tzigane möge bald wiedereinmal in Göttingen dirigieren, sich so bald erfüllt hat. Schon damals überzeugte der junge Dirigent (Jahrgang 1981) mit unglaublich präzisem Dirigat und starker Ausdruckskraft.

Was mit der Ouvertüre zu „Die lustigen Weiber von Windsor“ spielerisch leicht begann, entwickelte sich später zu einem rasanten Feuerwerk. Zunächst aber betrat die „dänische Nachtigall“ (so Tzigane in seiner Moderation) Henriette Bonde-Hansen die Bühne. Sie sang Sonjas Lied „Einer wird kommen“ aus Lehárs Operette „Der Zarewitsch“. Man konnte Bonde-Hansens Qualität, die ihren Weltruf begründet, durchaus erahnen. Die Akustik der Göttinger Stadthalle machte dem Genuss aber ein klein wenig ein Strich durch die Rechnung: der Klang der wunderschönen Sopranstimme verlor sich schnell im großen Saal; auch war in keiner Weise hörbar, in welche Sprache die Arie gesungen wurde. Auf Dänisch vielleicht? Als ob an dem Abend bewiesen werden sollte, dass eine Rundum-Sanierung der Stadthalle auch aus künstlerischer Sicht wirklich notwendig ist.

Dasselbe galt auch für „Ich bin verliebt“ aus der Operette „Schön ist die Welt“. Eugene Tzigane bereitete mit dem Göttinger Symphonie Orchester den Teppich aus, auf dem Henriette Bonde-Hansen die schönen Melodien präsentieren konnte. Zum Dahinschmelzen!
Im Slawischen Tanz Nr. 2 von Antonín Dvořák konnten Dirigent und Orchester zeigen, was in ihnen steckt: Tzigane bildte große Bögen, variierte Tempo und Dynamik und gab so den Musikern die Möglichkeit, Klangfülle und Emotionen zu entfalten.

Hoch emotional wurde es bei den Liedern von Richard Strauss. Dass Bonde-Hansen statt der vier angekündigten nur drei der Lieder erklingen ließ, verschmerzte das Publikum schnell. Denn nach dem großen Beifall erklang als Zugabe die berühmte Arie „An den Mond“ aus der Oper „Rusalka“ von Dvořák.

Ausgelassen ging es nach der Pause mit Dvořák weiter: in der Karneval-Ouvertüre zeigte Eugene Tzigane sein Temperament. Das Orchester folgte der Einladung gerne und setzte hier und da auch solistische Glanzpunkte. Erwähnt seien hier Viorel Bindila am Englisch Horn oder Wojtek Bolimowski an der Violine.

Zum krönenden Abschluss eines unterhaltsamen und gelungenen Abends erklang „Das goldene Spinnrad“. Spontan ließ Tzigane einige Motive von den Instrumentalisten vorspielen. Denn in der märchenhaften Geschichte, die ein wenig an den „Aschenbrödel“-Stoff erinnert, hat jede Figur ihr eigenes Motiv. Dirigent und Orchester trumpften noch einmal großartig auf.

Schon mit dem obligatorischen Blumenstrauß in der Hand entschied sich Tzigane, die vorbereitete Zugabe. Den Slawischen Tanz Nr. 8 konnte Tzigane aber auch mit einer Hand dirigieren. Bestens gelaunt servierte das Orchester diesen wilden, mitreißenden Tanz mit dem symptomatischen Rhythmus.

Auch dem Chefdirigenten Christoph Mathias Mueller hat der Abend gefallen – begeistert applaudierte auch er von seinem Platz im Rang. Es ist sicher keine Fehlinterpretation, wenn man das Konzert als ein Bewerbungsdirigat von Eugene Tzigane bezeichnet. Sollte er das Rennen machen und Muellers Nachfolge antreten, könnte man ihn noch häufiger in Göttingen hören. Das wären keine schlechten Aussichten!

Sonntag, 26 März 2017 10:15

Große Qualität im Orchester

Serge Zimmermann, Alexander Merzyn und das Göttinger Symphonie Orchester

Mit der Ouvertüre sowie dem „Reigen seliger Geister“ aus der Oper „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck wollte der Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller einen kleinen Vorgeschmack auf die gleichnamige Oper von Joseph Haydn geben, die am 27. und 28. Mai in der Göttinger Stadthalle unter anderem mit Simone Kermes aufgeführt wird.

Das konnte Mueller bei dem Konzert im Philharmonischen Zyklus I mit dem Göttinger Symphonie Orchester nicht selbst tun, kurzfristig ist der junge Dirigent Alexander Merzyn (Jahrgang 1983) eingesprungen. Diese eigentlich undankbare Herausforderung nahm Merzyn unbekümmert und sichtlich gut vorbereitet an. Das wurde im späteren Verlauf des Konzertes mehr als deutlich.

Bei der Musik von Gluck zeigte sich bereits, dass das Orchester bestens aufgelegt war. Hier sei besonders Bettina Bormuth hervorgehoben, deren Flötensolo im „Reigen seliger Geister“ anrührend schön war.
Ungleich größer war die Herausforderung im Violinkonzert von Alban Berg. Das gilt natürlich nicht nur für den Dirigenten, sondern in erster Linie für den Solisten. Serge Zimmermann (Jahrgang 1991) zeigte nicht nur große technische Fertigkeiten (zum Beispiel absolute Sauberkeit in den allerhöchsten Lagen oder auch komplizierte Doppelgriffe mit weiten Intervallsprüngen) sondern auch großes Einfühlungsvermögen in die Musik. Schon der Pianissimo-Einstieg in das Werk machte hellhörig. Die Qualität des Vortrags wurde vor allem im Verlauf dieses Violinkonzertes deutlich: während der erste Teil eine gewisse Jugendlichkeit widerspiegelt, zeigte Zimmermann im zweiten Teil eine erstaunliche Reife: der Todeskampf von Manon Gropius (der Tochter von Alma Mahler-Werfel), den Berg hier vertonte, war förmlich zu spüren. Als dann von den Holzbläsern der Bach-Choral „Es ist genug“ erklingt, wurde die Widmung des Komponisten im gesamten Saal spürbar, ja förmlich greifbar: „Dem Andenken eines Engels“, der auch der gesamte Abend seine Überschrift „Engelsgesang“ verdankte“.

Und was machte Alexander Merzyn? Er führte umsichtig das groß besetzte Orchester durch die Partitur und lud die Musiker ein, diese Musik zu gestalten. So wie der Komponist Alban Berg den Zuhörer an die Hand nimmt und ihm die Zwölftonmusik nahebringt, nahm Merzyn das Orchester an die Hand und gab ihm und dem Solisten die Freiheiten, um die Musik auszugestalten.

Mehr eigene Freiheiten erlaubte sich Merzyn in der abschließenden „Großen C-Dur-Symphonie“ von Franz Schubert. Als Beispiel sei der Moment genannt, in dem gerade keine Musik erklang: die Generalpause im zweiten Satz, unmittelbar nach dem Forte-Fortissimo-Höhepunkt im Orchester, kostete Merzyn derart lange aus, dass die Anspannung im Publikum nahezu unerträglich wurde. Ein faszinierend beklemmender Effekt. Aber auch sonst setzte Merzyn die dramatische Vielfalt dieser Symphonie in allen Belangen um. Nur der Beginn gehörte nicht ihm: das Thema der Einleitung der Symphonie wird von den beiden Hörnern unisono vorgetragen. Diese musikalisch exponierte Stellung der Instrumente wurde auch noch visualiert: nach dem groß besetzten Violinkonzert wirkten die beiden Hörner an ihren Plätzen wie vergessen. John Feider und (als Gast) Sven Rambow gestalteten ihren Part bravourös und bildeten damit den Grundbaustein für diese Symphonie, in der das Göttinger Symphonie Orchester einmal mehr seine große Qualität unter Beweis stellte.

Sonntag, 19 März 2017 07:49

Musikalische Inselfreundschaften

Konzert im „Zyklus Wiener Klassik“ mit dem Göttinger Symphonie Orchester

Dass in Italien und in Frankreich was zu hören sei und in England was zu verdienen, hatte der Musikschriftsteller Johann Mattheson 1713 notiert. Für Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel sollte sich seine Ansicht später auch bestätigen. Die beiden Komponisten genossen die Gunst des Londoner Publikums zeitweilig auch sehr ertragreich. Das wäre auch Wolfgang Amadeus Mozart zu wünschen gewesen, dessen Inselträume sich nie realisieren sollten und erst recht Thomas Linley, dem einzigen britischen Vertreter beim zweiten Konzert das Göttinger Symphonie Orchesters in der Reihe Wiener Klassik.

Unter dem Motto „Mozart und England“ widmeten sich die Musiker mit Christoph Mathias Mueller diesen musikalischen Inselfreundschaften um Abel und Bach, Linley und Mozart, um dem Musikkritiker Mattheson auch ein bisschen zu widersprechen. Was es da alles zu hören gab und gibt im ehemals zahlungskräftigeren England und eben nicht nur im sonnigen Bella Italia und in den königlich französischen Kreisen. Zunächst eine charmante Ouvertüre mit viel Esprit aus der Feder des damals 19jährigen Thomas Linley Junior, die in heiteren Farben auf die komische Oper „The Duenna“ einstimmt. Im zweiten Satz scheinen die Bläser fast zu witzeln über diese Verwechselungskomödie mit den vielen Tarnmanövern, die am Ende gleich drei Paaren das ersehnte happy end beschert.

Das war dem Komponisten nicht vergönnt, den Moderatorin Dorothea Schröder in ihrer biografischen Skizze beschreibt. Das musikalische Wunderkind, das zunächst als Geigenvirtuose gefeiert wurde und schon bald mit seinem Vater gemeinsam komponierte, starb mit 22 Jahren bei einem Bootsunfall auf der Themse. Auch von der Begegnung zweier Wunderkinder in Italien berichtet Schröder, mit der Freundschaft zwischen Linley und Mozart, die in eine freundschaftliche Korrespondenz mündete.

Viele biografische Notizen ranken sich auch um die Inselfreundschaft wie sie Carl Friedrich Abel und Johann Christian Bach teilten, als erfolgreiche Komponisten und auch als Konzertmanger und als kreative Köpfe eines Künstlerkreises, der sie mit dem Maler Thomas Gainsborough besonders freundschaftlich verband. Weniger ausführlich hätte sich mancher Zuhörer die kenntnisreichen und sehr detaillierten Kommentare der Musikwissenschaftlerin gewünscht. Doch dann beschwingte das GSO mit Abels Es-Dur Symphonie, wie sie einst auch in den Londoner „Hanover Square Rooms“ erklang, straight forward in den melodischen Wendungen, schwungvoll und kurzweilig. Auch in Johann Christian Bachs B-Dur spüren Mueller und sein Orchester den besonderen Talenten des Komponisten und Konzertmanagers nach und wie er sein Londoner Publikum zu unterhalten wusste. Mit Motiven, die ebenfalls heiter und beschwingend anmuten, um dann eine elegante Wendung nehmen, die in ein kurzweiliges, charmantes Finale münden.

Mit Mozarts Konzert für Klavier und Orchester bekommt die musikalische Inselfreundschaft auch eine poetische Stimme, in die Esther Walker am Flügel sanft zum Leuchten bringt. Voller Anmut klingen selbst die dramatischen Motive des ersten Satzes und so ganz ohne virtuose Emphase, die dann in zarte, mitunter zerbrechlich wirkende Melodielinien münden, die die Pianistin zu einem intimen Klangkosmos verwebt. Es sind oft nur Momente, in denen die Motive dann dramatisch bewegend ausbrechen. Auch dann begegnen sich Klavier und Orchester wie freundschaftliche Gefährten, die auf den Klangraum ihres Gegenübers vertrauen, offen für all die Echos, die er bei ihnen auslöst. Es ist das gemeinsame für sich sein, das die Musiker in Mozarts Klavierkonzert hier bekunden. Auch als Widmung für diese ganz besonderen musikalischen Inselfreundschaften.

Sonntag, 05 März 2017 09:09

Ein Bild in großer, lichter Harmonie

3. Sinfonie in d-Moll von Gustav Mahler mit dem Göttinger Symphonie Orchester und Christoph-Mathias Mueller
Nicholas Milton dirigierte das Göttinger Symphonie Orchester

„Dramen in Tönen“ lautete die Überschrift des 3. Konzertes im Philharmonischen Zyklus I des Göttinger Symphonie Orchesters. Und hochdramatisch fing dieses Konzert auch gleich an: unter der Leitung von Nicholas Milton erklang die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 von Ludwig van Beethoven. Hier fasste der reife Beethoven seine Oper „Fidelio“ in unglaublicher Dichte zusammen. Und diese Dichte nahm Milton auf: er trieb das Göttinger Symphonie Orchester immer wieder zu eruptiven Gefühlsausbrüchen und dramatischen Wendungen an. Die Musikerinnen und Musiker folgten dem emotionalen, zugleich aber sehr exakten Dirigat zu jedem Zeitpunkt. So entstand eine packende Interpretation in einer Dramatik, wie man diese Ouvertüre nur selten erlebt.

Im Konzert für Tuba und Orchester des britischen Komponisten Ralph Vaughan Williams (1872-1958) ging es etwas weniger dramatisch zu. Vaughan Williams ist in seinem Kompositionsstil sehr traditionell, ja beinahe ein wenig rückwärtsgewandt. Im Mittelpunkt des Konzertes stand vor allem das Soloinstrument: die Tuba gehört wahrlich nicht zu den klassischen Instrumenten für Solokonzerte. Und aus den wenigen Konzerten für dieses scheinbar schwerfällige Instrument ragt das Konzert Vaughan Williams durchaus hervor. Solist des Abends war Rubén Durá de Lamo. Er ist 1986 geboren, hat in Hannover studiert und war im Jahr 2013 Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs – außerdem war Rubén Durá de Lamos schon häufiger als Gast bei Konzerten des GSO dabei. Mit dem Tubakonzert glänzte das junge Talent und zeigte, wie virtuos eine Tuba gespielt werden kann. Er entfaltete eine erstaunliche Dynamik und Vielfalt im Ausdruck. Wahre Begeisterungsstürme entfachte er jedoch mit seiner Zugabe, dem Stück „Fnugg“ des norwegischen Tubisten und Komponisten Øystein Baadsvik (*1966). Unglaubliche Klänge kamen aus dem Schalltrichter dieses Großinstruments, Obertöne, Flatterzunge, mehrstimmige Klänge teils mit Gesang – Durá de Lamos meisterte die hohen Anforderungen im wahrsten Sinne des Wortes spielend. Nicht zuletzt sorgten auch die Beat-Elemente im Stück für beste Laune.

Nach der Pause wurde es wieder sehr dramatisch. Die Klarinetten trugen zu Beginn der 5. Sinfonie von Peter Tschaikowsky das Schicksalsmotiv klagend vor – wunderbar gespielt von Manfred Hadaschik. Tschaikowky bereitete die dramatischen Steigerungen des Werkes kunstvoll in seiner Komposition vor. Was aber das Orchester und Nicholas Milton daraus machte, war begeisternd: die starken Rhythmen, die lyrischen Themen, von gewaltigen Ausbrüchen jäh unterbrochen, waren ebenso mitreißend wie die verträumten, romantischen Themen (zum Beispiel im Hornthema des zweiten Satzes. Großartig: John Feider). Tschaikowskys „Fünfte“ gehört zu den Standardwerken in den Konzerthäusern. Bei Musik, die man so häufig hören kann, erlebt man eher selten neue und nachhaltige Interpretationen. Am Freitagabend war dies der Fall! Zahlreiche Bravi und anhaltender Applaus waren der Lohn des Abends.

Nicholas Milton nahm das Konzertmotto beim Wort und wühlte die Emotionen im Publikum und eben auch im Orchester gewaltig auf. Selten spielten sich solch dramatische Szenen in der Göttinger Stadthalle ab. Und sollte Milton als Gastdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters zugleich auch Kandidat für die Nachfolge von Christoph Mathias-Mueller als Chefdirigent sein, dann kann man nur resümieren: Milton hat sich mit diesem Konzert mit Sicherheit in die engere Wahl dirigiert.

Das GSO mit der "Kulturellen Begegnung" im Deutschen Theater

Musik spricht eine Sprache, die von allen verstanden wird und doch setzt jede Kultur einen eigenen Akzent. „Kulturelle Begegnungen“ heißt der dreiteilige, musikalische Zyklus, in dem Musik aus fremden Ländern vom Göttinger Symphonie Orchester (GSO) im Deutschen Theater aufgeführt wird. Am Sonntag, dem 12.2.2017 wurde der Zyklus für dieses Jahr mit der Perspektive USA angestoßen.

Unter der Leitung des Dirigenten Garret Keast spielte das GSO fünf Stücke amerikanischer Komponisten, die den Zeitgeist der USA in einer Spanne von mehr als 100 Jahren hörbar machten.

Zuerst erklangen die ersten drei Sätze von Edward MacDowells „Indian Suite“. Dieser in Europa ausgebildete und stark von Franz Liszt geprägte Komponist griff in dieser Suite das wachsende Interesse an den amerikanischen Ureinwohnern und der Bewahrung ihrer Kultur auf. Mit einer beispielhaften Fülle an Melodielinien vertonte er Themen wie Ernte, Liebe und Krieg. Dabei bedient er sich oft originaler Melodien der Indianer und flocht sie in seine Klangnetze ein.

Als nächstes wurde Putnam's Camp von Charles Ives, dem einzigen nicht in Europa ausgebildeten Komponisten des Abends, gespielt. Dieses Stück feuerte eine Salve an verschiedensten patriotischen Melodien ab. Obwohl diese experimentelle Musik die Gefahr birgt, in einem Klangwirrwarr zu versinken, konnte Garret Keast den Tönen eine klare Führung geben und so mit diesem abstrakten Stück amüsieren.

Die nächste Begegnung war mit Aaron Copland. In seinem Stück „Appalachian Spring“ vereinigte er Elemente von Folk, geistigen Werken, Tänzen und bekannten Liedern und schuf eine Klangwelt, die die berühmte amerikanische Freiheit und das Motto des Optimismus „anything goes“ aufleben ließ.

„Banjo und Fiddle“ von William Kroll sorgte für den virtuosen Höhepunkt des Abends. Das Banjo gilt als „Bardeninstrument der Cowboys“ und stammt ursprünglich aus Afrika. In diesem Stück mimte eine Geige beide Instrumente: das Banjo durch flinkes Pizzicato und die Fiddle durch quirliges Streichen.

Zum Abschluss erklangen Ausschnitte aus dem berühmten Musical „West Side Story“ von Leonard Bernstein. Diese Musical erzählt nicht nur eine berührende Liebesgeschichte in Mitten von rivalisierende Gangs in New York, sondern wartet auch mit herrlicher Musik auf. In jedem Stück breitete sich ein Fächer an Emotion aus, geschwungen von fließenden Harmonien und packenden Rhythmen.

Der Abend wurde von Marianne Betz moderiert. Sie stellte jeden Komponisten vor und erläuterte den Hintergrund jedes Stückes im zeitgeschichtlichen, gesellschaftlichen und musikalischen Rahmen. Das machte die Darbietung auch informativ. Garret Keast legte bei seinen Interpretationen Wert auf intensiven Ausdruck und passende Klangfarbe. Die Dynamik überzeugte und verlieh den Werken einen heiteren, auflebenden Charakter. Das GSO spielte mit gewohnter Klasse und Sicherheit, hätte sich aber gemeinsam mit dem Dirigenten noch feiner abstimmen können.

Der Tenor des Abends war die Vielfalt. Die Diversität der amerikanischen Kultur fand sich in der Musik wieder. Jeder Komponist war eigen und jedes Stück entfaltete eine reich gemischte Klangwelt. Die USA wurde und wird definiert und gezeichnet von Vielfältigkeit. Damit hatte dieser Abend eine Botschaft, die man besonders in diesen Zeiten nicht vergessen sollte.

Im nächsten Teil des Zyklus am 9. April 2017 können Sie den Britischen Inseln begegnen. Besser gleich Karten vorbestellen bevor sie weg sind.

Montag, 06 Februar 2017 09:23

Eine Vorschau auf den Frühling

Das Göttinger Symphonieorchester musizierte Bartok und Liszt

„Das ewig Weibliche“, so lautete das Motto des Konzerts im Philharmonischen Zyklus des Göttinger Symphonie Orchesters, in dem zwei Werke mit großen Kontrasten auf dem Programm in der vollbesetzten Stadthalle standen. Das Motto war dem Chorpart der Faust-Symphonie von Franz Liszt entnommen, die im zweiten Teil des Konzerts zu hören war. Zu Beginn stand das dritte Klavierkonzert von Béla Bartók auf dem Programm. Solist war der vielfach ausgezeichnete Pianist David Kadouch, der mit seinem transparenten Spiel und den Naturmotiven im ersten Satz Frühlingsstimmung aufkommen ließ. Denkt man bei Bartok an stark rhythmisch und motorisch geprägte Musik, enttäuschte der melodische zweite Satz diese Hörerwartungen. Kadouch machte die fast meditative Ruhe dieses Satzes zum Hörerlebnis, um dann im dritten Satz seine ganze Virtuosität voller Leichtigkeit auszuspielen.

Das GSO war unter der inspirierenden Leitung von Christoph-Mathias Mueller ein kongenialer Begleiter des Solisten. Als Zugabe spielte Kadouch Debussys „Clair de lune“ und bedankte sich so für den enthusiastischen Applaus des Publikums.

Kommt das Thema auf Goethes Faust, denkt man in dieser Jahreszeit an den Osterspaziergang - den hatte das Klavierkonzert mit seinen Naturmotiven bereits vorweggenommen. Die Symphonie widmet sich in den ersten drei Sätzen den Charakterstudien von Faust, Gretchen und Mephisto. Starke Kontraste von zarter Innerlichkeit bis zu dämonischem Kampf sind in den Sätzen angelegt und fordern von den Musikern große Spannungsbögen und immer wieder solistische Passagen. Hier zeigte sich die Qualität des GSO in allen Stimmgruppen. Besonders ist das Oboensolo von Tiago Coimbra hervorzuheben, der im zweiten Satz mit Atsushi Komatsu-Hayakawa (Viola) ein hinreißendes Liebesduett spielte. Der Schlusschor im vierten Satzes der Symphonie wurde für die Uraufführung ergänzt, um das Werk festlich enden zu lassen. Der glänzend aufgelegte Tenor Clemens Löschmann und die vereinten Männerstimmen aus der Göttinger Stadtkantorei und der Kantorei St. Jacobi ließen das Werk feierlich mit „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“ enden - was ein Frauenchor aus Mitgliedern beider Kantoreien im GSO-Konzert am 3. und 4. März mit Mahlers Symphonie Nr. 3 erwidern wird. Mit einem langanhaltenden, begeisterten Applaus bedankte sich das Publikum bei den Musikern.

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