Punkte neu 30 transparentWillkommen im Kulturbüro Göttingen - Ihrem Veranstaltungsportal für Göttingen

Freitag, 10 November 2017 23:09

Wir haben ja noch nie über Zahlen gesprochen

Das Deutsche Theater und sein Aufsichtsrat präsentiert aktuelle Zahlen – und eine Verlängerung des Vertrags mit dem Intendanten

Sonntag, 24 September 2017 17:33

Wenn das Mitgefühl auf der Strecke bleibt

Premiere für „Fräulein Agnes“

Eine zweite Amtszeit wird im Aufsichtsrat empfohlen

Nachwuchsförderpreis im Deutschen Theater vergeben

Freitag, 05 Mai 2017 10:09

Das ist mal wieder typisch

Vorstellung der Spielzeit 2017/2018 im Deutschen Theater

Das ist mal wieder typisch für Erich Sidler. Der Intendant, sein Chefdramaturg Matthias Heid und die Dramaturgin Sara Oertel stellten das neue Programm gemeinsam mit der Leitung des Kinder- und Jugendtheaters vor.

Das Programm in Sidlers vierten Spielzeit trägt eindeutig seine Handschrift. In den neuen Produktionen wirft das Deutsche Theater immer wieder einen kritischen Blick auf seine Außenwelt. Schon der Beginn der Spielzeit greift aktuelle Themen auf. „Nach der Wahl von Donald Trump tauchte das Buch von George Orwell „1984“ wieder in den Bestsellerlisten auf. Und auch hierzulande stieg die Nachfrage nach diesem Titel an“, erläuterte Sidler die Aktualität dieses Buches. Eine Bühnenfassung davon bringt das DT ab dem 19. August auf die Bühne. Wobei „Bühne“ nicht ganz stimmt: Spielort ist die Tiefgarage des Hauses, wo das Stück für drei Wochen „en suite“ gespielt wird.

Andere Themen sind die Terrorgefahr („Himmel“ von Wajdi Mouawad, Regie Brit Bartkowiak, Premiere im September) oder der Klimawandel („paradies fluten“ von Thomas Köck, Regie Katharina Ramser, Premiere im Februar). Im Programm geht es um Kinderrechte („Malala“ von Nick Wood), und auch der Titel „America First“ (Uraufführung, von Christoph Klimke, Premiere im Dezember) verheißt Aktualität. Wobei es hier um Marylin Monroe geht, der „Mutter aller Gesichtskorrekturen“. Monroe lebt und ist im Stück 60 Jahre alt. Insofern sind ihre aktuellen Beziehungen zu den politischen Akteuren der Macht topaktuell.

„America First“ ist eine Musikproduktion, ebenso wie die Adaption von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ von Duncan Sheik und Steven Slater. Das Stück mit dem Titel „Spring Awakening“ beschließt die Saison – ebenso wie der Start wird das Stück „en suite“ gespielt, also drei Wochen am Stück, diesmal allerdings auf der großen Bühne im DT1. „Das ermöglicht uns, ein opulentes Bühnenbild zu realisieren, das nicht jeden Abend abgebaut werden muss“, so Intendant Sidler.

Musikalisch geht es auch in der Produktion „Tosca“ zu, die im April Premiere haben wird. Victorien Sardous Geschichte aus dem Jahr 1887 ist vor allem durch Puccinis Oper bekannt, das Stück, mit dem sich Sarah Bernhardt unsterblich gemacht hat, liegt inzwischen in einer Neuübersetzung vor. In der Inszenierung von Joachim Schloemer wird auch Puccinis Musik erklingen.

„Die Lehrer haben deutlich den Wunsch nach einem deutschen Klassiker geäußert“, begründete Erich Sidler die Wahl von Lessings „Emilia Galotti“. Im Januar hat das Stück Premiere, das im selben Jahr auch Abiturthema in Niedersachsen ist.

Wieder entdeckt werden kann der Klassiker „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco (Premiere im April). Und auch hier ist das Sujet sehr aktuell: die Gesellschaft verändert sich zum Schlechten – und kaum einer bemerkt dies. Ionescos Kritik an totalitären Regimen war lange Zeit von den Spielplänen der Theater verschwunden. Es ist bedrückend, dass in Europa solche Themen wieder aktuell werden.

„Wir brauchen zwischendurch auch etwas zum Lachen“, meinte Sara Oertel und stellte die Komödie „Willkommen“ von Lutz Hübner vor (Premiere am 10. März). In dieses Genre sind auch die Produktionen „Gespräch wegen der Kürbisse“ von Jakob Nolte und „Winnetou und der halbe Abt“ von Lars Wätzold einzuordnen.

Die erste Premiere der neuen Spielzeit im Großen Haus bezeichnet sich ebenfalls als Komödie: am 22. September feiert „Fräulein Agnes“ von Rebekka Kricheldorf die Uraufführung im DT1. In dieser neu interpretierten Version von Molieres „Misanthrop“ geht es um die Frage: Wieviel Wahrheit und Ehrlichkeit verträgt eine Gesellschaft?

Neben weiteren Neuproduktionen (Brecht „Herr Puntila und sein Knecht Matti“; Kate Tempest „Wasted“, Elfriede Jelinek „Das Licht im Kasten“ und andere) sind die Aufführungen für Kinder und Jugendliche in den Spielplan und im Ensemble integriert. Das Team um Erich Sidler hatte vor vier Jahren versprochen, das Kinder- und Jugendtheater nicht als eine einzelne Sparte anzusehen, sondern voll im Haus zu integrieren. „Diese konsequente Vorgehensweise macht sich an zahlreichen Stellen bemerkbar“, erzählt die Leiterin der Theaterpädagogik Gabriele Michel-Frei. „Sowohl in den zahlreichen Kooperationen mit Schulen, in den Besuchergruppen im Haus als auch bei der Zusammensetzung der Zuschauer in den einzelnen Produktionen macht sich das bemerkbar“, sagt sie nicht ohne Stolz. Und so präsentieren sie und Sonja Bachmann (Leiterin Programm für Kinder und Jugendliche) die Stücke „Malala“, „Bei den wilden Kerlen“, „Ein Känguru wie du“ und „Das Kalte Herz“.

Zur neuen Spielzeit werden auch neue Ensemblemitglieder erwartet. „Die möchte ich aber gerne zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen“, meinte Sidler auf Nachfrage. Im Gegenzug gilt es, einige Schauspielerinnen und Schauspieler zu verabschieden: Bardo Böhlefeld, Elisabeth Hoppe, Andras Jessing, Frederik Schmid und Katharina Uhland werden das Haus verlassen. „Ich habe immer betont, dass für junge Schauspieler das Deutsche Theater in Göttingen der Weg ist und nicht das Ziel“, so Sidler zu diesem Thema. Zudem werden alle Genannten noch in den Produktionen zu sehen sein, die in der neuen Spielzeit wiederaufgenommen werden. Trotzdem tut natürlich ein solcher Abschied weh, zumal das gute Klima im Ensemble auf der Bühne, hinter der Bühne und im Bistro des Deutschen Theaters immer wieder sicht- und erlebbar ist.

Mit diesem Programm bleibt sich die Theaterleitung treu: „Ich will, dass die Menschen in Göttingen vorkommen“, formuliert Erich Sidler seine Idee vom Stadttheater. Das zeigt sich in der Programmauswahl genauso wie in der Führung des Hauses. Das darf gerne noch ein paar Jahre so weitergehen!

Alle Produktionen finden Sie unter www.dt-goettingen.de und auch hier in der Spielzeitvorschau im Kulturbüro Göttingen.

Seit 1992 ist Schauspieler Lutz Gebhardt in Göttingen, nun feiert er 25-jähriges Dienstjubiläum. Der ausgebildete Schlosser hat an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig Schauspiel studiert und arbeitete zunächst am Theater Plauen-Zwickau sowie am Staatstheater Kassel. Am Theater Plauern erhielt er eine erste Rolle in »Einer flog über das Kuckucksnest«.

In Göttingen spielte er beispielsweise den Hauptmann von Köpenick, Torquato Tasso, die Palme in »Dschungelbuch« oder Thispe in »Der Sommernachtstraum«.

In dieser Spielzeit ist er unter anderem in Taboris »Mein Kampf«, Theodor Fontanes »Irrungen, Wirrungen« und in der Uraufführung »Sofja« zu sehen.

Montag, 21 November 2016 15:24

Wir können auch große Bühnenbilder

Don Karlos von Schiller – ein Monolith im Repertoire der Theater. Generationen von Schülern durften dieses „dramatische Gedicht“ interpretieren – was ist dazu nicht schon alles gesagt und geschrieben worden.

Dienstag, 08 November 2016 08:17

Auch Superman ist korrumpierbar

Erich Sidler inszeniert Alan Ayckbourns Komödie „Familiengeschäfte“

Dienstag, 01 November 2016 08:16

Viel Zeit zum Staunen

Am Deutschen Theater träumt das Gänseliesel einen märchenhaften Theatertraum

Alan Ayckbourns Krimikomödie „Falsche Schlange“ auf der DT-X Bühne

Montag, 19 September 2016 08:32

Treffer aus der Tiefe des Raumes

Wer hat Angst vor Virginia Woolf -Edward Albees Klassiker inszeniert von Erich Sidler im DT-2

Freitag, 29 April 2016 08:29

Der Tanz auf dem Seil

Erich Sidler und sein Leitungsteam stellen die neue Spielzeit 2016/17 im Deutschen Theater Göttingen vor.

Dienstag, 12 Januar 2016 14:00

A Hot Time in the Town of Göttingen

Frankie Boy - Ein Abend über Frank Sinatra mit Musik von Cole Porter

Ein gleißender Lichtspot erhellt Frank Sinatra (Moritz Schulze), der mit der selbstsicheren Dandy-Eitelkeit, die eben nur Frank Sinatra haben kann „You'd be so nice to come home to“ singt. Ihm zu Füßen liegen eine Reihe quietschender Teenager-Babes, die ihre Verzückung so gar nicht verbergen wollen. Schade, dass Frankie Boy nicht „The Talk of the Town“ singen durfte, denn es ist unzweifelhaft: Dieser Abend war einfach großartig.

Die Handlung der Revue ist schnell erzählt: Der junge Frank Sinatra singt sich mit Unterstützung des Mafiosi Willie Moretti und seiner Gang (herrlich: Paul Wenning, Karl Miller und Frederik Schmid) aus einem Knebelvertrag mit Tommy Dorsey (Benjamin Krüger). Dabei wird er schnell unfassbar erfolgreich, heiratet skandalöserweise Ava Gardner (Katharina Uhland), für die er sich von seiner Nancy trennt, fischt im kriminellen Sumpf Havannas und lässt sich schließlich nach einigen brutalen Auseinandersetzungen wieder scheiden.

Zwei große Shure-Mikrofone, dahinter die „Simply Swing Society“-Big Band in feinen Dinneruniformen; ein paar Café-Tische mit weißen Decken. Tim Zumbachs Bühne ließ aus Göttingens Theater einen verrauchten Nachtclub der 1940er Jahre werden, dessen Atmosphäre vor allem auch durch die schillernden Kostüme Bettina Latschas verstärkt wird.

In diesem Club, der zeitweise auch mal zum Wohnzimmer oder zu einem Studio in Los Angeles wurde, erklangen in Form eines szenischen Konzerts (Regie: Erich Sidler) insgesamt 17 Cole Porter Klassiker nebst fulminanter „New York – New York“-Zugabe. Dass Moritz Schulze dabei mehr als die Hälfte dieser Nummern allein singt, ist absolut beeindruckend. Ebenso fesselnd: Katharina Uhland als Ava Gardner, die mit „Can't help loving that man of mine“ den gefühlvollsten Beitrag der Revue sang, und später sogar noch mit der lasziv zirpenden Marlene Dietrich (Andrea Strube) zarte Küsse austauschen durfte.

Dass letztlich nicht die einschlägigen Frank Sinatra Klassiker gesungen wurden, sondern sich Michael Freis Arrangements bis auf drei Stücke auf Cole Porter-Nummern beschränkten, gab der Revue den angenehmen Hauch eines großen Broadway Musicals. Erich Sidler trifft mit „Frankie Boy“, das er zusammen mit seiner Dramaturgin Sara Örtel geschrieben und eingerichtet hat, vollstens ins Schwarze. Man weiß gar nicht, wo man mit dem Loben anfangen soll: Frische, Eleganz, Mut, Sex, Jazz und schön viel Zigarettenrauch: „Frankie Boy“ hat all das, was nicht nur großes Theater, sondern was vor allem auch Göttingen braucht.

„In der Fremde“  von Rebekka Kricheldorf auf der DT-2 Bühne

Wie lang die Bar geöffnet hat? Ist doch egal. Der neue Gast ist noch nicht reif für einen Urlaubsdeal; anders als die Stammkunden, die auf einen Vorrat an minderjährigen Lovern vertrauen oder auf prosperierende Geschäfte und sich die Zeit mit einer weiteren Wasserpfeife vertreiben.

„In der Fremde“ hat Rebekka Kricheldorf ihr neues Stück genannt, das in der Inszenierung von Erich Sidler auf der DT-2 Bühne uraufgeführt wurde. Vordergründig geht es dabei um die Glücksversprechen, die in Reiseführern und Hochglanzprospekten sorgfältig vermieden werden. Die Hoffnung auf ein paar Wochen Sex und Drugs und Rock’n Roll, weil daheim die Libido streikt, das Single Dasein mit zunehmendem Alter nur noch frustriert oder das Beziehungsleben zum Zweckbündnis verkümmert ist. Damit begibt sich die Szenenfolge „In der Fremde“ auf heikles Terrain, wenn es um Sexarbeiter im Kindesalter geht, das Geschäft mit der Prostitution von jungen Frauen und Mädchen  und das mit attraktiven Beachboys. Dennoch findet an diesem Abend keine dramatische Abrechnung mit den sexuellen Nöten frustrierter Wohlstandsbürger statt, die ihre Bedürfnisse in Armutsregionen mit exotischem Flair ziemlich preiswert ausleben. Die Szenen umkreisen den Alltag von Glücksspekulanten und was sie dabei an Selbsttäuschungsmanöver betreiben. Sexuelle Kinderarbeit trägt schließlich zum Unterhalt von Großfamilien bei, argumentiert der Päderast. Und dass die Käuflichkeit attraktiver junger Mexikaner Touristinnen zu mehr als nur sexuellem Marktwert verhilft, möchte die reisende Feministin gern bestätigt sehen.
Mit der Theke, der Musikbox und einem Bambusvorhang über die ganze Breite der Spielfläche hat Bühnenbildner Gregor Müller die DT-2 Bühne sparsam möbliert. Die Barkeeper wechseln mit den Gästen, die hier ihre spekulativen Bedürfnislagen ausbreiten. Das Schauspielteam mit Gabriel von Berlepsch, Elisabeth Hoppe, Rebecca Klingenberg und Gerd Zinck flaniert zwischen den Typen und ihren Bekenntnissen. Sie lassen sich als Päderasten, schlichte Profiteure und Junkies outen, als kämpferische Feministin oder als störrisches Akademikerpaar, das in der Fremde sein Beziehungsheil sucht. Mitunter wirken sie wie zerzauste schräge Vögel, die einfach nur ein bisschen exzessiver mit ihrem Frustgepäck spekulieren und dabei immer wieder stranden. Mehr als ihre touristische Zahlungskraft ist schließlich nicht gefragt, egal ob es um sexuelle Phantasien geht, romantische Liebesträume, den Export von Sinnkrisen in tropische Gefilde.

Kricheldorf lässt ihre Figuren auch über moralische Attitüden und Geschlechterkonventionen herziehen, denen sie nicht einmal in der Fremde entkommen. Über befremdende Kulturen und ihre Traditionen ablästern gehört dazu, wenn der touristische Fleischmarkt nicht den Erwartungen entspricht. Und da unterscheiden sich Bildungsreisende, Backpacker und Aussteiger nicht allzu sehr voneinander, wenn die Autorin sie in eine Genderdebatte verwickelt, männliche und weibliche Rollenmuster auflaufen lässt und sich über einen Globaltourismus mokiert, der wie die Fortsetzung des historischen Kolonialismus mit anderen Mitteln anmutet. Viel Stoff für einen Theaterabend, der sich jetzt für eine soziologische oder kulturkritische Lesart entscheiden könnte, um mit dem Thema Sextourismus Ursachenforschung zu betreiben. Erich Sidler hat das Stück wie einen Episodenreigen inszeniert, in der all diese Themen und Motive bruchstückhaft aufblitzen. So sehr sie auch vom Lamenti der Barbesucher und ihren akuten Befindlichkeiten überlagert werden. Sie halten sich an diesem Abend hartnäckig im Hintergrund, auch wenn die Glücksspekulanten auf diese Art von Warnhinweisen gern verzichten.

Dienstag, 29 September 2015 07:26

Viel Stoff zum Nachdenken

Die Schutzbefohlenen - Elfriede Jelineks dramatisches Manifest zur Spielzeiteröffnung am Deutschen Theater

Flüchtlingsschwemme…. Auch so ein Wort, das Elfriede Jelinek in Aufruhr versetzen würde. Was kommt denn da angeschwommen, um nun erneut abzusaufen, zwischen Schmähreden und Bürokratie, solidarischer Hilfe und Brandbeschleunigern. Und wer sich da alles echauffiert über eine unhaltbare Situation, dass es schließlich eine moralische Pflicht zur Fürsorge für Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende gibt, nur dass die leider nicht für alle reicht und erst recht nicht für jeden. Täglich wird sie neu auf die Probe gestellt, während das Pokern um menschliche Kontingente weiter geht, die neben einer unsicheren Kasernierung der Zorn derer erwartet, die um ihre Besitzstände fürchten.

Mit ihrem dramatischen Manifest „Die Schutzbefohlenen“ macht Österreichs Literatur-Nobelpreisträgerin ihrer Wut auf eine unhaltbar unerträgliche Situation Luft. Es steht nicht gut um die europäischen ideale von Freiheit, Toleranz und Menschenwürde lautet ihr sprachgewaltiger Befund, den Erich Sidler zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Deutschen Theater inszenierte. Von einer fundamentalen Überforderung für die Schauspieler und für das Publikum sprach Sidler nach der Premiere, aber auch von einem politischen Statement, das er mit seinem Ensemble setzen will. „Wir müssen uns verhalten zu den Fragen, die auf Europa zukommen“, erklärte der DT-Intendant und dass es auch darum gehe, Denkanstöße bei einem hoch emotionalen Thema zu geben, das von Ängsten und Nöten belastet sei.

Schon der Text ist eine grandiose Überforderung mit den Stimmen derer, die auf der Suche nach Schutz aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Vor allem weil Jelinek ihre Erfahrungswelt mit den Stimmen derer mischt, die darüber urteilen und werten. Und das sind nicht nur Politiker, die mit dem Humankapital für den Arbeitsmarkt argumentieren und die Integrationshürden schön reden sondern auch all die Zeitgenossen, die dazu eine Meinung haben. Behördenvertreter, Sozialarbeiter, Nachrichtenkommentatoren und eine Bevölkerung, die  auch etwas zu sagen haben will, von wohl meinenden Betroffenheitsbekundungen bis hin zu menschenfeindlichen Hetzattacken.

Bis auf ein paar Lichtmarkierungen bleibt die Bühne des Deutschen Theaters leer und wirkt wie ein Niemandsland. In dem formieren sich die Schauspieler zu einem Chor der Stimmen, der sich über alltäglichen Erfahrungen und Beobachtungen Gehör verschafft und sich immer wieder in diesem widerspenstigen Meinungsgebräu aus Vorurteilen, Ängsten, Abwehr und Gleichgültigkeit verstrickt. Ob nun über die iPhones  und Webcams abgelästert wird, für die es trotz beträchtlichem Schlepperhonorar ja dann doch noch reichte, nicht aber für einen asyltauglichen Herkunftsnachweis. Das Foto von den abgeschlagenen Köpfen der Angehörigen zählt da leider nicht, weil es davon ja auch zu viele gibt.

Es sind böse Assoziationsketten, in denen Jelinek die Worte in ihrer Bedeutung unaufhörlich dreht und wendet und zuspitzt. Auch dafür macht Erich Sidlers Inszenierung hellhörig, selbst wenn sie in der Fülle nicht fassbar sind, sich überlagern  und ständig ausufern. Aber sie stören auf, wenn nun von einer Freiheit die Rede ist, die sich so sehr verbraucht hat, dass für andere eben nichts mehr davon übrig bleibt auch wenn sie sie ebenfalls brauchen könnten. Oder wenn der Rassismus keinen Platz findet und dann stehen muss, was ihm dann auch zu Recht geschieht. Auch das lässt sich mit einem Lächeln erzählen, mit einem ironischen Unterton, spöttisch, polemisch oder zynisch und auch mit einer berührenden Geste ganz emphatisch zur Schau stellen und bis ins unerträglich Absurde entlarven. Über die ersten Reihen im Parkett klettern dann einige Gestalten aus diesem Barbarenschwarm, die sich über die mitteleuropäische Wertegemeinschaft hermachen, anstatt einfach wegzubleiben. Hier richten sich die Werte schließlich auch nach dem Besitzstand und so wütet der Text in den Geschichten wohlhabender und öffentlich gut verkäuflicher Grenzgänger. Die Tochter von Boris Jelzin und die russische Operndiva haben es eben leichter an ein Blitzeinbürgerung und eine neue Staatsbürgerschaft zu kommen, als die Familien aus irgendeinem dieser unaussprechlichen Krisengebiete.

Mit Galaroben behängt macht dieser Chor der Stimmen natürlich eine bessere Figur als in der fleischfarbenen Unterwäsche und den schmierigen Langhaarperücken, auch wenn sich die Körper dann in der Choreografie von Valenti Rocamora i Torà erneut zusammendrängen, zu Boden stürzen, davon kriechen und nach etwas Fassbarem greifen. Aber selbst wenn sie eine bedrohliche Masse zu bilden scheinen, wird in den choreografischen Bildern immer wieder spürbar, dass es sich um die Bewegtheiten von Individuen geht, die hinter den Worten auch zum Ausdruck kommen wollen. Die lassen sich auch nicht hinter den Pelzmänteln verbergen und hinter den Bergen von veredelten Tierfellen, die dann noch von oben auf die Körper herunterfallen und so das böse Bild von den tierischen Horden herauf beschwören, an dem Jelineks Schutzbefohlene ebenfalls zu schleppen haben.

Zum Schlusschor versammelt sich das gesamte Ensemble auf der Bühne mit weiteren Stimmen. Die stellen sich noch einmal der Frage, warum sie in ihrer Schutzbedürftigkeit nicht einfach angenommen werden können, so wie „Die Schutzflehenden“ in der Tragödie des antiken Dramatikers Aischylos, deren Stimmen Elfriede Jelinek mit ihrem dramatischen Manifest verbindet. Aktuell unvorstellbar mutet die Geschichte der antiken Flüchtlinge an, dass ein Herrscher ihr Recht auf Asyl sogar gegen einen drohenden Krieg verteidigt. Auch sie gehört zu Überforderungen an diesem engagierten Theaterabend, der seinem Publikum viel Stoff zum Nachdenken zumutet, wie das Zusammenleben  mit so vielen Schutzbedürftigen künftig aussehen kann, ohne dass dabei die Ideale von Freiheit, Toleranz und Menschenwürde zu Bruch gehen.

Sonntag, 28 Juni 2015 14:43

Staunt und zweifelt!

Verleihung des Nachwuchsförderpreises an Bardo Böhlefeld im Deutschen Theater

„Staunt und zweifelt!“ ruft Intendant Erich Sidler den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern im Deutschen Theater zu. Es sind dies Bardo Böhlefeld, Benedikt Kauff, Felicitas Madl, Frederik Schmid und Moritz Schulze. Er macht ihnen Mut, diesen „schönsten aller Berufe“ weiter engagiert auszuüben und sich in jeder Rolle stets neu zu erfinden. Diejenigen von den fünf Nominierten, die den Preis in diesem Jahr nicht erhalten haben, möchte er keine „Trostrede“ halten. Sie dürfen zwar jetzt enttäuscht sein, aber müssen ihr Talent weiter entfalten. Für jeden hatte er noch einige sehr persönliche Worte gefunden, die für die kommende Spielzeit Mut machen sollten.

Den Preis hat der Förderverein des Deutschen Theaters in diesem Jahr dem Schauspieler Bardo Böhlefeld verliehen. Tina Fibiger hielt die Laudatio auf den in Rom geborenen Böhlefeld, der in Göttingen seine erste feste Anstellung in einem Ensemble hat. Den Text ihrer Ansprache können Sie hier komplett nachlesen. Zu Beginn ihrer Ansprache war die Entscheidung der Jury noch nicht bekannt. Und Fibiger hielt die Spannung noch lange aufrecht. Als sie den Namen des Preisträgers erstmals nannte, gab es lautstarken Beifall – und das nicht nur vom Publikum im DT Keller, sondern auch von den Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls für diesen Preis nominiert waren.

Und weil die Preisträgerentscheidung so geheim gehalten worden ist, wusste auch Vanessa Czapla nicht, wer es sein wird. So sang sie ihren Förderpreis-Song auf alle fünf Kandidatinnen und Kandidaten. „You are the top“ titelte sie ihren Song, in dem alle Stücke und viele Rollen der Kandidaten vorkamen.

Florian Eppinger las nach der Preisverleihung einen Text aus dem Jahr 1998 vor. Josef Bierbichler erhielt damals den Gertrud-Eysoldt-Ring und widmete sich in seiner Dankesrede dem Thema „Engagement und Skandal“. Wie aktuell Bierbichlers Provokationen heute noch sind, war während Eppingers Vortrag deutlich zu spüren.

Zuvor gratulierte der stellvertretende Vorsitzende des Fördereins, Werner Tönsmann, dem Vorsitzenden Harald Noack nachträglich zum 70. Geburtstag. „Das wollte ich eigentlich geheim halten“, äußerte Noack. So recht glauben wollte das aber niemand…
Am Ende der kurzweiligen Feierstunde holte Erich Sidler noch einmal Vanessa Czapla nach vorne. Sie wird das Ensemble verlassen und nach Saarbrücken gehen. Nun flossen doch noch Tränen, nachdem Bardo Böhlefeld seine Dankesworte mit der Aussage begann „Ich werde jetzt nicht in Tränen ausbrechen.“
Der Förderpreis ist mit 2.000 Euro dotiert. Böhlefeld rief seinen Mitstreitern zu: „Dieser Preis ist auch für Euch!“

Samstag, 06 Juni 2015 13:27

Dem Glück eine Chance geben

Das Deutsche Theater gibt das Programm für die neue Spielzeit bekannt

Erich Siedler lädt ein zur neuen Spielzeit 2015 / 2016. „Ich lade Sie herzlich ein, die Freiheit zu schätzen, die Wachheit zu schärfen, dem Gedanken Raum und dem Glück eine Chance zu geben“, schreibt er im Vorwort des neuen Spielzeitbuches.

Das sind große Worte, die Sidler nicht nur in dem neuen Programm  seiner zweiten Spielzeit korrespondieren lässt. Nein, er kokettiert zugleich angesichts des bevorstehenden 125jährigen Jubiläums des Deutschen Theaters mit „2.500 Jahren Theatererfahrung“, die wir besitzen.

All das macht neugierig auf das neue Programm. Auch deshalb, weil die erste Spielzeit ein großer Erfolg war. Es gab keinen Einbruch bei den Zuschauerzahlen – ganz im Gegenteil. Und das Deutsche Theater wurde zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen. „Was für ein Glanz bundesweiter Anerkennung für Göttinger Theaterarbeit, der auch in die neue Saison strahlt“, meint dazu Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler.
Und in der Tat macht das Programm neugierig: 26 Premieren, darunter fünf Ur- oder Erstaufführungen, Klassiker, Komödien, Theater für Kinder und für Jugendliche, musikalische Produktionen, Monologe und romantisch-komödiantisches wechseln sich ab. Dazu werden 16 Produktionen aus der letzten Spielzeit übernommen.

Bei den Uraufführungen sticht zunächst der Name Rebekka Kricheldorf ins Auge. Mit der Uraufführung „Homo Empathicus“ eröffnete Erich Sidler seine erste Spielzeit. Auch „In der Fremde“ ist ein Stückauftrag des Deutschen Theaters. Premiere ist am 20. November im DT-2.

Weitere Ur- und Erstaufführungen sind „Unter der Erde“ von Paco Bezerra, „Weil sie nicht gestorben sind“ von Hannah Zufall und „Die moderne Welt…“ von Thomas Dannermann. Das Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach gehört zu den Eröffnungsproduktionen und hat am 17. Oktober Premiere. Dieses Stück gehört zu den am meisten nachgefragten Stücken im deutschsprachigen Raum: 35 Theater bringen in der kommenden Spielzeit das Stück auf die Bühne. Das Deutsche Theater ist dann die dritte Premiere von „Terror“ – also ganz knapp keine Uraufführung.

Der Moderne stehen auch Klassiker gegenüber: „Romeo und Julia“ von William Shakespeare sowie die „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal stehen auf dem Programm.

Im Mittelpunkt des Kindertheaters steht „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen. Als Weihnachtsproduktion hat das Stück am 15. November Premiere im DT-1.

Eröffnet wird die Spielzeit mit Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“. „Jelineks Text ist ein flammendes Manifest für die europäischen Werte, denen wir verpflichtet sind, die aber in der Gefahr sind, verraten zu werden“, erläutert Erich Sidler.
Musik der 20er Jahre steht in der musikalischen Produktion „Zwei Krawatten“ von Georg Kaiser und Mischa Spoliansky im Mittelpunkt. Die zweite musikalische Produktion dreht sich um Frank Sinatra. „Frankie Boy“ lautet der Titel der Uraufführung, die am 9. Januar Premiere haben wird.

Das umfangreiche Programm wird noch durch weitere Premieren komplettiert. Das gesamte Spielzeitbuch ist ab sofort im Deutschen Theater erhältlich.

Dienstag, 19 Mai 2015 20:36

Verletzende Grenzüberschreitungen

"Grooming" im Deutschen Theater

Leicht zögernd nimmt das Mädchen Platz auf der Parkbank. Es wirkt ein bisschen nervös und verkrampft und nimmt auch nichts wahr von der Waldstimung, die im Hintergrund der Studiobühne auf zwei Leinwänden abgebildet ist. Der Grund dafür nähert sich bereits schattenhaft als dunkle Silhouette, die sich für einen Moment riesenhaft zwischen den Stämmen und dem Gebüsch aufbläht und dann ebenfalls auf die Bank zuhält.

Der Mann redet scheinbar entspannt drauf los, aber vielleicht ja auch gezielt. Mit seiner Beschreibung von ziemlich alten Filmszenen und ihren Helden kann das Mädchen zwar nichts anfangen, auch nicht mit der Beschreibung seiner wilden Künstlerbiografie. Aber all das ist Teil der Erniedrigung, die er sie schon bald unmissverständlich brutal spüren lässt. Auch wenn sie sich jetzt angeekelt krümmt, Rachen und Mund voll mit seinem Sperma, er hat die Situation unter Kontrolle.

„Grooming“ heißt das Stück des spanischen Dramatikers Paco Bezerra, das Intendant Erich Sidler als deutschsprachige Erstaufführung auf der DT – 2
Bühne inszenierte. Es steuert szenisch zunächst direkt auf die Bedeutung des Begriffes „Groomig“ zu, die sexuelle Belästigung von Kindern und Jugendlichen im Internet. Beschrieben wird auch, wie die verführerische Strategie des Mannes funktioniert hat, der sich im Chatroom einfach als 16 Jähriger ausgab und sie überredet hat, ihm ihre Brüste zu zeigen. Die Waldidylle ist bereits komplett verpixelt, wenn er nun mit dem Video auf der Leinwand droht, das natürlich auch ihr Vater und ihre Freunde zu sehen bekommen könnten.

Es ist eine klassische Täter-Opfer Konstellation, die Erich Sidlers Inszenierung den Zuschauern in diesen Szenen ganz unmittelbar zumutet. Mit all dem, was Vanessa Czapla an purer Angst, nackter Panik und Ekel mit ihrer Figur anspricht und mit den Machtgelüsten und Taktiken, die Andreas Jessing so überlegen und bedrohlich ins Spiel bringt. Doch dann sind auf einmal die Rollen vertauscht und das nicht nur, weil sich das Mädchen als Polizeibeamtin outet, die genau solche Typen im Netz jagt. Sie hat ihren freien Tag und endlich ein Opfer für ihre eigenen sexuellen Obsessionen gefunden und für die Macht, die darin lauert.

Das Thema Grooming wird zum Auslöser für eine Debatte, um Fragen des menschlichen Miteinanders, die Bezerras Stück aufwühlt: Dass in Beziehungen und Verhältnissen eben auch Macht und Dominanzbedürfnisse virulent sind, in denen sexuelle Fantasien und Obessionen eine entscheidende Rolle spielen: Welche Stimulanzien, ob nun Hunde, Schuhe, Menschenmengen oder ihre Ausscheidungen sind legitim? Welcher Fetisch ist gesellschaftlich akzeptiert und welcher nicht? Die Stück verstört auch mit der Frage, warum der andere sich den schwächeren Part in den gelebten Fantasien zuweisen lässt und damit seine Rolle als Opfer in einer ungleichen Beziehung akzeptiert. Mit Blick auf die Figur eines Pädophilen wird sie drastisch zugespitzt. Der beteuert nun, sich nie wieder an jungen Mädchen zu vergreifen, kann aber nicht erklären, was ihn außer der sexuellen Befriedigung noch angetrieben hat. Auf seine Peinigerin wirken diese Beteuerungen von Angst und Schwäche wie ein Stimulanz. Lustvoll strahlend operiert mit den gleichen Erniedrigungsstrategien, die sie zuvor als junges Mädchen aushalten musste.

Wieder kommt es zu einer extrem verletzenden Grenzüberschreitung für Befriedung von Machtbedürfnissen und Obsessionen. Und wieder lassen sich auch diese Bilder  nicht einfach mit moralischen oder juristischen Argumenten werten. Was Bezerras Figuren einander zumuten, findet immer wieder so oder anders statt und eben nicht nur im Chatrooms, wo intime Wünsche und Fantasien hinter Nicknames in Rollenspielen gelebt werden, wenn sich dafür keine reale, gesellschaftlich akzeptierte Nische findet.

Erich Sidlers Inszenierung reflektiert die Fragen und Befunde des Stückes über den Weg der Nahaufnahmen, bei denen Vanessa Czapla und Andreas Jessing immer mehr an zerstörerischen Energien freilegen. Zum Fürchten ist dieses Psychoduell und so unerbittlich in der Diagnose über Verhältnisse und Beziehungen, weil es auch eine entscheidende Frage stellt, die hinter diesem Grooming Szenario lauert. Wie gehen wir miteinander um, auch mit den alltäglichen und vielfach auch geduldeten Übergriffen? Wo einer den Raum des anderen mit einem Wort, einer Geste oder einer Berührung bedrängt, lauern meist noch weitere Zumutungen, die auch nicht akzeptabel sein müssen und  trotzdem weiter grassieren.

Wenn sich die Bühne am Ende verdunkelt, lehnt ein Spaten an der Parkbank. Die verpixelte Waldidylle wird zur Filmkulisse für die Bilder aus einem Trickfilm über Alice im Wunderland. Es geht senkrecht bergab in dem Hasenbau, vorbei an verstaubten Requisiten und mumifiziertem Spielzeugfiguren, ohne ein Licht am Ende des Tunnels. Das sind die Aussichten, die dieser Theaterabend auch anspricht, wenn er immer wieder verstört, nachdenklich stimmt und dann erneut beklemmt und genau deshalb den Zuschauern sehr nahe gehen möchte. Das vermag er.

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