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Freitag, 21 April 2017 18:19

Eine Invasion von Eindrücken

Premiere der Koproduktion von JT und DT „Invasion!“

Wer bin ich, wer sind die anderen Menschen? Die Fragen schwirren durch den Raum, bleiben hängen, tragen sich weiter. Es ist wortwörtlich eine Invasion von Bildern, Worten, Eindrücken, die auf die Zuschauer einprasselt. Anfängliche Verwirrung steht im Raum, als der Beginn des Stückes scheinbar aus dem Publikum massiv gestört und von Jugendlichen die Bühne gestürmt wird. Schnell versteht das Publikum jedoch den integrativen Moment. Das 2006 in Stockholm uraufgeführte zeitgenössische Stück Invasion! des schwedischen Schriftstellers Jonas Hassan Khemiri, dass gestern im Jungen Theater seine Premiere feierte, ist eine gemeinsame Produktion zwischen dem Jungen Theater Göttingen und dem Deutschen Theater Göttingen.

Am Anfang steht der Name Abulkasem im Raum, inmitten eines klassischen Dramas des Schweden Almqvist, als Zeichen der Bedrohung des Fremden. und zieht sich wie ein Band durch den Abend. Der Name wandert zwischen verschiedenen Milieus, von der Eckkneipe zum Apfelpflücker, vom vermeintlichen Frauenheld zum von Wissenschaftlern Gejagten und Gefürchteten. Diese immer wiederkehrenden Wandlungen zeigen sich auch an den schnell wechselnden Darstellerrollen: Der Problematik von 17 Rollen aufgeteilt auf vier Darsteller in sieben Szenen begegnet man mit guten Übergängen. Man nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn durch das Stück. Die Überleitungen sind gelungen und helfen dem Zuschauer die schnellen Szenenwechsel zu verstehen. Auch die Adaption an Göttinger Verhältnisse unterstützt dies: Ob Grone Süd, das Déja vu, die Südstadt; eingebettet in wohlbekannte Milieus, wird der Zuschauer einbezogen.

Die unterschiedlichen Szenen werden zusammengehalten von Abulkasem: Ein Name, ein Mann, den keiner richtig kennt, aber überall herumschwirrt, den alle zu kennen glauben oder vorgeben. Grenzen werden so aufgebrochen, neu zusammengefügt und die Vielschichtigkeit der sprachlichen und kulturellen Identität verdeutlicht. Khemiri spielt in seinem Drama mit dem Bild des Fremden in Kontrast zum Eigenen und der Zuschreibung von Identitäten und Bevormundung. Die unterschiedlichen Sprachebenen tragen zur Auflockerung des Themas bei, verdeutlichen aber auch immer wieder eine gescheiterte Kommunikation. „Wörter entwickeln sich ständig.“ Nicht nur die Sprache ist wandelbar, auch die Bedeutungen variieren, die Wahrnehmung verändert sich. Ob Islamphobie, Multikulti, die Suche nach Identität: Es ist ein Konglomerat aus Anspielungen gesellschaftlicher Kategorisierungen.

Das Ensemble ist energiegeladen, es schafft den Spagat zwischen Ernst und Komik. Marcel Irmey, zurzeit als Gast am Jungen Theater und Schauspielstudent an der Schauspielschule Kassel, gibt insbesondere zusammen mit Bardo Böhlefeld vom Deutschen Theater ein gutes Duo ab. Dieser überzeugt durch seinen Facettenreichtum: Ob Erzähler, Wissenschaftler, Jugendlicher mit Migrationshintergrund; er hat das Publikum im Griff. Jan Reinartz vom Jungen Theater fällt insbesondere durch seine stetige Verwandlung auf: Von seinen fünf Rollen ist insbesondere der Apfelpflücker hervorzuheben. Linda Elsner, ebenfalls vom Jungen Theater, setzt den komplexen Charakter der Lara gut in Szene. Die verschiedenen Bühnensituationen und Stilformen gehen dabei teils fließend, teils in großem Kontrast ineinander über. Die Inszenierung von Milena Paulovics ist wirklich gelungen. Die intime Bühnengestaltung holt den Zuschauer dabei näher an das Geschehen, lässt ihn teilhaben und verringert die Distanz.

Die wiederkehrende Frage „Warum gerade Abulkasem?“ verstärkt sich in Kombination mit der Frage nach Identität und der Konstruktion von Sprache. Jonas Hassan Khemiris Drama Invasion! regt zum Nachdenken an. Man sollte sich definitiv eine der wenigen Vorstellungen nicht entgehen lassen.

Invasion! von Jonas Hassen Khemiri - Deutsch von Jana Hallberg
weitere Vorstellungen am 25. April, 9. Mai und 18. Mai

Donnerstag, 02 März 2017 21:20

Ein Kampf um Liebe, Tod und Erlösung

Friedrich Hebbels Tragödie „Judith“ am Deutschen Theater

Dieser Mord an Holofernes ist nicht planbar. Mögen auch die Motive noch so sehr dafür sprechen, auf die sich Friedrich Hebbels Tragödienheldin „Judith“ stützt. Dass der mörderische Heerführer das jüdische Volk vernichten wird und Gott ihr den Auftrag erteilt hat, ihn zu töten. Auf der Bühne des Deutschen Theaters beginnt ein ebenso gewaltiges wie leidenschaftliches Kräftemessen zwischen einer Frau, die ihre Beweggründe unterschätzt, und einem lebensüberdrüssigen Gegner. Die Sehnsucht nach Liebe, Tod und Erlösung kollidieren in der Inszenierung von Matthias Kaschig, der mit Hebbels hoch komplexem Szenario auch das tragische Schauspiel von zwei einsamen Einzelkämpfern erforscht hat.

Der Geschichte der biblischen Judith mit ihrem heldenhaften Opfergang verweigerte sich schon Hebbel ganz bewusst. Er stellt die Machtfrage, die Judith und Holofernes beherrscht und wie beide verzweifelt darum ringen, endlich einen würdigen Gegner zu finden. An seinem wortmächtigen Stück, das auch Pathos und Emphase nicht scheut, fasziniert zunächst vor allem die analytische Wucht und wie Hebbel Jahrzehnte vor Freud die Seelenlandschaften seiner Figuren in all ihren Deformationen dramatisch diagnostizierte. Dass dabei auch Gefühle ins Spiel kommen, in denen die Lust, den anderen zu zerstören, gegen das Bedürfnis kämpft, sich ihm vorbehaltlos hinzugeben und damit endlich dem Leben.

Man könnte auch von einem dramatischen Labyrinth sprechen, dessen verwirrende Fäden Mattias Kaschig mit dem Schauspielteam aufgreift, auch mit dem Wissen, nicht alle Motivfäden enträtseln zu können. Die Tragödie ließe sich leicht als Geschlechterkampf verstehen, zugespitzt durch die politischen Umstände. Dass hier ein omnipotenter Feldherr auf die Unterwerfung seiner jüdischen Gegner dringt und der einzige Widerstand von einer Frau kommt, die ihm am Ende den Kopf abschlägt. Ein vermeintlich übermächtiger Gott scheint sich mit ihr ebenfalls in den Weg zum Sieg zu stellen. Aber auch das ist nur eine von vielen dramatischen Spuren, in die das kämpferische Paar nicht nur sein Publikum verwickelt, sondern alle anderen Figuren in dieser wahnsinnigen und verzweifelten Tour de Force.

Bühnenbildner Michael Böhler hat die Kampfzone mit kraterhaften Löchern versehen, in die jederzeit ein störrischer Zeitgenosse hinein gestürzt werden kann. Sandsäcke bilden ein Sofa, auf dem Holofernes posiert, wenn er nicht gerade unruhig seine Kreise zieht und ebenso spontan wie willkürlich mal wieder ein Todesurteil beschließt, um sich dann in ein Refugium aus hölzernen Bruchstücken zurück zu ziehen. Es wäre ein leichtes für Marco Matthes, hier einen bösartigen Wüstling auftreten zu lassen. Stattdessen legt er diese unmittelbar mehrdeutigen Spuren, die in dem Feldherrn bereits einen lebensmüden Zeitgenossen ahnen lassen, der sich hinter einemAusdruck von Langeweile tarnt, egal ob er nun herrisch aggressiv reagiert, einfach nur zynisch und gelegentlich auch larmoyant. In all dem Überdruss und der Langweile wütet auch etwas Verzweifeltes, das nach Erlösung sucht.

Ebenso widersprüchliche Zwischentöne verbindet Elisabeth Hoppe mit der Gestalt ihrer Judith. Und das nicht nur, weil die traumatische Eheerfahrung sie in die Rolle einer jungfräulichen Witwe gezwungen hat, in der der Kinderwunsch und das Bedürfnis endlich als Frau anerkannt und wahrgenommen zu werden, einfach nicht verstummen wollen. Auch in ihr lauert eine kaum zu bändigende Wut, die endlich raus will. Wie befreiend wirkt dann der Gedanke, es den schwächelnden Helden im eigenen Lager endlich mal zu zeigen - und das mit scheinbar göttlicher Rückversicherung. Sich dem gegnerischen Feldherrn anzubieten und dafür als Retterin ihres Volkes endlich Anerkennung zu finden, diese Sünde nimmt Hebbels Judith gern in Kauf. Schon der Gedanke daran hat etwas Berauschendes, das die Schauspielerin immer wieder für den Moment aufblitzen lässt.

Hellhörig macht hier auch Felicitas Madl als Dienerin Mirza, wie sie die Strategie ihrer Herrin durchschaut und dabei auch den Defaitismus, der ihre Argumente einfärbt. Auf beiden Seiten der Kampfzone spekulieren Bardo Boehlefeld, Benjamin Kempf und Nikolaus Kühn in wechselnden Rollen und Haltungen über das jeweils opportune Argument, das Judith und Holofernes in ihrem Kräftemessen zum endscheidenden Duell dann noch beflügelt.

Es ist grandioses Schauspiel, dem sich Elisabeth Hoppe und Marco Matthes hier stellen. Wenn sie mit Worten und Gesten auch die widersprüchlichen Gefühle unter Kontrolle bringen möchten, weil es dabei um mehr geht als um erotischen Schwingungen und die Lust, den anderen zu bezwingen, die in diesem verbalen Schaukampf ständig präsent sind. Die Frage, was sich dann hinter diesem hölzernen Verhau abspielt, will diese Inszenierung eine gemeinsame Liebesnacht oder die Fortsetzung eines Kampfes mit anderen Mitteln, will diese Inszenierung bewusst nicht entschlüsseln und lässt so auch ein letztes existenzielles Gefecht ahnen, dem sich dieses Paar hingibt. Auf dass es darin vielleicht für den Moment Erlösung findet.

Die Gestalt, die mit einem abgeschlagenen Kopf über die Bühne irrt, wird von ihrem Volk als Retterin gefeiert. Surreale Bilder erfasst ein Kameraauge im Kopf des Holofernes, der in den Armen einer gebrochenen Heldin ruht. Es irrlichtert entlang von Körpern und Gesichtern, während diese Judith zwischen Wahnsinn und absoluter Leere vergeblich nach Halt sucht. Sie hat ihre einzige Liebe ermordet. Auf göttlichen Beistand ist jetzt kein Verlass mehr und erst recht nicht auf Trost in diesem existentiellen Schauspiel, das nicht mit dem Schlussapplaus enden will weil es so nachhaltig aufstört und bewegt.

Sonntag, 26 Februar 2017 10:14

Bittersüße Untiefen

Die „Nachtbar“ im Deutschen Theater - eine Szenische Lesung mit Texten von Viola Köster

Schläft ein Clown… - So lautete der Titel der DT-Nachtbar am letzten Freitag im Monat Februar. Die winzige Bühne im „Bellevue“ des Deutschen Theaters ist liebevoll ausgestattet. Und aus dem Bühnenbett krabbelt nicht ein Clown. Dafür Bardo Boehlefeld und Frederik Schmid, dazu gesellt sich Katharina Uhland. Gemeinsam bilden Sie das Ensemble dieser Nachtbar. „Das Ensemble ist tot, es lebe das Ensemble“ lautet das Motto im Prolog.

Es folgen neun Szenen, alle aus der Feder von der Dramaturgin Viola Köster. Neun Szenen, die zum Teil eine hohe textliche Qualität haben. Und neun Szenen, in denen sich die drei Schauspieler wunderbar verwandeln und sichtlich Freude am Spiel haben. Neun Szenen, die vor allem eines gemeinsam haben: den bittersüßen Grundton.

Ob nun die schauspielenden Schauspieler, die immer weiter spielen müssen. Oder der Inhaber des syrischen Reisebüros, der keine Reisen nach Syrien verkaufen kann: er muss seinen Laden räumen, damit dort eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet wird. Oder die drei Betrachter von Tretbooten, die sich grundlegende Gedanken zum Fortschritt machen, bevor die Szene im Massaker endet. Oder der Gemüsehändler, der am Weltfrieden scheitert und am Ende keine Handgranaten mehr anbieten kann.
Allen Szenen ist gemeinsam, dass sie zunächst vordergründig komisch sind. Viola Köster versteht es in ihren Texten, den Bruch nicht ins Absurde zu vollziehen, sondern ins Hintergründige, Abgrundtiefe. Text und Schauspieler nehmen das Publikum mit.
Eine großartige Szene ist die zwischen den beiden Freunden, die sich in der Nacht unverhofft nahe gekommen sind. „Du hast auf mir draufgeschlafen!“ – „Würdest Du zu mir passen, hättest Du's gleich gemerkt.“ Als Zuschauer ist man hin- und hergerissen zwischen Lachen und Mit-leiden.

Die Quintessenz des Abends taucht unvermutet auf:

Es gibt keinen Halt
Es gibt keine Gewissheit
Es gibt nichts das bleibt
Es gibt Vergänglichkeit Punkt

Und nur deshalb können wir den Abend trotz der Untiefen genießen, trotz Zimtwuppis und schwäbischen Zimt-Zipferl. Oder auch wegen. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis für dieses wunderbare Format „Nachtbar“, in dem sich Theater und Publikum so nahe kommen:

Es gibt eine Gewissheit Doppelpunkt
Da ist ein Zusammenhalt zwischen Dir und mir

Samstag, 28 Januar 2017 12:47

Am Ende gab es nur Sieger

DT Nachtbar sucht den "DT Vogel des Jahres"

Willkommen zum DT Bird Awards – gesucht wird der DT Theatervogel des Jahres. Charmant führen Katharina Uhland und Bardo Böhlefeld durch den Abend. Und damit auch nichts schiefgeht, hielt der Praktikant die passenden Schilder wie „Applaus“ oder „Lachen“, „Hilfe…“, „Ich bin unterbezahlt“ oder „Heute Abend kein Martin Luther“.

Dass ursprünglich ein Abend mit 95 Thesen und dem Motto „95 mal Luther“ angesetzt war, war nicht weiter schlimm. Luther kommt später, das Reformationsjahr hat schließlich gerade erst angefangen.

Der Theatervogel jedenfalls konnte nicht warten. Wegen der spontanen Umplanung war die Statue allerdings nicht fertig geworden. Das erledigte der Tischler Nikolaus Kühn während der Vorstellung neben der Bühne. Nicht immer geräuschlos – was den Einen oder die Andere bisweilen aus der Fassung brachte. Oder bringen sollte. Die Lacher im Publikum hatte Kühn auf seiner Seite – sogar ohne das entsprechende Schild.

Die Bewerberinnen und Bewerber um den Vogel standen Schlange. Der Feuerschlucker Andreas Jeßing konnte knapp davon abgehalten werden, das traditionsreiche Haus am Wall abzufackeln. Dafür schminkte Charlene Middendorf eine Sackgasse ins Gesicht einer Zuschauerin. Die FSJlerinnen Anne und Thea sangen zur Gitarre, Benedikt Kauff las aus seinen Memoiren, Dorothee Neff gab eine japanische Tempel-Meditation zum Besten („Hilfe“), Jan Huttanus sang einen herzerwärmenden Blues („Ich vermisse George W. Bush“), die Gardobieren Irene Bodeshinsky und Sabine Döring zogen Bardo Böhlefeld so schnell und schick um, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskam, Michael Frei experimentierte mit Klängen (die am Ende in Filmmusik mündeten) – es spannte sich ein äußerst unterhaltsamer und kurzweiliger Bogen. Den Vogel schoss Andrea Strube ab: „Ich lese für mein Leben gerne Gebrauchsanweisungen!“ Gesagt – getan. Die Gebrauchsanweisung für einen Akkuschrauber wurde von ihr so sinnlich vorgetragen, dass der Applaus nicht enden wollte. Dazu kamen noch diverse Haushaltsempfehlungen. Aus dem Abend hätte auch glatt eine Tupper-Party werden können.

Am Ende gab es nur Sieger. Zu denen gehörte auch Tobias Mertke, der gemeinsam mit Katharina Uhland und Bardo Böhlefeld diese wunderbare Late-Night auf die kleine Bühne im Rang gebracht hat.

Die nächste Nachtbar gibt es am 24. Februar um 23 Uhr im Rangfoyer des Deutschen Theaters. Der Eintritt ist frei.

Dienstag, 03 Januar 2017 12:56

Lieblingstexte des Ensembles

Bardo Böhlefeld liest am Mittwoch, den 11. Januar um 20.00 Uhr im DT — 2 des Deutschen Theater Göttingen Lieblingstexte des Ensembles. Entstanden ist bei der Materialsuche für diese Lesung eine bunte Mischung aus den verschiedensten Genres, die sowohl Unterhaltsames wie auch Nachdenkliches und Berührendes für den Zuhörer bereithält. Die Texte und Geschichten reichen von Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« bis Tolstois »Anna Karenina«, von Bertolt Brecht bis Horst Evers, von »Momo« bis Kurt Schwitters. Es wird vieles zu entdecken sein. Wie gesagt, 26 Schauspieler legten ihre Lieblingslektüre vor.

Karten und Infos unter 0551.49 69-11 / www.dt-goettingen.de

Im Anhang finden Sie ein Motiv bezüglich der Lesung

 

Mittwoch, 23 November 2016 19:45

Ein Stück Leben bleibt dran hängen

Theodor Fontanes Romanadaption „Irrungen und Wirrungen“ auf der DT-2 Bühne

„Mein Kampf“ George Taboris Farce am Deutschen Theater

„Netzwelt“ im Deutschen Theater

Dienstag, 30 Juni 2015 16:05

Der Traum ist aus

Mark Zurmühle inszeniert Dea Lohers „Fremdes Haus“ am Deutsche Theater

Was genau in Mazedonien los ist, kann der ungebetene Gast gar nicht so genau beschreiben. Aber er hat Pläne, die sich vielleicht anderswo besser verwirklichen lassen. Vor ihm sind ja auch Freunde und Verwandte seiner Familie nach Deutschland geflüchtet, selbst wenn sich ihr Leben hier unter tristen ökonomischen Verhältnissen erschöpft. Schon deshalb wollen sie von den Zukunftsträumen des jungen Jane nichts wissen und nichts hören von den Geschichten von früher, mit denen Bardo Böhlefeld die gemeinsame Familienvergangenheit so enthusiastisch beschwört. Zu den Helden im Partisanenkampf gegen das Tito-Regime gehörten damals sein Onkel Goce und auch Risto Mihaijlov (Florian Eppinger), der inzwischen restlos heruntergekommene Patriarch in diesem „Fremden Haus“.
In Dea Lohers Szenenfolge, die der frühere Intendant Mark Zurmühle am Deutschen Theater inszenierte, sind es vor allem die Altlasten aus dieser Zeit, die Janes Erscheinen wieder aufrührt. Der Verrat und die Schuld, die ungesühnt blieben und sich nie wirklich verdrängen ließen. Als das Stück 1993 entstand, hatte Loher noch die traumatischen Zerrüttungen während des Jugoslawienkrieges im Blick. 20 Jahre danach liest sich ihr dramatischer Befund wie eine hochaktuelle Anamnese über die Folgeschäden, die an jedem Flüchtlingsschicksal haften bleiben. Niemand wird sein seelisches Fluchtgepäck für einen Neuanfang einfach so los. Auch die nächste Generation hat daran noch zu schleppen.
Die strahlende Unbefangenheit und Naivität wird dem ungebetenen Gast bald vergehen, wenn ihm die erbärmlich traurigen Verhältnisse mehr und mehr zusetzen. Ristos Schwarzhandel bringt nicht viel ein. Seine Frau Terese (Elisabeth Hoppe) prostituiert sich und Tochter Agnes (Rahel Weiss) hat sich nach einem Unfall mit dem Unfallfahrer Jörg (Benjamin Krüger) auf eine Zweckehe eingelassen.  Jane verzichtet darauf, in seiner Werkstatt Schrauben zu zählen und auf seine abgetragenen Anzüge. Er lässt sich auch nicht von Teresa verführen und wie sie ihm in ihrer traurigen Verlassenheit umarmt sondern doch lieber von Agnes, die so verletzlich stark durch den Alltag humpelt. Mit dem Putzjob in der Kneipe von Nelli (Melina Borcherding), dem Aufstieg zum Kellner und Liebhaber  scheint zumindest eine Rechnung aufzugehen. Der junge Träumer hat sich den Gesetzen des materiellen Überlebens angepasst und kalkuliert nun mit den Stärken und Schwächen anderer.
Die Bühnenschräge, auf der Lebenslügen und Träume zu Bruch gehen erinnert an rissiges Mauerwerk. Dieses Muster hat auch der quadratische Kasten, der sich im Bühnenhintergrund wie eine Gefängniszelle herabsenkt. Doch es gibt einen Traum von Freiheit, der mit dem Schattenflug eines Falken symbolisch eingeblendet wird, wenn sich das Schauspielteam in die verkrüppelten Seelenlandschaften der Figuren begibt.
Tief berühren diese Stimmen der Mutlosigkeit und der Verlorenheit auch gerade in den sparsamen Gesten und den Gesichtern, die immer wieder maskenhaft erstarren. Der Schmerz drängt sich einfach zwischen die vielen Bekundungen, dass dieses Leben nun mal keine Versprechungen mehr liefert, wenn es jetzt scheinbar gleichmütig und lakonisch gemustert wird. Es geht genau unerträglich weiter. Wenn die Wahrheiten dann endlich ausgesprochen werden, dass Risto seinen Freund Goce damals verraten hat und Terese die Last des Verrates tragen ließ, ist es längst zu spät, sich noch gemeinsam mit dem Leben und dem Scheitern zu versöhnen. Nur Agnes übt jetzt an ihrer Befreiung von einem Ehevertrag ohne auf Liebe und lässt auch den angepassten Träumer zurück.
Dea Lohers Stück lässt diesen Jane noch einmal träumen. Mit der Geschichte des Falken, dem ein alter Mann aus der Gefangenschaft hilft, so dass er endlich die Weite aufsuchen kann und die Freiheit. So ganz für sich lauscht Bardo Böhlefeld dem Wort Freiheit hinterher bis sich die Bühne verdunkelt; damit von diesem Theaterabend auch ein anderes Echo zurückbleibt. Und sei es nur als Vision. Vielleicht kann daraus ja sogar als Rettungsanker werden. Auch darin vertraut Mark Zurmühle der Bildkraft des Textes in der Geborgenheit eines Kammerspiels, das mit diesem wunderbar emphatischen Schauspielteam unter die Haut geht.

Sonntag, 28 Juni 2015 14:43

Staunt und zweifelt!

Verleihung des Nachwuchsförderpreises an Bardo Böhlefeld im Deutschen Theater

„Staunt und zweifelt!“ ruft Intendant Erich Sidler den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern im Deutschen Theater zu. Es sind dies Bardo Böhlefeld, Benedikt Kauff, Felicitas Madl, Frederik Schmid und Moritz Schulze. Er macht ihnen Mut, diesen „schönsten aller Berufe“ weiter engagiert auszuüben und sich in jeder Rolle stets neu zu erfinden. Diejenigen von den fünf Nominierten, die den Preis in diesem Jahr nicht erhalten haben, möchte er keine „Trostrede“ halten. Sie dürfen zwar jetzt enttäuscht sein, aber müssen ihr Talent weiter entfalten. Für jeden hatte er noch einige sehr persönliche Worte gefunden, die für die kommende Spielzeit Mut machen sollten.

Den Preis hat der Förderverein des Deutschen Theaters in diesem Jahr dem Schauspieler Bardo Böhlefeld verliehen. Tina Fibiger hielt die Laudatio auf den in Rom geborenen Böhlefeld, der in Göttingen seine erste feste Anstellung in einem Ensemble hat. Den Text ihrer Ansprache können Sie hier komplett nachlesen. Zu Beginn ihrer Ansprache war die Entscheidung der Jury noch nicht bekannt. Und Fibiger hielt die Spannung noch lange aufrecht. Als sie den Namen des Preisträgers erstmals nannte, gab es lautstarken Beifall – und das nicht nur vom Publikum im DT Keller, sondern auch von den Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls für diesen Preis nominiert waren.

Und weil die Preisträgerentscheidung so geheim gehalten worden ist, wusste auch Vanessa Czapla nicht, wer es sein wird. So sang sie ihren Förderpreis-Song auf alle fünf Kandidatinnen und Kandidaten. „You are the top“ titelte sie ihren Song, in dem alle Stücke und viele Rollen der Kandidaten vorkamen.

Florian Eppinger las nach der Preisverleihung einen Text aus dem Jahr 1998 vor. Josef Bierbichler erhielt damals den Gertrud-Eysoldt-Ring und widmete sich in seiner Dankesrede dem Thema „Engagement und Skandal“. Wie aktuell Bierbichlers Provokationen heute noch sind, war während Eppingers Vortrag deutlich zu spüren.

Zuvor gratulierte der stellvertretende Vorsitzende des Fördereins, Werner Tönsmann, dem Vorsitzenden Harald Noack nachträglich zum 70. Geburtstag. „Das wollte ich eigentlich geheim halten“, äußerte Noack. So recht glauben wollte das aber niemand…
Am Ende der kurzweiligen Feierstunde holte Erich Sidler noch einmal Vanessa Czapla nach vorne. Sie wird das Ensemble verlassen und nach Saarbrücken gehen. Nun flossen doch noch Tränen, nachdem Bardo Böhlefeld seine Dankesworte mit der Aussage begann „Ich werde jetzt nicht in Tränen ausbrechen.“
Der Förderpreis ist mit 2.000 Euro dotiert. Böhlefeld rief seinen Mitstreitern zu: „Dieser Preis ist auch für Euch!“

Sonntag, 28 Juni 2015 14:36

Wie zerbrechlich ist der Mensch

Laudatio für Bardo Böhlefeld zum DT Nachwuchsförderpreis 2015

Wie zerbrechlich ist der Mensch. Und doch so sehr darum bemüht, eine stabile Fassade zu behaupten. Der schöne Schein, in dem er sich so gerne sonnt, soll ja meist auch der starke Schein sein. Und dafür ackert er sich ab, nicht für den dünnhäutig blassen, der dann mit irgendeinen Schattenplatz vorlieb nehmen muss. Trotzdem protestieren in beiden Fällen die inneren Stimmen, weil sie mit Hüllen, Fassaden und Tarnmänteln nicht nur die Verletzlichkeiten abgeschirmt sehen sondern auch ein paar unangenehme Wahrheiten. Dann kommt es umso mehr darauf an, dass der Schein überzeugend trügt.

Was ist das, was in uns lügt, mordet und stiehlt. Georg Büchner sollte sich an dieser Frage restlos erschöpfen. Im Theater wird sie ständig gestellt, in dramatischen Nahaufnahmen, die keine befriedenden Antworten liefern können. Das menschliche Drama geht weiter, auch in seinen komödiantischen Ausbrechern. Die Theatermacher sind den Vorgängen, Entwicklungen und Irrungen auf der Spur, die wir uns und anderen zumuten. Aber auch ihre Befunde muten uns etwas zu. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass aus dem homo sapiens nie ein homo symphaticus wird und wir ihn trotzdem nicht abschreiben dürfen - egal wie deformiert und zerstörerisch er uns immer wieder hinter seiner Fassade auflauert. Es geht immer noch um uns und die Vision von Humanitas: Den anderen in seinem anders sein zu verstehen. Das Unbehagen dabei ebenso zuzulassen wie das Befremdende; nicht nur auf der Bühne sondern auch später dann, mit all den Theaterbildern, die sich in den Alltag einmischen wollen und müssen.

Viele Bilder sind noch ganz frisch. Die von den beiden Brandtstiftern etwa. Wie Bardo Böhlefeld und Frederik Schmid ihren hinterlistigen Charme versprühen und zunächst den Smalltalk im Hause Biedermann veredeln, bis ihr Sprengsatz zündet. Man möchte ihren kultivierten Posen auf dem Leim gehen, auch diesem sardonischen Lächeln, das nichts Gutes verheißt und trotzdem mehr und mehr fasziniert.

Doch selbst wenn das Lächeln einfach nur freundlich liebenswert und sympathisch anmutet wie bei Moritz Schulze als Pizzamann, der Schein trügt wie so oft. Und das nicht nur in seiner glänzenden oder blässlichen Hülle sondern auch darunter. Da wo Felicitas Madl  ihre Julie alles ertragen lässt, was ihr der Liliom zumutet. Von wegen weibliche Opferrolle. Nicht bei all der Liebe, die sie für diesen wütenden Vulkan für immer bewahren wird. Was wird da alles mit Worten getrickst und getürkt, zum Beispiel in Shakespeares Sommernachtsalptraum, wenn dieser Puk von Benedikt Kauff den schelmischen Schein mit der Lust an der Hinterlist verfeinert. Hinter dem Schelm lauert halt auch der Fiesling, der das Chaos genießt, das er anrichtet.

„Es gibt heut Nacht ein Maskenfest, lässt Shakespeare in seiner Komödie „Viel Lärm um Nichts“ verkünden. „Ich will verkleidet Deine Rolle spielen“. Das gelingt den fünf Kandidaten, die in diesem Jahr für den Förderpreis des DT Fördervereins nominiert wurden, ganz wunderbar.
Jedem auf seine Weise, mit seinem Verständnis einer Figur und wie er sie mit uns und unseren Tarnregionen ins Gespräch bringen will. Gerade wenn man bei Shakespeare noch ein bisschen tiefer in der Bedeutung gräbt. Ich verwandle mich in Dich, und spiele Dir Deine Rolle vor, auch wie Du Dich verkleidest und was Du dahinter noch alles verbirgst. An unbequemen Wahrheiten und Gemeinheiten, an zerstörerischer Potenz und auch an Liebenswertem.

Da genau das so schwer zu entschlüsseln ist und oft auch schwer begreiflich zu machen, hat die Jury in diesem Jahr für einen Nachwuchspreisträger gestimmt, der uns Zuschauer dabei immer wieder in die Irre führt. In ein Labyrinth von Möglichkeiten und Lesarten… dahin, wo das Verstehen und Begreifen anfängt.

Die Förderpreisjury wollte es diesmal spannend machen mit der Entscheidung, wer denn nun den Förderpreis bekommt. Auch weil das heute nicht nur ein Fest für die jungen Ensemblemitglieder ist sondern für das gesamte Team: Eben mit einem schönen Überraschungseffekt wie bei der Oscar Verleihung „The winner is“…

Es soll noch ein bisschen spannend bleiben. Lassen Sie jetzt in dieses Labyrinth von Möglichkeiten und Lesarten locken, die unser Preisträger so offen und aufgeschlossen erkundet hat. Mit unbändiger Neugier auf all das, was ihm alltägliche Begegnungen und Gespräche signalisieren, ebenso wie ihn Filme, Theaterstücke oder die Motive einer Ausstellung anstiften. Er sammelt diese Bilder und wird dabei auch zum Bilderdieb für seine Figuren. Damit ernährt er sie… mit dem, was anderswo an Fragen, Behauptungen, Lesarten und auch  an Missverständnissen und Irritationen  bereits über sie kursiert. In ihnen herrscht ein permanenter Unruhestand weil wir uns sonst eine feste Meinung über sie bilden würden. Genau das gilt es zu verhindern.

Es geht schon damit los, dass auch seine sympathischen Figuren keine weiße Weste haben und nicht nur diese scheinbar finsteren Zeitgenossen, wenn er ihre Tarnung immer wieder für Momente auffliegen lässt. Er spielt mit den Täuschungen, an denen sich Ansichten und Meinungen sich zunächst auch ganz bequem festmachen lassen und hat dabei auch schon die ersten Stolperfallen im Sinn, die den Blickwinkel auf eine Figur verändern: Die Widersprüche, die so gar nicht zu seiner Figur zu passen scheinen, auch die Sympathiepunkte, die sie jetzt wirklich nicht verdient hat. Und selbst in der unmittelbaren Nahaufnahme, wenn das Bild endlich eindeutig erklärbar oder analysierbar erscheint, lässt er es wieder verwackeln.

Gerade eben war er noch der kollegiale Angestellte, der pragmatisch und verständnisvoll zu argumentieren schien. Aber nur so lange bis die Dollarzeichen wieder leuchten und bis dann in charmantes Lächeln diese Momente von Aufsteigergier mit Lustgewinn, wie sie bald auch über Leichen gehen, ganz einfach überblendet. Sie verschwinden natürlich nicht sondern rumoren weiter, als Störsignale in der Chronologie der dramatischen Ereignisse in der Szenenfolge Spam.

Dem ungebetenen Gast, der schon seine Demutsgesten so formvollendet choreografiert, findet natürlich Einlass im trauten heimischen Schutzbunker, selbst da wo sich die alarmierenden Nachrichten über potentielle Terroristen häufen. Auch weil scheinbar nichts Bedrohliches von ihm ausgeht Eigentlich ist er ja auch ganz nett und dann auch so verständnisvoll. Und wir genießen dieses wunderbare Verstellungsspiel und lauern auf die nächste trickreiche Wendung, wie teilnehmende Beobachter, die einem Verstellungsspiel auf den Leim gehen.  
Dagegen ist der Nachbar von Fräulein Pollinger natürlich ein Simpel, gut bei Kräften aber mit Sicherheit kein Charmebolzen. Trotzdem fällt es schwer, ihn jetzt als erpresserischen Kraftlackel des Feldes zu verweisen. Auch er hat eine armselige Geschichte, die seine Fäuste umklammert halten. Und auch danach hat ihn der Schauspieler gefragt und warum es so schwer ist, einfach loszulassen anstatt mit Worten auf den schwächeren Gegenüber einzudreschen.

Manchen seiner Figuren geht es wie Rilkes Gefangenem von dem der Dichter schreibt. „Denk Dir, was jetzt Himmel ist und Wind, Luft deinem Mund und deinem Auge Helle, das würde Stein bis um die kleine Stelle, an der dein Herz und deine Hände sind. Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter und stopfte boshaft in das letzte Loch ein schmutziges Auge. Und du lebest doch.“

Stellen wir uns nun unseren Preisträger als Gefangenenbefreier vor. Wie er auf der Bühne auf die wackeligen Herztöne lauscht, seine Figur dabei an die Hand nimmt und ihr in das schmutzige Auge blickt:

Los, wir zeigen es denen da draußen. Alles was du dir wünschst und alles, was dich im Wünschen und Wollen so sehr antreibt dass du zum Lügner werden könntest, zum Dieb oder gar zum Mörder. Es muss nicht so sein, aber es könnte passieren. Zeigen wir Ihnen, warum du so geworden bist wie du bist und dass wir ständig nach dem Warum fragen müssen, auch wenn wir die Antwort einfach nicht zu fassen kriegen.

Unter den Vorsprechrollen, mit denen unser Preisträger das Leitungsteam des Deutschen Theaters überzeugte, war übrigens auch Shakespeares Romeo. Auch wenn er sich lieber in intrigante Figuren vergräbt und in Lessings Emilia Galotti Ursachenforschung mit dem
Bürokratenfiesling Marinelli betreibt oder dann einen Brandstifter mit seinen Fragen über den nächsten diabolischen Spielzug löchert.

Schon in seiner Ausbildung ist er das Romeo Passepartout nie so ganz losgeworden. Die Bemerkung eines Dozenten, Du bist doch ein hübscher junger Mann kontert er mit der Vermutung, dass er in der Realität vermutlich fast schon zu höflich oder zu nett sei und dass dann alle denken, ja der Romeo passt.

Dann wäre da auch noch dieses sympathische Lächeln eines aufmerksam zugeneigten Zuhörers, der Freude daran hat, sich in die Gedanken anderer zu vertiefen. Auch nicht gerade unpassend für das romantische Bild von Shakespeares schmachtendem Helden. Mit seiner Befragung eines eigersüchtigen Jago schubste er das Klischee des idealen jugendlichen Liebhabers von der Bühne. Erich Sidler und sein Dramaturgenteam hatten ihn da bereits in einer Szene von Lars Noren erlebt. Den Auftritt eines explosiven Zuhälters, der auf der Bühne in Rage gerät und dabei wild und laut gestikuliert. Dann wollten sie noch mehr von ihm sehen, ob er es auch mit einer Frauenfigur in einem Stück von Herbert Achternbusch aufnimmt.

Das Deutsche Theater war eine der letzten Stationen auf dem Vorsprechmarathon unseres Preisträgers. Was ein Glück, das schon Erich Sidler und sein Thema mehr von ihm sehen wollten, wie dann auch wir als Zuschauer und mit ihnen die Jury, die sein erstes Göttinger Theaterjahr miterlebt hat.

Sie möchte heute Bardo Böhlefeld mit dem Förderpreis auszeichnen.

Von Bardo Böhlefeld erfahren wir, wie das ist, sich auch auf den fremden, widerspenstig Anderen einzulassen, alles daran zu setzen, ihn auch ohne Worte zum Reden zu bringen und ihm auch dann zuzuhören, wenn er lügt, mordet und stiehlt und anderer Leute Häuser anzündet. Jeder Rolle lässt ihn offener werden, sagt er und damit auch seine Weltsicht, sein Verständnis für Menschen und wie sie warum ticken.

Es gibt kein wenn oder aber, wenn man wie er mit offenen Antennen arbeitet und sich ständig in diese Bilderfluten stürzt, darauf auch bei der Entwicklung einer Figur vertraut. Ständig wird nachgebohrt und fein justiert und  dann auch wieder losgelassen und erneut zurückgespult an den Anfang. Wieder passiert etwas mit einem dieser unmissverständlich widersprüchlich aufgeladenen Typen, wie Bardo Böhlefeld sie nennt, die sich nicht auseinanderfalten lassen. Da wird es für ihn spannend. Und da geht es ihm wie anderen Schauspielern auch, die sich natürlich lieber in die seelischen Abgründe von Monstergestalten stürzen und wie sie mit großer Lust zerstörerisch wüten als jetzt in die tragisch verlaufenden Eskapaden eines Romeo.

Aber er geht noch einen entscheidenden Schritt weiter - in dem Wunsch, auch solche Menschen zu verstehen.

Was wäre denn, wenn Shakespeares Jago jetzt nicht nur von Eifersucht auf Othello zerfressen würde, weil der seiner militärischen Karriere im Weg steht. Um zu sehen, wie einer der ins Grübeln kommt über diesen Erfolgszwang und das Arsenal an taktischen Manövern, die ihn zunehmend erschöpfen und alten lassen. Der leidenschaftliche Intrigant könnte uns ebenso anstrahlen, so lange bis wir seine Freude teilen, die ihn in seinen verräterischen Schachzügen beflügelt, um dann zu erleben, dass dieser Mann das Leben jetzt wirklich genießt…um den Preis, dass er das eines Anderen vernichtet. Richard III, auch so eine Rolle, die Bardo Böhlefeld  wie er sagt, anfixt, ist ein fast schon psychopathologischer Fall.  Vermutlich würde er die Zuschauer dafür in ein Kellergewölbe locken, wo sich die Leichen stapeln und stinken ohne dass sich jemand über die morbiden Ausdünstungen beschwert. Damit sie ins Staunen geraten und mitten hinein in ein Vexierbild, das sich ständig dreht,  während ein blutiges Gemetzel lustvoll zelebriert wird.

Gestern Abend betrat ein junger Mann das „Fremde Haus“ von Dea Loher. Zunächst noch ganz unbefangen und voller naiver Hoffnungen kreuzt er bei seinen Verwandten auf. Die Heimat Mazedonien, war ihm zu unsicher geworden, um dort eine Zukunft zu träumen und zu leben.

Warum also nicht anderswo. Die Menschen in diesem fremden Haus verweigern sich dem Träumer Sie sind schon so beschädigt und erschöpft. Auch von dem was sie einander an Lügen, an Verrat zugemutet haben, um irgendwie zu Überleben. Schon bald verhärten sich
nicht nur die Gesichtszüge des Schauspielers  sondern auch die Worte. Es ist ein schleichender Anpassungsvorgang, den Bardo Böhlefeld uns hier so berührend erleben lässt. Wie sie einen jungen Träumer deformiert, der sich den Gesetzen des materiellen Überlebens anpasst und dabei mit den Schwächen und Stärken anderer spekulieren lernt. Trotzdem verweigert ihm Bardo Bardo Böhlefeld das fertige Bild eines nunmehr abgebrühten Zeitgenossen. Er lässt uns lieber hoffen, dass ein Rest von Träumerseele in ihm weiter lebt und beflügelt. Auch mit einem schmutzigen Auge.

Allerherzlichste Glückwünsche zum Förderpreis.

Montag, 20 April 2015 16:15

Eine brillante Aufführung

Biedermann und die Brandstifter – Premiere im Deutschen Theater

Auf einem überdimensionalen Flacon steht der Protagonist Gottlieb Biedermann und zeigt sich durch grazile Bewegungen und Gesten als den perfekten Menschen. Doch was macht einen perfekten Menschen aus? Wie denkt und handelt er? Durch den Raum schallt eine Stimme, die genau danach fragt: „This is the perfect human. What kind of thing is it?“

Herr Biedermann und seine Frau Babette, dargestellt von Karl Miller und Felicitas Madl, wohnen als Inhaber einer Parfümfabrik in einem schönen Eigenheim. Sie lesen in der Zeitung von Brandstiftern, die ihr Unwesen in der Stadt treiben und ganze Stadtviertel in Brand setzen. Als Obdachlose, die um Herberge erbitten, verschaffen sie sich Zutritt in fremde Häuser und zünden sie an. Biedermann belächelt die Einfaltspinsel, die auf solch einen Trick hereinfallen -  befindet sich aber plötzlich in derselben Situation. Schmitz, einer der Brandstifter (Bardo Böhlefeld), gelangt mit der gleichen List in das Heim der Biedermanns. Die Beiden lassen sich geschickt um den Finger wickeln und bemerken nicht, wie offensichtlich das Unheil seinen Lauf nimmt. Sie sind blind vor Freundlichkeit und wollen der Tatsache nicht ins Auge sehen, dass sie gradewegs in eine Tragödie rennen. Sogar als Schmitz seinen Freund Eisenring (Frederik Schmid), ohne zu fragen mit ins Haus holt und Benzinfässer auf dem Dachboden lagert, möchte keiner der Hausbewohner die unheilvolle Situation erkennen. Diese spitzt sich schließlich immer weiter zu, bis es schließlich zu einer Explosion kommt...

Das „Lehrstück ohne Lehre“ von Max Frisch wurde von dem Dramaturgen Matthias Heid und unter der Regie von Lucia Bihler auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung hat die Intention, vor dem Offensichtlichen nicht die Augen zu verschließen. Bardo Böhlefeld, als Schmitz dem Brandstifter, ist es gelungen auf geschickte, emotionale Weise und mit vielen Wortspielen die Hauseigentümer um den Finger zu wickeln. Frederik Schmid  als sein Komplize schlüpft mühelos in die Rolle des manipulativen, stotternden Obdachlosen, aber auch in den selbstbewussten Komplizen von Schmitz. Felicitas Madl verkörpert Babette, die Frau des Hausherren Biedermann. Sie glänzt in ihrem wunderschönem 50er Jahre Kleid und stellt die perfekte Ehefrau des Unternehmers Biedermann dar. Ihr gelingt der schmale Grat zwischen der hilfsbedürftigen, herzkranken Ehefrau und der selbstüberzeugten Dame des Hauses. Mark Miller als Herr Biedermann stellt den angeblich perfekten Menschen dar. Durch eine unverbesserliche Körperbeherrschung bewegt er sich auf der Bühne, als ob es tatsächlich sein Eigenheim wäre und symbolisiert seinen Individualismus in der Gesellschaft. Als wortlose Hündin Anna gestikuliert Moritz Schulze in seinem schwarzweißen Ganzkörperkostüm. Auch ohne Worte weiß jeder, was er mitteilen möchte. Er ist der Charakter auf der Bühne, der wohl am meisten Mistrauen gegenüber den Baranstiftern ausübt, als alle anderen längst die vermeintlichen Obdachlosen ins Herz geschlossen haben.

Es steht das Wissen der Realität, der Probleme und der Zerstörung im Raum. Man soll sich dementsprechend verhalten, handeln und etwas ändern. Etwas ändern und handeln bedeutet aber oft, gleichzeitig eventuelle Konsequenzen ziehen zu müssen und seinen Lebensstil verändern. Es ist natürlich einfacher, sich der Hoffnung hinzugeben, dass die Probleme durch das Ignorieren von allein wieder verschwinden. Herr Biedermann befindet sich als Individuum in der Position, Probleme zu erkennen, zu handeln und diese zu lösen. Aber er ist blind und zu ängstlich vor der Konfrontation, die eine Veränderung mit sich bringt. Die Folgen sind verheerend und schließlich unausweichlich.

Matthias Heid und Lucia Bihler übertragen mit dieser Inszenierung das bekannte Stück in die aktuelle gesellschaftliche und globale Situation. Klimawandel, Flüchtlingskatastrophen und Rechtsextremismus sind Stichworte, die wohl jedem ein Begriff sind und die Probleme vor Augen führen. Die Devise lautet: Erkennen, Handeln und somit etwas ändern, sonst gibt es einen großen, lauten Knall, so dass nicht nur das schöne eigene Heim brennt, sondern die gesamte Stadt.

Ein nicht enden wollender Applaus ist die Belohnung für diese brillante Aufführung.
Der Zuschauer geht lachend aus dem Schauspielhaus, während im Hinterkopf die eigenen Gedanken nach und nach beginnen Formen anzunehmen.

Weiter Vorstellungen finden an folgenden Terminen statt:
28.04.15, 20.05.2015, 29.05.2015, 02.06.2015, 05.06.2015, 08.06.2015, 09.06.2015, 11.06.2015, 12.07.2015

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