Punkte neu 30 transparentWillkommen im Kulturbüro Göttingen - Ihrem Veranstaltungsportal für Göttingen

Montag, 20 November 2017 16:45

Voll krass, Alter

Pavel Haas Quartet und Pianist Boris Giltburg zu Gast bei den Göttinger Aulakonzerten

Dienstag, 26 September 2017 21:44

„Geliebter Brahms“ in Göttingen

Carolin Widmann und Alexander Lonquich eröffneten die Göttinger Aulakonzerte

Montag, 24 April 2017 16:38

Wagner-Tuben? Niemand hat sie vermisst!

Das letzte Aulakonzert dieser Saison mit dem Ensemble Oxalys und der Mezzosopranistin Christianne Stotijn

Eine Bruckner-Sinfonie in der Universitätsaula? Bei der vom Komponisten vorgesehenen Besetzung gerät der ehrwürdige Saal an seine Grenzen – sowohl von der Kapazität als auch von der Akustik her gesehen.

Da kommt das Motto der diesjährigen Saison der Aulakonzerte „Zauberhafte Arrangements“ sehr entgegen. Denn für diese Sinfonie gibt es eine Fassung für kammermusikalische Besetzung. Auf die Initiative von Arnold Schönberg wurde 1918 in Wien der „Verein für musikalische Privataufführungen“ gegründet. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und vor allem der Musikkritiker wurden exklusiv für die Vereinsmitglieder Aufführungen realisiert. Und weil die Mittel für ein großes Orchester fehlten, wurden die Werke bearbeitet. In diesem Fall haben das Hanns Eisler, Erwin Stein und Karl Rankl vorgenommen.

Beim letzten Aulakonzert der Göttinger Kammermusikgesellschaft waren die Vereinsmitglieder ebenfalls anwesend, aber die Öffentlichkeit war zugelassen, und die Musikkritiker ebenfalls – zum Glück! Eingeladen war das „Ensemble Oxalys“ aus Belgien.

Es ist erstaunlich, welche Klangvielfalt das zehnköpfige Orchester erzeugen kann. Das wurde bereits gleich zu Beginn des Werkes deutlich: zum Tremolo der natürlich nur einfach besetzten Geigen und der Bratsche setzten die Celli mit dem unglaublich lyrischen Thema des ersten Satzes ein. Die Celli? So klang es jedenfalls. Es spielte jedoch „nur“ Amy Norrington mit ihrem Cello, und das mit einem solch satten Ton, dass man mehrfach hingucken musste, ob es wirklich nur ein Instrument war. Szenenapplaus ist bei Konzerten klassischer Musik nicht üblich, angemessen wäre er gewesen. Genauso bei dem entrückend schönen Geigensolo (Shirly Laub) im zweiten Satz. Und nicht minder beeindruckend waren die Bläser mit Nathalie Lefèvre (Klarinette) und Anthony Devriendt (Horn). Wagner-Tuben? Niemand hat sie vermisst! Und was an Klangfarben im Orchester fehlte, wurde mit Klavier und Harmonium ergänzt.

Durch diese kleine Besetzung wurde der Charakter der Musik von Anton Bruckner besonders deutlich. Die unglaubliche Vielfalt an Melodien ließen die Musik auf die Zuhörer direkt einwirken. Damit ist nichts gegen die Originalversion der Sinfonie gesagt – aber dieses Arrangement hat seinen ganz eigenen Reiz.

Das setzte sich nach der Pause fort: das Orchester wurde noch etwas vergrößert: Flöte, Oboe, Fagott und Celesta gesellten sich dazu – und natürlich die Mezzosopranistin Christianne Stotijn. Denn auf dem Programm stand nun „Der Abschied“ – der letzte Satz aus dem „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler. Diese „Symphonie mit Singstimme“ stellt die Einsamkeit des Menschen in den Mittelpunkt. Die von Mahler ausgewählten Texte chinesischer Lyrik von Hans Bethge waren dabei für den Komponisten eher Mittel zum Zweck: die menschliche Stimme ist eher als Farbe eingebettet in den Orchesterklang zu verstehen.

Hier wird die durchsichtige Besetzung mit dem Ensemble Oxalys zu einer besonderen Herausforderung, hat Mahler doch nicht nur nahezu kammermusikalische Passagen in seiner Symphonischen Dichtung komponiert, sondern auch kräftige Tutti, gewaltige Ausbrüche und Emotionen. Die Musikerinnen und Musiker setzten diese Effekte gekonnt ein – bis hin zu dem denkwürdigen Schluss.

Das gleiche gilt für Christianne Stotijn, die ihren Part sehr ausdrucksstark gestaltete. Bisweilen neigte sie zu Übertreibungen, die nicht recht in den Saal passten. Starkes Vibrato und große Schwere waren deplatziert. Angemessener wäre eine saubere Intonation und etwas Textverständlichkeit gewesen, so wie es von Stotijn in den lyrischeren Passagen zu hören war. Während im Orchester die ungeheure Dynamik des Stückes jederzeit gekonnt auf die Besetzungsgröße heruntergebrochen wurde, gelang der Solistin dieses nur streckenweise. Was ihr aber definitiv gelang, waren die Emotionen in Mahlers „Lied von der Erde“ und speziell in diesem letzten Satz „Der Abschied“ zum Ausdruck zu bringen.

Die sekundenlange Stille nach dem letzten Akkord zeigte die hohe Spannung, die Ensemblemitglieder mit der Sängerin erzeugen konnten.

Langanhaltender Applaus war der Lohn für diesen denkwürdigen Abend.

Und wer das „Lied von der Erde“ nicht nur in Gänze, sondern auch in Mahlers Originalfassung hören möchte, dem sei das 1. Konzert im Philharmonischen Zyklus I des Göttinger Symphonie Orchesters empfohlen: am 30. September singen Cécile van de Sant und Norbert Schmittberg unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller in der Göttinger Stadthalle.

Die Kammermusikgesellschaft startet bereits eine Woche früher in ihre neue Saison. Das Motto lautet dieses Mal „Geliebter Brahms – aus dem großen Reichtum seines Kammermusikwerks“. Den Beginn macht Carolin Widmann (Violine) und Alexander Lonquich (Klavier) am 24. September in der Aula der Universität.

Dienstag, 21 März 2017 17:10

Eigernordwand mit Saiten

Aula am Wilhelmsplatz: Dover Quartet mit Beethoven, Barber und Mozart

Blick von Nikolausberg nach Süden – die Gleichen sind zu sehen; die Stadt liegt direkt vor einem hingegossen; zartes Grün durchzieht den Leinegraben und weiter flussabwärts stünde: Die Eigernordwand.

So (oder ähnlich) mag es derjenigen ergehen, welche die Große Fuge zum ersten Mal hört. Keine falsche Helden-/Werkverehrung. Und auch keine echte. Aber wahrlich, es ist ein Ton-Trumm, den der gute Ludwig van Beethoven 1825/1826 aufgeschichtet hat.

Gut besucht ist die Aula am Wilhelmsplatz auch beim vorletzten Konzert der Saison. Eine strenge Türkontrolle hätte das Programm allerdings kaum hereingelassen – die drei Originalkompositionen für Streichquartett haben schließlich mit dem Saisonmotto „Zauberhafte Arrangements“ herzlich wenig zu tun. Des Publikums Schaden war es nicht.

Die zarte Platzregie der Kammermusikgesellschaft verschafft dem Rezensenten die (sehr angenehme) Möglichkeit, im Laufe der Zeit beinahe jeden Sitzplatz in der Aula akustisch kennenzulernen. Empore, letzte Reihe, Mitte: für Streichquartette in diesem Saal ein beinahe perfekter Platz. Trotz der großen Distanz zum Podium sind selbst allerleiseste Passagen (mit denen das Dover Quartet gottlob nicht spart) sehr gut zu vernehmen. Das Klangideal von Milena Pajaro-van de Stadt an der Bratsche und ihren drei männlichen Kollegen (Joel Link und Bryan Lee an der Violine sowie Camden Shaw am Violoncello) ist hörbar ein sehr homogenes. Phrasierung, Artikulation, Vibrato sind ungewöhnlich stark einander angeglichen, so dass ein Hervortreten aus dem Ensembleklang einem Instrument wirklich nur „gelingt“, wenn die Komposition es vorschreibt. Sowohl bei Mozarts Quartett F-Dur KV 590 als auch bei Samuel Barbers Streichquartett op. 11 (1936) nutzen sie diese Klangvorstellung, um gleichzeitig eine sehr kontrollierte, fast sittsame Interpretation zu liefern. Diese kostet die emotionalen Extrema wohl aus – aber nie bis ins Letzte. Sie lässt freundlich-sprudelnde Notenketten sehr virtuos durch den Raum fliegen – aber nie von der Leine.

Das ist stimmig. Besonders Barbers zweiter Streichquartettsatz – später als „Adagio für Streicher“ berühmt geworden – profitiert davon ungemein. Dementsprechend lautstark dankt das Publikum bereits zur Konzerthälfte.

Zwischen 1824 und 1826 schrieb Beethoven die letzten fünf seiner insgesamt 16 Streichquartette. Jenes in B-Dur op. 130 mit seinen sechs Sätzen erklingt heute Abend mit seinem ursprünglichen Finale, der Großen Fuge. Ursprünglich, denn Beethoven komponierte auf Drängen seines Verlegers eines neues Finale. Warum? Die vorherigen Sätze fanden teils Anklang bei der Uraufführung - wie die Fuge ankam, mag ein Zitat aus der „Allgemeine Musikalische Zeitung“ verdeutlichen: „Aber den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch.“

Spielt ein Ensemble nun das Quartett op. 130, ist die entscheidende Frage vor dem Einstudieren: mit oder ohne? Heute beantwortet man sie, ziemlich sicher im Sinne des Komponisten, wie das Dover Quartet, d.h. mit Fuge. Wer so kundig, großartig spielend auftritt, wie die Vier an diesem Abend, wird auch das Folgende mit Bedacht und Absicht gewählt haben: die ersten fünf Sätze verbleiben – nun natürlich Beethoven wiedergebend – in jener klassisch-gesitteten Ausdruckswelt der ersten Programmhälfte. Sobald die Fuge beginnt, eröffnet sich schlagartig jedoch ein neuer Ausdrucksraum. Die Akzente hauen in die Aula; die Bandbreite der Lautstärke erhält an beiden Enden neue Bereiche etc.

Das ist erfreulich – aber leider für uns schwer nachvollziehbar, warum es diesen Bruch gibt. Das Außergewöhnliche der Fuge braucht nicht extra betont zu werden. Im Gegenteil hätten wir uns bereits das ganze Quartett mit dem Mut der Fuge gewünscht. - Was keinesfalls heißen soll, dass die Interpretation irgendwelche Mängel oder Fehler aufgewiesen hätte!

Das Verschmelzen der vielen Takt- und Tempowechsel im ersten Satz gelingt grandios. Das wehmütige zweite Thema im Cello so traumschön, dass man auf das strahlende Ende der Coda hofft. Das strahlt auch; doch mit jener Zurückhaltung, der es hier besser(?) gemangelt hätte. Die Cavatina, der fünfte Satz, funkelt in der Lesart des Quartetts vielleicht am intensivsten. Hier verleiht die Noblesse der Darbietung dem Sehnsüchtigen der Melodie noch größeren Nachdruck. Der koboldhafte zweite Satz ist in der Lautstärkedisposition vorzüglich angelegt, doch das Exaltierte, Bedrohliche in den Begleitstimmen, wenn sie die erste Geige beinahe zu Tode hetzen, fehlt. Dem Alla danza tedesca geht in den Nichtmelodiestimmen die ätherische, schwebende Wirkung ein wenig ab und so wirkt der Satz wie ein „Deutscher“ (d.i. Walzervorläufer), statt wie eine geläuterte, gereinigte Version davon.

Applaus wird es nach den Schlusstönen der Fuge zu Recht überreichlich geben. Dem „wie Chinesisch“ begegnet man im Publikum obschon: Wenn gut sieben, acht Minuten mit der Fuge ins Land gezogen sind, schaut manche doch auf den Programmzettel… das ist nicht Schönberg, oder?... Obwohl uns der Interpretationsbruch nicht stimmig erscheint, ist die Fuge ganz famos gespielt. Und wenn sich das größte Gewirr mit dem Allegro molto e con brio verzogen hat, kommt der beste Teil des Abends: Das zweite Meno mosso – in dem die Musik wie in Glas gegossen klingt. Zwei der großartigsten Minuten meiner Konzerthörervita.

Die Zugabe nimmt das Saisonmotto schließlich doch noch auf – Duke Ellingtons „In a Sentimental Mood“, für Streichquartett gesetzt.

DOVER QUARTET
Joel Link und Bryan Lee – Violine
Milena Pajaro-van de Stadt – Viola
Camden Shaw - Violoncello

Mittwoch, 15 März 2017 19:16

Aulakonzert mit dem Dover Quartet (USA)

Das DOVER QUARTET, Banff-Preisträger von 2013, ist am Sonntag zu Gast in Göttingen: zum 5. Aulakonzert der Kammermusikgesellschaft spielt das Quartett Werke von Mozart, Barber und Beethoven.

Das Dover Quartet arbeitete am Curtis Institute mit renommierten Kammermusikern wie Shmuel Ashkenasi, Arnold Steinhardt, Joseph Silverstein und Peter Wiley zusammen und ist derzeit das Graduate String Quartet-in-Residence an der Rice University's Shepherd School of Music in Houston (Texas). 2013 wurde das Dover Quartet das allererste “quartet-in-residence” am Curtis Institute of Music.
Das Quartett ist nach dem Werk DOVER BEACH von Samuel BARBER benannt, einem der berühmtesten Schüler des Curtis Institute. - Kürzlich erhielt das Ensemble den Cleveland Quartet Award.

Das Programm am 19. März 2017 um 19.45 Uhr in der Göttinger Universitätsaula:

Mozart: Streichquartett F-Dur KV 590
Samuel Barber: Streichquartett op.11 (1936), Original zur Version des „Adagios für Streichorchester”
Beethoven: Streichquartett B-Dur op.130 mit der Großen Fuge op.133

Eintrittskarten gibt es an allen Reservix-Vorverkaufsstellen und online hier im Kulturbüro Göttingen.

Montag, 20 Februar 2017 16:49

Trio – und Pausen

Aula am Wilhelmsplatz: van Baerle Trio mit Schumann, Arenskij, Beethoven

Drittletztes Konzert der Saison der Aulakonzerte, drei Musiker, drei Instrumente, drei Stücke - großer Beifall am Ende, Zugabe, zufriedenes Publikum. Wenn der Kritiker jetzt auch begeistert ist, endet die Besprechung hier. Allein, es kommt noch was. Und am Ende lag das an den Pausen.

„Zauberhafte Arrangements - (Un-)vertraute Original Werke“ lautet das Saisonmotto, dazu passend gruppieren sich zwei Bearbeitungen um eine Originalkomposition für die Besetzung Violine/Klavier/Violoncello. Anton S. Arenskij (1861-1906) schrieb sein Klaviertrio Nr. 1 d-Moll 1894, das Werk jedoch ist Früherem verpflichtet; Schumann, Tschajkowskij, sein Lehrer Rimskij-Korsakow schweben erkennbar durch die Partitur.

Maria Milstein (Violine) sowie Gideon den Herder (Cello) haben ihren Instrumentenklang gut aufeinander abgestimmt, obwohl ihr Stil bezüglich der rechten, der Bogenhand ganz unterschiedlich ist - das ergibt eine interessante, farbenfrohe Mischung. Hannes Minaar fügt seinen Klavierklang dieser Mischung bei, ohne dominant zu werden. (Nur ein nicht quietschender Klavierhocker wäre ihm zu wünschen gewesen.) Auf die Saalakustik wurde höchst sorgfältig Rücksicht genommen, so dass die Balance zwischen den Instrumenten gewahrt ist. Und an diversen Stellen trauen sich die Drei erfreulicherweise ans unterste Ende der Lautstärkeskala.

In Arenskijs viersätzigem Trio begeistert, neben süffigen Melodien und virtuoser Brillanz, besonders die ein oder andere formale Wendung. Wenn im ersten Satz zu Beginn der Durchführung plötzlich ein völlig neues Motiv die Herrschaft übernimmt und alles vergessen machen will, was zuvor war - ist man beim Zuhören auf weitere Überraschungen gefasst. Bereits bei der sich unerwartet in den Himmel erhebende Coda wenig später ist Grund zu erneuter Freude. Kleinere Fehler im Zusammenspiel der Streicher trüben diese nur wenig. Virtuos wird nicht nur das Finale werden, schon im Scherzo wird bogentechnisch einiges verlangt. – Dass es ebenso viele Arten gäbe eine Saite zu zupfen, erleben wir leider nicht. – Unvergessen bleibt der Mittelteil dieses zweiten Satzes: Ein schmachtender Streicherwalzer mit ganz merkwürdig gestauchter Begleitung im Klavier (großartig exakt gespielt!). Unvergesslich schön auch wie in den Schlusstakten der Elegie (3. Satz), wenn das Cello ein letztes Mal die Melodie anstimmt, sich die Geige in diesen Klang unendlich sanft einschleicht.

Pedalflügel, d.i. Flügel mit zusätzlicher Pedalklaviatur wie bei der Orgel, stehen nur noch im Museum. Um Robert Schumanns „Studien für Pedalflügel. Sechs Stücke in canonischer Form“ op.56 (1845) aufzuführen zu können, kommt heute die Bearbeitung Th. Kirchner zu Gehör. Sie gleicht dem Versuch aus einer Aquarellminiatur ein 3x4m-Ölgemälde zu machen. Farbverläufe und Übergänge wirken, so ins Große gesetzt, plakativ. Nur der Dezenz des van Baerle-Trios ist es zu verdanken, dass der perlende Sechzehntelkanon der Nr.1 wirklich wie aus einem Instrument, aus einer Stimme heraus erklingt. Den Stimmverläufen in den weiteren fünf Studien zu folgen, ist, trotz der Trennung auf verschieden Instrumente, nicht immer ganz einfach. Hier verwischt das Arrangement mehr als zu verdeutlichen.

Nun zu den Pausen. Die Ecksätze Schlusswerkes zeigen wieder einmal, dass sie das Wichtigste an der Musik sind. L. van Beethovens 2. Symphonie wurde 1806, vier Jahre nach der Komposition, von ihm oder zumindest mit seiner Zustimmung aus Gründen der Verkaufsförderung für Klaviertrio gesetzt.

Das Hauptthema des ersten Satzes beginnt nach einer Pause mit einem Auftakt, vier gebundene Sechzehntel. Es spielt an allen Schlüssel- und Übergangsstellen die entscheidende Rolle. Leider, leider halten die Musiker an vielen dieser Stellen die Spannung nicht; und setzen jenen Bruchteil einer Sekunde zu früh ein, so als könnten sie die vortrefflich aufgebaute Spannung selbst nicht mehr aushalten. Vierter Satz, ähnliches Problem: Das äußerst vorwitzige Thema fordert nach den ersten beiden Achteln, vor dem pseudodramatischen – eigentlich ausgelassen-freudigem – Melodieabsturz eine Achtelpause. Sicherlich ist es schwierig, dies in sehr zügigem Tempo und bei jeder Motivwiederkehr exakt zu musizieren, doch liegt der ganze Witz des Themas, ja des ganzen Satzes eben darin.

So munter, resolut, kraftvoll das Trio die Symphonie angeht, fehlt es bei den endlosen sforzati-Ketten an der nötigen Abstufung zu den nicht mit einem Akzent versehenen Tönen. Wie Beethoven im Scherzo lustvoll eine D-Dur-Tonleiter zerhackt, neu zusammensetzt und wieder zerhackt, hören wir – die auf kleinstem Raum geforderten Lautstärkeunterschiede jedoch nicht. Am Können der drei Musiker liegt das sicher nicht, vielmehr scheint das Abrupte, Schroffe und Garstige dieser Musik ihnen weniger zu liegen als das lyrisch Schwelgende.

Den Applaus als Maßstab nehmend stellt unsere Beurteilung der Symphonie eine Minderheitenmeinung dar. Aber worüber ließe sich auf dem Heimweg sonst auch trefflich streiten?

Für Blumen und Pralinen dankt das van Baerle Trio musikalisch: Felix Mendelsohn Bartholdy, zweiter Satz aus dem Klaviertrio Nr. 1 d-Moll.

Im zweiten Aulakonzert der Göttinger Kammermusikgesellschaft ist am 23. Oktober 2016 das polnische Streichquartett MECCORE STRING QUARTET zu Gast.

Montag, 26 September 2016 15:17

R.s lustige Streiche

Aula am Wilhelmsplatz: Saisonauftakt mit Berlin Counterpoint

Ensemble "Berlin Counterpoint" im Eröffnungskonzert der Aulakonzerte der Göttinger Kammermusikgesellschaft am 25. September 2016

Donnerstag, 21 April 2016 07:56

Rhythmisch reinigen

Kammermusikgesellschaft: Prager Bläseroktett mit Gästen zum Saisonabschluss der Aulakonzerte

Dienstag, 16 Februar 2016 09:07

Vertretungsfreuden

Liederabend mit Carolina Ullrich und Marcelo Amaral

Montag, 18 Januar 2016 18:05

Preisträger begeistern in der Aula

Es ist eine schöne Tradition der Göttinger Kammermusikgesellschaft, junge Preisträger zu einem eigenen Aulakonzert einzuladen. Und so waren am Sonntag Elya Levin (Flöte), Simone Drescher (Cello) und Frank Dupree (Klavier) eingeladen – alle Finalisten im Deutschen Musikwettbewerb.

Und in der Tat sind die drei große Talente – zudem hatten sie ein sehr schönes Programm vorbereitet. Gleich zu Beginn erklang die „Wanderer-Fantasie“ für Klavier solo von Franz Schubert. Schon mit dem ersten Akkord machte Frank Dupree seine Interpretation deutlich: hier erklang weniger der romantische Schubert, sondern vielmehr der dramatische Komponist. Schubert selbst sagte zu seiner Komposition, dass der Teufel sein «Zeugs» spielen solle. Das zeigt, welche Anforderungen das große Solowerk an Pianisten stellt. Diese Anforderungen meisterte der 1991 geborene Frank Dupree mit Bravour. Allerdings nahm das Werk nahezu Liszt’sche Züge an (Liszt hat für das Stück selber auch eine Fassung für Klavier und Orchester komponiert). Kraftvoll und gewaltig erklangen die Eingangsakkorde, und gewichtig ging es weiter in dem Stück. Damit fehlte leider die Romantik in weiten Teilen. Etwas weniger Pedaleinsatz und dafür etwas gefühlvollerer Anschlag hätten dieser Fantasie gut getan.

Im das Trio g-Moll für Klavier, Flöte und Cello von Carl Maria von Weber kamen Flöte und Cello hinzu. Der in Tel Aviv geborene Elya Levin überzeugte mit dem Klang seiner Flöte, Simone Drescher ließ ihr Cello herzerwärmend singen. Dennoch hatte man ein wenig den Eindruck, die jungen Musiker sind ein wenig angespannt. Zwar konnten Flöte und Cello viel Lyrik in der Musik besteuern, aber insgesamt wirkten die drei Musiker ein wenig verkrampft und gingen dieses Werk ein wenig zu ungestüm an (auch wenn sich Frank Dupree bei diesem Werk naturgemäß mehr zurückhielt). So blieben die Feinheiten dieser Musik etwas verborgen, gerade einmal die Freischütz-Zitate konnten deutlich erkannt werden.

Erst nach der Pause tauten die junge Musikerin und ihre beiden Kollegen auf. Schon bei dem „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy. Eigentlich für Orchester komponiert, wurde das Stück von Frank Dupree für diese Besetzung arrangiert. Sehr schön wurden die Passagen auf die drei Instrumente verteilt.

So richtig befreit wirkte das Trio bei dem „Assobio a jato“ von Heitor Villa-Lobos. Das tat der Musik ungemein gut. Und auch das Publikum in der Göttinger Universitätsaula konnte aus der Reserve gelockt werden. Der Applaus nahm deutlich zu. Zumal „Der Düsenjet“ (so die Übersetzung des Stückes von Villa-Lobos) großes Vergnügen machte. Elya Levin und Simone Drescher drehten hier richtig auf – wie sich das für einen Jet gehört.

Als Höhepunkt des Abends erklang das Trio für Flöte, Violoncello und Klavier von Jean Françaix. Eine moderne Komposition aus dem Jahr 1995, die aber durchaus romantische Züge innehat. Und sie bietet den Künstlern die Gelegenheit, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen: kühne chromatische Läufe und Modulationen, musizieren in höchsten Lagen – das bereitete Levin, Drescher und Dupree nicht nur keinerlei Probleme, sondern machte ihnen sicht- und hörbar großes Vergnügen.

Das Publikum war begeistert und entließ die jungen Musiker erst nach zwei Zugaben: „Die Aufforderung zum Tanz“ von Carl Maria von Weber sowie ein Tango von Astor Piazzolla.

Im 4. Aulakonzert am 14. Februar sind die Sopranistin Nuria Rial und ihr Partner am Klavier, Marcelo Amaral, mit einem Liederprogramm von Robert und Clara Schumann, Ravel, Toldrà i Soler und Obradors zu hören.

Montag, 16 November 2015 18:12

Großartiges Klangfest

Das Fine Arts Quartet zu Gast bei den Aulakonzerten

Zwischen Konzerten in Milwaukee und London gastierte das renommierte Fine Arts Quartet mit vier Konzerten in Deutschland. Das Gastspiel bei den Göttinger Aulakonzerten bildete dabei den Abschluss der kurzen Deutschland-Tournee.
Im Gepäck hatte das 1946 in Chicago gegründete Streichquartett Werke von Arriaga, Ravel und Schumann. Gleich zu Beginn des sehr gut besuchten Konzertes setzten die vier Streicher Akzente: das Streichquartett Nr. 3 Es-Dur des baskischen Komponisten Juan Crisóstomo de Arriaga, der 1826 noch vor Vollendung seines 20. Lebensjahres verstorben ist. Dennoch ist sein Gesamtwerk durchaus umfangreich. Das Streichquartett Nr. 3 komponierte Arriaga im Alter von 16 Jahren und zeigt eine erstaunliche Reife: ein reifer, ausgewogener Kammermusikstil, der sich zwar an Haydn orientiert, aber leidenschaftliche, beinahe beethovensche Züge in sich trägt. Und so wurde das Stück auch vorgetragen: ernsthaft und leidenschaftlich, getragen und wild – und das in hoher musikalischer Perfektion.

Man merkt deutlich, dass die Herren auf der Bühne schon eine ganze Reihe von Jahren zusammen musizieren. So konnte ein perfekter Klang entstehen – gepaart mit einer unglaublich präzisen und synchronen Dynamik. Dieses Ensemble hatte keineswegs etwas „Altbackenes“, das manch einer  vielleicht bei den schon seit 30 Jahren gemeinsam konzertierenden Geigen befürchtet hatte. Das Gegenteil war der Fall: frisch, mit viel Liebe zum Detail und gut gelaunt merkte man dem Quartett zwar eine große Reife an, aber keinerlei Abnutzung durch die schon lang andauernde Tournee um die Welt.

Im Mittelpunkt des Abends stand das Streichquartett F-Dur von Maurice Ravel. Vorbild für Ravel war das Streichquartett von Claude Debussy. Ravel entwickelt aber von Beginn an eine eigene Tonsprache und Melodieführung. Und auch hier erlebte das Göttinger Publikum ein großartiges Klangfest: sowohl die lyrisch-zarten Passagen als auch die dramatischen Höhepunkte wurden mit großer Empathie für die Komposition vorgetragen. Die komplexen Taktwechsel im letzten Satz klangen spielerisch leicht.
Schon vor der Pause gab es einen Applaus, mit dem so manche Künstler nach dem Konzert zufrieden wären.

Nach der Pause erklang das Streichquartett von Robert Schumann op. 41 Nr. 1. Schumann wagte sich erst als 32-jähriger an die Komposition von Streichquartetten. Das Werk besticht durch großen Reichtum an musikalischen Motiven, die das Fine Art Quartet geradezu als Steilvorlage annahm und entsprechend klar herausarbeitete. Die Interpretation war wunderbar klar, nie jugendlich vorwärtsstürmend, aber auch nicht hochnäsig altklug.

Dienstag, 20 Oktober 2015 17:44

Große Emotionen in der Aula

Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel im Göttinger Aulakonzert

Große Emotionen zeigte die junge Schweizer Geigerin Rachel Kolly d’Alba beim zweiten Aulakonzert in Göttingen. Das passte gut zum Motto dieser Saison „Vom südländischen Kolorit“. Vor allem passte das nach der Pause mit César Franck und Manuel de Falla. Aber der Reihe nach:

Eröffnet wurde der Abend mit drei Sätzen aus der „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky. In dem recht konventionell komponierten Werk greift Strawinsky auf seine „Pulcinella“ Ballettmusik zurück. Kolly d’Alba und ihr Klavierpartner Christian Chamorel interpretierten das Werk ein wenig nüchtern und zurückhaltend. Aber für große Emotionen eignet sich dieses Stück auch eher weniger. Dennoch ist Strawinskys Stil in dieser Komposition anders, trockener – und vielleicht auch etwas hintergründiger.

In der berühmten „Kreutzer-Sonate“ von Ludwig van Beethoven zeigte die Violinistin ihr ganzes Feuer. Und das war leider ein wenig zu viel des Guten. Zwar spielte sie auf hohem technischen Niveau, insbesondere die hohen und höchsten Lagen gelangen ihr blitzsauber. Aber das Werk ist immer noch ein Werk der Wiener Klassik und keines der Romantik. Die gewählten Tempoveränderungen, die hoch emotional gestalteten Passagen passten nicht recht zum liedhaften (in Satz 3) oder tänzerischen (in Satz 4) Duktus dieser Sonate. Chamorel nahm sich ob dieser aufgeladenen Interpretation extrem zurück. Durch den häufigen Pedaleinsatz wirkt der eigentlich ebenbürtige Klavierpart sehr gedeckt, hier wäre mehr Brillanz besser gewesen. Diese „Sonate für Klavier und Violine“ geriet zu einer zu schwärmerischen Violinsonate mit Klavierbegleitung.

Aber dann: die Violinsonate A-Dur von César Franck entwickelte sich schnell zum Höhepunkt des Abends. Hier passten die Emotionen und die Wildheit. Auch waren Violine und Klavier viel mehr Partner als noch zuvor. Rachel Kolly d’Alba gestaltete diese Sonate mit großer Reife, immer wieder entfalteten sich neue Höhepunkte. Vielleicht ließen sich die lyrischen Passagen noch etwas zurückhaltender gestalten, dann würde der Spannungsbogen zum nächsten Höhepunkt noch überzeugender wirken. Aber es war ganz deutlich zu spüren, dass die Musik und die Person auf der Bühne eins waren. Die Emotionen waren nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Der Funke sprang schnell auf das Publikum über, es knisterte förmlich in der ehrwürdigen Universitätsaula.
Den Abschluss bildete die „Suite Populaire Espagnol“ des andalusischen Komponisten Manuel de Falla in der Bearbeitung des polnischen Geigers Paul Kochanski. Auch hier waren Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel in ihrem Element. Sie begeisterten das Publikum in der gut gefüllten Aula und wurden erst nach zwei Zugaben entlassen.

Im 3. Konzert am 15. November ist das Fine Arts Quartet aus den USA mit Streichquartetten von Arriaga, Ravel und Schumann zu Gast bei der Kammermusikgesellschaft. Eintrittskarten sind an allen Reservix-Vorverkaufsstellen sowie hier online im Kulturbüro erhältlich.

Dienstag, 28 April 2015 14:57

Perfekt aufeinander abgestimmt

Das Arte-Ensemble im Aulakonzert

„Lebensläufe – Werkgeschichten“, so heißt die Überschrift über die Saison 2014/15 der Göttinger Kammermusikgesellschaft. Im letzten Abonnementskonzert standen eine ganze Reihe von Geschichten auf dem Programm: jüdische Klänge in der Ouvertüre op. 34 von Sergej Prokofjew mit gleich mehreren Versionen der Entstehungsgeschichte, die neu entdeckte (und zu entdeckende) Musik von Franz Hofmann, der 1945 als 25jähriger vermutlich mit dem Untergang der „Steuben“ in der Ostsee sein Leben verloren hatte und – als Höhepunkt – die Geschichte der lebendig gewordenen Spielsachen in der Kinderpantomime „Zaubernacht“ von Kurt Weill.

All diese Geschichten erzählte das Arte Ensemble. Die Mitglieder sind Solisten der NDR Radiophilharmonie und treten in variabler Besetzung auf. Nur so ist es überhaupt möglich, die verschiedenen Besetzungen der Stücke an einem Abend umzusetzen. Ergänzt wurde das Ensemble durch den Göttinger Pianisten Gerrit Zitterbart.


Auf welch hohem Niveau sich die Musiker bewegen, war schon gleich zu Beginn des Abends hörbar: in der Besetzung für Klarinette, Streichquartett und Klavier spielten sie die „Ouvertüre über hebräische Themen“ von Sergej Prokofjew. In dieser Musik ließ der emigrierte Prokofjiew Klezmer-Themen erklingen, das Werk schrieb er für ebenfalls aus Russland emigrierte jüdische Musiker, die sich eben in dieser Besetzung gefunden hatten. Die beiden musikalischen Themen wandern in den Stück durch die Instrumente. Das Arte Ensemble verstand es, diese Übergänge so kunstvoll zu gestalten, dass die Klangfarbe des „abgebenden“ Instrumentes perfekt getroffen wurde. So ergab sich ein kunstvoll miteinander verwobenes Werk als Ouvertüre des Abends.

Die Musik von Franz Hofmann kommt erst allmählich aus ihrer Vergessenheit hervor. In seinem kurzen Leben hinterließ Hofmann zahlreiche kammermusikalische Werke. Die Musik Hofmanns ist im Geist der Spätromantik komponiert, im Quintett h-Moll für Flöte, Klarinette, Geige, Bratsche und Cello war aber deutlich ein eigener Stil von großer Reife zu erkennen. Das Arte Ensemble hat dieses Werk keineswegs aus seinem Repertoire gewählt, sondern eigens für das Göttinger Konzert einstudiert. Das Publikum in der gut gefüllten Göttinger Universitätsaula kam so in den Genuss dieser Erstaufführung.

Nach dieser im Lebenslauf dramatischen Geschichte und der Pause kam es zum Höhepunkt des Abends. Die „Zaubernacht“, Kinderpantonmime für Flöte, Fagott, Klavier, Schlagwerk und fünf Streicher von Kurt Weill. Komponiert im Jahr 1922 – dann aber viele Jahre verschollen, bis das Werk im Jahr 2005 in Yale unvermittelt wieder auftauchte. Es dauerte eine Weile, bis die Musik identifiziert war, und so erschien erst im Jahr 2008 die wieder hergestellte Partitur in der Gesamtausgabe. Und erst im Jahr 2010 wurde das Werk nach mehr als 85 Jahren wieder aufgeführt – im Rahmen des Musikfests Stuttgart, erstaufgeführt vom Arte Ensemble. In der Göttinger Aula erklang die Ballettmusik konzertant. Weill hat die Geschichte der zwei Geschwister, deren Spielsachen in der Nacht lebendig werden, so bildhaft vertont, dass der hüpfende Ball, das galoppierende Steckenpferd, das tanzende Stehaufmännchen oder der exerzierende Zinnsoldate förmlich vor den Augen der Zuhörer zu sehen war. Die zehn Musiker, darunter zwei ziemlich beschäftigte Schlagzeuger, waren perfekt aufeinander abgestimmt. Im Grunde spielten sie ebenso mit den Spielsachen wie es eine Balletttruppe in einer szenischen Aufführung hätte tun sollen. Fasziniert lauschte das Publikum dem Ensemble – und wollte es am Ende kaum gehen lassen.

Schon während der Weill’schen Musik ertappte man sich als Zuhörer dabei, ein wenig mitzuspielen. Und war es nicht König Georg IV., der auf seinem Gemälde oben über den Musikern an der Königswand geschmunzelt hat und mit den Füßen beinah ein wenig mit dem Zinnsoldaten mitmarschiert ist?

Mittwoch, 01 April 2015 08:30

Der Staub der Archive

Das ARC-Ensemble in der Aula am Wilhelmsplatz

Wie viele Kostbarkeiten mögen sich, schlummernd im Staub der Papierberge, wohl noch finden lassen? Nach diesem Abend ist Trost in Sicht - manches schlummert zu recht und sollte dort in Frieden ruhen.

Der Beginn ist vielversprechend, kündet das Plakat mit Mieczysław Weinberg (Klavierquintett) und Adolf Busch (Streichsextett) zwei Namen an, die man vielleicht einmal gehört hat, die entsprechenden Stücke jedoch noch nie. Auf zu Neuem!
Am Zuspruch des Publikums – merklich geringer als üblich - ist zu erkennen, dass nicht all zu viele diese Ansicht teilen. Das ARC-Ensemble reist aus Toronto, Kanada, an - hätten sie es doch mit einem anderen Programm getan! Die unglückliche Zusammenstellung ist einer der Gründe für einen nur mäßig gelungenen Abend. Interpretation und besonders die Qualität des Streichsextettes tragen das Ihre bei.

Weinbergs Quintett, op.18 (1944), mit mehr als einer Stunde Spieldauer füllt die erste Hälfte - und hier gibt es denn doch viel Gelungenes zu entdecken. Eigentlich wird das Stück mit jedem seiner fünf Sätze besser.
Als zweiter Geiger hätte ich allerdings bis zum Finale die Mitwirkung verweigert: Klavier, Violine I, Cello, mit Abstrichen die Viola sind gut beschäftigt - die Violine II hat Weinberg zur Füllstimme degradiert. Überhaupt ist das nicht hinreichend genutzte Klangkombinationenpotential dieser Besetzung des Werkes größtes Manko. Unverbunden stehen sich Klavier und Streicher oft gegenüber; längere Passagen sind Einzelstimmen anvertraut. Ein Miteinander gibt es selten, ohne daß beim ersten Hören zu verstehen ist, warum nicht.
Ton- und Formensprache sind so modern wie es die offizielle Kunstauffassung der späten Stalinzeit erlauben. Nach zwei Sätzen Anlauf bin ich im Presto des dritten mit seiner clownesk-überdrehten Uff-ta-ta Tanzmusik so langsam angetan vom Stücke. Ein Largo im Anschluß: aber nix mit Besinnlichkeit! Ein sehr ausgedehntes, trotziges Unisono steht Bergmassivgleich im Raum; abgelöst von einer langen Klavierpassage, kehrt es zum Ende geisterhaft wieder. Es enden eh fast alle Sätze des Werkes im pianissimo (was den ARCs sehr gut gelingt).
– Ah! Nun bemerkt man erst die Motivrückgriffe auf die zwei Sätze zuvor, den Bezug zur Cellolinie des allerersten Beginns ….
Eine schmissige Melodie im Klavier, drunter Streichertonteppich - so beginnt das Finale. Bissl verhangen, nix düsteres, Ausgelassenheit jedoch klingt anders. Ein starker rhythmischer Zug und so kommt der Satz mit zwei Ideen aus, ohne zu langweilen. Mit dem besten zum Schluß! Aus der Stille kommend rollen die Streicher ganz leise noch einmal Teppich aus. Das Klavier, tief unten, spielt das Thema - ohne den Schlußton. Alle zusammen eine Stufe höher. Das Spiel beginnt von vorne. Hier geht es wohl auf einen strahlenden Abschluß zu? Gleiches Spiel. Und wieder. Und wieder. Aber kein Schlußton, keine „Erlösung“. Man will am Ende selbst die Taste drücken… Einfache Idee, großartige Wirkung. Ich fürchte, beim erneuten Hören des Quintetts würde man weiteres Gutes finden.

Pause - Adolf Busch, Streichsextett G-Dur op.40 (1928/33): 25 Minuten Belanglosigkeit.
Der Rest ist Schweigen.

Ein anderer Partner für das Weinberg’sche Werk, und der Abend wäre besser in Erinnerung geblieben. Ein anderer Zugriff des Ensemble, und Weinbergs Werk hätte eventuell auch die Programmraschler im Publikum überzeugen können. Es fehlt an Attacke, an Prägnanz, obwohl das Ensemble mit vollem Einsatz dabei ist. Ein anderes Verständnis des Pizzicato - es gibt mehr als zwei Arten eine Saite zu zupfen. Ein anderer Flügel (zumindest andere Deckelstellung) könnte auch nicht schaden. Welcher Klavierfetischist berät die Ensembles bei der Balance? Der Flügel ist ab der kleinen Oktave zu laut.

Als Zugabe mit dem langsamen Satz des Streichsextetts op. 40 „Souvenir de Florence“ Edelkitsch aus der Feder P.I. Tschaikowskis. Im Gegensatz zu Busch wußte der aber, was ein Spannungsbogen ist.


ARC-Ensemble
Violine - Marie Bérard, Benjamin Bowman
Viola- Carolyn Blackwell, Steven Dann
Violoncello – Bryan Epperson, David Hetherington
Klavier – David Louie

Montag, 23 Februar 2015 16:47

Musik zum Leben erweckt

Boris Giltburg zu Gast bei den Aulakonzerten

Mit den wuchtigen Schlägen des Eröffnungssatzes von Brahms dritter Klaviersonate schlug der Pianist Boris Giltburg im 4. Aulakonzert der Saison gleich markante Pfähle ein. Dieses monumentale, geradezu sinfonische Klavierwerk setzte Giltburg an den Anfang seines Konzertabends. Doch schnell wurde deutlich, dass es ihm gar nicht um Monumentales ging. Der vielfach preisgekrönte Pianist legte seinen Schwerpunkt vor allem in die leisen Passagen. Der große Flügel in der Universitätsaula wirkte zunächst stark gedämpft. Damit gab es für Boris Giltburg die Möglichkeit, eben diese leisen Passagen mehr Nuancen zu verleihen. Und so zauberte Giltburg Variationen des Pianos hervor, die mit den üblichen Bezeichnungen „piano“, „pianissimo“ oder „mezzopiano“ nur sehr unzureichend beschrieben werden können. Für diese Piano-Variationen wären mindestens zehnmal so viele Bezeichnungen erforderlich!

Zugleich schien Boris Giltburg förmlich mit dem Instrument zu verschmelzen: tief über die Klaviatur gebeugt schien der Pianist förmlich in das Instrument hineinzukriechen. Und das war auch hörbar: die Wiedergabe der Komposition des erst 20jährigen Johannes Brahms berührte die Zuhörer in der nahezu ausverkauften Aula ganz innen. Giltburg war Brahms und Brahms war Giltburg. Zu hören war die Seele der Musik, in der der junge Brahms seine Gefühlswelt offengelegt hatte.
Es gibt nur wenige Stücke des Klavierrepertoires mit einem solchen Umfang, die Sonate in f-Moll dauert gut 40 Minuten. Die Kombination aus Johannes Brahms, Boris Giltburg und dem Steinway-Flügel in der Universitätsaula verkürzte jedoch die gefühlte Zeit ganz erheblich.

„Lebensläufe – Werkgeschichten“ lautet das Motto der diesjährigen Saison der Aulakonzerte. Mit der Klaviersonate Nr. 3 von Brahms ist die Bekanntschaft mit Clara und Robert Schumann untrennbar verbunden, die Werkgeschichte und der Lebenslauf gehören also direkt zusammen.

Die „6 Moments musicaux für Klavier op. 16“ von Sergej Rachmaninow, die nach der Pause erklangen, sind ebenfalls ein Frühwerk, der Komponist war in diesem Fall erst 23 Jahre alt. Er schrieb diese Musik also noch in seiner Moskauer Zeit, kurz nach dem Studium. Rachmaninow ist bekannt für seine „große Form“, für seine großen Gefühle; man denke nur an seine Klavierkonzerte. In diesen Miniaturen bewies der Komponist bereits früh seine Fähigkeiten in der kleineren Form. Wobei diese Miniaturen bereits viel Emotionen beinhalten: vom melancholischen ersten „Moment“ bis zum finalen, jubelnden Maestoso. Boris Giltburg gestaltete diese Momente frisch und klar in der Diktion. Seine Fingerfertigkeit galt es auch noch im letzten Stück des Abends zu bewundern. Aber bereits bei Rachmaninows Musik galt: Giltsburgs Gestaltungsmöglichkeiten sind außerordentlich vielseitig. Aus dem hoch komplexen Notenmaterial suchte er Themen, Melodien und Akzente heraus und machte sie hörbar. Dadurch wurde die Musik zugänglich und verständlich.

Das galt auch für die Klaviersonate Nr. 2 d-Moll von Sergej Prokofjew. Neben den bereits benannten Fähigkeiten des in Israel lebenden Pianisten muss vor allem in dieser Sonate noch die Virtuosität genannt werden. Und es ist hoch erfreulich, dass diese erst am Ende genannt werden muss. Virtuosität alleine würde zwar die Kunstfertigkeit an den 88 Tasten unter Beweis stellen, aber nicht die Musik zum Leben erwecken. Genau das hat Boris Giltburg getan – bei Prokofjew wie bei Brahms und bei Rachmaninow.

Ein emotionaler, vielschichtiger und virtuoser Klavierabend in der Aula – das Publikum war begeistert und ließ Boris Giltburg erst nach einer Zugabe (Robert Schumann „Arabesque“) gehen.
Im 5. Aulakonzert am 29. März präsentiert das Arc-Ensemble Toronto zwei Göttinger Premieren: das Klavierquartett Mieczysław Weinberg von 1944 und das Streichsextett von Adolf Busch von 1928/29.

Dienstag, 18 November 2014 14:11

Beeindruckend!

Das Pavel Haas Quartett zu Gast in der Kammermusikgesellschaft


Es mag nicht besonders einfallsreich sein, ein Konzert als beeindruckend zu bezeichnen, aber nach diesem Konzert in der nahezu ausverkauften Aula am Wilhelmsplatz fällt einem erstmal nicht mehr ein. Die Spielfreude war Veronika Jarůšková (Violine), Marek Zwiebel (Violine), Pavel Nikl (Viola) und Peter Jarůšek (Violoncello) des Pavel Haas Quartett während allen drei Werken anzusehen. Durch eine perfekte Absprache ergab sich ein ausgeglichener Klang. Kein Instrument stach unpassend hervor. Die vier Musiker schienen beim Spiel mit ihrem Instrument zu verschmelzen. Selbst in extremen Lagen und dynamischen Abstufungen waren die Töne klar und präzise zu vernehmen.

Zu Beginn Antonín Dvořáks Streichquartett Nr. 10 Es-Dur op. 51 das den Titel Slavisches Quartett trägt. Nationale Melodien werden kunstvoll eingebaut. Der zweite Satz ist mit Dumka überschrieben, was zur Gattung der slawischen Volkslieder gehört. Dieser Satz ist zunächst etwas schwermütig wird aber durch zwei schnelle Abschnitte aufgelockert. Daran schließt sich die Romanze an, die wie das Dumka melancholischen Charakter hat mit eher getragenen Melodien. Im finalen Satz klingen erneut slawische Melodien durch, indem Dvořák Elemente eines böhmischen Springtanzes einarbeitete. Mit gebührender Leichtigkeit erklangen die sich aufschwingenden Melodien, dagegen standen die ruhigen im extremen legato gespielten Melodien.

Besonders beeindruckend war das Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110 von Dimitri Schostakowitsch. Es besteht aus fünf Sätzen, die alle nahtlos ineinander übergehen und so das Göttinger Publikum fesselten. Im gesamten Werk finden sich Zitate eigener und fremder Kompositionen wieder. Der eröffnende Largo Satz erzeugte eine bedrückende Stimmung. Am Anfang ein Motiv, das nacheinander in allen vier Instrumenten gespielt wird. Ein über mehrere Takte gehaltener Ton wirkt wie eine ständig anwesende Bedrohung. Plötzlich bricht der zweite Satz ein. Die Melodien in den vier Instrumenten überlagern sich, haben zeitweise einen tänzerischen und dennoch aufgeregten Charakter. Dabei erklangen schneidende Pizzicati, harte Bogenstriche, kraftvoll wurde der Bogen auf die Saiten geschlagen. Man konnte gar nicht genau ausmachen, wann der dritte Satz begann bis es sich im vierten Satz wieder beruhigte und sich erneut die bedrückende Anfangsstimmung ausbreitete.

Das Streichquartett Nr. 2 op. 7 Aus dem Affengebirge von dem Komponisten Pavel Haas ist ein programmatisches Stück. Jeder Satz trägt einen Zusatz, der erste beispielsweise Andante – „Landschaft“. Es entstand 1925 nach einem Aufenthalt Haas‘ in den Affenbergen. Ob durch rhythmische Pattern oder scheinbar nicht endenden Wechselnoten, leichte oder beschwerliche Melodien wurden Bilder in die Aula gezeichnet. Geben die Bilder nun das wieder, was die Sätze betitelt oder glaubt man eben das zu hören, weil es dabei steht?

Das Pavel Haas Quartett wurde 2002 gegründet und nach dem jüdischen Komponisten Pavel Haas benannt, der 1941 in das KZ Theresienstadt deportiert und drei Jahre später nach Ausschwitz transportiert wurde, wo er ermordet wurde. Als Gedenken an die tschechischen Komponisten, die in Theresienstadt inhaftiert waren, steht das Streichquartett Nr. 2 op. 7 Aus dem Affengebirge.

Für den nicht enden wollenden Applaus bedankte sich das Streichquartett mit dem 4. Satz aus Dvořáks Streichquartett F-Dur, op. 96, genannt das „Amerikanische“.

Montag, 22 September 2014 15:27

Homogener Klangkörper

Aulakonzert mit dem Minetti-Quartett

Für viele ist das Streichquartett die Krönung der Kammermusik. Und hier wiederum gibt es einige Werke, die besonders hoch angesehen sind und besonders häufig auf dem Programm stehen. Zu ihnen gehört das Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert. In der Pause des ersten Aulakonzertes der neuen Saison mit dem Wiener Minetti Quartett war häufig zu hören: „Und jetzt kommt der Höhepunkt“. Im ersten Teil war ein frühes Quartett Schuberts zu hören. Und das Streichquartett Nr. 4 op. 25 von Alexander von Zemlinsky.

„Lebensläufe – Werkgeschichten, die das 20. Jahrhundert schrieb“ lautet das Motto der diesjährigen Saison. Es geht um Kompositionen, die durch Krieg und Terrorsysteme eine besonders erschwerte Rezeption erfuhren. Und in der Tat: das 1936 geschriebene Werk Alexander von Zemlinsk wurde erst 1967 uraufgeführt. Zemlinsky nahm es 1938 mit in die Emigration in die USA. Durch die großen Veränderungen und die Not nach der Flucht fand der Komponist keine Möglichkeit der Aufführung.

Im Gegensatz zu seinem Freund und Schwager Anton Schönberg blieb Zemlinsky in der Tonalität. In seiner Musik finden sich Anklänge von Brahms und Mahler. Die vier Musiker spielten diese bisweilen etwas sperrige Musik mit großem Bogen, mit viel Kraft und Dynamik.

Zu Beginn war das das Streichquartett in B-Dur D 36 von Franz Schubert zu hören. Zwischen diesem jugendlichen Schubert, der das Werk im Alter von 15 Jahren schrieb, und dem reifen Schubert, der vier Jahre vor seinem Tod das Streichquartett in d-Moll D810 komponierte, liegen nur zwölf Jahre. Und dennoch trennen Welten diese beiden Stücke: das eine noch an Haydn erinnert, hat das andere nicht nur eine formale Größe sondern weist auch kompositorisch den „Weg zur großen Sinfonie“, wie Schubert seine Komposition selbst erklärte.

Das Minetti-Quartett widmete sich beiden Werken mit großer Ernsthaftigkeit und steckte in die Interpretation viel Detailarbeit: beim jungen Schubert waren so die melodischen Bögen in den vier Instrumenten, die klare Struktur des Werkes und die Harmonik deutlich herausgearbeitet. So konnte ein überzeugender und frischer Klang entstehen.

Das d-Moll Quartett steht auch beim Minetti-Quartett häufig auf dem Programm. Und überall werden die Musiker für ihre Interpretation hoch gelobt. Zu recht: hier konnte man die Zerrissenheit, die hochromantischen Sehnsüchte des Komponisten geradezu spüren. Das Werk trägt den Namen „Der Tod und das Mädchen“. Schubert griff damit das Thema einer eigenen Vertonung des Gedichtes von Matthias Claudius auf. Das Hauptmotiv zieht sich durch alle Sätze, aber vor allem in den Variationen des zweiten Satzes konnten sich Maria Ehmer (1. Violine) und Leonhard Roczek (Violoncello) solistisch auszeichnen. Gemeinsam mit Anna Knopp (2. Violine) und Milan Milojicic (Viola) bildeten sie einen außerordentlich homogenen Klangkörper. Jedes noch so kleine Detail war konsequent in allen Stimmen eingearbeitet, auch in den schnellsten Passagen waren die vier Musiker absolut synchron. Und das sowohl im Rhythmus als auch – ungleich faszinierender – auch in der Dynamik. Obwohl das Minetti-Quartett mit diesem Stück durch die Konzertsäle Europas reist, wirkt die Wiedergabe zu keiner Sekunde routiniert.

Atemlos folgten die Zuhörer in der gut besuchten Aula der Universität dem Spiel des Quartetts – um am Ende in einen langen und jubelnden Applaus auszubrechen. Das Minetti-Quartett ist in der Region ein gern gesehener Gast: bereits im Jahr 2012 waren sie zu Gast bei der Göttinger Kammermusikgesellschaft, ein Jahr zuvor gastierten sie bei den Internationalen Fredener Musiktagen. Man wird es hoffentlich bald wieder in Göttingen hören können.

Mittwoch, 30 April 2014 17:12

Englischer Schwanengesang aus Wien

Philharmonie-Ensemble-Wien in der Aula am Wilhelmsplatz

Gestorben ist an diesem Abend in der gut besuchten Aula zwar niemand, ein Ende - ein Schwanengesang - war dennoch zu begehen: Die Saison 2013/2014 und ihr Motto „ANGLIA CANTAT!“ finden mit dem Philharmonie-Ensemble-Wien, welche Werke von Gustav Holst, George Onslow und Ludwig van Beethoven spielen, ihren Abschluss.

Zum Konzert

Alle Ensemblemitglieder rekrutieren sich aus den Wiener Philharmoniker bzw. dem Orchester der Wiener Staatsoper. Für die technisch Interessierten lassen sich also ein paar k.u.k. Besonderheiten bei Oboe und Horn hören/studieren.

Das Quintett für Bläser (As-Dur, op. 14, von 1903) Gustav Holsts markiert zu Beginn die Stimmung, welche den Abend prägen wird: heiter, leicht.

Sein Jugendwerk hat der Komponist nicht allzu sehr geschätzt, diese scharfe Selbstkritik teilen die Hörer, urteilt man nach dem Applaus, nicht. Das formal recht konventionell gesetzt Werk überrascht doch mit manch feiner Idee, so in der samtig-satten Klangkombination Horn/Fagott des zweiten Satzes oder dem Minuet in Kanonform.

Die Bläserfarben werden in George Onslows Nonett in a-Moll op. 77 (1848) durch ein Streichtrio erweitert, der Kontrabass steuert die nötige orchestrale Tiefe bei.

Ungewöhnlich ist, auf den zweiten Blick, der Aufbau des Werkes. Auf ein brillantes, trotz der Tonart, nicht wirklich düsteres Allegro folgt ein nervös-lebendiges, sehr virtuoses Scherzo. Üblicherweise setzt nun der Komponist einen Ruhepunkt, einen langsamen Satz: nicht so hier.

Die folgenden zwei Sätze verlangen ebenso rasche Tempi - zwar finden sich im Thema-mit-Variationen-Satz einige innig Momente, doch zur Ruhe findet die Musik nicht. (Ohne das man dies vermissen würde.) Die langsame Einleitung sowie das folgende Allegretto quasi Allegro beginnen zwar dramatisch, dunkel gar, doch kippt die Stimmung schnell ins Spielerische, führt schließlich zu einem glanzvollen Schlußpunkt.

Die Melodieerfindung des Komponisten besitzt Ähnlichkeiten mit Mendelssohn; viele rhythmisch Schichtungen und Details erinnern an Schumann. Dies als Hinweis für alle, die, wie ich selbst, noch nichts von Onslow gehört haben- eine Lücke im Hörrepertoire, übrigens.

Anmerkungen zur Qualität der Ausführung lassen sich kurz halten: Bei Orchesterkollegen ist die Kommunikation untereinander naturgemäß kein Problem; die Gewichtung der Einzelstimmen ist allezeit ausgewogen, fein aufeinander abgestimmt. (Allein der Geiger beginnt das Beethovenstück a bissl zu brässig, fängt sich später aber.)

Einem „Gast“wiener – Ludwig van Beethoven - gebührt das letzte Wort der Saison. Das Septett op. 20 (1799/1800), vom Tonsetzer in späten Jahre böse geschmäht, mit seinen sieben Sätze war bis zum Lebensende Beethovens eines seiner meistgespielten Werke - und es gefällt auch an diesem Abend. So finden sich hier u.a., neben dem ersehnten lyrischen langsamen Satz - mit großartigem Klarinettisten -, ein derb-munteres Menuetto (an Haydns Witz geschult) und ein bewegtes Scherzo, ganz vom Beethoven’schen ruppigem Humor geprägt.

Das Presto des Schlußsatzes bietet schließlich eine von Beethovens Lieblingsideen für Finalsätze: Im ansonst fröhlichen Umfeld –plötzlich - Verdüsterung nach Moll - Erstarren der Bewegung; bevor ein paar schmissige Tonfiguren den Satz zum strahlenden Abschluss zwingen.

Für den anschließenden ausgiebigen Applaus bedanken sich die Musiker mit einem Wiener Kleinod - der schnellen Polka „Kleiner Anzeiger“ des k.u.k Hofkapellmeisters Josef Hellmesberger junior.

Zur Reihe

Die verdienstvolle Idee, in dieser Reihe Komponisten der Insel vorzustellen, hat sicherlich vielen Besucher musikalische Entdeckung beschert. Das neben Benjamin Britten, anlässlich seines hundertsten Geburtstags (würde er noch leben), Henry Purcell dabei besonders zur Geltung kam, hat hoffentlich bei so manchem Interesse geweckt, mehr von diesen beiden zu hören.

Nach der Liste der Ensemblemitgliedern finden Sie – bei Interesse- noch einmal die Besprechungen der übrigen Konzerte dieser Saison.

Philharmonie-Ensemble-Wien

Daniel Froschauer – Violine
Robert Bauerstatter – Viola
Bernhard Hedenborg – Violoncello
Herbert Mayr – Kontrabaß
Karin Bonelli – Flöte
Clemens Horak – Oboe
Stephan Neubauer – Klarinette
Armin Berger – Horn
Michael Werba – Fagott

Link zu den Rezensionen der Reihe:

http://www.kulturbuero-goettingen.de/index.php/component/k2/tag/KammermusikGesellschaft

Montag, 24 März 2014 00:00

Kammermusik auf höchstem Niveau

Kuss-Quartett und Markus Becker im Aulakonzert

Kammermusik auf höchstem Niveau durfte das Publikum am Sonntagabend zum Abschuss der Woche in der Aula am Wilhelmsplatz genießen. Die Göttinger Kammermusikgesellschaft richtete das 5. Aulakonzert der Saison 2013/14 mit dem Motto „Anglia Canta! - Das Britten-Projekt“ aus. Zu Gast waren an diesem Abend das international bekannte „Kuss Quartett“ sowie der Pianist Markus Becker.

Zu dem schon 1991 gegründeten Streichquartett gehören die Violinisten Jana Kuss und Oliver Will, der Bratschist William Coleman sowie der Cellist Mikayel Hakhnazaryan.

Der Abend begann mit dem „Dissonanzen-Quartett“ in C-Dur, KV 465 von Wolfgang Amadeus Mozart. Es ist das letzte der sechs Haydn-Quartette von Mozart und trägt den Namen auf Grund der Einleitung des ersten Adagio-Allegro Satzes. Nacheinander setzten hier die Instrumente ein und bildeten dissonante Akkorde, die für das 18. Jahrhundert in der das Werk komponiert wurde sehr ungewöhnlich waren. Das folgende Allegro wirkte umso harmonischer und fröhlicher und bildete somit einen Kontrast zur spannungsvollen Einleitung. Besonders hervorzuheben ist hier Jana Kuss, die mit viel Enthusiasmus das Quartett anführte. In dem gesamten Stück war zu erkennen, dass sich die Streicher während des Musizierens untereinander hervorragend verstanden. Die Kommunikation untereinander war unübersehbar, was sich positiv auf die Spielweise auswirkt.

In der goldenen Mitte an diesem Abend wurde das Streichquartett Nr. 3 op. 94 von Benjamin Britten vorgetragen. Hier fühlte sich der Zuhörer an den Titel des vorangegangenen Quartetts von Mozart erinnert. Der erste Satz ist von einer Atonalität geprägt, die kein Thema erkennen ließ. Trotz der schwierigen Intervalle und Akkorde präsentierte sich das Kuss Quartett mit einer absoluten Sicherheit. Der Höhepunkt des Stücks von Britten zeichnete sich im dritten Satz durch ein lupenreines Violinsolo ab. Kuss spielte in ihrem Solo freie Kadenzen, die zum Teil von schwebenden Flageoletttönen ihrer Mitspieler begleitet wurden. In höchsten Lagen überzeugte sie mit einer sicheren Intonation, die von dem sichtlich beeindruckten Publikum konzentriert aufgenommen wurden. Einziger Wermutstropfen in dem ersten Teil des Konzerts war  Coleman an der Bratsche. Er hielt sich, im Gegensatz zu Oliver Wille und Mikayel Hakhnazaryan, im Hintergrund des Geschehens. Erst nach der Pause im zweiten Teil des Konzerts konnte er mit einem wunderschönen Bratschenklang in einigen Soloparts überzeugen.

Die zweite Hälfte des Kammermusikkonzerts bildete das Klavierquintett in a-Moll op. 84 von Edward Elgar. Markus Becker, Direktor des Instituts für Kammermusik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover ergänzte das Kuss Quartett am Flügel. Das Besondere hier war der Stellenwert der Klavierstimme. Becker nahm mit seinem Instrument keine besondern Soloparts ein, sondern fügte sich in das Musikensemble ein und fungierte als fünfte Stimme. Er spiele mit viel Wärme und wusste sich und das Instrument an den passenden Stellen hervorzuheben. In dem ersten Satz wurde von den Musikern ein Spannungsbogen erzeugt, der seinen Höhepunkt in einem äußerst dynamisch gespielten Allegro wiederfand. Im zweiten Satz setzte eine langsame, anmutige Melodie die Eckpunkte des Satzes, welche die dramatischen Akzente des Mittelteils einrahmten. Der finale Satz griff nun die Themen des ersten und zweiten Satzes in Form von musikalischen Zitaten auf. Nach einer kurzen Andante-Einleitung endete das Quintett in einem kraftvollem Allegro.

Jeder Musiker zeigte sein Können auf eine persönliche Art und Weise, die sich im Zusammenspiel mit allen Musikern zu einem perfekten Zusammenklang summierte. Das Publikum lauschte zwei Stunden gespannt der wunderbaren Musik und wollte die Künstler ohne eine Zugabe nicht gehen lassen. So gab es noch ein kurzes, kraftvolles aber auch zugleich ruhiges Stück von Elgar zum Abendausklang.

Nach solch einem gelungenen Abend darf man sich schon auf das kommende Aulakonzert am 27. April mit dem Philharmonie Ensemble Wien mit Mitgliedern der Wiener Philharmoniker freuen.

Dienstag, 25 Februar 2014 13:52

Schluss, Schluss, Schluss...

Das Belcea Quartet begeistert im 4. Aulakonzert der Saison mit Purcell, Britten und Beethoven

In der Aula am Wilhelmsplatz bekamen die Zuhörer des voll besetzten Saales am vergangenen Sonntagabend das preisgekrönte Belcea Quartet, gegründet in London, zu hören. Die aus Rumänien, Polen und Frankreich stammenden Streicher boten in ihren Stücken eine beeindruckende Klangvielfalt und wurden für ihren leidenschaftlichen Vortrag mit großem Applaus bedacht.

Den Auftakt des Abends bilden vier kleine Fantasien von Henry Purcell, ausgewählt aus den Fantasien für vier Viole da gamba von 1680. Dem näselnden Klang der Gamben nähern sich die Musiker mit, wo immer durch die Komposition möglich, effektvoll eingesetzten leeren Saiten an; Verzicht auf Vibrato und getragene, nach deutlichem Einsatz in der Intensität zurückgehende Striche vervollkommnen das Bild eines barocken Streichensembles. In der Fantasie Nr. 8 dann noch ein winziger, überraschender Gruß an Thomas Morley: Aus dessen bekanntem Madrigal „April is in my mistress´ face“ erklingen die Anfangstöne der vierten Textzeile („But in her heart...“) – bei Purcells Komposition noch keine hundert Jahre alt.

Keine fünf Minuten später überspringen die Virtuosen des Belcea Quartets dann jedoch die nächsten 265 Jahre und beginnen Benjamin Brittens 2. Streichquartett mit sanft vorgebrachten Liegetönen in zweiter Violine und Violoncello – einer täuschende Ruhe vor dem Sturm. Leidenschaftlich folgen die für Brittens Quartettkompositionen typischen abrupten „Einwürfe“, immer sind die Musiker perfekt aufeinander abgestimmt, ja verschmelzen scheinbar zu einem Instrument, wenn sie sich das Spiccato in die Hand geben, so flüssig geht alles ineinander über.

Dann der Schluss – ein langer Schluss! Eine Coda über 23 Takte, Liegetöne, nur unterbrochen von Pizzicatoakkorden im Cello. Schlussakkorde? Denkt man. Einmal. Zweimal. Dreimal. Es scheint nicht aufhören zu wollen. Statt Akkord bildet den endgültigen Abschluss dieser Passage ein wehend leise gespielter, hübscher kleiner Dur-Einwurf. So kurz, spontan und unfassbar – wie ein glücklicher Gedanke im Traum.
Der zweite Satz sorgt in der Kombination von Dämpfern mit häufigem fortefortissimo für ungewohnte Klänge. Sein Schluss kommt unspektakulär und unerwartet – ebenso wie das folgende Aufstehen und aus dem Saal gehen des Bratschisten: Saite kaputt. Eine kurze, ungeplante Pause vor dem dritten Satz, der Chacony.

Dieser startet nun wieder einträchtig im Unisono und führt mit stetig schwellendem decrescendo-crescenso das Thema ein, das Britten nach Purcells Vorlage einbaut (er komponierte das 2. Streichquartett als Hommage an Henry Purcell zu dessen 250. Todestag). Solokadenzen gliedern die Variationen. Das Ende ist eigentlich zum Schießen komisch und erinnert entfernt an einen gewissen Haydnschen Scherz: Nach einem Solo der ersten Violine, untermalt vom crescendierenden Tremolo der drei anderen Instrumentalisten, verlängert sich die letzte Variation um eine viertaktige Coda mit 23 Wiederholungen der Tonika C-Dur! Der harmonisch passende Schlussakkord wird also hier zum Stilmittel einer ganzen Schlusspassage. Am Ende war man sich so oft sicher, dass das jetzt aber wirklich der Schlussakkord war, dass man sich kaum traut zu klatschen.

Nach der Pause darf sich das Publikum am Streichquartett F-Dur op.59 Nr. 1 von Ludwig van Beethoven das Herz erwärmen. Selbst wem Beethovens Streichquartette ein wenig zu sperrig sind, kann sich am vom Cello rollend vorgebrachten Eingangsthema erfreuen und sich im zweiten Satz von den vorwärtsdrängenden, wirklich leicht wieder zu erkennenden Themenköpfen mitreißen lassen. Wo der Cellist in den allerersten Takten des Streichquartetts jedoch noch zügig, schlank und mit einem gewissen lässigen „Understatement“ beginnt, schwelgen die Instrumentalisten schließlich doch überwiegend in einer romantischen Klangart. Welche Variante einem besser gefällt, ist wohl Ansichtssache.

Montag, 13 Januar 2014 16:26

Hören und Staunen

Solokonzert des Pianisten Alexander Schimpf in der Aula der Universität

Gehören Sie zu den Menschen, die bei Regen einfach nur am Fenster sitzen und den Tropfen, die an der Scheibe herab rinnen, zusehen können – ohne dabei Musik zu hören, zu stricken, Tee zu trinken, daran zu denken, dass die Wäsche gleich noch in den Trockner muss – einfach nur sitzen und sehen und sein, wer man ist?

Zugegeben, mir gelingt es nur selten. Meistens ist man eben nicht in der Stimmung darauf zu warten, dass nichts (und gleichzeitig alles) passiert. Ist man aber in der Stimmung, oder schafft es eine Begebenheit, ein Naturschauspiel oder ein Künstler, einen in eine solche Stimmung zu versetzen, so erinnert man sich meist besonders eindrücklich daran.

So ging es mir gestern Abend in der Aula der Universität, als Alexander Schimpf den dritten Satz der „Großen Sonate für das Hammerklavier“ von Beethoven spielte. Das Adagio sostenuto, so warnte mich ein Bekannter, könne einem in einem ganzen Konzert durchaus mal lang werden. Es ist auch lang. Lang, melancholisch, ruhig, meditativ. Wenn man das Stück nicht kennt, hat man (auch wenn man im Besitz einer musikalischen Vorbildung ist) eigentlich die ganze Zeit über keine Ahnung was als nächstes passiert – aber es ist auch völlig egal. Den andauernden überraschenden Wechseln in Themenköpfen, Tempi, Rhythmen, Harmonien und Lautstärke muss man sich hingeben wie den Schicksalen des Lebens selbst.

Großes Kompliment an den Solisten – bei mir ist der Funke übergesprungen. Vor dem Konzert mit dem vielfältigen Programm hatte ich mich gefragt, ob ich überhaupt etwas zur Hammerklaviersonate schreiben solle – das Stück aus Beethovens Spätwerk gilt als sein schwierigstes für Klavier, für Virtuosen und Kenner steht es da wie ein Denkmal, in Stein gemeißelt. Dazu noch etwas sagen zu wollen, erscheint leicht anmaßend. Erfreulicherweise ist es letztlich auch Musik, und die erreicht einen oder sie tut es nicht. Das Publikum in der ausverkauften Aula zollt Alexander Schimpf nach den 45 Minuten „Hochleistungssport“ am Flügel wogenden Applaus und weiß seine Leistung offensichtlich zu würdigen. Sieht man ihn Doppeloktaven aufs Klavier hämmern, entgeht man als Zuschauer kaum selbst dem Drehwurm, und wenn dann in der Reprise des ersten Satzes „Allegro“ das Eingangsmotiv mit Nebenstimmen auftaucht, was an einigen Stellen dazu führt, dass obere und untere Hand sich im Thema verausgaben – gleichzeitig aber in der Mitte ein stetiger, untermalender Triller spielt – dann fragt man sich wirklich, wie er das mit nur zwei Händen eigentlich macht. Kein Wunder, dass die Sonate lange Zeit als unspielbar galt.

Davor hat der international gefragte Preisträger bedeutender Wettbewerbe übrigens noch dem Publikum und sich mit einer extrem kurzweiligen, spritzigen ersten Konzerthälfte die Zeit vertrieben, darunter „mal eben“ Brahms´ „Vier Klavierstücke op.119“ sowie Debussys beliebte fröhliche Insel – „L´isle joyeuse“. Schimpf spielt deren Staccati in „kurzmöglichster Kürze“, als würden sie nur angetippt. Dann folgt die Brandung in sich allmählich steigernden Arpeggienwellen, von denen Schimpf am Ende selber mitgerissen wird, als seine Hände nach dem Abschlusston fast links vom Klavier fallen. Echt cool.

Die vier Klavierstücke lässt er sehr emotional, aber eher zügig beginnen. Aus einem Brief an Clara Schumann geht hervor, dass Brahms sich das erste Intermezzo extrem langsam vorgestellt hat: Jeder Takt und jede Note müsse wie ein Ritardando klingen, als ob man aus jedem einzelnen Ton die Melancholie heraussaugen wolle. So ausgiebig spannt Schimpf seine Zuhörer nicht auf die Folter. Das dritte Intermezzo, grazioso e giocoso, folgt dann so leicht und fröhlich – soviel Spritzigkeit hätte man Brahms, dessen Kompositionen ja nicht gerade für ihre unbeschwerte Lebensfreude bekannt sind, gar nicht zugetraut. Vielleicht zeitigte hier aber auch sein Urlaub Wirkung, den Brahms 1893 in Österreich verbrachte, und in dem er die Stücke komponierte.

Letztlich scheint ihm soviel Lustigkeit dann auch nicht ganz geheuer zu sein, zumindest besinnt er sich im Mittelteil der Rhapsodie wieder auf seine Schwermut, als er aus vollem Galopp in einen melancholischen Teil gleitet, der das Eingangsthema in moll wiederholt. Es wird zum Schluss nochmal laut (und Dur), endet aber brahmsgewohnt in moll.

Alexander Schimpf entlässt sein Publikum an diesem Abend mit einer bezaubernden kleinen Zugabe, Egon Petris Klavierbearbeitung der Sopranarie „Schafe können sicher weiden“ von Johann Sebastian Bach – ein liebevoll vorgebrachtes „Gute-Nacht-Lied“ für seine dankbaren Zuhörer.

Mittwoch, 20 November 2013 00:26

Neues vom „vierten B“

Hyperion Trio & Gäste bei den Aulakonzerten der Kammermusikgesellschaft

Das „vierte B“ – nach Bach, Beethoven, Brahms- sollte der junge Benjamin Britten dem Wunsche seiner Mutter nach werden; er selber sah das später kritisch- seine frühe Bewunderung für diese Drei hätte seine Entwicklung als Komponist behindert.

Als Namensgeber der aktuellen Saison der Göttinger Kammermusikgesellschaft hat Britten an diesem Abend Gelegenheit, sich in der gut besuchten Aula am Wilhelmsplatz mit dem dritten „B“ zu messen.
(zur Reihe: "Ein Quantum Trost", "Englisch bitte nicht well done")

Dienstag, 22 Oktober 2013 00:55

„Englisch bitte, nicht well done“

Aulakonzert des Maggini-Quartetts mit Britten, Bridge et al.

Die zwei Hauptwerke des Abends jedenfalls erfüllen die Anforderung an diese Form der Steakzubereitung; ein innerer roher Kern, voller Saft.

Susanne Stanzeleit (Violine I), David Angel (Violine II), Martin Outram (Viola), Michal Kaznowski (Violoncello), kurz: das Maggini Quartet London, geben an diesem Abend das zweite Aulakonzert der Saison in der, anständig besuchten, Aula am Wilhelmsplatz; Gastgeber: Göttinger Kammermusikgesellschaft.

Zum Schwerpunkt Britten-Projekt darf ich Sie u.a. verweisen auf: Ein Quantum Trost

Erster Hauptgang

Benjamin Brittens erstes Streichquartett in D-Dur (1941) bildet ohne Zweifel den Höhepunkt des Abends; zudem Anknüpfungspunkt für Bezüge zu (fast) allen Stücken. Interpretatorische Qualität, spielerische Energie, kraftvolle Umsetzung, scharfe Rhythmen, Ausschöpfung der Lautstärkemöglichkeiten - bis ins Verlöschen hinein: all’ dies entfaltet sich hier am eindrücklichsten. Es ist wohl auch das Stück, welches dem Quartett am Herzen lag.

Die Hörer spenden danach den kräftigsten Applaus des Abends; dabei ist es „erst“ das zweite Stück von vieren insgesamt; das letzte vor der Pause.
Liegetöne der drei Oberstimmen –ein Cluster wohl noch nicht, nur ein Doppelsekundakkord in enger, sehr, sehr hoher Lage, - lassen manchen Hörer zu Beginn des ersten Satzes „Schlimmes“ befürchten- „neue Musik“ gar? Doch das Cello zupft munter mal ungetrübte, mal getrübte Dreiklänge dazu; dann ein rhythmisch scharfes Allegromotiv - der zweite Teil des ersten Satz beginnt. Einige Leser stellen die Programmlektüre ein, widmen sich dem Zuhören.

Zwei verschiedene Klangwelten bestimmen auch den zweiten Satz: eine tickende, nervöse, sehr leise Bewegung in Vierteln wird unterbrochen von Triolenfiguren. Unterbrochen untertreibt etwas: Touretteartig – pardon bei allen Erkrankten - haut die Triolenfigur in großer Lautstärke dazwischen; je länger der Satz dauert, um so mehr gleichen sie die beiden Welten einander an. Dies ist der beste Konzertteil.
Ein ruhiges Andante im 5/4-Takt sowie das muntere Molto vivace beschließen dieses Werk; weiterhin glänzend, prachtvoll gespielt.

Profis stimmen Einsätze, parallele Stimmverläufe sorgfältig aufeinander ab, achten stets auf Balance & Intonation etc. - das versteht sich von selbst, oder?! Aber es zu hören, zu sehen – wie hier - ist immer wieder eine Freude. (Man mag kaum glauben, daß die erste Geigerin Ende des Monats das Ensemble verläßt.)

Zwischengang

Begonnen hatte das Konzert jedoch mit Mozarts Streichquartett in D-Dur (KV 499). Die Aufnahme dieses Stücks ins Konzertprogramm erschloß sich mir nicht - nun, die Tonart teilt es sich mit Brittens Stück, aber das ist auch alles. Tadellos aufgeführt wurde es freilich - wie herrlich sauber kann man z.B. die Sexten in Viola & Violoncello nebeneinander setzen. (Überhaupt: der Bratscher!) Tadellos doch bedeutet nicht notwendig mitreißend: mit angezogener Handbremse, zu sehr auf Glanz poliert, im Gestus, in der Phrasierung beinahe ein wenig Britten & Bridge angenähert; dies tut Mozarts Musik nicht gut. Sie verliert allen Widerstand, alles Rauhe - ja, das hat sie- : wird zum bloßen „Füll“stück.

Henry Purcells Chacony, g-Moll (1680), geben die Vier in einer – Bezüge, Bezüge - Bearbeitung Brittens. Purcell verdient jedes Lob, jede Aufführung seiner Musik!, aber vielleicht nicht in dieser Bearbeitung. Reichlich versah Britten den Notentext - original für vier Gamben- mit Spielanweisungen für Lautstärke, Phrasierung etc. - Die Magginis halten sich daran - für Purcell bedeutet dies nichts Gutes. Reichliches Vibrato glättet die scharfen Vorhalte, die Dissonanzen der Oberstimmen gegen die sich beständig wiederholende Baßfigur. So wird’s öd.

Zweiter Hauptgang

Brittens Lehrer Frank Bridge, d.h. sein zweites Streichquartett, g-Moll (1914/15), beendet als weiteres Hauptwerk den Abend. Weitausholendes, Lyrisches bestimmt den ersten Satz - mit „Wie-zögert-man-Kadenzen-heraus“-Harmonik. Formal überraschend gelingt dem Komponisten der zweite Satz: Ein Scherzo mit ausführlichem, langsamen Trio - das (beinahe) den „fehlenden“ langsamen Satz ersetzt. Mit Rückgriffen auf die vorherigen Themen, in wirbelnder, zum Schluß gelöster Bewegung endet der dritte & letzte Satz. Die Magginis spendieren diesem Stück, wie dem Britten, ihre ganze Kraft & Energie. Applaus.

Der Bezüge nicht genug, auch in der Zugabe: Das Publikum wird entlassen mit dem zweiten der drei „Idyllen“ Herrn Bridges; Britten verwandte dieses Thema später in seinem Stück „Variationen über ein Thema von Frank Bridge“…

Mehr Britten, bitte.

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