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Sonntag, 15 April 2018 08:36

Literarisches Zentrum

Lesung mit Irene Dische im Alten Rathaus

Nachdenken über die ungeschminkte Wahrheit beim Schreiben NEU

geschrieben von
Irene Dische Irene Dische © Photo: Max Lautenschläger

Die Geschichte von Lily und Duke endet mit der Todesstrafe – und anders, als es sich Irene Dische in ihren neuen Roman „Schwarz und Weiß“ ursprünglich gewünscht har. Aber wie sollte die Beziehung zwischen der Tochter einer New Yorker Intellektuellen-Familie und diesem attraktiven Farbigen aus dem ländlichen Süden auch gut gehen, angesichts der Verlogenheit des amerikanischen Traums und seiner Glücksversprechen, der auch ihr Zusammenleben prägt.

Zunächst lässt die deutsch-amerikanische Schriftstellerin die Zuhörer im Alten Rathaus in die Falle tappen. Drei Szenen hat Irene Dische für das Gespräch über ihren Roman „Schwarz und Weiß“ ausgesucht, die von Sylvester Groth gelesen werden. Im Anfangskapitel trügt der Schein besonders schön, auch wenn die Stimme des Schauspielers die Begegnung von Lily und Duke bereits mit einem Hauch von Lakonie versieht. Lilys Eltern lassen alle Verbindungen spielen, damit dieser scheinbar unbedarfte Freund ihrer verschüchterten Tochter ein bisschen New Yorker Bodenhaftung bekommt. Hier auf der Upper West Side herrscht schließlich Weltoffenheit und Toleranz und der sublime Rassismus wird stilvoll generös ummantelt.

Später wird Lily Duke bei einem Hummeressen scheinbar ein Auge ausstechen und sich von ihrem Liebsten tröstend umarmen lassen, als sei diese Beziehung weiterhin von Zuversicht und Vertrauen geprägt. Lily hat sich inzwischen vom hässlichen Entlein in ein erfolgreiches Model verwandelt. Dukes Karriere als Weinexperte mit wöchentlicher TV-Show passt ja auch perfekt in das viel beschworene Bild des American Dream, das die Autorin so meisterhaft als erfolgs- und kapitalhungrige Hölle seziert, die von eine Gesellschaft von Narzissten dominiert wird.

Im Gespräch mit NDR Moderatorin Claudia Christophersen geht es natürlich auch um ein Gesellschaftsmodell, in dem ein Donald Trump es bis zum Präsidenten bringen konnte und Dische eine Anamnese der Vorgeschichte vornimmt, von der auch ihr Paar infiziert wird. Lily und Duke werden bald nur noch von verschwenderischem Luxus und Eventkultur angetrieben, auch wenn die Autorin anmerkt, dass sie zunächst eine ganz andere Geschichte im Sinn hatte und ergründen wollte, wie eine richtig gute Ehe funktioniert, wo man zusammenbleibt, auch wenn der eine ungemütlich wird. Es wird mehr als nur ungemütlich zwischen Drogenexzessen und Spielsucht, Lilys Anfällen von Bulimie und ihrer Zerstörungswut, mit den wechselseitigen Beschwörungen auf das gemeinsame weiter Leben und sich Lieben. Dische beschreibt die Erfahrung vieler Autoren, dass irgendwann die Figuren das Geschehen übernehmen und sie das nicht mehr beeinflussen könne. Sie erzählt auch, dass die Anfänge ihres Romans bereits 20 Jahre zurück liegen, dass sie immer wieder daran geschrieben habe, um ihn erneut beiseite zu legen, und der Text gewachsen sei. Davon unberührt bleibt das Credo, wie es die Schriftstellerin für sich formuliert, dass sie vor allem an der ungeschminkten Wahrheit interessiert sei und für „Schwarz und Weiß“ dann richtig ausgeholt habe.

Christopherson forscht natürlich nach biografischen Berührungspunkten. Dische beschränkt sich auf einen kurzen Kommentar über das New York der 70erJahre, eine Stadt, die sie nie mochte, und die Erinnerungen an eine feindselige Atmosphäre, die auch nach den Rassenunruhen noch herrschte. Dische gibt auch Auskunft über ihre zahlreichen Romanerfolge, ihr Debüt mit dem Erzählband „Fromme Lügen“, bei dem sie der Autor Hans Magnus Enzensberger auch als Verleger bestärkte. Doch auch das eher knapp, sehr sachlich und auch ein bisschen lakonisch. Richtig ausgeholt hat dagegen die literarische Zeitchronistin, die in „Schwarz und Weiss“ die Zeitstimmungen der Aera vor 9/11 in ihrer ganzen Komplexität belauscht hat, um sie zu einem vielstimmig widersprüchlichen Panorama zu verdichten, in der eben auch ein Donald Trump reüssieren sollte. Sie habe vor den Wahlen immer Tarot Karten gelegt, spottet Dische und spekuliert nun auf die nächsten Wahlen. Auf dass im November zumindest im amerikanischen Repräsentantenhaus wieder demokratische Verhältnisse herrschen.

Letzte Änderung am Dienstag, 17 April 2018 09:21

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