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Samstag, 07 April 2018 22:18

Deutsches Theater

Premiere

Schatten eines Jungen – Deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Theater

Die Umarmung der Theatermacher NEU

geschrieben von
Andrea Strube, Gitte Reppin, Marius Ahrendt, Benjamin Kempf Andrea Strube, Gitte Reppin, Marius Ahrendt, Benjamin Kempf © Photo: Thomas Müller

Das Kind streckte noch die Arme nach Liebe und Zuwendung aus. Dem jugendlichen Tom bleibt dagegen nur noch die diffuse Erinnerung an ein Gefühl, das er schon immer vermisst hat, egal wie sehr ihn seine Pflegemutter Anna nun mit ihrer überschwänglichen Fürsorge bedrängt. Er hat es schon so oft zu hören bekommen, dieses Besitz ergreifende „Mein Junge“, das wie eine verzweifelte Beschwörungsformel anmutet, der er sich einfach nicht entziehen kann.

Woher diese Verzweiflung kommt und wie viele gescheiterte Hoffnungen und Enttäuschungen sich dahinter verbergen, erzählt das Schauspiel des norwegischen Dramatikers Arne Lygre „Schatten eines Jungen“ auf der DT-2 Bühne. Dort inszenierte Ingo Berk das beklemmendes Psychogramm über Beziehungen, Verlustängste und die Erfahrung von Einsamkeit, wenn der vermeintliche Schutzmantel Familie einfach versagt. Es ist zum Fürchten, was dieses Bedürfnis, geliebt zu werden alles an zerstörerischen Kräften und Machtkämpfen freisetzt. Umso mehr kämpft Berk im Bündnis mit seinem leidenschaftlich engagierten Ensemble für das, was die Figuren vermissen, wenn sie sich gegenseitig die Hölle bereiten obwohl sie das oft gar nicht wollen. Sie brauchen jetzt ganz viel Verständnis in diesem scheinbar ausweglosen Leben, das allein noch unerträglicher anmutet und erst recht eine Umarmung.

Es gibt nicht nur eine Vorgeschichte für Tom und Anna und ihr Abhängigkeitsverhältnis, das sich später in einer sexuellen Beziehung zuspitzt, sondern auch die Geschichte zweier Familien. Lygre hat sie in Rückblenden und kontrastiert sie mit den Folgen für Toms Zukunft und seine weitere Entwicklung. Das Stück setzt mit Toms 14jährigem Geburtstag ein, nach dem tödlichen Autounfall seiner Eltern. Mama und Anna waren seit ihrer Kindheit befreundet, und ihre Männer, Papa und der Alte Tom, kannten sich ebenfalls schon lange. Beide Paare pflegten eine intime Nachbarschaft, Tür an Tür in identischen Wohnungen. Auch dass Anna Witwe ist und ihre behinderte Tochter früh gestorben ist, erfahren die Zuschauer erst später. Wenn sich die Abgrenzungs- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Anna und Tom mit den Jahren zuspitzen und eine neue Nachbarin den Part der subtilen Moderatorin bekommen hat, werden sie wie eine mehrdeutige Indizienkette lesbar.

Es gibt für das Drama um den seltsam passiven Jugendlichen und seine ständig angespannte Ersatzmutter und Geliebte so unendlich viele Erklärungsmöglichkeiten, ohne dass sich ein befreiender Ausweg abzeichnet. Spürbar wird dagegen, dass die Falle schon Jahre zuvor zuschnappte. Als eine depressive Mama (Gitte Reppin) mit manischen Aussetzern ihr Kind nicht wirklich zu lieben vermochte und auch das emotionale Vertrauen in die Beziehung zu Papa (Benjamin Kempf) verloren hatte. Freundin Anna war ja schon früh als Ersatzmutter zur Stelle und konnte „ihren Jungen“ liebevoll und einfühlsam und auch ein bisschen berechnend für sich einnehmen. So verschiebt sich allmählich das Bild, das Andrea Strube von einem übergriffigen Muttertier zeichnet, auch wenn sie alle Besitzangstrituale durchexerziert. Das Kontrollbedürfnis, den Eifersuchtsanfall, die laute Klage, als erzieherischer Ersatz versagt zu haben oder dann wieder den Tränenausbruch, mit dem sie Toms Abwehrversuche meist erfolgreich aushebelt. Ihre Anna möchte einfach nur geliebt werden, mit diesem Jugendlichen als letztem Rettungsanker vor der Einsamkeit und dann erst recht noch einmal, als sie von Tom schwanger wird und eine Abtreibung verweigert.

Marius Ahrendt wird die Hülle des jugendlichen Gefangenen erst spät abstreifen, die schon das Kleinkind verunsicherten, das vergeblich die Arme nach seiner Mutter ausstreckte und seinen Papa so gern stolz gemacht hätte, der ihn mit kleinen Mutproben vielleicht sogar ein bisschen stärken wollte. Nur scheinbar verschlossen blickt der Schauspieler nun in eine Geschichte der Zumutungen und die Verletzungen, die Tom zu einem verschüchterten Teenager werden ließen, der sich seine Freunde erfinden muss und allmählich die taktischen Manöver begreift, in die er sich jetzt immer wieder verwickeln lässt. Da sind die vielen Gesichter, in denen es trotz all der Unsicherheit und Irritationen zu kleinen befreienden Momenten kommt. Manchmal genügt schon ein verschwörerischer Blick auf die Nachbarin die jetzt die leer stehende Hälfte des Zwillingsfamilienhauses bewohnt und sogar mit in den Urlaub darf, Sie bestärkt ihn gern in seinen kleinen Boykottversuchen. Auch Angelia Fornell lässt an ihrer Figur die Geschichte einer einsamen Frau mit Altlasten und Enttäuschungen spürbar werden, die sich nach einem geschützten Ort sehnt. Wie sie nun ihre Lebenslust in die Waagschale wirft und ihren Ängsten mit Lakonie begegnet.

Im Bühnenbild von Damian Hiltz wird die Beziehungshölle zu einer futuristischen Enklave mit funktionalem Design, die an eine Raumkapsel denken lässt. Zwischen den Szenen, die in ihren Zeitsprüngen zwischen Vergangenheit und Zukunft immer weiter auseinander driften, verdunkelt sich der Raum, bis das Licht wieder aufflackert, ihn in Schattenrissen abbildet und dann gnadenlos erhellt. In einer der wenigen Begegnungen zwischen Tom und seinem Papa war von einer Reise auf den Mond die Rede, die Anna unbedingt einzulösen gedenkt. Und so hat Regisseur Ingo Berk Lynges Familienalpträume und ihre Verwerfungen in die Zukunft verlegt und Toms Geburt in das Jahre 2018. Er erzählt das Stück als schaurige Vision vom Zusammenleben in einer Gesellschaft von Einzelkämpfern, die in einem Labyrinth von Sehnsüchten und Bedürfnissen nicht nur sich verloren haben sondern auch das Vertrauen in ein Miteinander der bereichernden Freiräume. Was seine Inszenierung so berührend und beklemmend macht sind die vielen vertrauten Reaktionsmuster, die sich bis zu Toms Flucht auf den Mond so unerbittlich zuspitzen. Da ist so viel Eifersucht im Spiel und so viel hilflose Wut, wenn die Fähigkeit verloren geht, den anderen auch in seinen Schwächen anzunehmen und die Liebe nicht gleich als Verlustgeschäft abzurechnen. So wie Mama und Papa und Anna an den Enttäuschungen und den drohenden Verlustängsten laborieren und sich voreinander verschanzen, verschwören sie sich nun gegen diesen Schatten eines Jungen, der sich selber anders finden will und nicht nur als „mein Junge“.

Am Ende hat sich Tom auf den Mond geflüchtet und blickt auf die irdischen Verhältnisse, wo sich nach dem Tod von Anna die Nachbarin um seinen Sohn kümmern wird. Es ist kein subtiles „Meins“ was sie dem Bündel zuflüstert sondern ein selbstbewusstes „Wir Zwei, wir schaffen das.“ Sie blendet die Vergangenheit einfach weg, die sich in Gestalt von Anna und Mama erneut hinzu gesellt, während eine Gestalt im Raumanzug den Schauplatz endgültig verlässt. Vermutlich beginnt jetzt ein weiteres Machtspiel, in dem ein Kind in der Überfürsorge verloren geht aber vielleicht auch nicht.

Die Visionen, die dieser Theaterabend klarsichtig und einfühlsam herauf beschwört, geben keinen Anlass zu optimistischen Spekulationen. Doch sie verstehen sich auch als Aufforderung über den Verlust an Empathie nachzudenken, der Lygnes Figuren erst in die Einsamkeit getrieben hat. Die Umarmung die das Kind nicht bekommen hat, fehlt auch allen anderen. Und das schon sehr lange. Ihnen bleibt nur die Umarmung der Theatermacher, die ihr Publikum dabei an die Hand nehmen. 

Die Premiere fand am 6. April 2018 statt. Die nächsten Aufführungen sind am 20. April, 28. April, 4. Mai und 18. Mai, jeweils um 20 Uhr im DT-2

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Letzte Änderung am Sonntag, 15 April 2018 08:42

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