Willkommen im Kulturbüro Göttingen

Module Version <> CBSubs version.
Lieber Gast,
herzlich willkommen auf den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Sie finden hier ein großes Angebot an Terminen, Spielplänen, Tipps und Rezensionen.
Um dieses Angebot frei verfügbar anbieten zu können, sind wir auf Unterstützung angewiesen. Wir freuen uns, wenn Sie sich an der Finanzierung dieses Angebotes beteiligen würden. Lesen Sie mehr über die Möglichkeiten – von der Einmalzahlung bis zur Jahresmitgliedschaft.

Montag, 12 März 2018 15:08

Deutsches Theater

Premierenkritik zu „Willkommen“

Die Fetzen fliegen bis zum Schluss

geschrieben von
Marco Matthes, Judith Strößenreuter, Christina Jung, Gaby Dey, Roman Majewski Marco Matthes, Judith Strößenreuter, Christina Jung, Gaby Dey, Roman Majewski © Photo: Isabel Winarsch

Die Komödie „Willkommen“ hatte Premiere im Deutschen Theater

Ein bisschen Rassismus und ansonsten immer schön moderat argumentieren. Diese Rechnung geht leider nicht auf. Wo politische Goodwill-Bedürfnisse und private Befindlichkeiten aufeinandertreffen, klappt es auch auf der Bühne des Deutschen Theaters mit der viel beschworenen Meinungsvielfalt beim Zusammenleben nicht mehr so recht. Kleine Kränkungen und ironische Zeitenhiebe sind nur der Anfang beim monatlichen Jour fixe, wo beim Abendessen eigentlich die gerade aktuelle To-do- oder Not-to-do Liste abgehakt werden soll. Es kommt zu unliebsamen und auch unangenehmen Überraschungen in der Komödie „Willkommen“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, die in der Inszenierung von Antje Thoms Premiere hatte. Und das alles, weil vorübergehend ein Zimmer frei wird.

Passend zum Tiramisu, das Sophie (Judith Strößenreuter) zum Nachtisch serviert, möchte Benny (Roman Majewski) auch seine Mitbewohner Anna (Christina Jung), Jonas (Marco Matthes) und Doro (Gaby Dey) mit einem echten Sahnehäubchen überraschen. Der Anglistikdozent hat das ersehnte Stipendium für ein Jahr in New York bekommen. In diese Zeit würde er sein Zimmer am liebsten einer dieser Flüchtlingsfamilien überlassen, die in Heimen kaserniert werden und dringend auf Kontakte, Zuwendung und Hilfe angewiesen sind. Endlich ein Zeichen setzen für gesellschaftliches Engagement, und nicht nur Spendenboxen füttern und Altkleidersammlungen bedienen!

Die Begeisterung der Tischrunde hält sich trotz Nachschub an Bier und Wein eher in Grenzen, auch wenn Hauptmieterin Sophie Feuer und Flamme ist und als freiberufliche Fotografin gleich vom einem echt kommunikativen Flüchtlingsprojekt schwärmt. Frühaufsteher Jonas befürchtet störenden Kinderlärm und sieht seine Karrierepläne als Banker gefährdet: „Wie wäre es denn mit einem älteren Ehepaar?“ Damit punktet er natürlich beim Publikum, das sich zunächst auch noch über Annas merkwürdiges Schweigen und über die ziemlich strenge Mimik von Doro und ihr kategorisches „Nein“ amüsiert. Nichtahnend, dass Gaby Dey gleich zu einem wütenden Rundumschlag auf die arabische Männerwelt ansetzen wird und sich mit allem was an Vorurteilen, Klischees und Kritikpunkten dazu gehört, mächtig in Rage redet.

Doch bevor der Sturm der Entrüstung über diese rassistische WG-Genossin die Tischrunde endgültig sprengt, kontert Anna mit der Nachricht, dass sie schwanger sei, einen türkischen Freund habe und eigentlich zum Thema Familienplanung noch gar keinen Plan habe. Mit Achmed (Feridun Öztoprak) als künftigem Mitbewohner – und sei es für ein Beziehungstestjahr – wäre doch eine prima Lösung gefunden, auf die sich alle einigen können. Willkommenskultur, nur halt in einer deutsch-türkischen Version und nicht mit einer syrischen Großfamilie oder einem älteren Ehepaar. Von wegen…

Erneut verhärten sich die Fronten, auch weil der potentielle WG- und Kindsvater Kandidat so gar nicht in das integrationsbedürftige Klischee passt. Smart und selbstbewusst wirkt es, wie er das spontane Bewerbungsritual und auch seine Rolle als Betreuer jugendlicher Aussteiger in einer Fahrradwerkstatt von der komischen Seite betrachtet. Jemand, der seine abgerockten Zöglinge auch gerne mal Kanaken nennt, hat besonders bei Sophie ganz schlechte Karten, erst recht, wenn er seinen Alltag mit ein paar Law and Order-Ansichten auch noch ironisch würzt.

Nun zeigt sich, dass hinter der Frage der Willkommenskultur und ob die überhaupt WG-kompatibel ist, auch noch ein paar Altlasten lauern, die natürlich nie beim Jour Fixe zur Sprache kamen, sondern heimlich abgelästert wurden. Jetzt bekommen sie noch mal richtig Drive in Kombination mit rassistischen Aussetzern, Kränkungen und kleinen persönlichen Bösartigkeiten. So tolerant und gelassen ist diese Wohngemeinschaft keineswegs, wenn es um frühere Beziehungen, spontane Affären und individuelle Eigenarten geht, die da unter einem gemeinsamen Dach gelebt wurden und werden. Auch diesen Fundus an Eifersüchteleien und Konkurrenzen, gemixt mit individuellen Vorurteilen, Chauvi-Sprüchen und schwelenden Animositäten enttarnen Regisseurin Antje und ihr Schauspielteam sehr fein dosiert und wunderbar subtil. Wer sich immer zu kurz gekommen fühlt, mit seiner großen Klappe oder seinem kleinkarierten Ex-Lover nervt oder seine Freizeit ständig an der Tischtennisplatte verbringt, outet sich im Verlauf der turbulenten Wortduelle mehr und mehr. Und natürlich dreht das Autorenduo Lutz Hübner/Sarah Nemitz mit seinen pointierten Dialogen auch sehr geschickt an der komödiantischen Stellschraube, die wie ein durchlöcherter Tarnmantel funktioniert.

Es kommt halt doch alles raus, vor allem das kleine, fiese Ego, das in jedem WG-Mitglied lauert und am liebsten die eigenen Bedürfnisse und Ansprüche gesichert wissen möchte und dafür auch gern zu Vorurteilen und platten Sprüchen tendiert. Sei es im sozialpädagogischen Betroffenheitston, einfach nur sauer auch ganz zaghaft, um möglichst keinen Konflikt zu riskieren. Da fließen bald jede Menge sentimentale, wütende, hysterische und traurige Tränen, für die mit einer Küchenrolle auch stets das passende Requisit zur Hand ist. Die Rolle kommt natürlich immer häufiger zum Einsatz, wenn sich der große Tisch, der das Bühnenbild von Jeremias Böttcher dominiert, allmählich in ein kulinarisches Schlachtfeld verwandelt.

Da es sich weiterhin um einen Jour fixe handelt, der unter Einsatz sämtlicher Alkoholvorräte um so mehr aus dem Ruder läuft, kommt ein weiteres entscheidendes Requisit zum Einsatz. Die lange Stange, die mit einer Zange veredelt wurde, vergnügt die Zuschauer auch dann, wenn auf der Bühne mal wieder eine Verschnaufpause fällig ist, bevor die nächste Lästerrunde eingeläutet wird. Die Versorgungslage hat Jonas im Griff. Marco Matthes angelt souverän nach weiteren Flaschen aus den Sechserträgervorräten, die an der gegenüberliegenden Seite des Tischgelages lagern.

Die Fetzen fliegen bis zum Schluss, und ein erheiterndes komödiantisches Finale will sich an diesem Theaterabend auch nicht einstellen, eher eines, das die Verhältnisse markiert wie sie sind. Nur nicht zu viel riskieren in Sachen „Willkommen“ von wegen Gesprächskultur und Offenheit und Toleranz, besonders wenn sie die vielen bequemen Pfründe bedrohen. Ein Gästezimmer ist ja auch ganz schick, wenn der türkische Hausfreund gelegentlich mal übernachten darf. Ansonsten wäre da ja noch der Jour fixe eine wunderbare Gelegenheit, einmal monatlich Flüchtlinge gegen Honorar kochen zu lassen und dabei ein bisschen Solidarkultur zu feiern.
Das klingt trotz Katerstimmung so schön praktisch und auch praktikabel, was die weiten WG-Aussichten und die rassistischen Restbestände betrifft. Nur dass hinter dieser Komödie eine böse Falle lauert. Sie entwickelt sich unterhaltsam, turbulent und frech. Sie überzeichnet, parodiert und eckt an. Doch dabei stimmt sie in vielen Momenten vor allem eher nachdenklich, was das akute gesellschaftliche Klima betrifft, das ja auch wenig Anlass zu Optimismus gibt.

Letzte Änderung am Dienstag, 20 März 2018 17:37

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Jetzt schon Tickets sichern

Kultursommer 2018

Kulturticket

Gandersheimer Domfestspiele

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok